Josephine Bracken

  Jose Rizals letzte Lebensgefährtin -

Der philippinische Nationalheld Jose Rizal war nicht nur eine herausragender Geist, die mit hoher Intellektualität auf vielen Feldern brillierte und die philippinische Eigenständigkeit beförderte. Er war auch kommunikativ, hatte Charme und pflegte als durchaus geselliger Mensch vielfältige Kontakte. Davon war das weibliche Geschlecht nicht ausgeschlossen. Man sagt, mehr als zehn Frauen seien ihm in seinem doch kurzen Leben näher gestanden. Bei drei von ihnen - Leonor Rivera, Nelly Bousteadt und Josephine Bracken -  war eine spätere Vermählung nicht ausgeschlossen.

Streifen wir zunächst kurz die Liebesbeziehungen zu Leonor Rivera und Nelly Bousteadt, um uns dann der Hauptfigur unseres Artikels Josefina Bracken zuzuwenden. Die Person des philippinischen Nationalhelden Jose Rizal und seine politischen Verwicklungen bleiben dabei eher im Hintergrund. Bezugnahmen sind aber nichtsdestoweniger notwendig, denn das Leben der beiden ist über weitere Strecken miteinander verknüpft.  

I. Leonora Rivera und Nelly Boustead 

Der achtzehnjährige Rizal begegnet Leonora Rivera erstmals, als diese im Haus des Vaters ihren 13. Geburtstag feiert. Sie spielt Klavier und verfügt auch über eine gute Singstimme. Die beiden verlieben sich nicht nur Knall auf Fall, ihre Liebesbeziehung hält auch an.  Freilich es wird auch eine Liebe auf Distanz, denn schon zwei Jahre später tritt Rizal seine zunächst vor ihr geheim gehaltene erste Studienreise nach Europa an. Sechs Jahre werden die beiden nur noch miteinander korrespondieren, ohne sich je wieder zu sehen.  

Leonoras Mutter beginnt dann jedoch die Liebesbeziehung zu hintertreiben. Rizal ist für sie nur ein aufsässiger Illustrado. Sie fängt die  Korrespondenz der beiden mit Hilfe eines bestochenen Postbeamten ab. Jose und Leonore müssen zu der Ansicht gelangen, der eine hätte den anderen vergessen. Die Erinnerung an die erste, große Liebe ist jedoch mächtig. Man geht davon aus, hinter der Romanfigur der Maria Clara in Rizals Roman „Noli me Tangere“ Leonara steht. Mittlerweile hat Leonores Mutter auch schon einen anderen Heiratskandidaten für Leonora ausgeguckt. Es ist der englische Eisenbahn-Ingenieur Henry Kipping, den Leonora dann auch heiratet. 

Das Nachfolgende könnte einem melodramatischen Roman entnommen sein. Sie verbrennt nun alle von Rizal  erhaltenen Liebesbriefe, bewahrt aber die Asche der Briefe in einem Kästchen auf. Schon zwei Jahre nach ihrer Heirat verstirbt sie. Sie wünscht sich auf dem Todesbett, das man ihr das Kleid anzieht, in dem sie Rizal das erste Mal begegnet ist und dass auch das angesprochene Aschenkästchen mit ihr verbrannt wird.     

Die Bekanntschaft von Nellie Boustead macht Rizal, als er 1889 in der Sommerresidenz seines vermögenden Freundes E. Boustead in Biarritz an der französisch-spanischen Grenze weilt. Er hatte mittlerweile erfahren, dass seine Jugendliebe Leonora sich in Manila anderwärtig verlobt hatte. Nelli ist eine attraktive, gebildete und umschwärmte Filipina-Mestiza. Die beiden treffen sich u.a. im Atelier des bekannten philippinischen Malers Juan Luna. Als dort einmal der Bruder des Malers Antonio zweideutige Bemerkungen über Nelli macht, rastet Rizal aus und fordert Antonio zum Duell heraus. 

