Banka fahren  

Rund eine halbe Million motorisierte und nicht motorisierte Bancas soll es 2002 auf den Philippinen gegeben haben (1). Charakteristisch für Bancas (Tagalog: „Bangka“ – größere Boote werden auch „Pumpboat“ genannt) sind die zum Teil mächtigen Ausleger aus Bambusrohr, die den Booten die notwendige Stabilität geben.  Bancas gehören mit zum Standardinventar der Philippinen.  

Die wesentlich größeren Ferryboats und modernen Hovercraftschiffe (z. B. „SuperCAT“) als nächst höhere Schiffsklassen dienen hauptsächlich dem Verkehr zwischen den größeren Inseln. Die einfacheren und leichteren Bancas dahingegen werden wegen ihres geringen Tiefgangs vor allem im Küstengewässer eingesetzt. Sie transportieren Waren und Personen und dienen insbesondere kleineren Fischern zum Fischfang. 

Gegen Grundberührungen sind Bancas - da sie über keinen tiefer gelegten Kiel oder ein Senkschwert (Segelboot) verfügen - relativ unempfindlich. Ihre Wendigkeit ist wegen des Strömungswiderstandes der  Ausleger bei relativ kleinem Steuerblatt relativ eingeschränkt. Sie sind nur bedingt hochseetauglich. Bancas gibt es in vielen Formen, Größen, Motorisierungsgraden und Farben. 

Sie haben eine Länge von circa drei bis etwa dreißig Meter und sind zumeist aus einheimischem Holz gebaut. Aus Bicol wird berichtet, dass man dort 2005 mit Regierungsunterstützung versucht hat, einen  Prototyp eines Zement-Bootes  mit Eisenmatten-Einlage herzustellen (3). Man verspricht sich von solchen Ferrocement-Booten niedrigere Herstellungskosten auch durch Mengenproduktion, Nichtentflammbarkeit und Korrosions-Resistenz. Breitere Praxiserfahrungen liegen jedoch noch nicht vor.  - Zumindest beim Bau der kleineren Einfach-Bancas stützt man sich - weitgehend unter Verzicht auf Konstruktionsplänen - auf  tradierte Erfahrungen. Amtliche Sicherheitsstandards  und Zulassungsbestimmungen scheinen nur für die größeren Touristen-Bancas (2) vorzuliegen.  

Es gibt zum einen die kleineren Paddel-Bancas, mit denen  sich zum Beispiel Kinder am Ufer vergnügen. Ärmere Fischer verfügen oft nur über Paddel-Bancas und lassen sich am Abend zum Fischfang von einer motorisierten Banca in die See hinausziehen. Segel-Bancas sieht man heute vermutlich nur noch selten und wenn überhaupt dann die sehr dekorativen Varianten in der Sulu-See bei den Badjeros.  Letztere können einem Familienclan auch als zeitweilige Behausung dienen. Ab und an sieht man auch Bancas mit nur einem Seitenausleger.   

Bei den motorisierten Bancas kann die Stärke der Benzin- mitunter auch Dieselmotoren variieren zwischen fünf (Typ: Rasenmäher-Motor) bis über 100 PS (Typ: Lkw-Motor). Meistens handelt es sich um Zwei-Takt-Motoren, die größeren Bootstypen verfügen über Vier-Takt-Motoren. Immer wieder liest man, dass es sich bei den eingesetzten Motoren oft nicht um originäre Seewasserfahrzeugmotoren handelt. Vielfach träfe man nur ältere, seewassertauglich gemachte und auch nicht  sonderlich gepflegte Motoren von Landfahrzeugen amerikanischer und japanischer Provenienz an.  

Je nach Größe kann eine Banca regulär bis zu 100 Passagiere aufnehmen, wobei die tatsächliche Zuladung in der Praxis ein Mehrfaches sein kann. Es besteht die Gefahr, dass durch Überladung der Bootskörper dann nicht mehr genügend Auftriebskraft hat  und Wasser eindringt. Überladene Boote und Schiffe haben in der Vergangenheit immer wieder zu Unglücken geführt. 

Während sich der arme Fischer vielleicht freut, dass er in seinem Boot die Beine ausstrecken und tagsüber vielleicht auch über einen Sonnenschutzplane verfügt, warten größere Schiffe oft mit deutlich mehr „Luxus“ auf. Es gibt größere Bancas mit einer Steuerkabine, mehreren Schlafkabinen, Toilette, Satelliten-Telefon, Fischfinder oder einem GPS- System.   

