Das Inselchen Calauit – ein Stückchen transplantiertes Afrika

 

Es war wohl mehr eine Schnapsidee, die Ex-Präsident Marcos 1976 bewog, 104 afrikanische Savannentiere per Schiff auf eine kleine abgeschlossene Insel im Norden Palawans zu verbringen. Die offizielle Begründung für diesen etwas surrealen Tiertransport gab sich tierfreundlich – der damalige Präsident von Kenia Kenyatta hätte ihn angesichts von „Krieg und Dürre“ um ein Asyl für Tiere gebeten.

Die Beweggründe für die Deportation der Tiere liegen im Dunklen, aber es bleibt festzuhalten, dass es zu Zeiten des Besuchs von Marcos in Kenia keine kriegerischen Aussandersetzungen gab. Plausibler scheint ein anderes Argument zu sein. Sowohl Ferdinand Marcos als auch sein Sohn Bong-Bong liebten die Jagd. Die Philippinen jedoch bieten dem Großwildjäger in dieser Hinsicht jedoch nicht allzu viel Getier. Wäre es deshalb nicht von Vorteil – so die Überlegungen der Regierungsspitze - ein eigenes abgehobenes Jagdrevier mit extra importiertem Großwild zu etablieren?

Gesagt - getan. Von der Lage und einigen situativen Bedingungen her bot sich das zu Palawan gehörige - nördlich der Insel Busuanga gelegene – 3700 Hektar umfassende Inselchen Calauit an. Die hügelige Insel wies Grasebenen sowie Bambushaine auf und war von einem bereiten Mangrovegürtel eingesäumt. 37 Quadratkilometer – das entspricht etwa der Bodenfläche des Kantons Basel Stadt – sind für die Steppentiere gewiss kein weitläufiges Gelände. Doch warum sich mit Problemen beschäftigen, die möglicherweise erst später auftreten?

Die Biologen schüttelten zwar den Kopf – aber alles fügte sich dem Plan. Jedoch da war ja noch circa 200 Familien des alteingesessenen Stammes der Tagbanuas auf der Insel. Ihnen bot man als Kompensation für den Gebietsverlust auf der Heimatinsel im Austausch Land auf der vierzig Kilometer entfernten Insel Halsey an. Einige Bewohner stimmten dem Gebietsaustausch wohl zu. Andere akzeptierten bescheidene Geldsummen, die sie später von Regierungsvertretern nicht erhalten haben wollen. Nicht wenige wurden mit Waffengewalt auf die neue Insel Halsey verbracht. Präsidentendekret 1578 erklärte Ende August 1976 dann die Insel Calauit zum Naturschutzgebiet. Neuansiedlungen wurden illegal.

Es wird nun endlich Zeit, dazustellen, zu welchen Arten die 141 importierten Tiere aus Afrika gehörten. Es waren ausschließlich Weidetiere. Hier eine kurze Auflistung:

-         12 Busch- und 12 Wasserböcke

-         15 Giraffen und 15 Zebras

-         11 Gazellen

-        18 Impala-, 11 Elan- und 10 Topi-Antilopen

Größere Raubtiere wie Löwen standen nicht auf der Liste, diese hätten ja den relativ kleinen Bestand an Weidetieren in relativ kurzer Zeit dezimiert und ausgelöscht.

Bis zum Sturz von Marcos im Jahre 1986 hört man dann wenig von der Insel. Bekannt wurde aber, dass der Sohn von Präsident Marcos mindestens zweimal mit dem Hubschrauber auf der Insel landete, um dort wilde Eber zu schießen. Manchen galt die Insel als ein Symbol für die Extravaganzen der Familie Marcos und der sie umgebenden Cronies. Nach dem Sturz von Marcos kursierte auch der Witz, dass es nun keinen schnell laufenden Bock auf Calauit mehr gäbe.

2004 - knapp dreißig Jahre nach ihrer Einsetzung – kommt es zu einer neuen Bestandszählung. Man stellt fest, dass sich der Tierbestand im Durchschnitt vervierfacht hat. Die Zahl der Wasserböcke hatte sich von zwölf auf stolze 148 Stück erhöht, die Anzahl der Giraffen war nur langsam von 15 auf 26 Tiere gestiegen. Topi-Antilopen und Gazellen konnten nicht mehr gesichtet werden. Man erklärt sich das Verschwinden dieser Tiere unter anderem mit länger anhaltender Dürre. Die Insel verfügt im Sommer nur über einen spärlich fließenden Wasserlauf (1). Illegale Wilderei war ein weiterer schwerwiegender Erklärungsgrund.