Dieses findet jedoch nicht statt, da Antonio sich entschuldigt. Ins Auge gefasste Heiratspläne scheitern aber daran, dass die religiös orientierte Nellie an eine Heirat die Bedingung knüpft, dass Rizal den protestantischen Glauben annimmt. Rizal, der - obwohl gottesgläubig - zu Amtskirchen immer ein gespanntes Verhältnis hatte, kann dies nicht akzeptieren. Er fürchtet zudem, dass seine Mutter, die ja zeitlebens einen bestimmenden Einfluss auf ihn hatte, ihm einen Glaubensübertritt nie verzeihen würde. Widerstände gegen eine Hochzeit kamen auch von Nellies Mutter, die fürchtete, dass Rizal ihrer Tochter nicht den gewohnten Lebensstandard bieten könne. Die beiden trennen sich, bleiben sich aber danach noch freundschaftlich verbunden.  

II. Josefina Bracken   - die „süße Fremde“ 

Fügen wir zunächst an, dass das Leben von Josefina (1876 - 1902) streckenweise etwas im Dunkeln liegt. Das gilt auch für die Beweggründe ihres Handelns. Es liegen von ihr selbst nur wenige Briefe vor. Ob die faszinierende Frau ein Tagebuch in Dapitan führte ist strittig. Aufgetaucht ist es nie. Man ist deshalb bei der Schilderung ihres Lebensweges auf Drittquellen, die sich In Ermangelung von nachweisbaren Fakten zum Teil auf Annahmen und unbelegte Spekulationen stützen, angewiesen. Der renommierte Rizal-Biograph Austin Craig schreibt in diesem Zusammenhang: „Josefina must remain a mystery to us as she was to Rizal“(1). Auch sein Kollege Ambeth R. Ocampo, für den sie auch zur philippinischen Geschichte gehört,  muss nach eigenen Recherchen resignierend feststellen: „ … we know very little about her… there are so many unanswered questions about her“(2).  

Frühe Jahre 

Josephine Bracken wurde im August 1876 als jüngstes von fünf Kindern des britischen Armee-Korporals James Brown und seiner irischstämmigen Frau Jane in Hongkong geboren. Schon wenige Tage nach der Geburt verstirbt die Mutter. Mit Zustimmung des Vaters wird sie kurz danach von ihrem Taufpaten, dem amerikanischen Pumpeningenieur Edward Taufer adoptiert. Josephine wird später sowohl ihren leiblichen Vater wie auch ihre Geschwister nicht mehr wiedersehen. Der Vater  zieht sich nach seiner Pensionierung nach Australien zurück und soll dort von Räubern später erschlagen worden sein. 

Josephine besucht für einige Jahre eine italienische Klosterschule, ohne jedoch einen höheren Schulabschluss zu erreichen. Dieser Umstand mag auch erklären, dass ihre Schrifttexte zuweilen etwas fehlerhaft sind. Als Mr. Taufer 1891 nach dem Tod seiner ersten beiden Frauen ein drittes Mal heiratet, flüchtet Josephine aus Furcht vor der neuen Stiefmutter, die sie angeblich quälte, aus dem Haus.  Für einige Wochen findet sie in der Klosterschule Zuflucht. Der Adoptivvater bittet sie jedoch, nach Hause zurückzukehren, da seine dritte Ehefrau offenbar nicht den Haushalt führen kann. Josephine behauptet sich in dem Machtkampf der beiden Frauen, sie jagt („hunt“) die dritte Ehefrau aus dem Haus. Taufer wird von Josephine stark abhängig, denn mittlerweile ist er Taufer an beiderseitigem grauem Star erkrankt, es droht die totale Erblindung. Ein Klinikaufenthalt in Japan bringt keine Besserung. Man erinnert sich in Hongkong immer noch an Jose Rizal, der hier als Augenarzt einige Zeit erfolgreich praktizierte. Der 63-jährige, mittlerweile wieder verwitwete Mr. Taufer und seine 18-jährige Pflegetochter beschließen, Rizal zu einer augenärztlichen Konsultation in Dapitan aufzusuchen.  

Die spanischen Machthaber hatten 1892 Rizal  - ohne nähere gerichtliche Überprüfung und auf unbestimmte Zeit  - wegen der Verbreitung von „aufrührerischem“ Material in die Verbannung nach Dapitan, einem Küstenort im nördlichen Mindanao, geschickt (4). Bitten um Aufhebung der Verbannung schlagen fehl. Der resignierende Rizal führt zwar eine weltweite Korrespondenz, darf persönlich aber nur von seinen weiblichen Familienmitgliedern besucht werden. 

