Der Barong

Der Barong hat seinen Auftritt bei etwas förmlicheren Anlässen (zum Beispiel bei Hochzeiten, Gerichtsverhandlungen oder dem Nationalfeiertag) und wird dann oft zum Blickfang des westlichen Beobachters. Der denkt dann vielleicht: 

.... Etwas eigenartig – dieses Hemd, das an die Transparenz und Anmut eines zu kurz geschnittenen Negligés erinnert .... Und warum hat es der Träger nicht in die Hose gesteckt ?....

Schnell wird der Unkundige aufgeklärt: Es handelt sich um die Nationaltracht der Filipinos. Und damit sind wir wieder mitten im Thema.

Der Barong hat sich schon vor der Ankunft der Spanier aus chinesischen, malaysischen und hinduistischen Kleidungstraditionen herausentwickelt. Er ist der breiten Bevölkerung der Filipinos nicht – wie vielfach dargestellt – von den Spaniern von einem Tag auf den anderen aufoktroyiert worden, dafür war er schon in damaliger Zeit viel zu teuer. Die Spanier haben den Barong bei ihren philippinischen Bediensteten möglicherweise nur gefördert und sicherlich manchmal auch gefordert, weil er als soziales Abgrenzungsmerkmal dienen konnte und auch andere „Vorteile" bot. Da er über der Hose getragen wird, keine Taschen aufweist und zudem leicht durchsichtig ist, konnten unter ihm keine Waffen oder andere Güter versteckt werden. Dies ist die mehr anti-kolonialistische Deutung. Dass der Barong nicht in die Hose gesteckt wird, kann aber auch viel trivialer erklärt werden. Die Luft zirkuliert einfach besser. Was die fehlenden Taschen anbelangt, so meinen Spötter auf den Philippinen, dass die Filipinos zur damaligen Zeit für Taschen viel zu arm gewesen wären. Das Fehlen der Taschen kann aber auch mit mangelnder Reißfestigkeit und möglichem Herunterhängen bei der Feinheit des Materials in Verbindung stehen.

Der Barong als zunächst vielfach empfundenes Schmach- und Unterdrückungssymbol wurde jedoch im 19. Jahrhundert insbesondere von der sich ausbildenden kleinen Mittelschicht der „illustrados" zum Symbol der Eigenständigkeit und des nationalen Stolzes gegenüber der Kolonialmacht uminterpretiert und durch vielfache Stickereien und Kräuselkragen auch äußerlich aufgewertet. Die ersten philippinischen Präsidenten haben bei ihrer Berufung und Staatsakten immer den Barong getragen. Ferdinand Marcos war ein starker Fürsprecher des Barong und erklärte ihn per Dekret zur Nationalkleidung und Dienstkleidung von Regierungsangestellten. Präsident Ramos konnte 1996 im Rahmen einer APEC-Konferenz seine Kollegen einschließlich des US-Präsident Clinton davon überzeugen, einen Barong zu tragen. Ex-Präsident Estrada trug fast immer einen Barong. Von ihm gibt es kaum Aufnahmen mit klassischem Anzug, Hemd und Krawatte. Kleine Anmerkung: Die „Taschen" der Herren Marcos und Estrada werden von Regierungskommissionen ja noch immer gesucht.

Sollten Sie sich zum Kauf eines Barongs entschließen – die philippinische Regierung ist am Export stark interessiert -, so sollten Sie wissen, dass Barongs nach folgenden Merkmalen unterteilt werden können:

    nach der Art des Zuschnitts                    nach dem verarbeitetem Material

    der Grundfarbe                                        und dem Vorhandensein von Stickereien

Was den Zuschnitt anbelangt, so gibt es Barongs, die eine durchgängige oder nur halb geöffnete Knüpfleiste haben. Die meisten haben einen klassischen Spitzkragen, Seitenschlitze und Manschetten. Die historischen Rundkragen sind seltener. Barongs können halb- oder ganzarmig sein. Halbarmige, oft aus Baumwolle gefertigte Barongs ohne Stickereien – auch „Polo Barong" genannt – haben in den letzten Jahrzehnten unter jüngeren Leuten viel Zuspruch erfahren. Sie sind nicht ganz so förmlich.

Da der Seidenimport für Einheimische zunächst untersagt war, wurde das Tuch des klassischen, historischen Barong ausschließlich aus Ananasfasern gewoben („Pinya Barong"). Herangezogen zur Fasergewinnung wurden Blätter einer wilden Ananaspflanze, die in den westlichen Visayas wächst. Aus den Blättern wurden – insbesondere in der Provinz von Aklan - in mühsamer Handarbeit Fasern gezogen und diese zu Fäden verdrillt. Die Fäden wiederum wurde zu Tuchbahnen von etwa 70 cm Breite gewebt. Bei diesen Webarbeiten kommt es aufgrund der Zartheit der Fasern beim Knüpfen oft zu einem Fadenbruch, der ein nervenzehrendes Wiederverknüpfen erforderlich macht. Ein Handweber fertigt bei einem Zehnstunden-Tag etwa 25 Zentimeter pro Tag. Für das Weben des Stoffes eines Pinya-Barongs – so berichtet eine Quelle – benötige man etwa zwei Wochen. Es gab eine Zeitspanne, da die Zahl der Weber stark rückläufig war. Heute versucht man dieser Entwicklung durch eine bessere Ausbildung entgegen zu steuern. Es gibt immer wieder Versuche der stärkeren Mechanisierung der Vorgänge, die bislang scheiterten. In den späten neunziger Jahren wurden jährlich nur noch ca. 35.000 Meter reines Pinya-Tuch auf den Philippinen gefertigt. Die geringe Tuchproduktion macht Barongs aus diesem Material extrem teuer. Der „Pinya Barong" gilt als luxuriös und hat das feinste Gewebe.

