Conrado Balweg - vom Priester zum Guerillaführer

 

Wir wollen im nachfolgenden eine Person der jüngeren philippinischen Zeitgeschichte vorstellen, in deren Leben sich die religiöse Fundierung, die innere Zerrissenheit und das Gewaltpotenzial der philippinischen Gesellschaft exemplarisch widerspiegelt. Es handelt sich um Conrado Balweg, der je nach Bewertungsperspektive für die einen der in die Irre geleitete Priester, für andere der unerbittliche Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und für wiederum andere ein Verbrecher am Volk war.  

Der 1944 geborene Conrado Balweg ist hoch oben im Norden in der Abra-Kordilleren-Provinz als Sohn einer ärmeren Bauernfamilie aufgewachsen. Die Familie gehörte zum kleinen Bergstamm der  Tingguian, einer Minorität, die als primitiv und unterentwickelt galt und auch zur Zielscheibe des Spotts wurde, verdächtigte man sie doch noch bis in die jüngere Gegenwart hinein als Kopfjäger und  geistergläubige Animisten. Abschätzig sprach man von dem „People of the Mountains“. Diese allgemeine Vorverurteilung wollte die Familie durchbrechen. Die Kinder wurden auf Missionsschulen geschickt und für diesen und jenen war eine Priesterlaufbahn angedacht, denn der Priesterberuf ist auf den katholischen Philippinen in der Regel hoch geschätzt und rangiert in der Statusskala weit oben.  

Conrado Balweg besucht eine Priesterschule des Ordens der Steyler Missionare, der „Societas Verbi Divini“ (SVD). Die SVD  mit ihrem Stammhaus an der niederländisch-deutschen Grenze gilt heute als siebtgrößte Kongregation von römisch-katholischen Priestern und Brüdern auf der Welt. Auf der Ordensschule kommt Balweg auch mit den Lehren des Marxismus und der Befreiungstheologie in Kontakt. 

Wir müssen uns hier kurz mit der Lehre von der Befreiungstheologie beschäftigen, weil sie zu dieser Zeit nicht nur auf den Philippinen unter den jungen Theologen für Furore sorgt und die alte orthodoxe Kirchenlehre zumindest kurzfristig erschüttert. Der Hinweis auf die Befreiungstheologie liefert uns auch die notwendigen Motivationshilfen für das Wirken von Conrado Balweg, zumal heute in zeitlicher Distanz offenbar nur noch wenige persönliche Anmerkungen von ihm vorhanden sind. 

Nach den Lehren der Befreiungstheologie hat die Theologie ihren Blick zuerst und in erster Linie auf die, „da unten“, die Armen, Unterdrückten und Entrechteten zu werfen. Auch sie hätten das Recht auf lebensnahe Bibelinterpretation aus ihrer Perspektive. Das „Heil“ sei nicht nur im Jenseits, sondern durchaus in der diesseitigen Realität  der Gegenwart suchen. Dabei sympathisieren einige Anhänger - wenn auch durchaus nicht alle - mit sozialistischen, auch kommunistischen Gesellschaftsmodellen. Das gesellschaftskritische Engagement der Fraktion der Befreiungstheologen kennt verschiedene Intensitätsgrade und verläuft über das Abfassen von Schriften (Leonardo Boff), ausgedehnter Sozialarbeit bis hin zur politischen Mitwirkung als Funktionär und Amtsträger (Kardinal Ernesto Cardenal als Kulturminister in Nicaragua) und endigt wohl bei dem relativ kleinen Personenkreis die wie der Kolumbianer Camilo Torres als Guerillakämpfer in den Untergrund gehen, zur Gegengewalt aufrufen und sie auch anwenden. 