Erster Aufenthalt am Verbannungsort Rizals in Dapitan  

Mr. Taufer taucht mit seiner Pflegetochter im Februar 1895 in Dapitan auf. Rizal operiert Mr. Taufer an den Augen, die Operation verbessert seine Sehkraft jedoch nur minimal. 

Der nun schon vier Jahre relativ einsam lebende Rizal ist auch vom Erscheinungsbild Josephines hingerissen. Vor ihm steht ein schlanker, fröhlicher Teenager mit lockigem, kastanienfarbigem Haar und verträumten blauen Augen. Längst hat es zwischen Rizal und Josephine zu „knistern“ begonnen. Aber - so warnen ihn seine Familienmitglieder - könnte Josephine nicht auch eine Spionin der spanischen Kolonialherren oder des katholischen Klerus sein? Hatte er nicht selbst schon einige Zeit zuvor Erfahrung mit einem geschickten Spion machen müssen und war nicht die zweite Begleitperson von Mr. Taufer mit einem Stiftherrn aus Manila „inoffiziell“ liniert? Rizals Schwester Maria rät ihrem Bruder sogar, die von Josephine bereiteten Speisen zunächst von einem anderen vorkosten zu lassen. 

          Federzeichnung: Jose Rizal

Rizal kann diesen Bedenken keinen Glauben schenken. Schon nach sieben Tagen Aufenthalts bitter der 35-jährige Rizal Mr. Taufer um die Hand Josephines. Mr. Taufer ist entsetzt und verzweifelt. War er nicht auf die Hilfestellungen Josephines angewiesen? War sie für ihn den nahezu Blinden nicht sein „sehendes Auge“, seine - so wiederum der oben zitierte Senator Raul Roco - „nicht ganz unschuldige Beziehung“. Er denkt an Selbstmord und will sich mit dem Rasiermesser die Pulsadern aufschneiden. Nur mit Mühe gelingt es Rizal, Mr. Taufer von seinem Vorhaben abzubringen. Um eine weitere Tragödie zu verhindern, reist Josephine noch im März 1894 mit ihrem Pflegevater nach Manila mit Ziel Hongkong zurück.  

Rizal gibt Josephine, von der nicht weiß, ob sie zurückkehren wird, das folgende Liebesgedicht mit auf den Weg:  

Für dich, der du an dieses Ufer kamst

und nach einem Nest, einem Zuhause suchtest

wie eine umherschweifende Schwalbe.

 

Wenn dich das Schicksal verschlagen sollte

nach Japan, China oder Shanghai

vergiss diese Ufer nicht

hier schlägt stark ein Herz für dich 

Rückkehr nach Dapitan 

Mr. Taufer beruhigt sich wieder und kehrt nach Hongkong zurück. Josephine, verbleibt in Manila einige Monate. Sie kann bei der Familie in Manila Logis nehmen, nachdem Rizal folgenden Empfehlungsbrief an seine Mutter geschrieben hatte:  

4. März 1985    

Meine liebe Mutter, 

Der Überbringer dieses Briefes ist Fräulein Josephine Leopoldine Taufer, die ich - deine Zustimmung vorausgesetzt natürlich - heiraten wollte. Unsere Beziehung wurde auf ihren Vorschlag hin aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten unterbrochen. Sie ist fast ganz alleine auf der Welt und hat nur sehr entfernte Verwandte. Da ich sehr an ihr interessiert bin und es sehr gut möglich ist, dass sie sich für mich entscheidet und zudem allein und verlassen da stehen könnte, bitte ich dich ihr solange Gastfreundschaft zu gewähren und sie wie eine Tochter zu behandeln, bis sie eine Gelegenheit findet hier her zu kommen. 

Behandle Fräulein Josephine als eine von mir hoch geschätzte Person. Ich möchte nicht, dass sie unbeschützt und verlassen bleibt. Dein dich liebender Sohn 

Jose Rizal 

Sie will sich bei der Familie Rizals einführen, einen guten Eindruck machen und die starken familiären Vorbehalte gegenüber ihr der „Fremden“ ausräumen. Abgesehen von Rizals Schwester wird aber zeitlebens eine kritische Distanz der Familie Rizals erhalten bleiben. Es ist insbesondere die Mutter Rizals, die Matriarchin Dona Teodora, die ihr mit kritischer Reserve begegnet. Anfang Juli 1895 ist Josephine dann wieder bei ihrem „Sweatheart“. Noch ein Jahr wird das glücklich verliebte Paar zusammen sein. Josephine führt den Haushalt, lernt einheimische Gerichte zuzubereiten, bessert Kleidungen aus und nimmt sich der Kinder der Schwester Narcissa an. Aber der Himmel über dem Nest der beiden trübt sich durch mehrere Umstände ein.  

