Zwei- und Dreirädriges     

Die wachsende Motorisierung macht sich erwartungsgemäß auch auf den Philippinen bemerkbar. Dort ist die Zahl der privat angemeldeten Kraftfahrzeuge im Zeitraum 2000 – 2008 um etwa 60 Prozent auf 5,9 Millionen angewachsen. Mithin verfügt etwa jeder siebte Pinoy über ein Kraftfahrzeug.

Nun könnte man – aus westlicher Perspektive – annehmen, dass sich die Zahl der Pkws wesentlich erhöht hätte. Dem ist aber nicht so. Die Zahl der Pkws hat lediglich um magere vier Prozent zugenommen. Spitzenreiter bei den Zuwachsraten sind die motorisierten Zwei- und Dreiräder. Im Jahre 2000 waren von ihnen nur rund 0,7 Millionen registriert. 2008 hat sich ihre Zahl um mehr als das Dreifache um 2,4 Millionen erhöht (1). Sie sind es, die rein zahlenmäßig das Verkehrsbild der Philippinen bestimmen. Jeder Besucher der Philippinen, der in der Provinz reist oder sich in den Vororten größerer Städte bewegt, sieht sie zumindest. Ob er auch mit ihnen fährt, ist eine Frage des Angewiesenseins und teilweise auch der Courage.  Im Nachfolgenden sollen uns zunächst modifizierte Vertreter der motorisierten Zweiräder, die der Personenbeförderung dienen, interessieren.    

Zweiräder 

Unser erster Kandidat ist das „Habal-Habal“. Bestimmendes Kennzeichen ist die zusätzliche Sitzverlängerung. Die Sitzverlängerung kann eine einfache, am Motorradrahmen befestigte Holzplanke sein. Im Regelfall hat der verlängerte Sitz keine Haltegriffe für die Mitfahrenden. „It´s only a question of balancing“. Eine Polsterung, die westlichem Komfort entspricht, wird man indessen oft vergeblich suchen. Man hat schon „Habal-Habals“ gesehen, die sieben Personen transportierten. Spätestens in diesem Fall empfehlen sich aber verstärkte Stoßdämpfer am Hinterrad. Auch der Tank dient mitunter als Sitzgelegenheit. Ein Problem kann auftreten, wenn der auf dem Tank Sitzende während einer holprigen Fahrt zum Fahrersitz hinunterrutscht und der das Motorrad mit beiden Händen steuernde Fahrer ihn mit seinem Körper wieder heraufdrücken muss. Die auf dem Tank Sitzenden nehmen oft eine seitliche Sitzposition ein, um dem Fahrer eine bessere Sicht zu ermöglichen. Dies gilt insbesondere für die Vertreter des weiblichen Geschlechts. Vielleicht wählen Frauen auch die seitliche Sitzposition, um schlimmeren, zotigen Eindrücken und Vergleichen vorzubeugen. Auf dem „Habal-Habal“ sitzen Fahrer und Mitfahrer eng zusammengedrückt und diese Situation hat dem Gefährt dann auch seinen Namen gegeben. Das Wort „Habal-Habal“ steht im Visaya für Sex bei Tieren, bei dem das männliche Tier á tergo in das weibliche Tier eindringt. Häufig wartet eine ganze Kavallerie von stolzen Haba-Habal-Fahrern unter dem Schatten eines Baumes auf Kundschaft.  

Das Fahren auf dem „Habal-Habal“ mag bei geringerer Geschwindigkeit und guten Straßenverhältnissen angenehm sein. Und in der Tat sieht man bei den Mitfahrenden oft fröhliche, ausgelassene Gesichter. „Let´s have a funny ride“.  Heikler wird die Situation bei kurviger, holpriger oder schlammiger Strecke, wenn das Gleichgewicht gefährdet ist und man zusätzlich noch einen Sack Reis oder Tierfutter in beiden Händen halten muss. Wie gut, dass sich vor Fahrtantritt einige Mitfahrende bekreuzigt haben und sich versichert haben, dass der Fahrer sich nicht als Nachfahr von Renn-Ass Michael Schumacher betrachtet und man bei Nacht nicht ohne Licht fährt. Manche Westler brauchen - wenn überhaupt – oft geraume Zeit, ehe sie sich mit viel Gottvertrauen einem solchen Gefährt anvertrauen.   

