Kurzbiografie

Carlos Bulosan (um 1911–1956) entstammt einer verarmten bäuerlichen Familie aus der Provinz Pangasinan (Luzon). Er besucht ein paar Jahre eine amerikanisch inspirierte Highschool, die ihm insbesondere die Ideale der Gleichheit und Brüderlichkeit vermittelt. Wie seine Brüder so sucht auch der Sechzehnjährige, der kaum Englisch spricht, das „bessere Leben“ und die „unbegrenzten Möglichkeiten“ in den USA. Als er 1930 an der Westküste der USA ankommt, setzt die große Wirtschaftsdepression ein. Carlos Bulosan arbeitet in den Folgejahren recht und schlecht und für wenig Entgelt als Geschirrspüler, Erntehelfer und Arbeiter in einer Fischkonservenfabrik. Die Arbeitsplatzkonkurrenz verstärkt die rassistische Tendenzen und Diskriminierungen, unter denen die farbigen „Gastarbeiter“ desillusioniert leiden müssen. In seiner wenigen Freizeit besucht der junge Carlos öffentliche Büchereien und verschlingt die dort vorhandene Literatur förmlich ( u.a.  Whitman, Poe, Hemingway, Dreiser, Steinbeck, Karl Marx). Ab 1932 beginnt er Artikel und Gedichte zu schreiben. Er engagiert sich gewerkschaftlich und wird 1934 Herausgeber des links-radikalen Magazins „New Tide“. Die harte Arbeit und die körperlichen Entbehrungen fordern ihren Tribut. 1936 muss er wegen einer Tuberkulose-Erkrankung für zwei Jahre ein Krankenhaus aufsuchen.   

Im Verlauf des 2. Weltkrieges kommt er kurzfristig zu literarischer Prominenz. Renommierte Zeitschriften aber auch Radiostationen greifen seine Essays (z.B. “Freedom from Want) und Kurzgeschichten auf („Laughter of my Father“; „America is in the Heart“)   auf. Nach dem Krieg wird er wie viele andere wegen der antikapitalistischen Grundtendenz seiner Werke von der McCarthy-Kommision auf die Schwarze Liste gesetzt. Es geht ihm schlechter und er beginnt auch zu trinken. 1956 verstirbt er verarmt und vergessen in Seattle. Sein Freund Chris Mensalvas schrieb kurz in seiner Würdigung des Toten: 

„Carlos Bulosan, 38 Jahre alt, starb am 11.September 1956 in Seattle. Geburtsort: Philippinen; Adresse: unbekannt; Tätigkeit: Schriftsteller; Hobby: Er war bekannt für seinen Dschungel-Salat; Besitz: 1 Schreibmaschine, ein 20 Jahre alter Anzug, unfertige Manuskripte, getragene Socken; Finanzen: Keine; Begünstigter: Sein Volk“  

Der Nachruhm kommt erst später – etwa ab den sechziger Jahren. Heute ist Carlos Bulosan fast schon eine Ikone der philippinischen Literatur. Seine Gedichte und Kurzgeschichten sind in viele Sprachen – bislang nicht jedoch ins Deutsche – übersetzt worden. Eine eingehendere  Werkanalyse hat u.a. E. San Juan Jr. (1) vorgelegt.


(1)  E. San Juan Jr., Bulosan - An Introduction with Selections, Pasig City, 1983  und : "Carlos Bulosan in a Time of the Wars on Terror",  in: www.campusactivism.org/displayresource.php?giRid=367&gsPhile=bulosan_center_lecture.rtf&giPhid=533

 

