Schon in der frühen Vergangenheit  wurde der Bambusstrauch von den Filipinos wegen seines Nutzens so  hoch geschätzt, dass man ihn mit den höheren Mächten in Verbindung  brachte.

Der philippinischen Mythologie  zufolge resultiert der erste Bambussame und der erste Riesenbambus  aus einer Liebesbeziehung zwischen dem Himmelsgott Kaptan und der  Seegöttin Maguayen. Später flog dann der geflügelte Gott der Lüfte  Magaul über das Meer und suchte ein Plätzchen, wo er ich  niederlassen konnte. Er landete direkt neben dem ersten  Bambusstrauch. Sehr zu seinem Erstaunen hörte er plötzlich aus dem  Bambusstrauch eine Stimme. “Gott der Lüfte, picke den Bambus und  lass uns heraus.“ Gott Magaul tat, wie ihm geheißen. Da – als der  Bambusstamm geteilt war – traten ihm aus den gesprungenen Hälften  die ersten Menschen entgegen. Es waren Malakas (der “Starke“) und  Maganda (die „Schöne“).  

 Traditioneller Gebrauch  

 Außerordentlich vielfältig ist noch  der traditionelle Gebrauch. Die jungen vitamin- und  eiweißreichen Sprösslinge dienen als Nahrungsmittel. Zusammen mit  Kokosnussmilch, Fisch oder anderem Gemüse liefern die Sprossen  köstliche Gerichte. Man sie auch einlegen, vakuumieren oder  trocknen.

 Aufgrund seiner festen aber auch  biegsamen Eigenschaften wird der Bambus unter anderem zum Hausbau  (Pfähle, Pfosten, Furniere, Wandmatten) eingesetzt oder er dient der  Möbelfertigung (Tische, Stühle, Betten). Andere  Fertigungsgegenstände waren und sind zum Beispiel Hüte, Körbe,  Kisten, Schachteln, Platten, Webstühle, Matten, Fackeln,  Regenschirmstiele, Fischreusen, Tierfallen, Reisdünster, Sicheln und  Sensen. Das Bambusrohr lässt sich auch so zuspitzen, dass es als  Messer zu gebrauchen ist. So nutzten zum Beispiel Hebammen in der  Provinz rasiermesserscharfe Bambusklingen, um die Nabelschnüre der  Neugeborenen zu durchtrennen. Bananenstauden stützt man mit  Bambustangen und Schweine brät man gerne an Bambusspießen. Keilförmige Bambusspieße und –lanzen  kamen bei kriegerischen Auseinandersetzungen zum Einsatz. Es ist  zudem bekannt, dass gegen rebellierende Filipinos zeitweise  Bambusmatten zusammenrollten, diese auf Karren befestigten, um so  spanischen Truppen den Besitz von Kanonen vorzutäuschen.  

 Nicht zu vergessen sind Bambusrohre  als kulturelle Utensilien. Man stellt und stellte unter  anderem Flöten, Marimbas und Xylofone aus Bambus her. „Tinikling“-  oder „Sinkil“-Tänzen sind ohne Bambusstangen nicht denkbar. In der  Grundversion sind für diesen aus vorspanischer Zeit stammenden  Nationaltanz zwei Pärchen notwendig. Ein Pärchen schlägt in  rhythmischer Abfolge unter dem Klang der Musik  die Bambustangen  abwechselnd auf den Boden und aneinander. Das zweite Pärchen springt  mit kunstvoll koordinierte Sprüngen und Bewegungen über und zwischen  den Stangen.

 Erwähnen wir noch kurz die  Bambusorgel von Las Pinas bei Manila. Sie wurde von dem  außerordentlich talentiertem Augustinermönch Diego Cera in den  Jahren 1816–1824 gefertigt und soll aufgrund der etwa neunhundert  verwendeten Bambuspfeifen einen besonderen Klang haben. 1880 wurde  die Orgel aufgrund eines Taifuns und Erbeben zerstört. Der deutsche  Orgelbauer Klais reparierte die bekannte Orgel dann in den Jahren  1973 – 1975 wieder.  

 Biologie

Von neueren Verwendungsformen des  Bambus wird noch die Rede sein. Beschäftigen wir uns jedoch zuvor  mit der Biologie des immergrünen Bambusstrauches, der wie das  Zuckerohr den Süßgräsern und nicht etwa einer Baumart zugeordnet  wird.  

