Der chinesische Friedhof  in Manila ("Chinese Cemetary")

 

Die Fürsorge für die Familie hat für viele Chinesen auch einen starken Vergangenheitsbezug insofern, als auch die verstorbenen Familienmitglieder in sie einbezogen sind. Diese den Tod überschreitende Rückorientierung und Wertschätzung bezeichnet man auch als Ahnenkult oder Ahnenverehrung.  

Die Beerdigungsriten, die aus einer Fusion buddhistischer, konfuzianischer und taoistischer Rituale hervor gegangen sind, nehmen die meisten chinesischstämmigen Familien sehr ernst. Ein unpassender Beerdigungsritus, das Vergessen des Toten kann – da der Geist des Ahnen durchaus noch über Autorität verfügt - Krankheit, Unglück und Elend über die hinterbliebene Familie bringen. Andererseits kann der Geist auch die Familie schützen und den Lauf der Dinge positiv gestalten, wenn man ihn durch Opfergaben, Demutsgesten, Sühne und Bittgebete günstig stimmt. Gefühle der Furcht und der Verehrung bestimmen viele hinterbliebene Familienangehörige. 

Auf dem Hintergrund dieser Glaubenssätze versteht man vielleicht auch den relativen Aufwand, den viele Chinesen – insbesondere auch in Manila - mit Bestattungen betreiben. Man will den Toten ehren und – kleiner diesseitiger  Nebenzweck – vielleicht auch den sozialen Status der Familie demonstrieren. Der Bestattungsaufwand ist hoch, variiert aber durchaus und ist unter anderem abhängig vom Alter, dem Geschlecht, dem Familienstand  und seinem sozioökonomischen Status des Verstorbenen. Es gibt eine Art Rangordnung auch in  der äußerlichen Ehrbezeugung, an deren Spitze der Familienpatriarch steht. Es folgen nach dem traditionell-konservativen Ritus Frauen, Unverheiratete und Kinder.   

Chinesische Friedhöfe beeindrucken immer, auch wenn die Einstufung zur touristischen Sehenswürdigkeit und dem damit verbundenen Gaffertum von der chinesischen Gemeinde in der Regel abgelehnt wird. Der chinesische Friedhof von Manila mit seinen einzigartigen und prächtigen Grabstätten und Mausoleen gilt manchen als der wohl auffälligste, auch weil er zu den angrenzenden Slumgebieten von Santa Cruz  in starkem Kontrast steht. Man erreicht die etwa fünf Kilometer vom Zentrum liegende „Totenstadt“ am besten mit Taxi oder nimmt Light Rail Transit (LRT) und steigt aus an der Haltestelle Jose Abad Santos aus. Nach einigen Minuten Fußweg erreicht man dann über das Südtor das große, sanft ansteigende Areal. 

Der Friedhof wurde um 1850  in der spanischen  Kolonialzeit von dem hohen Regierungsbeamten Lim Ong und Tan Quien Sien gegründet. Gedacht war der Friedhof für die Toten, deren Gebeine nicht zum chinesischen Festland gebracht werden konnten. Die Gründung war auch deshalb erforderlich, weil die katholische Kirche Nichtkonvertierten die Aufnahme in katholische Friedhöfe verwehrte. Mittlerweile ist der Chinesische Friedhof auch in der philippinischen Geschichte verankert, weil sich auf seinem Gelände auch die Gräber von chinesischstämmigen Widerstandskämpfern befinden, die von den Japanern im zweiten Weltkrieg exekutiert wurden.  Er steht heute für Chinesen aller sozialen Klassen und Religionszugehörigkeiten offen. Es ist also durchaus möglich, dass man auf einzelnen Grabstellen neben chinesischen Drachen und Schlangen Marienbilder und Statuen von Maria findet.  

Der Friedhof umfasst 54 Hektar. 54 Hektar – der Vergleich mag unpassend sein, kann aber die Größe veranschaulichen – entsprechen ca. 50 großen Fußballfeldern. Eine Außenmauermauer, die am Fuß des Hügels die stolze Höhe von zehn Metern erreicht und mit Stacheldraht gesichert ist, begrenzt den Friedhof. Die umlaufende Mauer, Eingangskontrolleure, Grabpfleger und vereinzelt auch Wachhunde in größeren Mausoleen sollen vor unerwünschten Leichenschmausgästen aber auch vor kriminellen Übergriffen schützen, was jedoch nur bedingt gelingt. In der Außenmauer befinden sich auch ca. 10.000 schlichte Grabnischen beziehungsweise Schubfachgräber von Toten, deren Familien weniger vermögend oder arm waren. Bei begrenztem Raumangebot dürften auch auf dem Chinese Cemetery in Manila – wie in Japan, Hongkong oder Formosa – die Grabkosten für die „besseren“ Areale rasant in die Höhe geschossen sein. Vielerorts werden die raumsparenden Urnenbestattungen bereits kräftig subventioniert. Und weil gleich von viel Luxus die Rede sein wird - der Friedhof kennt natürlich auch Teile mit den tristen Plattengrüften, wie man sie allerorten auf den Philippinen findet. 