Carlos Bulosan: Solange das Gras wachsen wird

Es war Mitte des Jahres, als wir Erbsen am Hang pflückten. Da wurde ich auf die Schulkinder aufmerksam, wie sie mit ihrer Lehrerin in der Sonne spielten. Ich sah sie zum ersten Mal, die junge etwa fünfundzwanzig Jahre alte Frau mit ihren braunen Haaren und ihrem weißen blau gefleckten Kleid. Der blaue Himmel schien das Weiß ihres Kleides zu absorbieren. Von meinem Standort aus erschien ihre ganze Kleidung hellblau. Die blaue Farbe der See hinter dem Schulgebäude verstärkte noch die blauen Tupfer ihres Kleides. Meine Augen kannten die hellen Farben am Hang, die gelblichen Blätter der Erbsen, die sprossenden grünen Blätter des Sommergrases, das königliche Weiß der Edelweißdecken, die großen grauen Bergen im Hintergrund und die ruhige blauen See unter einem klaren Himmel.

Ich war vor drei Monaten in Amerika – dem neuen Land – angekommen und war jetzt in dieser landwirtschaftlich geprägten Stadt, um mich Freunden anzuschließen, die Jahre zuvor die Philippinen verlassen hatten. Ich war rechtzeitig zur Ernte der Sommererbsen gekommen. Nun arbeitete ich schon über einen Monat mit einer Gruppe junger philippinischer Immigranten, die den Ernten und Jahreszeiten folgten. Abends wenn die Arbeit getan war, wir gegessen und den Dreck von unseren Körpern geschrubbt hatten, schlüpfte ich in meinen Anzug und ging mit ihnen in die Stadt, um Poolbillard zu spielen. Ich hatte schon bemerkt, dass die älteren Männer verschlafen aufs Feld kamen und den ganzen Tag über ihre Verluste und Gewinne sprachen. Sie schienen eine Gruppe von offenbar zufriedenen Arbeitern zu sein, tatsächlich aber waren sie unruhig und ohne Pläne für die Zukunft.

Dann sah ich die Kinder. Sie erinnerten mich an eine verschwundene Zeit. Für gewöhnlich hielt ich kurz in meiner Arbeit inne, um sie bei ihrem Singen, Laufen und Schreien zu beobachten. Es war vor allem ein dunkelhaariger, etwa acht Jahre alter Junge, der mich an einen Freund meiner Kindheit erinnerte. Dieser war eines gewaltsamen Todes gestorben, als ich zehn Jahre alt war. Wir waren damals an einem Nachmittag quer über die Felder gegangen, um unsere Drachen steigen zu lassen. Es war Sommer und der Wind war stark genug, um unser Spielzeug in größere Höhen zu tragen. Plötzlich mitten im Spiel riss sich ein wild gewordener Wasserbüffel von seinem Pflock und stürmte auf uns zu. Er erwischte meinen Freund und spießte ihn zu Tode. Als ich ihn am Abend noch einmal besuchte, wurde ich mir erst richtig bewusst, dass er tot war. Ich rannte aus dem Haus und versteckte mich im Hinterhof. Das Mondlicht stand wie eine silberne Säule in den Guavabäumen. Ich stand schluchzend unter einem Guavabaum und nahm den süßen Duft der Papaya-Blüten in der Luft wahr. Plötzlich setzte ein Hirtenstar-Vogel zu einem herrlichen Gesang an. Ich hörte auf zu schluchzen und hörte ihm zu. Ich fühlte mich etwas erleichtert und konnte nun akzeptieren, dass mein Freund nicht mehr lebte. Ich sammelte eine Handvoll Papaya-Blüten, kehrte ins Haus zurück und streute sie über den Sarg. Dann kehrte ich zum Guava-Hain zurück und hörte dem Gesang des Hirtenstar-Vogels zu.

So weckte - Jahre danach - der dunkelhaarige aus einem fernen Land kommende Junge in mir eine Neugierde auf das Unbekannte, die fast schon erloschen war. Eines Morgens ging ich zum Schulgebäude und hielt mich dann am Zaun auf. Die Kinder rannten auf mich zu, als ob sie mich kennen würden. Ich kann mein Gefühl nicht richtig beschreiben, das ich empfand, als sie ihre kleinen Hände mir reichten. Plötzlich sammelte ich die roten und gelben Mohnblüten, die reichlich am Hang wuchsen. Dann kam die Lehrerin von der Veranda und rief die Kinder zurück in die Klassenräume.