Die Kritik der katholischen Amtskirche ist - auch unter kräftiger Mitwirkung des heutigen Papstes und früheren Kardinals Joseph Cardinal Ratzinger - harsch. Man leugnet zwar nicht die Notwendigkeit katholischer Sozialarbeit, aber „die Konzeption von Christus als politische Figur, als Revolutionär, als der Subversive von Nazareth deckt sich nicht mit dem Katechismus der Kirche“, äußert Papst Paul II. Der Klassenkampf widerspräche der biblischen Botschaft. Man könne nicht das Übel mit einem anderen Übel bekämpfen. Die Erlösung sei nur spirituell zu verstehen. Theologen, Priester und Nonnen, die sich nicht an die offizielle Lehre Roms halten, laufen fortan Gefahr, gemaßregelt, mit Schreibverbot belegt oder exkommuniziert zu werden.  

Und werfen wir auch noch einen Blick auf die zeitgeschichtliche Situation, in der sich der junge Priesteranwärter Conrado Balweg befindet. Schon zwei Jahre vor Ausrufung des „Martial Law“ befindet sich das Land im „First Quarter Storm“ im Zustand der Unruhe. Man kritisiert den autoritären Regierungsstil von Präsident Marcos, die Vetternwirtschaft und persönliche Bereicherung, die willkürlichen Verhaftungen und des einsetzenden  wirtschaftlichen Niedergangs. Selbst die katholische Kirche, traditionell zunächst Fürsprecher der korrupten wirtschaftlichen und politischen Führungseliten, geht unter Kardinal Sin zunächst in die Phase einer kritischen Kooperation, später in die der Opposition.  

Erst relativ spät - mit 37 Jahren im Jahre 1971 - erhält Conrado Balweg die Priesterweihe. Er ist der erste Priester aus dem Stamm der Tingguian. In den Stolz mischt sich auch die Kritik an ihm. Schon als Seminarist spinnt er sich zu wenig in den Kokon der offiziellen Kirchenlehre ein, er verwendet viel, zu viel Zeit für die praktische Sozialarbeit. Man rügt ihn öfters, dass er sich nicht an die Disziplinarordnung des Seminars halte und so abstruse Konzepten wie dem der „nationalen, sozialen Rettung“ das Wort rede (1).

Aber fungiert als Gemeindepriester am kleinen Ort Sal-Lapadan und es ist lange Zeit um ihn relativ  ruhig, obwohl er auch politisch aktiv ist und strukturverändernde Maßnahmen fordert.  1977 besucht ihn der deutsche Journalist Rüdiger Siebert.  Ihm schildert er, wie multinationale Holzgesellschaften, die Besitzlizenzen aus Manila mitbringen, wertvolle Holzbestände der Einheimischen fällen, weil diese ihr historisches Eigentum nicht dokumentieren können. Die Regierung sei korrupt und unkontrolliert, ihre Wahlen nur eine Farce. Auf die Frage von Siebert, ob er sich in naher Zukunft der NPA anschließen würde, weicht Balweg aus (2). Mehr und mehr wächst in ihm die Einsicht, dass er in der klassischen Rolle als Priester nur den äußerst beklagenswerten Status quo erhalte.  

Zwei Jahre später (1979) hat er sich der NPA - oder wie sie im Norden auch heißt - der CPA angeschlossen. „Ka Ambo“ wird zum lokalen Idol, zum „Robin Hood der Kordilleren. Statt mit Bibel präsentiert er sich nunmehr mit einem Sturmgewehr und Munitionsgürtel. In Umkehrung des bekannten Spruches "Vom Saulus zum Paulus" wandelt sich jetzt der "Paulus" zum "Saulus". Er geht der Gewalt nicht aus dem Weg und spricht in seinen NPA-Teachings von der notwendigen Gegengewalt gegen die Gewalt der Besitzenden und Mächtigen. „Mit Gewehren gewinnt man keinen Krieg, aber die gerechte Sache wird ihn gewinnen… Wir haben die Unterstützung der Massen“, lässt er verlauten. Im gleichen Zeitungsinterview räumt er ein, dass er 1979 bei 29 Zusammenstößen mit dem Militär 46 Regierungssoldaten und sechs Militärinformanten getötet habe (3).