Der zweite Typ von motorisiertem Zweirad heißt „Skylab“, wohl in Analogie zu den Solarpanelen der amerikanischen Raumfahrtstation. Hier ist das Sitzbrett quer zum Fahrersitz angebracht. Arten dieses Gefährts soll man insbesondere in bergigen Regionen antreffen, wo sie auch zum Holztransport eingesetzt werden. Sie erfordern ein besonderes Balanciergeschick vom Fahrer. Ausweichprobleme können bei entgegenkommendem Verkehr auftreten, wenn der Bergweg schmal ist und nur Platz für ein Gefährt lässt.  

Die beiden vorgestellten in der Regel schwach motorisierten Gefährte sind zweifelsohne unfallgefährdet und der Republic Act 4136 verbietet grundsätzlich auch den (kommerziellen) Gebrauch dieser Fahrzeuge. In Großstädten und Highways sind sie oft explizit verboten. Im Jahre 2009 wurden in Makati mehr als 300 „Gesetzesbrecher“ verhaftet und zu empfindlichen Geldstrafen neben Beschlagnahmen verurteilt. Gleichzeitig forderte man die Bevölkerung auf, solche Transportfahrzeuge nicht zu benutzen, auch wenn sie in Stausituationen oft ein schnelleres Vorwärtskommen ermöglichen (2)

Nun stehen Verordnungen auf den Philippinen oft nur auf dem Papier. Auch die Verantwortlichen des Land Transportation Office (LTO) wissen, dass die Verbotsregelung bei fehlender Straßeninfrastruktur und wenigen öffentlichen Verkehrsmitteln insbesondere in ländlichen Regionen weitgehend an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigeht und die LTO reagiert häufig auch tolerant, weil „Habal-Habals“ und „Skylabs“ auf kürzeren, weniger erschlossenen Strecken oft unverzichtbar sind. Sie sind relativ schnell verfügbar, situationsgerecht, erschwinglich und können den Lebensunterhalt einer Familie absichern. Deshalb werden zurzeit gesetzgeberische Überlegungen angestellt, den Republic Act 4136 zu ändern und den „Habal-Habal“-Personentransport unter Einschränkungen zuzulassen. Im Gespräch sind neben regionalen Begrenzungen unter anderem eine Brillenpflicht für den Fahrer, die Beschränkung der Zahl der beförderten Personen, Helmpflicht für Fahrer und Mitfahrer, Sicherungsgriffe und ein Transportverbot für Kinder unter sieben Jahren. Weiterhin sollen kommerzielle Betreiber verstärkt auf Betriebsgenehmigungen und Versicherungsnachweise kontrolliert werden.   

Dreiräder 

Erwähnen wir zunächst die „Pedicaps“ - auch „Trisikads“ genannt -, die nicht motorisiert sind. Sie werden mit Muskelkraft (per pedes) betrieben und stellen im Prinzip nur ein Fahrrad mit anmontierten Seitenwagen dar. Die Ausstattung des Beiwagens kann stärker variieren und richtet sich auch etwas nach dem Schmuckbedürfnis und den Finanzen des Besitzers. Meistens verfügen sie über zwei nicht unbedingt komfortable Passagiersitze. Ein Dach kann vor Regen und Sonneneinwirkung schützen. Pedicaps werden häufig auf kurzen Strecken von 1-2 Kilometern eingesetzt, zum Beispiel auf dem Weg von der Hauptstraße zum Haus. Bei dieser Art von Personentransport ist der Preis in der Regel Verhandlungssache. Etwa peinlich kann die Situation werden, wenn ein vielleicht noch minderjähriger, schmaler Fahrer in der mittäglichen Hitze einen oder zwei wohlbeleibte Touristen in Kolonialistenmanier auf steilerer schweißtreibender Strecke zu bewegen hat. 