Ich kehrte zu meiner Arbeit zurück und beobachtete das Schulgebäude. Am frühen Nachmittag, als die Schüler schon nach Hause gegangen waren, sah ich die Lehrerin wie sie den Hang hoch kam. Sie näherte sich mir.

„Waren Sie der Junge, der heute morgen am Schulgebäude war?", fragte sie mich.

„Ja, Madam," sagte ich.

„Wie alt bist du?"

Ich sagte es ihr. Sie schaute einen Augenblick auf meine Kameraden, die mit der Arbeiten aufgehört hatten und ihr zuhörten.

„Ihr seid zu jung, um zu arbeiten,", sagte sie schließlich. „Wie weit seit ihr in der Schule gekommen?"

Ich schämte mich, es ihr zu gestehen, aber dann sagte ich:" Dritte Klasse, Madam."

„Möchtet ihr unter meiner Anleitung etwas lesen?"

„Das würde ich gerne tun," sagte ich mit weicher Stimme. Ich schaute aus den Augenwinkeln zu meinen Kameraden. Vielleicht würden sie mich verspotten, wenn sie erfahren würden, dass ich mich etwas bilden wollte. Ich hatte in der Schlafbaracke noch nie Lesestoff gesehen, außer ein paar Kino-Magazine mit Bildern mit halbnackten Frauen. „Ich würde gerne etwas lernen, Madam," sagte ich, „aber ich kann nur einige Worte lesen."

„Nun, ich werde es dich lernen," sagte sie. „Um welche Uhrzeit geht ihr nach Hause?"

„Um sechs Uhr, Madam," sagte ich.

Sie sagte," Ich werde um acht Uhr bei eurer Schlafbaracke sein. Dann habt ihr für das Abendessen und das Waschen zwei Stunden Zeit. Sag deinen Freunden, dass sie bis dahin auch fertig sein sollen."

„Ja, Madam," sagte ich. "Ich werde es ihnen sagen. Einige haben auf den Inseln die High School besucht, aber die meisten brachen schon nach den ersten Klassen ab."

„Ich werde die unterrichten, die unterrichtet werden wollen," sagte sie. „Seid pünktlich um acht Uhr bereit."

Ich beobachtete, wie sie langsam den Hügel hinunterging. Als sie die Straße am Fuß des Hügels erreichte, winkte ich ihr nach. Sie winkte zurück und ging weiter. Dann stieg sie in ihr Auto. Als sie nicht mehr zu sehen war, machte ich still mit meiner Arbeit weiter. Aber meine Kameraden verspotteten mich. Manche vermuteten eine dunkle Angelegenheit. Ich hörte mit dem Erbsenpflücken auf und blickte sie herausfordernd an. Als sie schließlich aufhörten, nach mir zu rufen, setzte ich meine Arbeit fort und dachte darüber nach, welche Bücher ich am liebsten lesen würde.

Die Lehrerin kam zur verabredeten Zeit. Sie trug eine Hose aus Samtkord und ein ungebügeltes blaues Hemd. Es war das erste Mal, dass ich eine Frau sah, die Männerkleidung trug. Ich warf immer wieder kurze Blicke auf sie, die sie jedoch nicht erwiderte. Sie hatte ein Buch mit alten Erzählungen mitgebracht und las mir langsam daraus vor. Aber ich war enttäuscht. Meine Kameraden wollten nicht mit mir lernen. Ich bemerkte, dass fünf zu Hause geblieben waren und mit Pokerkarten spielten; die anderen waren in die Stadt gegangen, um Pool-Billard zu spielen. Einer saß in der Küche. Hin und wieder unterbrach er sein Gitarrenspiel, um zu hören, was wir gerade lasen. Um zehn Uhr abends klappte die Lehrerin das Buch zu und wollte aufbrechen. Ich begleitete sie bis zur Tür und sah, dass draußen hell der Mond schien. Das Gras auf dem Hügel war schön anzusehen, die weiter entfernte See sah aus wie ein polierter Spiegel und die großen Berge am Horizont erschienen wie Burgen.