Die Bestandszählung zeigt aber auch noch ein anderes Ergebnis. Man hatte sich auf der Insel schon seit den frühen achtziger Jahren auch um den Schutz einheimischer, vom Aussterben bedrohter Tiere gekümmert. Man zählt unter anderem(1):

-        1048 „Calamian Deers“ – die Hirsche dieser nur auf Palawan vorkommenden Rehart haben eine Schulterhöhe von nur 60-65 cm  

-         51 freilebende „Mouse Deers“ – sie sind die kleinsten paarhufigen Säugetiere und haben nur eine Schulterhöhe von 40 cm. Von der Größe erinnern sie an eine Hauskatze, das Gesicht wirkt mausartig. 

-        6 Bärenkatzen – sie ähneln mit ihrem schwarzen, dichten Fell und ihrer Körperlänge von 60 – 90 cm  an Kleinbären oder Katzen, sind aber mit diesen Tieren nicht verwandt. Der Schwanz der Tiere ist fast so lang wie der übrige Körper. Sie ernähren sich nachts vorwiegend von Früchten. 

-         5 Philippinen-Krokodile und 

-        2 Stachelschweine  

Die Insel ist auch Heimat des Pfauenfasans und der gleichfalls seltenen Bartschweine. Im Küstengewässer finden sich Dugongs (Seekühe) und Riesenmuscheln von bis zu einem knappen Meter Durchmesser.

Leider gibt es – außer den hier wieder gegebenen Daten aus dem Jahr 2004 -offenbar keine aktuelleren Daten zu den beiden Tiergruppen afrikanischen beziehungsweise endogenen Ursprungs. Es findet sich nur ein - nicht besonders gut abgesicherten - Hinweis, dass sich die Zahl der Tiere afrikanischen Ursprungs mittlerweile auf etwa 6000 Stück weiter erhöht habe.

Schon seit geraumer Zeit ist die Insel mit auch für Besucher geöffnet. Die Zahl der registrierten Besucher hielt sich aber in vergangenen Jahren sehr in Grenzen. So bewegte sich die Zahl der Besucher zwischen 2001 und 2004 nur zwischen 2200 und 2500 Personen(1).

Der relativ schwache Besuch erklärt sich zu größeren Teilen sicherlich mit der entlegenen Lage der Insel Calauit. Man muss zunächst einmal Busanga Island erreichen und in der Stadt Coron beim PCSD-Office ein Eintrittsticket erwerben. Von dort aus kann man mit einem Pumpboat zur Insel fahren oder man besteigt einen Jeepney, der einen in 2-3 Stunden an den Norden der Insel bringt. Nach etwa zehnminütiger Banca-Fahrt ist man auf der Insel.

Mit einem umgebauten, schon sehr in die Jahre gekommenen Oldtimer-LKW kann man dann für ein paar Dollar auf Safaritour gehen und sich an den in den Savannen grasenden, an Tamarindenbäumen kauenden oder in der Mittagshitze unter Baumkronen dösenden Tieren erfreuen.

Erwartungsgemäß finden die Giraffen besonderen Zuspruch. Einige haben Kosenamen wie zum Beispiel „Joseph Estrada“, „Jinggoy Estrada“ oder „Luli Arroyo“. Die Giraffe „Eva“ soll die zutraulichste sein. Das wenige Bewachungs- und Pflegepersonal, das sich auch um Zuchtstationen kümmert, klagte in der Vergangenheit unter schleppender Bezahlung und soll auch schon gegen Entgelt illegale Abschüsse geduldet haben. Wilderei ist überhaupt ein Problem, da die Insel mit dem Boot schnell erreichbar ist. Wir kommen auf dieses Thema gleich zurück.

Die größte Gefahr für den Tierbestand der Insel geht seit 1986 von illegal Zurückkehrenden aus. Mindestens 51 der ursprünglich 256 Familien – das sind rund 20 % - sind mit mindestens 492 Familienmitgliedern auf die Insel zurückgekehrt und beharren auf ihrem ursprüngliches Aufenthaltsrecht (2). Von einem weiteren Zustrom illegaler Squatter ist auszugehen.

Wie stellt sich die neue Situation den Parkverantwortlichen dar? Sie sind der Ansicht, die meisten Squatter zerstörten bewusst das Naturreservat.

„Sie haben zwei Topi-Gazellen getötet, spießten einen seltenen Hirsch, brannten 120 Hektar Waldfläche ab, um darauf Reis zu pflanzen. Zwei Giraffen werden vermisst und sind vermutlich verspeist worden … Es gibt Wilderei in großem Ausmaß … Die Siedler haben Schweine und Carabous mit Parasitenbefall auf die Insel gebracht. Mindestens 18 Giraffen sind durch die scharfen Bambuszäune verletzt worden, die die Siedler um ihre Gärten errichtet haben (3) .