Befestigte Straßen mit festen Adressen strukturieren das Terrain. Neben dem Tempel befindet sich das dreistöckige Krematorium, in dem insbesondere die Gebeine der Toten eingeäschert werden, deren Asche ins Mutterland China zurück gebracht werden.  

Die extravagantesten, zum Teil zweistöckigen Grabmausoleen und Grabtempel finden sich in der  Millionaire´s Row und den Little Beverly Hills. Einige sollen mehr als eine halbe Million Dollar gekostet haben und werden vielleicht auch deshalb rund um die Uhr bewacht. Briefkästen, Radio- und Fernsehantennen gehören noch zum schlichteren Inventar. Weiteren praktischen Nutzen für die Besucher und die wenigen ständigen Bewohner liefern Elektroanschlüsse, Kalt- und Warmwasserversorgung, Klimaanlagen, Küchen, Bäder und Kühlschränke. Prächtiger ausgestattete Grabvillen können über gepflegte Gärten mit Koi-Karpfchenteich oder Swimmingpool verfügen. Wendeltreppen führen zu Balkons im zweiten Stock. Häufig sind Boden, Wände und Decken mit feinem Marmor ausgelegt. Ein Mausoleum ist ganz aus rostfreiem Stahl gefertigt. Buntglasfenster, Goldblattverzierungen, Kristallleuchter oder chinesische Statuen und Bilder sind weitere schmückende Elemente. Im Mittelpunkt stehen natürlich die Sakopharge der Verstorbenen. Meistens sind es zwei Grabstätten, über ihnen befinden sich häufig größere Porträts der Toten. Rote Schilder verweisen auf reservierte Grabplätze.  

Der Beerdigungsritus variiert je nach taoistischer, konfuzianischer, buddhistischer oder katholischer Glaubensausrichtung stärker.  Traditionell wird jedoch davon ausgegangen, dass die Seele des Verstorbenen 49 Tage eine Prüfung durchläuft, bis sie ins Jenseits eingeht. Für diese letzte Reise muss sie auch materiell-symbolisch gerüstet sein. Die „Reiseunterstützung“ der Hinterbliebenen kann sehr unterschiedlich sein. Oft handelt es sich um papierene Objekte, die im Rahmen der Bestattung verbrannt werden. Solche Objekte können sein:  

       •  ein Haus aus Papier, in dem die Seele des Verstorbenen kurzfristig

         verweilen  kann

       Papiergeld („spirit money“/ „prayer money“)

       • oder ein aus Papier gefertigtes Schiff oder Flugzeug 

Manchmal werden auch Toilettengegenstände – wie Handtuch, Kamm und Zahnpasta – und abgestellte Schuhe als hilfreiche Reiseutensilien erachtet. Die Toten sind in der Regel voll bekleidet. Über den Körper können Steppdecken gelegt sein. Die Hände des Toten halten ein Taschentuch oder einen Fächer. Der Sarg ist so gestellt, dass die Füße zum Ausgang zeigen.   

Die Trauerveranstaltung dauert bis zu zwei Stunden.  Die Frauen tragen in der Regel eine weiß-gelbe Trauerbekleidung, während den Männer eine dunkle Kleidung empfohlen wird. Ein Priester kann mit Glockenklang die Lebensgeschichte des Verstorbenen und seiner Familie zitieren. Während der Trauerveranstaltet werden Kerzen angezündet und Weihrauch verbrannt. Die Trauermusik muss nicht zwangsläufig dem Repertoire der klassischen chinesischen Musik mit Gong-, Flöten- oder Trompetenbegleitung entliehen sein, es wurden auch schon Musikstücke zeitgenössischer Unterhaltungskomponisten von der Beerdigungskapelle aufgeführt. Das Entzünden von Feuerwerkskörpern soll die bösen Geister einschüchtern. Die Blumengebinde bestehen häufig aus weißen oder gelben Chrysanthemen. Unakzeptabel sind Blumen mit Dornen, zum Beispiel rote Rosen. Manchmal wird ein Bestattungsgeld an die Familie des Hinterbliebenen gegeben. Dafür erhalten die Beerdigungsteilnehmer ein kleines Päckchen (li-see)  mit Bonbons und einen roten Briefumschlag mit Geld. Der Genuss der Bonbons soll den Trauerschmerz lindern. Das Geld sollte an andere weiter gegeben werden. Die Trauergäste wenden sich ab, wenn der Sarg abgesenkt wird.  

Nach der Beerdigung findet ein fünfgängiger Leichenschmaus statt, bei dem oft die Lieblingsgerichte des Verstorbenen serviert werden. Häufig wird ein Platz mit Besteck für den Toten frei gehalten. In manchen Familien herrscht der Glaube, dass die Seele des Toten sieben Tage nach dem Tod ins Haus kurz zurückkehrt. An diesem Tag sollte die Familie das Haus nicht verlassen. Die offizielle Trauerzeit beträgt einen Monat, manchmal auch einhundert Tage. In der Literatur findet sich auch der Hinweis, dass eine Trauerzeit für Kinder nicht erwartet wird. Während der Trauerzeit wird ein farbiges Band am Ärmel getragen. 

© Wolfgang Bethge, 2003