An seinen Händen klebt nun Blut. Auf seine Ergreifung - tot oder lebendig - setzt die Regierung ein Kopfgeld von 200.000 Pesos aus. Man wird aber seiner nicht habhaft trotz intensiver Hubschrauberaufklärung. Balweg heiratet die Kampfgefährtin Corazon „Azon“ Cortel, die ihm fünf Kinder gebären wird. Die römisch-katholische Kirche hat Enrico Balweg als Priester und Mitglied längstens ausgeschlossen.  

Die Zahl der philippinischen Priester und Nonnen, die sich einer der kommunistisch orientierten Gruppierungen wie NDF, CPA oder NPA angeschlossen haben, ist übrigens relativ klein und liegt einer Schätzung der Marcos-Regierung zufolge bei einer Gesamtzahl von 13.000 unter einem Prozent (4). Zu den prominenteren Rebellen-Priestern der NPA gehörte übrigens auch der derzeitige internationale Sprecher der NDF L. Jalandoni, der nunmehr in den Niederlanden zu Hause ist. Der Erzbischof der Diözese Lingayen-Dagupan Oscar V. Cruz  hat in einem jüngeren Zeitungsinterview 2006 ausgeführt, er kenne die genaue Zahl der Geistlichen, die in den Untergrund gegangen sind, nicht und verwies nochmals auf die Grenzen, die einem Priester in der Ausübung seines Amtes gesetzt sind (5).    

1987 kommt es zum Bruch mit der CPA/NPA. Sie sei totalitär, gegen die Igorots eingestellt und von den Städtern im Flachland bestimmt, heißt es jetzt aus seinem Mund. Für ihn sind jetzt wegen der unterschiedlichen Strukturen nur noch regionale Befreiungen, keine nationale, denkbar. Er kämpft nun für weitgehende für Autonomierechte der Kordilleren-Region.  Die paramilitärische Gruppierung, die er jetzt führt, nennt sich Cordillera Peoples Liberation Army - kurz CPLA. CPA und CPLA verwickeln sich über mehr als ein Jahrzehnt in heftige Kämpfe. Beide Seiten werfen sich Verbrechen vor und veröffentlichen lange Listen mit Gefolterten und unschuldig Getöteten. Die CPA wirft der CPLA u.a. auch Drogenhandel, Marihuana-Anbau und  Landnahme zugunsten von Bergbaugesellschaften vor. 

Der Kampf ist gleichzeitig ein Bruderkampf, denn Conrados jüngerer Bruder Jovencio kämpft auf der Gegenseite der CPA nun offensiv gegen ihn. Wir hatten schon in der Überschrift zu unserem Artikel - vielleicht etwas großspurig und nicht ganz angemessen - die biblischen Gestalt  von Saulus und Paulus bemüht, jetzt könnte man von einem Kampf  von Kain und Abel sprechen, wobei dem Bruder Jovencio die Rolle des Kain zufallen wird. Schon 1986 spricht die CPP in einer kollektiven Entscheidung für die Hinrichtung von Enrico Balweg aus. Es gelingt ihr jedoch über ein Jahrzehnt nicht, seiner habhaft zu werden. 

Mit dem Regierungsantritt von Corazon Aquino im Jahre 1986 kommt es zu einer überraschenden Kehrtwendung. Conrado Balweg und seine CPLA nehmen Friedensverhandlungen mit der Regierung auf.  Als Willkommensgeschenke tauscht man unter andrem Rosenkränze und Schwertäxte aus. Gegen das Versprechen der Amnestie und einer größeren regionalen Autonomie stellt die CPLA ihren Kampf gegen die Regierung ein. Conrado bemüht sich erfolglos um einen Sitz im philippinischen Kongress. Er verkauft die Filmrechte an seiner Biografie. 1987 erscheint der Film „Balweg - The Rebel Priest“. Hätten die Filmproduzenten mehr als ein Jahrzehnt gewartet, dann  wäre die Filmstory weit effektvoller geendet. Ein Teil der CPLA-Kämpfer wird über die Jahre in die reguläre philippinische Armee eingegliedert. Ein anderer Teil schließt sich der paramilitärischen Gruppierung „Citizen Armed Forces Geographical Units (CAFGUs) an. 1987 wird der Autonomiestatus der Cordillera Region auch gesetzlich fixiert.