Eine Banca mag die meiste Zeit grau und leicht verwittert am Ufer liegen. Es gibt aber in fast jedem Fischerdorf einen Tag im Jahr, an dem sie vielleicht mit bunten Wimpeln geschmückt werden und an einer Bootsparade teilnehmen. Touristen-Bancas präsentieren sich meist etwas farbiger.  Die Seitenplanken können zum Beispiel weiß  gestrichen und mit einer blauen Seitenlinie geschmückt sein, während die Ausleger einen roten Anstrich haben. Die Freude der Filipinos an Dekorationen kennt man ja bereits schon von den Jeepneys.  

Häufig haben die Bancas einen Namen. Oft ist es der Name des Eigentümers, des Sohnes oder der Tochter.  In Betracht kommen aber auch Namen mit mehr symbolischem Gewicht wie „Poseidon“, „Super Hawk“ oder „Artistic Divers“. – Bancas  mögen einen Namen haben, amtlich registriert müssen deshalb noch lange nicht sein. Nach einem Bericht waren  2002 erst etwa zwanzig Prozent der Bancas offiziell registriert (1). Die philippinische Regierung legt jedoch Wert auf eine solche Registrierung, vermutlich weniger aus steuerlichen Gründen; die Registrierungsgebühren sind auch relativ niedrig. Aber Boote werden zuweilen geklaut, dienen dem illegalen Fischfang, dem Schmuggel von Waren und Waffen oder stranden nach einem „capsizing“ (Kentern) vielleicht anonym am Ufer.

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Fast jeder Philippinen-Reisende hat mit Bancas seine persönlichen positiven wie negativen Erfahrungen gemacht. Im nachfolgenden begeben wir uns fiktiv wie real auf eine solche Reise, wobei wir zunächst - leicht verdichtet - allerlei Kalamitäten begegnen werden und später etwas der Boots-Romantik Lauf lassen. 

Kaum hat man – vom langen Flug zerknautscht und geplättet – den Flieger verlassen, sitzt man im beengten Jeepney. Der Kopf ist eingezogen – die Schlaglöcher der „Strasse“ könnten ihn ja gegen das Autodach rumsen lassen. Aber die Ehefrau will möglichst schnell an ihren Heimatort, der seit Jahr und Tag eben nur per Boot erreichbar ist. Am Hafenort angekommen, setzt Monsunregen ein. Der Wind ist leicht böig. 

Man könnte jetzt mit einer größeren Banca weiterfahren, die Verwandtschaft ist aber auch mit einer kleineren Banca da. Ein Blick zeigt, dass die größere Banca schon kräftig gefüllt ist. Nicht nur mit Passagieren, auch mit unzähligen verschnürten Kartons, prallen Taschen, Zementsäcken, einem Kühlschrank und Hähnen. Um  zu einem Sitzplatz zu gelangen, müsste man zunächst sich über einen schmalen Steg ins Boot balancieren und sich dann nahe der  Bootskante und später im Bootsrumpf über Passagiere und Waren weiterhangeln. Wem mag man dabei auf die Füße treten und im Schoße welcher Frau wird man wohl landen?  

Ich entscheide mich – auch aus Höflichkeitsgründen – für die kleinere Banca des Anverwandten. Die Hosenbeine werden hochgekrempelt und man watet zum Boot. Ich komme einen „favourite place“ zugewiesen. Das ist die breiteste Stelle des Bootes. Es mögen etwa sechzig Zentimeter sein. Man befürchtet stärker einsetzenden Regen und Spritzwasser, deshalb werden die Koffer mit einer Plastikplane geschützt. Die Banca wird in tieferes Wasser geschoben. Aber es gibt da immer noch ein paar Sandbänke, an denen man sich unter Zuhilfenahme einer langen Bambustange vorwärts vorbeidrücken muss. Es kommt der Zeitpunkt des Startens - eine gewisse Spannung und Bänglichkeit ist den Gesichtern abzulesen. Startet der Motor? „Uno! Dos!“ wird gerufen und nach mehrmaligem Ziehen am Seilzug springt der Motor hustend an und das Boot beginnt keckernd im Auf und Ab der Wellen nach vorne zu schieben. Wir steuern in die sich kräuselnde apfelgrüne See. Menschen und Häuser am Ufer werden kleiner und verschwinden. Eine Verkrampfung beginnt sich bei mir aufzubauen – sollten die Platzängste im Flugzeug fröhliche Wiederauferstehung feiern? Aber noch hängt ja das ein Bein des Bootsführers locker außerhalb der Banca,  während eine Hand ruhig die Ruderstange bedient.  

