Der tragische Kampf des Andres Bonifacio

 

Die Philippinen feierten 1997 das hundertjährige Jubiläum der Ausrufung der Unabhängigkeit ihres Landes vom spanischen Kolonialsystem. Mit Recht standen dabei die historischen Gestalten eines Rizal und des Präsidenten der ersten Republik Emilio Aguinaldo im Mittelpunkt der Würdigungen. Im Schatten der beiden stand und steht ein anderer Vorkämpfer und Protagonist der philippinischen Unabhängigkeitsbewegung, dessen Beitrag zur Unabhängigkeit Historiker teilweise schmälern und kontrovers beurteilen: Andres Bonifacio. Wer ist aber dieser Andres Bonifacio und was war sein Beitrag zur philippinischen Unabhängigkeitsbewegung ? 

Kindheit und Jugend

Bonifacio ist 1863 in Tondo (Manila) in ärmlichen Slum-Verhältnissen aufgewachsen und hat im Vergleich zu Rizal und Aguinaldo eindeutig die schlechteren  Startbedingungen. Der Vater war Bootsführer und Lastenträger, die Mutter eine Mestiza, die als Vorarbeiterin in einer Zigarettenfabrik beschäftigt war. Andrea Bonifacio hatte noch zwei Schwestern und drei Brüder, die später mit an der Seite ihres Bruders kämpften.  Er besucht nur eine einfache Grundschule. Als Autodidakt bildet er sich in der Folgezeit weiter.   

1880 stirbt die Mutter an Tuberkulose. Ein Jahr später der Vater an der selben Krankheit.  Andres ist jetzt 18 Jahre alt und muss für die Familie sorgen. Er ist zunächst Botenjunge und Straßenhändler, später Bürokraft und Verkaufsagent für eine englische Firma. Es folgt als Arbeitgeber die von Deutschen geführte Firma Carlos Fressel & Company. Hier ist er als Lagerverwalter und Außendienstmitarbeiter tätig. 

Seine erste Frau verstirbt früh an Lepra. Der Sohn in aus zweiter Ehe verstirbt noch als Kind an den Pocken. In seiner wenigen Freizeit liest er u.a. Rizals Romane und Bücher mit politischer Thematik. Im Selbststudium hatte er sich die spanische Sprache beigebracht. Bücher eröffnen ihm neue Perspektiven und bestärken ihn in seiner entschiedenen Gegnerschaft zum spanischen Kolonialsystem. „Der Funke des Aufrührerischen springt über“ (1). Der glühende Nationalist  tritt zunächst der von Rizal begründeten „Liga Filipina“ bei und begegnet auch Rizal.

Die Gründung des Katipunan-Geheimbundes

Die „Liga Filipina“, die auf friedliche Reformschritte der spanischen Kolonialherren setzt, gewinnt jedoch kaum Profil und bleibt ineffektiv. Sie löst sich nach Rizals Verbannung auf. Bonifacio gründet zusammen mit anderen Unzufriedenen 1892 die Untergrund-Bewegung der Katipunan und wird 1893 deren  Führer  („Supremo“).

 Die Katipunan – die längere Originalbezeichnung lautet übersetzt ins Deutsche: „Hohe und Respektable Vereinigung der Söhne des Volkes“ -  hat drei Grundziele:

 

a.) Loslösung  und Unabhängigkeit der Philippinen vom spanischen Kolonialreich, notfalls auch mit Waffengewalt 

b.) Mobilisierung bestimmter moralischer Tugenden und Werthaltungen wie u.a. gute Manieren und Sauberkeit verbunden mit der Ablehnung von religiösem Fanatismus und Charakterschwäche  

c.) Ausgehend von der Gleichheit der Menschen solidarisches Handeln im Falle von Not, Krankheit und Tod der Mitglieder und ihrer Familien. Diese soziale Zielsetzung ist jedoch nicht in eine ausformulierte „sozialistischen“ Ideologie eingebunden. 

 

Der Geheimbund folgt den Organisationsprinzipien von Geheimlogen, die zu dieser Zeit auf den Philippinen Fuß fassten. Er kennt eine strenge Auswahl der Mitglieder, bestimmte mit Blut besiegelte Aufnahmeriten, spezielle Kommunikationsstrukturen (Triaden-System), Chiffriersysteme, farbige Kapuzen und Flaggensymbole (2). Die Katipunan verfügte später über regierungsähnliche Strukturen mit einem Präsidenten, Ressort-Sekretären, einem Art Parlament und einem Gerichtshof, so dass manche in Bonifacio – nicht in Aguinaldo – den ersten Präsidenten der Republik sehen.  