Eintrübungen 

Beide leben im ja jetzt in wilder Ehe, im „Stand der Sünde“, für die katholische Umgebung ein Skandal. Auch die fromme Josephine leidet darunter. Deshalb sucht Rizal um eine kirchliche Trauung nach. Bei denn Kirchenoberen gilt der weitgehend passive Freimaurer Rizal, der in seinem Roman „Noli me tangere“ den Klerus - und hier insbesondere die Mönchsorden - mit Kritik nicht schonte, als Häretiker. Rizal fühlt sich stark im katholischen Glauben verankert, auch wenn er zum Beispiel den Marienkult nicht teilt. Er besucht jeden Sonntag die Messe.. Der Bischof von Cebu, der die Heirat per Sonderregelung zu bewilligen hatte, schickt Father Obach nach Dapitan. Er soll die religiösen Glaubensgrundsätze überprüfen und ihn zu einem Widerruf seiner kirchenkritischen Äußerungen bewegen. Rizal setzt einen Widerruf auf, der den Kirchenoberen in Cebu jedoch nicht genügt. Damit sie die kirchliche Heirat mit Josephine vorerst gescheitert.  

Ob die beiden sich zivil trauten, ist strittig. In der Literatur finden wird dies zum Teil bejaht, zum Teil bestritten. Wir gehen davon aus, dass dies nicht der Fall war. Zum einen führt Austin Craig (5) in diesem Zusammenhang aus, dass die spanische Gesetzgebung das Institut der Zivilehe auch auf den Philippinen prinzipiell vorsah, es wurde aber nicht praktiziert. Vermutlich hätte Rizal eine zivile Trauung nur um den Preis auch eines Widerrufs seiner politischen Ziele bewilligt bekommen. Und Josephine selbst  schreibt an einer Stelle, „ dass sie von einem Spanier gehört hätte, dass wenn sie heiraten würden, die Spanier sie von ihrem Ehegatten trennen würden“ (6). Der Historiker Craig geht auch davon aus, dass die beiden sich in Anwesenheit zweier Zeugen sich selbst getraut hätten.  

Immer wieder muss Rizal insbesondere bei seinen Geschwistern die Verbindung mit Josephine  rechtfertigen und eine bessere Behandlung Josephines anmahnen. In einem Brief vom Januar 1886 spricht er etwas kühl „von der Person, die in meinem Haus lebt“ und erklärt der Mutter in leicht patriarchalisch-autoritären Ton:  Liebe Mutter, du erhältst etwas gesalzenen Fisch, den die Person, die in meinem Haus wohnt, zubereitet hat. Sie ist gut, gehorsam und geduldig  ... Bis jetzt haben wir noch nicht gestritten. Und auch seiner Schwester Trining versichert er in einem Brief vom gleichen Monat: „Miss J. ist besser als ihr Ruf  … Was sie für mich tut, wie sie mir zuhört und folgt, das könnte keine Filipina tun … wir sind immer fröhlich und haben Spaß“.   

Aber trotz der Bemühungen von Rizal und kleiner Geschenke Josephines an die Schwestern  bleiben kräftige Spannungen zu den meisten Schwestern von Rizal. Im August 1896 schreibt sie noch immer tief gekränkt und auch verzweifelt an Rizal, der zu diesem Zeitpunkt - wie wir noch sehen werden - in Manila weilt: 

 „Oh! Mein Lieber,

… ich leide sehr unter ihnen (Anmerkung: den Geschwistern) hier in Trozo…. Sie sagen mir offen in Anwesenheit deiner Schwester Narcisa und ihrer Kinder ins Gesicht, dass ich nicht mit dir verheiratet bin … Deshalb, solltest du nach Spanien gehen und solltest du dort eine deiner Lieblinge sehe, ist es wohl besser, du heiratest ihn …  Weil sich deine Schwestern so schämen, ist es wohl besser, du heiratest jemand anderen  … .  

Das schreibt eine zur Aufopferung bereite Josephine, die Rizal in tiefer Liebe bis zu seinem Tod verbunden sein wird.  