Die  Wolken hängen nun tiefer. Der Regen nimmt zu und der Wind frischt auf. Erste Böen erfassen das Boot und Sprühnebel fahren ins Gesicht. Meine Hände fassen unversehens nach den Planken. Die anderen Mitfahrer sind noch relativ ruhig. Die Frauen haben vermutlich aus Schamgefühl nie schwimmen gelernt und bauen offenbar auf die Tragfähigkeit des Holzes auch im Ernstfall. Würde ein Schiff aus schwerem Stahl nicht schneller untergehen und man hätte dann auch keine Planke, an der man sich festhalten könnte?  Und überdies vertraut man dem Steuermann Narcing, dem ja auch die Banca gehört. Narcing weiß, wie man den Wellen begegnet. Er korrigiert ab und zu den Kurs und drosselt immer wieder die Geschwindigkeit. Später wird er mir sagen, dass das Ganze für ihn mehr ein spielerischer Ritt auf den Wellen denn Kampf gegen die Wellen sei. Wichtig sei es zu verhindern, dass  das Boot von einer Welle längsseits gepackt wird oder ein Ausleger das Wasser unterschneidet. Dann wäre die Stabilität dahin. Bancas lieben keine größeren Wellen von der Seite.  

Ich habe ganz andere Gedanken. Hatte ich da nicht gelesen, dass im Januar 2006 16 Leute im Gewässer von Leyte ertranken. Zunächst war nur eine Person über Bord gegangen. Aber als die Passagiere nach ihm Ausschau hielten und sich nur auf einer Bootsseite aufhielten, verlor dieses das Gleichgewicht. Das Boot kenterte und die Tragödie nahm ihren Lauf.   

Eine Welle schwappt ins Boot. „Don´t worry“, höre ich und schnell ist man bemüht, das  Wasser aus der Bilge unter dem Bretterboden zurück in die Wellen zu schöpfen. Die Dramatik unserer Geschichte verlangt es, dass nun auch noch der Motor ausfällt. Tun wir also der Geschichte den Gefallen….  Der Motor beginnt auf einmal zu stottern und fällt aus. Immer mehr Kraft wird in die Startversuche investiert – vergeblich. Es kommt Unruhe auf.  Hat der Motor noch Benzin? Ist die Zündkerze verrußt? Wo sind die Paddel? Noch ist das Ufer weiter entfernt. Warum fährt der Kerl auch nicht näher am Ufer statt hier in diesem diesigen Wasser-Ozean, wo man nur zum Spielball der Naturgewalten werden kann? „We are in the hands of God“, höre ich. Es wird stiller. Aber die Motoren der Bancas sind nicht nur "notorisch unzuverlässig" (4) – manchmal sind sie auch mit dem glücklichen Zufall im Bunde. Ein neuerliches Ziehen am Seil und der Motor springt zur großen Freude aller wieder an. Unser Fischerdorf kommt in Sicht und  die Banca setzt knirschend am Ufersand auf.  

Banca-Fahrten können aber auch wesentlich schöner sein. Wieder befahren wir die Ufergewässer von Bicol. Das Wasser ist ein riesiger blauer Spiegel übergossen von dem silbrig weißen Licht der Sonne. Ruhig tuckert der Motor unseres Bootes. Leichte Kräuselwellen berühren sanft die Planken des Bootes, das zielstrebig die Haut des Wassers durchschneidet. Dörfer mit Palmhütten treiben in lichtdurchströmten Buchten an uns vorbei.  Im durchsichtigen Wasser sehen wir unter uns Büschel aus Seegras und  bunte Korallenköpfe. Jetzt könnte man bis unter den Horizont fahren …  

© W. Bethge, 2006


(1)  DOCT declares a 6-month amnesty on banca registration, 02.04, 2002, in: http:// www.travelsmart.net/article/104832 

(2)   Nach den “Rules and Regulations on Motorized Boat/Banca” der Maritime Industry Authority (MARINA) von 1987 müssen Touristen-Boote nicht nur aus gutem Material, sauber und gestrichen sein. Erforderlich sind auch Gerätschaften und Vorkehrungen für die Lebensrettung und Feuerbekämpfung, Lichtsignalgeber, Abfallbehälter, eine VHF-Radio-Frequenz und zumindest zwei Bootsleute an Bord. Die Boote bedürfen der Zertifizierung und werden in einem bestimmten Turnus geprüft. Näheres unter: www.tourism.gov.ph/dot/boat_banca_rr.pdf 

(3)   Bicol Fishermen build Ferrocement Banca, in: www.dost.gov.ph/media/article.php?sid=136  

(4) Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch,1996, S. 24