Eduard Brachetto, Philippinen - Paradies im permanenten Entwicklungsnotstand, Norderstedt, 2002, ISBN: 3-0344-0167-1

Der Autor Eduard Brachetto ist 1992 im vorgerückten Alter mit seiner philippinischen Ehefrau in die Philippinen ausgewandert, kehrt aber nach sieben Jahren enttäuscht in sein Heimatland, die Schweiz, zurück. Neben den als unzulänglich empfundenen Rahmenbedingungen auf den Philippinen ist es insbesondere die subjektive Erfahrung, von seiner philippinischen Verwandtschaftsfamilie nur finanziell ausgenommen zu werden, die in zu diesem Schritt veranlassen. Fast meint man, der Autor fühlte sich auf den Philippinen verfolgt, denn "überall lauern Schlitzohren und Betrüger, die es auf den reichen Ausländer abgesehen haben" (S.29).

Das vorliegende – von einem unerbittlichen Moralisten mit westlichen Wertmaßstäben geschriebene - Buch ist eine wenig erfreuliche Generalabrechnung mit den Verhältnissen auf den Philippinen. Im Untertitel des Buches ist zwar noch von „Paradies" die Rede – allein das „Paradies" schimmert in keiner Zeile des Buches auf.

Die philippinische Gesellschaft weist nach Ansicht des Autors große moralische Defizite auf. Sie ist „beherrscht von Geldgier und Eigeninteressen und lebt vom betrügen und betrogen werden" (S. 30). Vetternwirtschaft und Sippendenken, Korruption und Amtsmissbrauch, Kriminalität und soziale Ungerechtigkeit sind ihre Bestimmungsmerkmale. Die nur vordergründig tief religiöse, dennoch „ethikarmen Wüste des Landes" (S. 93) wird von Vertretern einer skrupellosen Politikerklasse regiert, die fast ausschließlich den reichen Traditionsfamilien entstammen und reformunwillig oder – unfähig sind. Ein vom Präsidenten abhängiges Parlament, fehlende Gewaltenteilung und ein „verwildertes" Rechtsystem und eine ineffiziente Bürokratie führen den Autoren zu der Meinung, „dass die philippinische Demokratie einen schlechten Ruf hat und ihren Namen eigentlich gar nicht verdient" (S. 89). Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in der sozial zerrissenen Gesellschaft in Armut und die Wirtschaftspolitik des Landes kann der wachsenden Zahl Arbeitsloser keine Perspektiven aufzeigen.

Die Werturteile des Autors sind empirisch nur wenig abgesichert. Eine breitere und fundiertere Beweisführung ist nicht seine Sache. Schon allein das Fehlen einer Bibliografie unterstreicht dies. An Fakten ausgebreitet wird nur das, was das Negativbild der Philippinen stützt. Brachetto ist ein „Meister der Generalisierung", auch er kennt natürlich „das Wesen" der Filipinos. Fröhlich, unkompliziert und unbeschwert sind sie zum einen – andererseits trickreich, taktisch schlau mit „vorgespielter Ehrlichkeit." Der Filipino kann improvisieren, aber besitzt kein Innovationstalent bei seiner von wenig Qualitätsbewusstsein geprägten Arbeit. Brachetto kann eben auch Widersprüche auf seinen Leisten spannen.

Wird der „Wilde Westen Asiens" ausschließlich negativ gesehen? Nein, das ist nicht der Fall. Frauen machen auch hier die rühmliche Ausnahme. Sie sind „im allgemeinen viel offener, ehrlicher und zuverlässiger" (S. 75) als Männer. Sie sind das „Aushängeschild" der Philippinen.

Diese Bemerkung führt uns zum zeitgeschichtlichen Teil des Buches, bei dem insbesondere die weiblichen Präsidenten der Philippinen – Cory Aquino und Gloria Macapagal Arroyo – besser als ihre männlichen Kollegen abschneiden. (Marcos wird übrigens als „König der Diebe" tituliert). Der zeitgeschichtliche Teil ist es, der das Buch lesenswert macht. Hier bemüht sich der Autor um Fakten und kann nicht so sehr die Bewertungskeule schwingen. Der Verfasser kennt keine deutschsprachige Publikation, die bislang gescheiterten Bemühungen um eine Landreform und die Verhandlungen mit der NPA und den Moslem-Rebellen so zeitnah, facettenreich und trotzdem konzentriert darstellt.

Fügen wir abschließend hinzu, dass das Buch gut lesbar ist – auch wenn der Freund der Philippinen bei der Lektüre des Buches vermutlich Bauchgrimmen bekommt.

© Wolfgang Bethge, 2003