Ein weiteres Leid wartet im März 1896 auf die schwangere Josephine. Sie erleidet im achten Monat eine Fehlgeburt, bei der der Sohn nach drei Stunden verstirbt. Die Ursache hierfür liegt im Dunklen und ist Gegenstand von Spekulationen. Es ist von einem Streich die Rede, den ihr Rizal spielte und bei dem Josephine gegen ein Eisengestell prallte. Erlinda Albino möchte auch einen Streit der beiden nicht ausschließen (7). Rizal bleibt in einem Brief vom März 1886 an seine Mutter  recht einsilbig und beschränkt sich auf die knappe Mitteilung der Fehlgeburt.  

Die Grabstelle des Sohnes, der Francisco (auch Peter) heißen sollte, ist heutzutage unbekannt, da Rizal, der sonst alles so penibel aufzeichnet, dies für die Nachwelt nicht festgehalten hat. Nicht wenige Autoren nehmen an, Rizal hätte seinen Sohn in seiner Gartenlaube, seinem bevorzugten Arbeitsplatz, begraben. Welche Motive veranlassen ihn aber später bei seinem Aufbruch nach Manila, die Gartenlaube unter dem Abspielen von Trauermusik abzubrennen? Andere unterstellen eine Bestattung „irgendwo in den Wäldern von Talisay“. Leon Ma. Guerrero hält es sogar für möglich, dass es gar keine Fehlgeburt gab, dass alles nur vorgetäuscht wurde, um das Leben des Sohnes zu retten. Hätte nicht der Sohn Schimpf und Schande erleiden müssen, als „Bastardsohn“ von Rizal - „dem Häretiker, dem vom wahren Glauben Abgefallenen, dem Exkommunizierten und Verbannten“(8)? Viele Zeitdokumente sprechen indessen gegen die doch sehr kühne Spekulation von Leon  Ma. Guerrero. Zudem ist das Bild von Rizal negativ überzeichnet. Für die sich jetzt formierende Katipunan-Bewegung, die für die Unabhängigkeit der Philippinen kämpft, ist Rizal ein Idol, auch wenn dieser - sich nicht ihren kämpferischen Zielsetzungen der Katipunan anschließt und für friedliche Reformschritte plädiert. Der enttäuschte Bonifacio hat ihn deshalb auch als Feigling tituliert.   

Die letzten Monate mit Rizal  

Da in unserem Beitrag das Leben von Josephine Bracken im Mittelpunkt steht, kann hier Rizals weiteres Schicksal  nur gestreift werden. 

Rizal leidet - trotz der Anwesenheit von Josephine und sporadischer Besuche durch Familienangehörige  - unter der Isolation seiner nun schon über vier Jahre anhaltenden Verbannung. Da macht ihn sein Freund Blumentritt in einem Brief darauf aufmerksam, dass zur Versorgung der spanischen Soldaten auf Kuba dringend Ärzte gesucht werden. Deshalb bietet Rizal dem spanischen Generalgouverneur Blanco an, freiwillig als Militärarzt nach Kuba zu gehen, wenn seine Verbannung aufgehoben wird und ihm wieder alle Freiheitsrechte wieder eingeräumt werden. Der Generalgouverneur stimmt seinem Vorhaben nach längerem Zögern zu.  

Wir wissen nicht, ob Rizals Plan auch die Zustimmung von Josephine gefunden hat. Der absehbaren jahrelangen Trennung könnten auch Beziehungskonflikte zugrunde liegen. Zumindest L. Rebomantan deutet an, dass Rizal mit Josephine vielleicht nicht mehr ganz so glücklich war (9).  

Im August 1986 trifft Rizal zusammen mit Josephine in Manila ein. Der Kreuzer Castilla soll ihn zunächst nach Spanien mit späterem Ziel Kuba bringen. Auf der Fahrt dorthin, schreibt ihm Josephine, die jetzt als Klavier- und Englischlehrerin etwas Geld verdient, im August einen herzzerreißenden Brief in etwas holprigem Englisch:  

Liebling, 

….   Ach, wie ich dich vermisse. Ich will dir immer gut und treu sein, auch zu meinen Gefährten, so dass der gute Gott dich zu mir wieder zurückbringt … Wie mir doch die Tränen in die Augen schossen, als ich von dir einige Zeilen bekam. Oft denke ich zurück an Dapitan und die alte Hütte, wo wir so viele süße Stunden verbrachten. Mein Lieber, ich liebe dich für immer und ich werde dich, du Teurer, nie verlassen. Unsere Herzen werden immer miteinander verbunden sein, nie werde ich dir auf Wiedersehen sagen.  