1999 wird er ermordet. Der Täter oder die Täter sind bis heute unbekannt. Als Hauptbeschuldigter gilt jedoch sein Bruder Jovencio, der die Tat in einem Interview rechtfertigte (6) und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch leitete. Nach einer Quelle (7) wurde Conrado am Sylvesterabend 1999 von seinem Bruder und einem Helferhelfer im Haus der Eltern aufgespürt. Es kam zum Streit zwischen beiden Brüdern. Dabei feuerte ein unter dem Haus sich versteckender CPA/NPA-Helfer durch den Rattan-Boden eine Kugel in Richtung des Kopfes von Conrado. Dieser brach sofort tot zusammen. Über die Jahre wurden nicht wenige frühere CPA/NPA-Angehörige, Bauernführer und auch Kirchenmitarbeiter verdächtigt, den Todesschuss abgefeuert zu haben. Sie mussten aber wieder frei gelassen werden, weil ihnen die Tat nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Zurzeit steht ein Pastor der United Church of Christ in the Philippines unter Tatverdacht (8)

Welcher Tätigkeit gehen die Personen aus seinem näheren familiären Umkreis heute nach? Der unter Mordverdacht stehende jüngere Bruder Jovencio fungiert noch heute als lokaler CPP/NPA-Führer und ist Vorsitzender des „Abra Provincial Party Committees“. Seinem Bruder Crispin eilt in der Provinz Abra der Ruf eines sehr erfolgreichen Heilers voraus. Die Ehefrau Corazon „Azon“ Cortel-Balweg wurde  schon mit Gabriela Silang, einer früheren Vorkämpferin der Unabhängigkeit der Provinz Ilocos verglichen, weil sie den Kampf und die Ideologie an der Seite ihres Ehemannes begleitete und verteidigte (9). Manche finden den Vergleich jedoch nicht ganz angemessen. Sie hat sich insbesondere um die gesellschaftliche Integration der früheren CPLA-Kämpfer bemüht.  

© Wolfgang Bethge, Mai 2007


(1) God and Revolution: A Philippine Example, in:

www.ibiblio.org/ahkitj/wscfap/arms1974/Book%20Series/TheSacrificeOTI/TSOTI-chapter8.htm 

(2) Rüdiger Siebert, 3 mal Philippinen. München, 1889; S. 70f. 

(3) Priest drops Bible for the gun, in:

http://www.ibiblio.org/ahkitj/wscfap/arms1974/PRAXIS/1985/1985%20Q1n2/1985%20q1n2.htm 

(4) The Huks And The New People's Army: Comparing Two Postwar Filipino Insurgencies

http://www.globalsecurity.org/military/library/report/1985/ARS.htm 

(5) William B. Depasupil, Zero tolerance for rebel clergy, The Sunday Times, http://www.manilatimes.net/national/2007/jan/14/yehey/top_stories/20070114top1.html 

(6) Inqirer News Service, Jan 24, 2003 

(7) Fray Balweg & Liberation Theology, in: http://www.geocities.com/nymia20001/articles/FrayBalweg_01.html 

 (8) Vincert Cabreza, Arrest of pastor in Balweg case described as ‘old tune’, Inqirer.net, 25.04.2007 

(9)  Vgl. Wolfgang Bethge, Diego und Gabriela Silang - Los Indios Bravos, in:

http:// www.literaturbruecke-philippinen.de/silang.htm