Die Schutzparkverantwortlichen der „Conservation and Resources Management Foundation“, die wiederum der Provinzverwaltung von Palawan untersteht, haben schon Hütten abbrennen lassen und die Wärter stärker, aber immer noch  unzureichend bewaffnet. Diese Maßnahmen erwiesen sich jedoch bislang als nicht effektiv.

Die Gegenseite der Siedler hat sich unter anderem in der „Back to Calauit Movement“ (BCM) organisiert und schart sich um ihren Führer, den Tierarzt Dr. Llado. Welche Argumente hören wir in Bezug auf die Tiere von dieser Seite?

Dr. Llado äußert: „Die Tiere leiden unter Inzucht und haben die Biodiversität der Insel zerstört“. Er bezieht sich weiter auf die Ausrottung von Heilpflanzen aber dann insbesondere auf die Vernichtung von Mangroven durch die Tiere. So sei die Uferlinie teilweise um mehr als drei Meter zurückgegangen. Der Vorsitzende der National Commission on Indigenous Peoples (NCIP), Ensigne erklärt sehr  dediziert: „Diese Tiere sind grundsätzlich kontinentale Tiere und nicht für diese Insel geeignet“ (4)

Wie stellen sich die Vertreter der Rücksiedler eine Lösung der Probleme dar, die die Tiere afrikanischen Ursprungs offensichtlich schaffen? Sie stehen dem Gedanken einer Koexistenz mit den Tieren grundsätzlich positiv gegenüber. Ihr Preis ist aber hoch. Sie fordern eine starke Reduzierung der Weidetiere. Die weiteren Vorschläge sind etwas wolkig und unausgegoren. Man könne vielleicht einen Teil der Tiere farmmäßig halten oder auch an Zoos verkaufen. Der Zoo in Manila dürfte jedoch wegen seiner Platzenge dafür aber kaum in Betracht kommen.

Inwieweit der Bestand der Tiere gehalten werden kann, ist ganz entscheidend davon abhängig, ob und inwieweit Gerichte den ehemaligen Siedler Eigentumstitel wieder zuerkennen. Die Siedlerseite betont nochmals die gewaltsame Vertreibung. Stellvertretend sei hier nochmals Dr. Llado zitiert:

Ich war noch ein kleiner Junge, als ich sah, wie mein Großvater durch Soldaten mit dem Gewehrkolben geschlagen wurde, nachdem er sich geweigert hatte, Geld für das Verlassen der Insel anzunehmen. Wir wurden gezwungen, die Insel in Richtung Culion zu verlassen. Meine Großmutter starb dort. Schmutzig und arm mussten wir sie in einem Stück Tuch beerdigen" (4)

Die Entscheidung über mögliche Eigentumstitel ist noch beim Obersten Gerichtshof der Philippinen anhängig. Die National Commission on Indigenous People (NCIP) hat den Siedler zwar grundsätzlich ein Anrecht auf Titel zugestanden. Aber die Regierungsverantwortlichen in Palawan, die an einer Tourismusförderung stark interessiert sind, betreiben aus Sicht der Siedler eine Art Blockadepolitik. Sie verweisen auf frühere Abtretungserklärungen, auf offene Fragen der Interessenvertretung und verlangen noch weitere Abklärungen. Da die Mühlen der Justiz auf den Philippinen bekanntermaßen sehr langsam laufen, dürfte sich eine Gebietsentscheidung noch weiter hinauszögern.

Es bleibt zu hoffen, dass es zu einer „Win-Win“-Lösung kommt, die dem Bevölkerungsdruck einerseits, den Naturschutzinteressen andererseits hinreichend Rechnung trägt. 

© Wolfgang Bethge, 2010


(1) Calauit Game Preserve and Wildlife Sanctuary, in:  http://www.pcsd.ph/accomplishment/CGPWS04.HTM

(2) Williams L. R. Oliver, Philippines spotted Dear Conservation Program, in: Mainland Asia News

(3) Bob Drogin, Animal Island' Fights to Survive, 1989, in: http://articles.latimes.com/1989-11-24/news/mn-184_1_wildlife-sanctuary

(4) Redempto Anda, Banished Tagbanuas reclaim Calauit, Philippine Daily Inquirer, in:  http://newsinfo.inquirer.net/inquirerheadlines/nation/view/20100306-256931/Banished-Tagbanuas-reclaim-Calauit