Die Zahl der Tricycles auf den Philippinen geht wohl in die Hunderttausende und jeder Philippinenbesucher wird sie im Verkehr mehr oder weniger zwangsläufig wahrnehmen. Es handelt sich um Motorräder, an die eine Passagierkabine mit einem dritten Rad befestigt wurde. Meist handelt es sich um Motorräder japanischer Provenienz (Kawasaki, Honda, Suzuki), die mit oft 100-150 Kubikzentimetern Hubraum schwächer motorisiert sind. Es sollen aber auch Universalmotoren, die ursprünglich für Pumpen und Generatoren gedacht waren, zum Einsatz gelangen. Die Gestaltung der Kabine ist außerordentlich variantenreich. Es kann ein Dach, das zur Not auch Sitzplätze bietet, vorhanden sein oder auch nicht. Ist ein Dach vorhanden, sollten hochgewachsene Personen darauf achten, dass sie bei Schlaglöchern nicht mit dem Kopf ans Dach schlagen.  

In der mehr oder weniger gepolsterten Kabine finden in der Regel zwei bis sechs Personen Platz. Oft findet man folgende Konfiguration, zwei gegenüberliegende Sitze mit einem Stauraum für das Gepäck in der Mitte. Der schon klassische Jeepney dient oft als Beispiel für weitere Schmuckelemente und Glücksbringer. In Betracht kommen unter anderem Sampaguita-Sträußchen, Rosenkränze, Heiligen- oder Madonnenbilder, fromme Sprüche oder ein Mercedes-Stern an der Vorderseite der Kabine. Für Anfänger soll die Steuerung des zur Eigenwilligkeit neigenden Tricycles  nicht ganz leicht sein. 

Es geht das Gerücht, dass Tricycle-Fahrer keine Straßenregel kennen. Abgesicherter ist wohl die Behauptung, dass die Fahrer den Straßenverkehr durch ihre langsame Fahrtweise aufhalten und blockieren und zudem oft die Umwelt durch ihre Abgase verpesten.  

Motorelas sind auf den Philippinen weniger häufig anzutreffen. Über das in der Regel auch schwach motorisierte Motorrad als Antriebsgerät ist im hinteren Teil ein Metallrahmen mit übergroßer Kabine montiert. Die häufiger in Thailand anzutreffenden kleineren „Tuc-Tucs“ verfügen nur über drei Räder. Bei Motorelas, die eine Sitzkapazität von bis zu sechs Personen haben, finden sich neben den beiden Rädern des Motorrades an beiden Seiten noch zwei Räder des Kabinenaufbaus (3). Der hier ab und an anzutreffende Lautsprecher soll mit seiner oft dröhnenden Musik Fahrer und Passagiere wohl bei guter Laune halten. 

-------------------------------------

Die bislang vorgestellten Fahrzeuge zu unterklassig, zu schäbig? Sie wollen sich nicht wie eine Ölsardine in der Dose transportiert werden und suchen nach einem gepolsterten Gefährt, das die Bedeutung Ihrer Person gebührend herausstellt und Ihnen die Möglichkeit gibt, die Leute am Straßenrand huldvoll zu grüßen? Ein anderes Zweirad ist dann vielleicht die optimale Lösung. Es ist die Pferdekutsche oder Calesa. Sofern Sie Zeit und ausreichend Zaster haben, empfehlen wir Ihnen die Route Intramuros - Vigan und zurück. Die Entfernung beträgt lediglich etwa 410 Kilometer. Geben Sie dem Gaul aber unterwegs etwas zu saufen. In Vigan können Sie einen Pferde- und Kutschenwechsel vornehmen lassen. Gute Fahrt. 

© Wolfgang Bethge, in 2010


(1)  Romulo Virola, Land Transport in the Philippines: Retrogressing Towards Motorcycles?,  in:                        http://www.nscb.gov.ph/headlines/StatsSpeak/2009/101209_rav_raab_trans.asp

(2)   Alison Lopez, Makati cracks down on motorcycles-for-hire, Philippine Daily Inquirer, 18.11.2009

(3)   Eine Moterala kann also vier Räder haben, insofern werden wir unserer Titelüberschrift nicht ganz gerecht.