 Bambus ist leider nicht gleich  Bambus, denn es gibt weltweit über einhundert Bambusgattungen und  knapp 1500 Arten, von denen viele jedoch keinen besonderen Nutzwert  haben. Sie unterscheiden sich unter anderem im Wurzelsystem.  Die leptomorphen Arten treiben lange Wurzelausläufer, die  pachymorphen Arten finden sich überwiegend in den Tropen. Sie bilden  Horste, bei denen viele Triebe einer Pflanze zusammenstehen. Es gibt  unter den Bambushalmen weiter erhebliche Unterschiede im  Größenwachstum. Manche Bambus-“Gräser“ werden nur knapp 10 cm  groß (Pleioblastus pygmaeus)und dienen als Rasenersatz und  Bodendecker. Riesen-Bambusse wie der  Dendrocalamus gigantus können eine Höhe von 35 Metern und  einen Halmdurchmesser von 80 Zentimetern erreichen. Zwischen diesen  beiden Größenextremen variieren die meisten Arten, wobei die  Bodenbedingungen einen maßgeblichen Einfluss auf das Größenwachstum  haben. Weiterhin gibt es Unterschiede in der Farbe, Länge und Breite  der zarten und beweglichen Blätter, der Färbung der Halme und der  Art der zumeist recht seltenen Blüte.

 Die Halme können gerade oder weiter  oben gebogen sein. Sie sind in Segmente (Internodien)  aufgeteilt. Feste ringförmige Knoten trennen annähernd gleichmäßig  die Segmente und stabilisieren den runden hohlen Halm. Aus den  Knoten wachsen die zumeist grasartigen Blätter und Seitentriebe.  Die Blätter können sehr zahlreich und fein sein. Es gibt aber auch  großblättrige Bambusarten, die eher palmenartig wirken. Die Farbe  des Halms variiert zwischen grün, rot oder schwärzlich und kann  gestreift ein. In Anbetracht seiner Länge wirkt der Halm schlank und  grazil. Er ist von der Basis bis zur Spitze gleich dick und  verändert seine Dicke auch nicht während seines teleskopartigen  Wachstums. Bambuspflanzen gehören zu den am, schnellsten  wachsenden Pflanzen. Es gibt Bambusarten, die unter optimalen  Bedingungen bis zu einem Meter pro Tag wachsen können. Eher zu  erwarten ist aber ein Längenwachstum von zehn bis dreißig  Zentimetern in den ersten Monaten. Zumeist haben die Bambuspflanzen  schon nach 3 – 4 Monaten die endgültige Wachstumshöhe erreicht und  sind dann ausgewachsen. Im zweiten Jahr härtet sich der Stamm.  Zweige und Blätter beginnen zu sprießen. Im dritten Jahr verholzt  der Stamm. Ab diesem Zeitpunkt kann die Bambusernte beginnen. In  den nächsten 2- 5 Jahren macht sich häufig ein Pilz- und  Schimmelbefall bemerkbar und der Halm stirbt ab. Der Bambus blüht  mit relativ großen Rispen relativ selten. Das Blühintervall  differiert von Art zu Art. Es kann 12 aber auch 120 Jahre betragen.  2006 kam es in Europa zu einem synchronen Absterben von  Gartenbambus. Die Ursachen hierfür sind noch nicht hinreichend  geklärt.

  Zurück  zum Bambus auf den Philippinen. Ende der neunziger Jahre  registrierte man dort zwölf Gattungen und 62 Arten von Bambus,  von denen 21 Arten einheimisch und etwa zehn wirtschaftlich  bedeutsamer sind (1). Häufiger anzutreffen ist insbesondere die  einheimische Art „Bambusa blumea Shultes“ („Kawayan tinik“). 

Er gehört zu den horstbildenden  Bambusarten und weist unterschiedlich lange Segmente auf. Die Spitze  ist verbreitert und weist viele Dornen auf. Sie tragen zur  Stabilität der bis zu 20 Meter hohen Pflanze bei. Die Halme können  einen Durchmesser von bis zu 15 cm erreichen. Die Sprossen sind  essbar. Schon nach vier Jahren kann bei diesem schnellwüchsigen  Bambus die Ernte erfolgen. 

Ökonomische Situation

Bambus wächst in allen Landesteilen  der Philippinen. Es scheint keine aktuelle Statistik über die  Anbaufläche vorzuliegen. Der Zahlenmangel dokumentiert auch, wie  wenig Bedeutung man der farmmäßigen Produktion von Bambus in die  jüngere Zeit hinein zusprach. Der Bambus galt als „Holz des armen  Mannes“, als wenig beachteter, vernachlässigter Beiwuchs oder  gar Unkraut. Gestützt auf Zahlen vom Ende der neunziger Jahre geht  man derzeit von einer Plantagenanbaufläche von etwa 39.000 bis  53.000 Hektar aus (1). Größere Plantagenflächen finden sich unter  anderem in Cavite, Batangas und Iloilo. Der landesweite Bedarf wird  auf über 200.000 Hektar Anbaufläche geschätzt (2). Einer  wachsenden Nachfrage im Inland steht also ein nur beschränktes  Angebot gegenüber.