Deine, dir bis in den Tod treue

Josephine 

Währenddessen bricht der Katipunan-Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft los. Man bezichtigt Rizal der Rädelsführerschaft am Aufstand und verhaftet ihn noch an Bord des Kreuzes. Das Schiff bringt ihn zurück nach Manila. Dort wird er im November in den Gefängnistrakt von Fort Santiago eingewiesen. Der relativ liberale Generalgouverneur Blanco ist mittlerweile durch den rigideren Camilo de Polavieja ausgetauscht worden. Rizal wird nun ein sehr fragwürdiger und willkürlicher Prozess gemacht, der auf weitgehend falschen Anschuldigungen beruht und mit einem Todesurteil endigt. Rizals Einwurf, dass die von ihm mitbegründete Liga Filipina nur kurzlebig war und sich stets für friedliche Reformen einsetzte, bleibt unbeachtet. Der ruhig  wirkende Rizal wird in die Todeszelle gebracht, wo er sich auf seinen Tod vorbereitet.  

Hochzeit und letzte Stunden mit Rizal  

Es ist der Wunsch Rizals, sich noch unmittelbar vor seiner Exekution nach katholischem Ritus mit Josephine zu vermählen. Doch die Autoritäten der katholischen Kirche knüpfen daran eine Bedingung. Rizal soll einige frühere, als häretisch eingestufte Aussagen widerrufen. Sie schicken Jesuiten-Fraters Balaguer zu ihm in die Zelle. Er soll versuchen, ihn im Gespräch wieder auf die Linie der katholischen Amtskirche zu bringen.  Für Rizal setzen nun Stunden schwerer Gewissensüberprüfung ein. Schließlich willigt er ein. Das Dokument, dessen Original 1935 in den Archiven der Erzdiözese Manila  wieder entdeckt wurde und  von dem die Familie von Rizal keine Kopie erhielt, soll -  hier die deutsche Übersetzung -  folgenden Inhalt haben:

“Ich erkläre, Katholik zu sein und im Glauben zu leben. Von ganzem Herzen widerrufe ich all das, was in Worten, Schreiben, Publikationen und Benehmen im Widerspruch steht zu meiner Eigenschaft als Sohn der katholischen Kirche. Ich glaube und bekenne all das, was sie lehrt und ich unterwerfe mich ihren Geboten. Ich verabscheue das von der Kirche verbotene Freimaurertum, das Feind der Kirche ist. Der Diözesan-Prälat, als oberste Kirchenautorität, kann diese meine ungezwungene Erklärung veröffentlichen, um die Skandale zu heilen, die meine Handlungen herbeigeführt haben. Gott und Volk mögen mir verzeihen.“

Für die Kirchenoberen ist der Widerruf („Retraction“) ein stiller Triumph. Es gibt aber auch kirchenkritische Historiker, die die Existenz eines Widerruf  leugnen, weil er nicht zu Rizals Charakter gepasst hätte beziehungsweise darauf hinweisen, dass der Widerruf  in  einer Ausnahmesituation formuliert wurde und dass selbst Rizals Abschiedsgedicht „Mi ultimo adios“ („My last Farewell“) eine kirchenkritische Formulierung enthält:

„ Ich gehe dort hin, wo es  keine

 Sklaven, Henker und  Unterdrücker gibt

Wo Glaube nicht tötet

und der einzige, der regiert,

Gott ist.

auf Wiedersehen, süßer Fremde,

meine Freundin, meine Freunde.

Lebt wohl, ihr Geliebten.“

 

Mit der Formulierung „Süße Fremde, meine Freundin, meine Freude“ würdigt Rizal nach übereinstimmender Ansicht noch einmal Josephine Bracken. Die beiden werden am 30.12.1986, um fünf Uhr in der Frühe, zwei Stunden bevor Rizal im Kugelhagel des Exekutionskommandos den Tod findet, nach katholischem Ritus vermählt.  Eine Heiratsurkunde wird Josephine nicht ausgehändigt. Als sich Josephine in der Todeszelle von Rizal verabschiedet, soll Rizal sich an der Schulter des Fraters Balaguer ausgeweint haben, während Josephine an der Tür der Gefängniskappelle ausruft:“ Wretched! Sadists!” (Schufte! Sadisten!) (10). Man verweigert übrigens dem „Verräter“ Rizal bei seiner Exekution einen Herzschuss, er wird durch den Rücken erschossen (11). Der Familienkreis ist bei der Exekution nicht anwesend.

