Das Carabao (Sumpfbüffel) - Farmer´s Best friend

Die Abenddämmerung hat aus dem Barangay Glut und Hektik genommen. Die scharfen Konturen des Tages beginnen langsam ins Grün-Schwärzliche zu verfließen. Und da sieht man sie wieder: Die schiefergrauen Wasserbüffel, wie sie friedfertig am sumpfigen Ufergebiet grasen. Ein Tier - auf dem Rücken steht ein kleiner Junge - gesellt sich in wiegendem Schritt langsam der Gruppe zu. Gemächlich senkt es beim Hinlegen die Vorderhand, um sich anschließend hinten nieder zu setzen. Vögel fliegen hinzu und beginnen mit der Insektensuche auf dem Körper der Tiere. Einige Büffel wälzen sich im Schlamm. Von anderen sieht man fast nur die Schnauze im Wasser, es sind nun die  "caraboa fishes".

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Welchem Besucher des ländlichen Philippinen hat sich nicht schon dieses Bild vermittelt? Sicher, das Bild ist, da Wasserbüffel in ganz Südostasien anzutreffen sind, nicht ganz so landestypisch wie das des Jeepneys. Aber Carabaos gehören mit zum Grundinventar der Philippinen. Auf den Uniformen der philippinischen Pfadfinder ist der Kopf eines Carabaos abgebildet und 1993 wurde das Tier in eine Briefmarkenserie mit aufgenommen. Doch was weiß die Literatur zu diesem Landesvertreter?

Die Zahl der schon vor fünf Jahrtausenden domestizierten Wasserbüffel wird weltweit auf über 170 Millionen geschätzt. Wildlebende Rassen - wie der kleinschultrige Tamarao auf Mindoro - sind teilweise selten geworden und vom Aussterben bedroht. Das Hauptverbreitungsgebiet des insgesamt 74 Rassen zählenden Wasserbüffels ist mit 97 % Asien (1). Aber auch Italien zählte vor einigen Jahren etwa 83.000 Tiere, deren Milch vornehmlich zur Herstellung der Büffel-Mozarella verwandt wird.  

I. Zur Biologie

Grob kann man zwischen Fluss- und Sumpfbüffeln unterscheiden. Der insbesondere in Indien anzutreffende Flussbüffel ist vor allem Milch- und Fleischlieferant. Er ist auf den Philippinen seltener anzutreffen. Hier überwiegt bei weitem der Sumpfbüffel, das  Carabao (Tagalog: „Kalabaw“). Es wird vor allem als Arbeitstier eingesetzt. Wir kommen auf diesen Punkt zurück. 

Das Carabao  weist als ausgewachsenes Tier eine Körperlänge von zweieinhalb bis drei Meter auf, seine Schulterhöhe wird mit 150-180 Zentimeter angegeben. Das Gewicht des Stiers beträgt zwischen 400 und 800 kg, das der Kuh zwischen 350 und 600 kg.

Der Körper hat einen tonnigen Rumpf, der auf relativ kurzen Beinen aufsitzt. Der Kopf ist im Vergleich zum europäischen Rind länger und schmäler und weist einen Haarschopf und relativ kleine Ohren auf.  Die im Querschnitt dreieckigen flachen Hörner gehen wie eine halbmondförmige Sichel nach hinten und können – insbesondere bei Stieren - eine Länge von einem Meter erreichen. Der Hals hängt herab. Der relativ kurze Schwanz setzt tief an. Große, auseinander gespreizte Hufe erleichtern den Gang im sumpfigen Gelände.

Die Hautfarbe des Wasserbüffels ist zumeist schiefergrau bis schwarz, gelegentlich geht sie ins Bräunliche über. Die Haut weist an einzelnen Stellen spärliches langes, graues oder schwarzes Haar auf und ist glänzend. Da die Haut nur über ein Sechstel der Scheißdrüsen europäischer Rinderrassen verfügt, ist das Carabao auf Wassernähe angewiesen. Im Wasser oder im Schlamm kann sich das Tier abkühlen und sich vor blutsaugenden Insekten schützen. Es wird berichtet, dass Carabaos bei anstrengender Feldarbeit etwa alle zwei Stunden ein Bad nehmen müssen. Wasserbüffel sind auch gegen Kälte empfindlich. Sie ernähren sich vor allem von Gräser und vorhandener Ufervegetation. Auch ballastreichere Pflanzen gehören zum Nahrungsprogramm.