„Soll ich Sie zur Straße begleiten, Madam?", fragte ich sie.

„Nein, danke," sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich liebe es, im Mondlicht zu spazieren."

Als sie schon am Tor war, rannte ich ihr hinter her.

„Wie heißen Sie, Madam?", fragte ich.

„Helen O´Reilly," sagte sie. „ Gute Nacht."

Ich beobachtete sie, als sie wegging. Sie blieb unter den großen Eukalyptusbäumen stehen und schaute in die weite Stille. Etwas später zündete sie sich eine Zigarette an und stieg in ihren Wagen.

Nach diesem Abend kam Miss O´Reilly jeden Abend zu unserer Schlafbaracke. Sie las Erzählungen aus vergangenen Tagen und Seiten, die sich auf die Geschichte vieler Nationen bezogen. Meine Kameraden nahmen langsam am Unterricht teil und nach zwei Wochen waren es nur noch drei, die sich vom Unterricht fernhielten. Sie hatte großes Interesse am Unterricht. Nach einiger Zeit begann sie über sich selbst, die Stadt, aus der sie gekommen war und die Leute zu erzählen. Sie war in einer kleinen Stadt irgendwo im Nordwesten geboren. Sie entstammte einer armen Familie und finanzierte ihren Collegebesuch selbst. Vor dem Studienabschluss kam jedoch die Depression. Als ihr ein Lehrer-Job in einer ländlichen Gemeinde in Kalifornien angeboten wurde, sagte sie zu. Sie dachte daran, ihr Studium fortzusetzen, sobald sie genug Geld gespart hatte.

Miss O´Reilly war eine gute Lehrerin. Wir begannen ihr Erbsen und Blumen mitzugeben, die wir während der Arbeit am Hügel pflückten. Einmal dachten wir daran, ihr ein Kleid zu kaufen, aber einer der Älteren sagte, dass sei unpassend. So legten wir das Geld in einen großen Umschlag und gaben es ihr, als sie eines Abends kam. Sie wollte es nicht akzeptieren, aber wir sagten, dass es ein Zeichen der Dankbarkeit sei. Sie nahm es dann und als sie zurückkam, zeigte sie uns einen Gabardineanzug, den sie mit dem Geld gekauft hatte.

Wir waren danach alle sehr glücklich. Manchmal unterbrachen wir unser Erbsenpflücken am Hügel und überlegten, ob wir nicht zu ihren Ehren eine Party in unserer Schlafbaracke geben sollten. Aber eines Abends kam sie zu uns und erzählte, dass eine Organisation in der Stadt ihr Besuche der Schlafbaracke in Frage gestellt hätte. Sie sagte uns, wir sollten nach der Arbeit zum Schulgebäude gehen und uns dort wie normale Schüler verhalten.

Ich konnte es nicht verstehen, warum eine Organisation es ihr verbot, dort zu arbeiten, wo sie wollte. Ich war noch zu frisch von den Inseln gekommen und noch zu sehr von der Gruppe meiner philippinischen Kollegen abgeschirmt, um die Tabus des großen Landes zu kennen und die Türen, die sich für uns schlossen. Aber ich ging jeden Abend zum Schulgebäude und begann kurze Sätze an die Tafel zu schreiben. Ich stand da und schaute aus dem Fenster. Ich sah die ruhige See und den weiten klaren Himmel. Plötzlich schrieb ich ein Gedicht über das, was ich draußen in der Nacht sah. Miss O´Reilly begann zu lachen, weil alle meine Zeilen nicht korrekt waren. Die Worte passten nicht und waren falsch geschrieben.