1896 gingen die Spanier davon aus, dass die Geheimbewegung über 30.000 Mitglieder in und um Manila  zählten. Im Gegensatz zur Liga Filipina, die mehr einen Zirkel von Intellektuellen und Vermögenden darstellte, war die Katipunan eine Volksbewegung, die sich mehrheitlich aus Bauern, kleinen Gewerbetreibenden, Handwerkern und Arbeitern rekrutierte.  

Bonifacio hätte es gerne gesehen, wenn der charismatische Rizal an die Spitze der Organisation getreten wäre. Er schickt deshalb 1896 einen Vertrauten an den Verbannungsort von Rizal. Zur großen Enttäuschung von Bonifacio lehnt Rizal jedoch ab. Nicht,  weil er die Revolution als solche ablehnt. Er zweifelt  jedoch  – gestützt auf  Vorgänge in Kuba – am militärischen Erfolg einer Erhebung. Er hält bei gegebener Waffenlage und kaum vorhandenem militärstrategischem Konzept die Zeit für einen Aufstand noch nicht gekommen. Außerdem plädiert er für eine stärkere Einbindung der reichen und einflussreichen philippinischen Ober- und Mittelschicht. Um den Erfolg der Revolution nicht zu gefährden, unterdrückt Bonifacio die Weiterverbreitung der Ablehnung.   

Bonifacios Kämpfe 

Über das Spitzelnetz der Mönche erfahren die spanischen Machthaber von der für sie gefährlichen Untergrundbewegung. Als die ersten Verhaftungen erfolgen, hält Bonifacio vier Jahre nach der Gründung seines Geheimbundes den Zeitpunkt des Zuschlagens gekommen, obwohl seine bewaffneten Kräfte nur mit Bolos (Langmessern) und wenigen Gewehren ausgerüstet sind. Im August 1896 kommt es zum „Cry of Balintawak“. Unter den Rufen „Lang leben die Philippinen“ werden Steuerkarten  verrissen, um den Bruch mit der spanischen Obrigkeit augenfällig zu machen. Gleichzeitig schwört man, bis zum letzten Mann gegen die Spanier zu kämpfen. Man nähert sich mit achthundert Mann einem Munitionsdepot in San Juan, kann dieses jedoch nicht erobern, da die Spanier weitere Verteidigungskräfte heranziehen. Es kommt nachfolgend zu weiteren Scharmützeln, die aufgrund der waffentechnischen Unterlegenheit  häufig mit verlustreichen Rückzugsbewegungen der Katipuneros enden. Es erweist sich auch, dass Bonifacio kein Militärstratege ist. „Der Zorn von unten, der einen Mann wie Bonifacio erfüllte, reichte nicht aus, um eine Revolution zu entfesseln“ (5) .  

Die Spanier setzen den sich zurückziehenden Truppen von Bonifacio nach. Es kommt unter dem  spanischen Generalgouverneur Blanco zu Massenverhaftungen, Enteignungen und Exekutionen ohne rechtliches Gehör. 

Das Auftreten von Emilio Aguinaldo 

Emilio Aguinaldo (1869 – 1964), Sohn eines reicheren Bauern und Bürgermeisters in Cavite, war 1894 der Katipunan beigetreten. Sein Verhältnis zu Bonifacio war zunächst durchaus freundschaftlich. Im Gegensatz zu Bonifacio, der vom Kriegsglück verlassen ist, gelingt es ihm, in einer Reihe von erfolgreichen Kämpfen die Spanier fast vollständig von der Halbinsel Cavite zu vertreiben. Aguinaldo gilt einerseits als militärischer Haudegen mit militärischen Führungsqualitäten andererseits als taktierender Pragmatiker. Mehr und mehr wird er zur charismatischen Schlüsselfigur im Kampf gegen die Spanier, während der formale Führer der Katipunan Bonifacio in den Hintergrund rückt.  

Auf Cavite kommt es nun zum Zwist zwischen Catipuneros, die  Bonifacio beziehungsweise Aguinaldo unterstützen. Der Konflikt eskaliert, man ist nicht mehr zu gegenseitigen Hilfestellungen bereit. Die Spanier erobern Landesteile zurück. In dieser Situation nimmt Bonifacio etwas zögerlich eine Einladung von Aguinaldo wahr und begibt sich nach Cavite, um den Streit zu schlichten. Aguinaldo hat weitreichendere Pläne. Während Bonifacio an der alten Struktur des Katipunan festhält, strebt er eine Regierung nach amerikanischem Vorbild an.  Man trifft sich 1897 in Tejeros und kommt in Vorverhandlungen überein, dass die Mehrheitsentscheidungen strikt verbindlich seien. 