Katipunan-Kämpferin

Rizal hatte sich immer für längerfristige friedliche Reformschritte in Zusammenarbeit mit den spanischen Machthabern ausgesprochen. Umso erstaunlicher ist es, dass Josephine sowie ein Bruder von Rizal sich schon vier Tage nach dessen Exekution den kämpfenden Revolutionskräften der Katipunan anschließen. Über die Beweggründe lässt sich nur spekulieren: Wollte sie Vergeltung für den Tod von Rizal nehmen? War es ein echtes kämpferisches politisches Engagement und /oder Abenteuerlust? Bei der großen Mehrzahl der etwa 2000 starken Katipunan-Rebellen genießt sie als Witwe Rizals hohe Wertschätzung. Einige sehen in ihr eine Art  Joan d`Arc, die die Kämpfer zum Sieg führen wird. Reservierter begegnet ihr die Katipunan-Spitze, vertreten durch Bonifacio und Aguinaldo.  Hier hat man nicht vergessen, dass sich Rizal gegen eine Beteiligung am Aufstand ausgesprochen hatte.

Bonifacio interessiert sich vor allem für eine Kopie des Abschiedsgedichts „Mi ultimo adios“. Bei General Emilio Aguinaldo ist mehr Überzeugungsarbeit zu leisten, bis er sich etwas widerwillig entschließt, Josephine nach einem gewissen Training in der Reit- und Schießkunst den kämpfenden Truppen zuzuordnen. Sie soll nicht nur Patronen für Mauser-Gewehre nachgeladen haben. Foremann berichtet, dass sie ein Gefühl der „satisfaction“ (Genugtuung) hatte, als es ihr gelingt, bei einem bei einem Angriff der Katipunan einen spanischen Offizier zu töten (11). Sie motiviert die Revolutionskämpfer und baut später als eine Art „Florence Nightingale“ ein Feldlazarett für verwundete Katipinera-Kämpfer auf. Doch der Sieg der Katipineros bleibt aus, die spanischen Truppen obsiegen. Zum Teil barfuss mit blutenden Füssen und auf dem Rücken eines Carabaos schlägt sie sich durch Morast und Dschungel durch mehrere Provinzen nach Manila durch und wird Augenzeuge barbarischer Handlungen der siegreichen spanischen Truppen.

Als sie erfährt, dass Spanier ihr nach dem Leben trachten, ersucht sie, die Amerikanerin, auf Anraten ihres amerikanischen Konsuls, um eine Audienz beim spanischen General-Gouverneur. Folgender Dialog soll sich zwischen beiden entsponnen haben. Der Gouverneur eröffnete den Dialog mit der Frage:

„Warum sind Sie nach Imus gegangen?“

Josephine konterte daraufhin mutig mit der Gegenfrage: “Warum sind Sie dorthin gegangen?“.

„Um dort zu kämpfen“, erwiderte der Gouverneur.

 „Genau das, tat ich auch“, war Josephines Antwort.

„Werden Sie Manila verlassen“ -

„Warum sollte ich dies tun?“ -

„Die Priester werden sie verklagen. Ich habe keine Macht über sie“.

„Wofür haben wir dann einen General-Gouverneur? “, erwidert Josephine keck (11).

Der Gouverneur beendigt den Dialog. Er wird ein paar Tage später wieder aufgegriffen. Nunmehr bittet der Gouverneur sie eindringlich, das Land zu verlassen. Josephine weiß, dass auch ihr - unbeschadet von ihrer amerikanischen Staatszugehörigkeit -  die Folter drohen könnte. Im Mai 1897 kehrt sie deshalb freiwillig nach Hongkong zurück. Erbansprüche kann sie nicht geltend machen, da ein Testament von Rizal sowie eine Heiratsurkunde zumindest ihr nicht vorliegt