„Nein, nein," sagte Miss O´Reilly hinter meinem Rücken, „es ist noch zu früh für dich, Gedichte zu schreiben. Wir kommen später darauf zurück."

Ich wurde rot.

„Was hat dich dazu veranlasst?", fragte sie mich.

„Ich weiß es nicht, Miss O´Reilly," sagte ich.

„Hast du zuvor schon Gedichte gelesen?"

„Nein, Miss O´Reilly," sagte ich. „Ich weiß gar nicht, was Dichtung ist."

Sie schaute mich zweifelnd an. Dann ging sie zum Tisch und begann aus der Bibel vorzulesen. Es war das Lied Salomons. Ich liebte die reiche Sprache, die wunderbare Bilderwelt und die tiefe Leidenschaft des alten Mannes für junge Frauen und die Weinberge.

„Das ist die weltweit beste Poesie," sagte Miss O´Reilly als sie das Kapitel beendete. „Ich möchte, dass ihr euch das merkt. Es gab mal eine Zeit, da konnten die Menschen wirklich tief lieben und waren vor der Liebe nicht ängstlich."

Ich war von den Liedern sehr gerührt. Ich dachte an die Reben der Erbsen am Hügel und die ruhige blaue See in der Nähe. Und dann sagte ich zu mir selbst : Eines Tages werde ich in meinen Gedanken an diesen Platz und in diese Zeit zurückkehren und über Sie schreiben, Miss O´Reilly. Was wird das für eine Freude sein, wenn ich mit einem Buch in den Händen zurückkomme, das alles aufgreift, was wir heute Abend fühlen!

Miss O´Reilly schob an diesem Abend die Bibel in meine Tasche. Ich lese immer wieder. Ich las auch alle Schulbücher. Der Gedanke, dass wenn ich genug Geld gespart hätte, ich in einer anderen Stadt zur Schule gehen könnte, war einfach wunderbar. Wir hatten noch Erbsen zu pflücken und danach die Tomaten auf der anderen Seite des Hügels.

Dann teilte uns Miss O´Reilly mit, dass die Schulleitung verboten hätte, abends das Gebäude zu nutzen. Das galt uns natürlich. Miss O´Reilly hat es uns so natürlich nicht gesagt, aber einige meiner Kollegen wussten, dass wir den eigentlichen Grund darstellten. Sie lud uns ein, zu ihrer Unterkunft zu gehen. Aber nur wenige gingen.

„Es soll einer soll nach dem anderen im Dunklen kommen," riet sie uns. „Und geht die Treppen leise nach oben."

„In Ordnung, Miss O´Reilly," sagte ich.

So gingen wir nachts zu ihrem Raum, dort lasen wir leise. Sie sagte uns, dass eine alte kranke Frau im Haus sei. Eines Nachts klopfte ein Mann an die Tür und bat sie für einen Augenblick in den Flur zu treten. Als Miss O´Reilly in den Raum zurückkam, sah ich, dass sie beunruhigt war. Sie schaute mütterlich auf uns und dann mit einem vergebenden Blick zum Flur. Wir nahmen das Lesen wieder auf. Als wir wieder aufbrachen, bat uns Miss O´Reilly, nicht über den Vorfall nachzudenken.

Ich ging wieder die darauf folgende Nacht zu ihr. Aber ich war alleine. Meine Kollegen blieben dem Unterricht fern. Miss O´Reilly schien mir etwas sagen zu wollen, aber sie ließ es. Ich vergaß ihr Unbehagen, als wir uns gegenseitig etwas vorlasen. Aber als ich sie verließ und sie mich zur Tür begleitete, drehte sie sich plötzlich herum und rannte in ihr Zimmer. Ich dachte, sie hätte vergessen, mir etwas mit zu geben. Aber als die Lichter ausgingen ging ich meines Wegs.