Die Kühe bringen nach der relativ langen Tragezeit von knapp einem Jahr ihre Kälber zur Welt. Es wird annähernd ein Jahr gesäugt. Man geht davon aus, dass weibliche Kühe normalerweise neun bis zehn Stillperioden in ihrem Leben haben können. Carabaos haben unter den gegenwärtig vorliegenden Haltungsbedingungen auf den Philippinen infolge von Infektionskrankheiten und Parasitenbefall eine höhere Todesrate. Vereinzelt werden sie bis zu dreißig Jahre alt.  

II. Das Carabao als Zugtier

Man schätzt die Zahl der Carabaos auf den Philippinen gegenwärtig auf ca. 3,3 Millionen Tiere. Zu 98 % sind ländliche Kleinbauern die Halter. Die Zahl der Tiere  ist in den letzten Jahren weitgehend konstant geblieben. Mit nur 3.3 Millionen Tieren ist man weit von der – insbesondere aus Rohstoffgründen – gesetzten volkswirtschaftlichen Zielmarke von 17 Millionen Tieren entfernt.  Nur 0,1 % der Tiere werden auf speziellen Farmen in der Herde zum Zwecke der Milch- oder Fleischproduktion gehalten (2).

Insbesondere kleinere, noch nicht künstlich bewässerte, vielleicht auch schwieriger zu erreichende Reisfelder sind das Haupteinsatzgebiet für das Carabao. Hier verrichtet das Tier geduldig Pflug- und Zugarbeiten. Die gespreizten Hufe lockern bei vorhergehender Bewässerung das Erdreich vor dem Pflanzen der Reissetzlinge auf. Selbst in der Hand von Kindern gelten Hausbüffel als meist ruhig, sanftmütig und leicht lenkbar. Natürlich kann man Carabaos auch vor einen Karren oder Schlitten spannen und damit zum Markt fahren.  

III. Ersatz durch Kleintraktoren?

Es gibt auch in der philippinischen Landwirtschaft einen Modernisierungstrend. Nicht wenige Carabaos sind in der jüngeren Vergangenheit durch Traktoren ersetzt worden. Die vorliegenden Zahlen weisen eine größere Schwankungsbreite aus, aber man geht davon aus, dass im Falle von künstlich bewässerten  Reisfeldern das Carabao zu 15 - 60 % durch einen Traktor ersetzt wurde. Bei lediglich von Regenwasser bewässerten Reisfeldern liegt die Substitutionsrate vergleichsweise nur bei bescheidenen 3 – 5 % (3).

Der leichte Negativtrend könnte sich aber angesichts der gestiegenen und vermutlich weiter steigenden Benzinpreise wieder umkehren. In einem Bericht vom Juni 2008 findet sich für einen Bauern in der Laguna Province folgende Vergleichsrechnung.

-    Kosten für die Miete eines Traktors auf einer 3 Hektar-Farm 50.000 PHP für eine Pflanzsaison  + gestiegene Benzinkosten

-    Kosten für den Ankauf eines Carabaos, das fünf Jahre oder zehn Pflanzperioden eingesetzt werden kann 25.000 PHP bei keinen oder geringen Fütterungskosten (4).

Die Preise für Carabaos sollen wegen der stärkeren Nachfrage einerseits, Nachzuchtproblemen andererseits 2008 im Anstieg begriffen sein. Es gibt stärkere regionale Preisschwankungen. Im Internet fanden sich aktuell folgende Preisangaben zur Groborientierung: Kälber: 7-10.000 PHP; ausgewachsene Tiere je nach Körpergewicht: 12.000 – 40.000 PHP. Eine kurzfristige Erhöhung der Zahl der Carabao-Kälber stößt u.a. wegen dem Mangel an gutem Samenmaterial, der Schwierigkeit der Feststellung  der Brünstigkeit der Kühe und der längeren Tragezeit der Muttertiere,  auf Grenzen.  

IV. Carabaos als Milch- und Fleischlieferanten

Die Milch der Carabaos ist mit 7- 8 Prozent fettreicher als die der europäischen Rinderarten. Auch der Proteingehalt liegt vergleichsweise höher. Dies hat zur Folge. dass man bei der Produktion von Käse nur etwas mehr als die Hälfte der Milch aufwenden muss, die europäische Rinderrassen  benötigen. Die Milchproduktion beläuft sich aber beim Carabao – und das ist die Crux - nur auf eins bis zwei Liter pro Tag. Die indischen Vettern – die Flusswasserbüffel der Murrahart - bringen es immerhin auf durchschnittlich sechs bis sieben Liter pro Tag. Eine europäische Hochleistungskuh kann aber bis zu 50 Liter pro Tag produzieren.  Büffelmilch ist übrigens weißer als die europäischer Rinder, weil ihr das Karotin fehlt. Der Marktanteil der Büffelmilch an der weltweiten Gesamtmilchproduktion lag 2004 bei zwölf Prozent bei wachsender Tendenz (1).