Hongkong und wieder zurück

Immer noch beobachtet von Agenten des spanischen Konsuls in Hongkong, findet sie zunächst bei einem früheren Freund von Rizal, Jose Ma Basa, Unterkunft. Dieser ist auch noch im Besitz der Bibliothek Rizals und hält enge, für Josephine eher ungünstige Kontakte zu der Familie Rizal auf den Philippinen. In Presseartikeln kritisiert sie die spanische Willkürherrschaft, stellt jedoch ihren neuen Namen Rizal nicht groß heraus. Josephine bleibt sie nicht lange allein. Die Pragmatikerin lernt den wenig prominenten, relativ unpolitischen philippinischen Handelskaufmann Vicente Abad kennen. Schon im Dezember 1898, also zwei Jahre nach Rizals Tod, heiraten die beiden. Ihr Weg führt sie 1901 auf die Philippinen zurück, wo Josephine u.a. kurzfristig als Englischlehrerin für den späteren Präsidenten Osmena tätig wird.

Um ihre spätere Tochter Dolores rankt sich die Spekulation, sie könnte aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer angeblichen Rizal-Ähnlichkeit eine Tochter von Rizal gewesen sein (12). Wenn aber der von Erlinda Alburo angegebene Geburtstag der Tochter - 17.04.1900 - stimmt, dann ist diese Fragestellung schlicht unsinnig. Die Tochter hat es zudem stets abgelehnt, sich als Tochter Rizals auszugeben.

1902 erkrankt Josephine und begibt sich zur Kur in ihr Geburtsland, nach Hongkong zurück. Das Sprechen fällt der an Tuberkulose Erkrankten immer schwerer. Mit nur 25 Jahren verstirbt Rizals „Schwalbe“ 15.03.1902. Da man noch immer von einer Ansteckungsgefahr ausgeht, beerdigt man sie relativ rasch und ohne große Trauergemeinde an bis heute unbekannter Stelle auf dem Happy Valley Cemetery in Hongkong.

Ihr weitläufig verwandter Biograf Macario Ofilda würdigt ihr kurzes, aber intensives Leben wie folgt:

„She has already entered into the Philippine history as a minor figure. Her association with Rizal in itself, their mutual love and what came out of this mutual love: the collaboration, the support, the encouragement, the battles, and even a still born son, placed Josephine in the map of Philippine historiography. Perhaps we can consider her as one of the unsung heroes of Philippine history“(13).     

 

© Wolfgang Bethge, 2007


(1)          Austin Craig, Lineage, Life and Labors of Jose Rizal, Philippine Patriot, in: http://www.ihaystack.com/authors/c/austin_craig/

00006867_lineage_life_and_labors_of_jos_rizal_philippine_patr/00006867_english_iso88591_p009.htm

(2)         Ambeth R. Ocampo Loves of Rizal, inq7.net, 08.04. 2207

(3)            Näheres unter W. Bethge, Rizal in der Verbannung, in: http://bethge.freepage.de/rizalinverbannung.htm

(4)            Austin Craig, Lineage, Life and Labors of Jose Rizal, Philippine Patriot, http://www.fullbooks.com/Lineage-Life-and-Labors-of-Jose-Rizal3.html

(5)            One Hundred Letters of Jose Rizal to his Parents, Brother, Sisters, Relatives (Manila: Philippine National Historical Society, 1959), 559- 563
       in: http://members.aol.com/jobelizes/myhomepage/garden.html  

(6)         Erlinda K. Alburo, Essays for the Centennial of the Revolution in Cebu, in:               http://www.members.tripod.com/rizalslifewritings/Reflections/wife.htm

(7)            Leon Ma. Guerrero, zitiert nach: http://philippinecommentary.blogspot.com/2006/06/mysterious-miscarriage-of-mrs-jose.html  

(8)            zitiert nach Erlinda K. Alburo, s. o.

(9)           zitiert nach: Antonio M. Molino; The Philippines through the Centuries, 1960, S.97

(10)        John Foremann, The Philippine Islands, 1906, Neuauflage 1980, Manila, Seite 388

(11)       Macario Ofilada, Errante Golondrina - The Life and Times of Josephine Bracken, Quezon City, 2003, S. 72

(12)       Fragestellung von : Isagani R. Medina, Josephine (Josefina) Bracken (1876-1902), in:         http://www.geocities.com/capitolhill/senate/4982/bracken.htm

(13)       Macario Ofilada, ibid, Seite 73