Auf dem Weltmarkt spielt die  philippinische Bambusholzproduktion eine eher nachrangige Rolle.  Weltweit geht man von einer Bambusanbaufläche von ca. 37 Millionen  Hektar aus, davon entfallen knapp 9 Millionen auf Indien und 6  Millionen Hektar auf China, das auch Exportweltmeister ist (3).  Insbesondere China hat die stetig wachsende Nachfrage nach dem  verholzten Riesengras frühzeitig erkannt und den Anbau kräftig  unterstützt. Während Indien aber nur auf eine Hektarproduktion von  0,5 Tonnen pro Hektar kommt, liegt der Vergleichswert in China bei  30 Tonnen pro Hektar (4)

Der schnell wachsende Bambus kann als  energieeffizienter Holzkohlelieferant (Charcoal/Pellets) das weitere  Abholzen philippinischer Wälder eingrenzen und einen Beitrag zur  Regeneration der Wälder liefern. Das wird auch von philippinischer  Seite durchaus gesehen und schon frohlocken einige. „Believe it or not, the bamboo is the savior  of the Philippine environment (5) “, heißt es in  einem Artikel. Die Philippinen sollten jedoch nicht bei der  bloßen Bambusproduktion und dem Export der Stangen oder Pfosten  stehen bleiben. Eine höhere Wertschöpfung verspricht Mehrerträge.  Bambussprossen lassen sich für den Export sicher veredeln. Und  sicherlich kann in der Möbel- und Bauwirtschaft manches Hartholz  ersetzt werden. Bambus ist ja den Harthölzern in vielen Aspekten  ebenbürtig und in manchen Aspekten sogar überlegen (z. B.  Elastizität). Andere innovative Einsatzbereiche sieht man im Bereich  der Plattenwerkstoffe (Parkett; Fliesen), der Filtertechnik und der  Füll- und Verstärkungsstoffe. So biete zum Beispiel Mercedes-Benz  atmungsaktive Sitzauflagen aus Bambus an. Auch die Textilindustrie  hat den Bambus entdeckt und bietet unter anderem Socken mit  Bambusfaserzusatz an. 

Die Regierung hat ziemlich ehrgeizige  Pläne im Hinblick auf eine gesteigerte Bambusproduktion. Mit einem  Drei-Stufen-Plan will man im Bambusholzexport weltweit an die zweite  Stelle rücken. Um die Wertschätzung des Bambus auch im Inland zu  steigern, hat Ex-Präsidentin Arroyo 2010 ein Dekret unterzeichnet,  wonach Schulen und öffentliche Einrichtungen verstärkt mit  Bambusholzmöbeln auszustatten sind. Die Philippine Bamboo Foundation  Inc. will unter anderem mit Musterplantagen die Bauern davon  überzeugen, mehr Bambus anzubauen. 2007 wies der Vorsitzender darauf  hin, dass der Bambusanbau weitaus höhere Erträge als der  Kokosnussanbau verspricht. Mit Bambus könne man einen Hektarertrag  von 57.375 Pesos erzielen, während der Hektarertrag bei Kokosnüssen  nur zwischen 10 - 20.000 Pesos läge (6).  

Unser Schlussbild zeigt ein Auto und  ein Fahrrad, deren Rahmen aus Bambus gefertigt wurden und das als  Beispiel für die Kunst der Improvisation und Kreativität der  Filipinos dienen kann..

    
  
 
 

© Wolfgang Bethge, 2011

 
 

(1) Bamboo  Resources and Production, in:  http://pcarrd.dost.gov.ph/cin/bamboonet/features%20-%20rsrcsNprdctn.htm

 (2) Bamboo  Farming And Economic Opportunity Taking Root In The Philippines!,  in: http://blog.greenearthbamboo.com/20101013/bamboo-worldwide-impact/bamboo-farming-and-economic-opportunity-taking-root-in-the-philippines/ 

 (3) Bambus: Vom regionalen Bau- zum globalen Rohstoff,  Holzzentralblatt, 08.08.2008 http://www.conbam.de/fileadmin/conbam/images/PDF/CONBAM_HZ32.pdf 

 (4) National Mission on Bamboo Applications, in:  http://www.bambootech.org/tslink.asp?subsubid=71&subid=16&sname=MISSION&lid=230

 (5) Bamboo in the Philippines,  http://blog.agriculture.ph/tag/philippine-bamboo

 (6) Tonette Orejas, Getting serious about bamboo , in:  http://globalnation.inquirer.net/philippineexplorer/philippineexplorer/view/20070917-89090/Getting_serious_about_bamboo