Ich war gerade zwei Häuserblöcke weiter gegangen, als sich mir vier Männer in der dunklen Straße näherten. Zwei davon packten mich und stießen mich in ein Auto. Dann fuhren sie mich um weitere Häuserblöcke, steuerten auf ein Mohrrübenfeld zu und hielten unter einem großen Wassertank. Sie stiegen aus dem Wagen und begannen mich zu schlagen.

Ich versuchte mich zu verteidigen, aber es waren zu viele. Da sah ich eine Gelegenheit zum Weglaufen. Aber ein Mann sprang schnell ins Auto und setzte mir nach. Ich fiel zu Boden als das Auto mir einen Schlag versetzte. Alle kamen hinzu und begannen mich wieder zu schlagen. Ich konnte nicht mehr zurückschlagen. Ich rollte mich auf meinen Bauch, als sie mir Fußtritte verabreichten. Kurz bevor ich mein Bewusstsein verlor, verspürte ich einen harten Stiefelabsatz am Hinterkopf. Dann verschwand alles in Dunkelheit.

Es war schon nach Mitternacht, als ich meine Sinne wieder verspürte. Die Nacht war so klar wie der Tag. Ich wusste zunächst nicht, wo ich mich befand. Für einen Augenblick sah ich einen träge hängenden Vollmond. Ich öffnete die verschwollenen Augen ein wenig und sah wie die goldenen Strahlen einiger Sterne in der Tiefe des Himmels erschienen. Langsam erkannte ich, was geschehen war. Und dann, als ich alles verstanden hatte, rollten Tränen von meinen Backen und fielen auf die kalten Mohrrübenblätter unter meinem Kopf.

Es war die letzte Warnung. Als ich unsere Schlafbaracke erreichte, waren meine Kollegen schon in der Küche versammelt und lasen ein eine hastig geschriebene Nachricht, die in dieser Nacht in den Hof geworfen wurde. Die Männer, die mich geschlagen hatten, waren, als sie mit mir durch waren, zur Schlafbaracke gefahren.

Einer der älteren Männer, die schon dunklere Zeiten in diesem Land erlebt hatten, nahm mich am Arm, führte mich leise aus dem Haus und sagte: „Ich hätte dir diese Dinge schon früher sagen können. Aber ich stellte fest, dass du dich weiterbilden wolltest. Ich bewundere deinen Mut und deinen Ehrgeiz. Darf ich dir die Hand schütteln?"

Ich nahm seine Hand und sagte „Danke".

„Einige Menschen sind gut, aber andere sind schlecht," wiederholte er. "Aber weder findet sich alles Übel in der einen, noch alles Gute in der anderen Rasse. Es gibt das Übel in jeder Rasse, aber es gibt auch das Gute in jeder Rasse. Und die Güte gehört zur ganzen menschlichen Rasse."

Dann erfuhr ich, warum Miss O´Reilly zu unserer Schlafbaracke gekommen war und uns dort lehrte. Aber ich ging eine Woche lang nicht zur ihrer Wohnung, weil ich ängstlich war. Als meine Druckstellen ausgeheilt waren, ging ich in die Stadt. Aber das Zimmer von Miss O´Reilly war verschlossen und dunkel. Ich dachte, sie wäre ins Kino gegangen und wartete die ganze Nacht.

Aber sie kam weder diese noch die nachfolgenden Nächte. Dann erfuhr ich, dass sie in ein anderes Haus gezogen sei und ich sah sie auch am Tag im Schulhof. Manchmal hielt sie inne und winkte mir mit den Händen. Ich winkte zurück. Das ging Tage so und dann war sie verschwunden.