Die Versammlung von Tejeros 

Die Wahl birgt Überraschungen. Die Mehrheit der Katipuneros wählt Aguinaldo zum Präsidenten der neu ausgerufenen Republik. Bonifacio bietet man nur den Posten eines Innenministers an, gleichzeitig wird daran gezweifelt, ob er als Nicht-Jurist hierfür die notwendigen Qualifikationen aufweise. Bonifacio sieht sich um seine Verdienste gebracht und fühlt sich gekränkt und bitter enttäuscht. Er zweifelt die rechtmäßige Wahl an und meint, die Entscheidungen der Versammlungen annullieren zu können, während der nicht anwesende Aguinaldo einen Tag später seinen Amtseid leistet. Bonifacio kennt die neue Regierung unter Aguinaldo nicht an und beruft eine Gegenregierung.  

Verurteilung und Exekution 

Die Regierung unter Aguinaldo ordnet daraufhin die Verhaftung von Bonifacio in Limbon an. Sein Haus wird umstellt. Bei nachfolgenden Gefecht wird ein Bruder getötet, er selbst durch einen Schuss in den Arm verletzt. Auf einer Tragbahre wird er - stark geschwächt und halb verhungert -  nach Naik gebracht, wo ihm der Prozess gemacht wird. Man bezichtigt ihn des Verrats an der Revolution und unterstellt, dass er angeordnet habe, Aguinaldo zu vergiften. Bonifacio hat kaum Rechte der Selbstverteidigung und wird wie sein Bruder Procopio zum Tode verurteilt. 

Präsident Aguinaldo zögert zunächst, das Todesurteil vollstrecken zu lassen. Er plant zunächst die Verbannung von Bonifacio. Aber seine Generäle bedrängen ihn, kein Mitleid zu zeigen und im Interesse des Friedens und der Ordnung der neuen revolutionären Regierung  an der Exekution festzuhalten.  

Ein Squadron wird unter Strafandrohung bei Nichtbefolgung  mit der Exekution beauftragt. Als Bonifacio sein Ende gekommen sieht, fällt er auf die Knie und bittet um Gnade. Bei einem letzten Fluchtversuch stirbt er und sein Bruder im Kugelhagel. Die Leichname werden hastig mit Bajonetten verscharrt. Andreas Bonifacio wurde nur 34 Jahre alt. „So endete die stürmische Lebenskarriere diese großen Filipinos, dieses dynamischen Plebejers, unseres Mannes der Handlung“, formuliert in einer abschließenden Würdigung der Historiker A.M. Molina (6) .  

1918 werden die Gebeine nach längerer Suche exhumiert. Die Urne wird ins Legislative Building (heute Nationalmuseum) verbracht. Im Feuersturm der Schlacht um Manila 1945 wird das Gebäude zerstört.  Die Gebeine Bonifacios gehen dabei unter.   

Würdigung

Zwar gehört der in der amerikanischen Kolonialzeit bewusst ignorierte Bonifacio als „großer plebejischer Revolutionär“ insbesondere unter den Linken mittlerweile zum Fundus mythologischer Gestalten. Auch wurden ihm zu Ehren einzelne Denkmäler (EDSA-Shrine) errichtet und  Abbildungen auf Geldscheine und Briefmarken erinnerten an ihn. Dennoch meinen einige Historiker, dass seine Bedeutung noch nicht voll anerkannt sei. Etwas provokativ formulierte Ed Aurelio Reyes 1994:  

„Bonifacios Körper wurde am 10. Mai vor 97 Jahren getötet. Aber seine Gestalt, die Erinnerung an ihn und seine Geisteshaltung werden durch unsere Nation durch weit verbreitete Ignoranz und Apathie immer wieder aufs neue getötet“ (1)  

Auch die bekannten Historiker T. A. Agoncillo und M.C. Guerrero fordern: „Bonifacio sollte gleichberechtigt an die Seite von Rizal gestellt werden im Hinblick auf seine nationale Bedeutung“ (2)

Die unzureichende Würdigung durch die Historiker kann – ganz im Gegensatz zu dem Literaten Rizal - in dem Mangel an überlieferten persönlichen Dokumenten begründet liegen. Öffentliche Scham kann ein zweiter Faktor sein, denn Bonifacio wurde ja von den eigenen Landsleuten getötet.

© Wolfgang Bethge, 2003


(1)   Rüdiger Siebert, 3 mal Philippinen, S. 160

(2)   Siehe auch meinen Artikel: Die philippinische Flagge und Nationalhymne

(3)   Rüdiger Siebert, 3 mal Philippinen, S.162

(4)   Antonio M. Molina, The Philippines through the centuries, 1960, S. 125

(5)   in Health Alert Issue 158, May 1994

(6)   T. A. . Agoncillo / M.C. Guerrero, History of the Filipino People, Quezon City, 1987,    S. 159