Auf den Philippinen verwendet man die Milch vornehmlich zur Herstellung von Butter, Butterfett, Hart- und Weichkäse, Yoghurts, Eiscremes und Kondensmilch. Bekannt sind der „Kesong Puti“ (Weißkäse) und die „Pastillas de Leche“ (Milchbonbons).

Auch das Fleisch des Wasserbüffels hat gegenüber dem des Rindes gewisse Vorzüge. Es weist zwölf Prozent weniger Fett, 55 Prozent weniger Kalorien aber zehn bis dreißig Prozent mehr Eiweiß auf (5). Das muskelreiche Carabaofleisch schmort beim Braten  weniger zusammen. Es ist billiger als Rindfleisch. Wenn es auf den Philippinen als sehr zäh erachtet wird, so liegt dies auch darin begründet, dass auf den Philippinen vornehmlich das Fleisch alter, abgearbeiteter Tiere auf den Markt kommt. Das Fleisch junger, gut genährter Tiere gilt nach Expertenmeinung als zart und bekömmlich.  Aus der Haut des Rindes wird auch hochwertiges Leder gewonnen.

 

V. Der Angebots-Engpass auf den Philippinen

Nun könnte man annehmen, dass aufgrund der in der Bevölkerung weit verbreiteten Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) mit den damit einhergehenden negativen Folgeerscheinungen von Durchfall und Blähungen, es bestünde keine stärkere Nachfrage nach Milchprodukten. Dem ist aber nicht so. Das Land muss – auch um den Eiweißbedarf zu befriedigen -  kräftig importieren.  

Anfang 2007 schätze man, dass im Land nur 26.170 Tiere ausschließlich zum Zweck der Milchproduktion gehalten werden, davon stellten die Wasserbüffel  - neben Rindern und Ziegen – nur etwa die Hälfte. Die im Inland produzierte Milchmenge von nur   12.870 Tonnen beträgt weniger als ein Prozent der Bedarfsmenge, die durch Importe aufgefüllt werden muss. Milchprodukte stehen unter den importierten Agrarerzeugnissen mit 1,5 Millionen Tonnen an zweiter Stelle. Der Wert der 2007 importierten Milchprodukte wird auf über 475 Millionen US$ geschätzt. Die Hauptlieferländer waren Neuseeland (40 %), Australien (21 Prozent) und die Vereinigten Staaten (19 Prozent).

Etwas besser sieht die Situation bei der inländischen Fleischproduktion aus. Etwa sieben Prozent – oder 214.000 Tiere – der insgesamt 3,2 Millionen im Land lebenden Carabaos wurden 2003 zur Schlachtbank geführt. Die produzierten 76.500.000 Tonnen entsprachen knapp 50 Prozent der Verzehrmenge. Wiederum mussten Importe aus dem Ausland  die Bedarfslücke schließen (5).  

VI. Auf der Suche nach dem „Super-Carabao“

Wasserbüffel gelten noch als relativ ursprüngliche Tiere mit stärkerem Entwicklungspotenzial. Die Tiere haben nach der Expertenansicht noch längst nicht die Leistungsstufe eines Holstein- oder Jersey-Rindes erreicht.

Schon unter der Regierung von Präsident Estrada war man sich bewusst, dass die einheimische Carabao-Zucht stärker zu fördern ist. Man beschloss deshalb 1989 das „Carabao Act“ und mit ihm die Gründung des das Philippine Carabao Center (PCC). Das PCC hat einige erfolgreiche Kreuzungsversuche insbesondere mit dem indischen Murrah-Wasserbüffel unternommen und es sollen bereits Herden von gekreuzten Tieren auf Weiden stehen.