Ich habe mich oft gefragt, was mit ihr geschah. Ein anderer Lehrer nahm ihre Stelle ein. Aber er nahm keine Notiz von uns. So gingen wir abends und in unserer Freizeit in getrennten Gruppen in die Stadt, um unsere Lehrerin zu suchen. Aber wir fanden sie nicht. Wir schlossen unsere Erbsenpflückarbeiten ab und zogen hinüber auf die andere Seite des Hügels, um Tomaten zu ernten. Hin und wieder hörten wir kurz mit unserer Arbeit auf, um das Schulgebäude zu beobachten. Aber Miss O´Reilly kam nicht wieder zurück. Eines Tages im Juni wurde die Schultür geschlossen und wir sahen, wie die Kinder langsam nach Hause gingen. Ein weiteres Schuljahr war zu Ende gegangen, aber für mich war es der Beginn des zweiten Jahres meines Aufenthaltes im neuen Land.

Eines Tages gegen Ende der Tomatensaison erschien Miss O´Reilly. Sie sah etwas dünner aus. Ich bemerkte eine Narbe an ihrem Handgelenk.

„Ich war für eine Weile im Krankenhaus," grüßte sie uns. "Ich war krank."

„Sie hätte uns das wissen lassen müsse," sagte ich. "Wir hätte ihnen dann ein paar Blumen vom Hügel geschickt."

„Das höre ich gerne," sagte sie zu mir. „Aber jetzt gehe ich weg. Ich ziehe in die Großstadt."

„Werden Sie eines Tages zurückkommen, Miss O´Reilly?", fragte ich.

„Ich hoffe es", sagte sie. „Aber wenn du in die Großstadt kommst, versuche mich zu finden. Ich glaube, ich werde dort eine längere Zeit sein."

„Werden Sie an einer anderen Schule lehren?"

„Ich weiß es nicht," sagte sie. „Aber ich versuche eine Anstellung zu finden. Es muss doch irgendwo eine freie Stelle geben," und dann legte sie freundlich ihre Hand auf meinen Kopf und sagte „Ich werde solange das Gras wachsen wird, Leute wie dich unterrichten, damit sie Dinge verstehen."

Das klang wie ein Lied. Ich wusste damals nicht, was sie meinte, aber die Worte folgten mir Jahre nach. An diesem Abend gaben wir Miss O´Reilly eine Party in unserer Baracke. Wir grillten ein Schwein am offenen Herd. Die Männer holten ihre Musikinstrumente heraus und spielten die ganze Nacht. Der Mond stand hoch im Himmel und die See war ruhig wie immer. Die großen Berge waren noch immer da; über ihnen streuten die Sterne Licht auf die Welt da unten. Das Gras am Hügel fing den Morgentau ein. Und dann brachten wir Miss O´Reilly zu ihrem Wagen und sagten ihr Lebewohl.

Ich wollte weinen. Zärtlich legte sie ihre Hand auf meinen Kopf.

„Vergiss nicht," sagte sie, „Wenn du in du in die Großstadt kommst, dann versuche mich zu finden. Und jetzt allen eine Gute Nacht."

Und sie fuhr weg. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Kurz danach verließ ich diese Stadt und arbeitete später in vielen Großstädten. Ich hätte gerne für eine längere Zeit in einer Stadt gearbeitet, aber wenn die Blätter der Bäume fielen, dann zog ich es vor, meinen Koffer zupacken und in eine andere Stadt zu fahren. Schnell gingen die Jahre vorbei.

Eines Morgens stellte ich fest, dass ich schon zwanzig Jahre von zu Hause weg war. Aber wo war „zu Hause"? Ich sah auf den Hügeln und Feldern das Gras eines anderen Frühlings wachsen. Und mir kam der Gedanke, dass ich Miss O´Reilly die ganze Zeit bei mir gehabt hatte. Da in den weiten Feldern und grünenden Hügeln Amerikas, meiner Heimat.


Übersetzung Wolfgang Bethge mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers

Aus: E.San Juan Jr., Bulosan – An Introduction with Selections, 1983, S. 97 ff