Nun hat Seide ähnliche Produkteigenschaften. Auch sie ist weich, geschmeidig und weiß. Deshalb hat man etwa ab 1986 Ananasfaserfäden mit preiswerteren Seidenfäden versponnen, also ein Mischgewebe hergestellt, das den Namen „Pinya Seda" trägt. Häufig besteht so ein Tuch aus 60 Prozent Ananasfäden und 40 Prozent Seidenfäden. Ein Handweber kann jetzt viermal mehr Gewebe, etwa zwei Meter pro Tag des Mischgewebes herstellen. „Pinya Seda" liegt etwa 20 – 25 Prozent unter dem Preis eines reinen Pinya-Gewebes. Im Jahr 1999 wurden von diesem Mischgewebe schon über 83.000 Meter hergestellt.

Die Fasern der Abaca-Pflanze (Manilahanf, Bananenhanf), eine Bananenunterart mit etwas spitzeren Blättern als die klassische Bananenpflanze -, kann gleichfalls als Textilrohstoff dienen. Nachdem die Fasern aus den Blättern gezogen wurden, werden sie unter der Sonne getrocknet und erhalten so ihre weiße Farbe. Die 1 – 3 Meter langen Fasern werden dann nach Größe sortiert und mühsam miteinander verknotet und verwindet. Dann setzt die Handwebearbeit ein. Die Abaca-Fäden können ausschließlich zu Tuch gewoben werden (Abaca Pinukpok), man kann sie jedoch auch mit Baumwollfasern (Abaca Cotton) und zusätzlich mit Seide (Abaca-Cotton-Silk) verarbeiten. Ein Barong, der Abaca-Fasern als Hauptbestandteil enthält, wird auch als Jusi-Barong bezeichnet. Insbesondere der Jusi-Barong muss vorsichtig gewaschen werden. Er verträgt kein Reiben, Wringen oder Maschinenwäsche.

Auch die Ramie-Stängelfaser, gewonnen aus der Rinde eines bis zu zwei Metern hohen Brenneselstrauches, kann als Rohstoff in Betracht kommen. Die Fasern der Pflanze – auch als Chinagras bezeichnet – sind reißfest, weich, seidig glänzend und bis zu 25 cm lang. Dieser Rohstoff ist im Vergleich zur Ananas-Faser wesentlich billiger.

Die ausschließliche oder teilweise Verwendung von Baumwolle wurde schon erwähnt.

Die Grundfarbe eines Barong ist transparent-silbrig weiß, die Farbe des weißen Unterhemdes bleibt oft erkennbar. Man kann den Barong aber auch mit Naturfarben leicht einfärben. Als Farbtöne werden angeboten: gelb, beige, pink, lavendelblau, braun, hellblau, schwarz, orange oder goldfarben. Die Farbtöne können gemischt werden und unterschiedliche Intensitätsgrade aufweisen. Man gewinnt die Farben unter anderem aus der Gingerwurzel, der Rinde des Sapang Baumes, den Blättern des Talisay-Baumes oder dem Samen der Atchuete-Pflanze.

Die Stickereien („embroidery") auf dem Barong können hand- oder maschinenhergestellt sein, wobei das Strickgarn wiederum aus Ananasfasern, Seide oder Baumwolle bestehen kann. Handgefertigte Stickereien sind arbeitsintensiv und natürlich teuer – so kann ein auf der Vorderseite, Rückseite und Ärmeln prächtig bestickter Barong guter Stoffqualität durchaus vierhundert Dollar und mehr kosten. Die Strickmotive können mehrfarbig, geometrisch-abstrakt (Würfel, Vierecke, Dreiecke, Linien etc.) oder figürlich sein. Früher gab es eine Vorliebe für Blüten und Blätter, Tanzfiguren oder Kampfhähne, heute kann es aber auch eine körperlich gut entwickelte Machofigur oder ein Indianer sein. Halb zu öffnende Barongs habe auf der Vorderseite oft einen U-förmigen Verlauf der Stickereien („Pelaez-Style"). Die Strickmotive sind häufig standardisiert. Es gibt aber auch Strick-Designer, die Ihre Vorschläge – zum Beispiel Ihre Lieblingssängerin in einem Blumendekor aus Silber- und Goldfäden – umsetzen können.

Im Internet werden Barongs ab 80 Dollar aufsteigend angeboten. Die informativste Seite bietet wohl die folgende Adresse: http://www.mybarong.com

©  Wolfgang Bethge