Die Ziele waren und sind aber noch weiter gesteckt. Man will ein „Super-Carabao“ durch Cloning kreieren und hat zum Zweck der Zellgewinnung u.a. 3.500 bulgarische Murrah Büffel importiert. Bisher waren die Cloning-Experimente allerdings wenig erfolgreich. Die Embryos verstarben früh und auch in der weiteren Zukunft rechnet man damit, dass ihre Überlebensrate kaum über fünf Prozent liegt (6)

VII. Von der angeblichen Doofheit des Carabaos

Wir hatten schon von der generellen Friedfertigkeit und relativ leichten Führbarkeit von Caraboas gesprochen. Man assoziiert mit ihm aber auch eine gewisse Unbeholfenheit, auch Dümmlichkeit.

Auf den Philippinen kennt man das „Carabao-English“, ein etwas stümperhaftes  Filipino-Englisch, das stark mit Worten und Begrifflichkeiten der bäuerlichen Sprachen durchsetzt ist. Von dem früheren Präsidenten Joseph Estrada wird behauptet, er hätte oft nur ein Carabao-Englisch gesprochen.

In dem Märchen „The Carabao and the Shell“ lässt sich ein Carabao mit einer Flussmuschel auf eine Wette ein, wer von beiden wohl der Schnellere sei. „Du bist doch sehr langsam“, meint das Carabao. „Nein, ich schlage dich im Rennen“, entgegnet die Muschel. Das Rennen beginnt. Als das Carabao schon leicht erschöpft am Ziel ankommt, ruft es: “Muschel, wo bist du?“ – „Hier bin ich schon“, kommt als Gegenantwort. Das Carabao nimmt jedoch nicht wahr, dass die Antwort von einer anderen Flussmuschel kommt. Das Spielchen wiederholt sich immer wieder. Das Carabao kann das Rätsel nicht auflösen. Fest davon überzeugt, dass es das schnellere Tier sein müsse, rennt sich das Carabao schließlich zu Tode.

Die beiden Hinweise können jedoch kaum als seriöser Beleg für eine schwächere – schwächer in Bezug auf was? - Intelligenzleistung gelten. 

VIII. Würdigung

Der Tierschutzgedanke hat sich auf den Philippinen noch nicht im erwünschten Maße entwickelt. Das Carabao macht hiervon jedoch eine bemerkenswerte Ausnahme. Ihm kommt im Regelfall eine außerordentlich hohe Wertschätzung zu. Bauern können ein Carabao wie ein Familienmitglied behandeln.

Carabao-Festivals gibt es auf den Philippinen allenthalben. In Putilan (Balucan Province)  feiert man am 14. Mai ein Fest zu Ehren des Heiligen Isidro Labrador, dem Schutzheiligen der Bauern. Die Legende berichtet, dass ein Engel dem Heiligen, als er noch ein landloser Bauernknecht war, bei der Feldarbeit behilflich war. Carabaos spielen bei diesem Fest eine maßgebliche Rolle. Vor der Parade werden die Carabaos gewaschen, geölt und gekämmt. Um Hörner und Hals werden Blumengirlanden und bunte Bänder gelegt. Nach dem Anspannen der Karren trotten Hunderte von Carabaos mit ihren Familien zur Kirche. Einigen Tieren wurde beigebracht, kurz vor der Kirche auf ihren Knien zu rutschen. Möglicherweise memorieren sie auf ihrem Weg das ihnen zugedachte "Carabao Prayer":  

  "To thee, my Master, I offer my Prayer. Feed me and care for me, and when the days work is done, provide me with shelter. Give me clean water often and a place with cool water to soak in. Save me by all means in your power from that fatal disease rinder pest, and from other disease that afflict my kind...... And finally, O my master, never sell my to a cruel owner, to be worked and starved to death; and if, My Master, you wish to take my life do so in the kindest way, and your God will reward you here and after. Amen." 

© Wolfgang Bethge, 2008

 

(1)   Introduction to dairy buffolo production, in: http://www.delaval.com/Dairy_Knowledge/EfficientBuffalo/default.htm

(2)   Philippine Dairy and Products Annual 2007.mht

(3)   http://maidon.pcarrd.dost.gov.ph/cin/rin/carabao.htm

(4)   PHILIPPINES: Farmers go low-tech as fuel prices soar, http://www.irinnews.org/report.aspx?ReportID=78810

(5)   http:// maidon.pcarrd.dost.gov.ph/cin/rin/carabao.htm

(6)   Jeanette Andrade, Cloning the Carabao, inquirer. net, 08.04.2008

(7)   Mabel Cook Cole, Philippine Folk Tales, The Carabao and the Shell, S. 89, Honolulu, 200