Von Tausend- und Hundertfüsslern auf den Philippinen

 Zum Stamm der Gliederfüßer (Arthopoden) gehören neben den Klassen der Insekten, Spinnen und Krebsen u.a. auch die Klassen der Tausendfüßer (Diplopoda oder Millipedes) und Hundertfüßer (Chilopoda oder Centipedes). Einige Arten sind auch in Häusern und Gärten der gemäßigten Klimazonen von Europa und Amerika anzutreffen. Hauptverbreitungsgebiet mit der größten anzutreffenden Artenvielheit sind jedoch die tropischen Zonen und damit auch die Philippinen

Wer sich erstmals länger im Land befindet, dem bleiben Begegnungen mit den vorwiegend bräunlich-schwärzlichen Gesellen in der Regel nicht erspart. Die meisten Hundert- und Tausendfüßler sind jedoch für den  Menschen harmlos. Wegen ihres nicht unbedingt preiswürdigen Aussehens taugen sie allemal nur für psychotische Ekel- oder Fluchtreaktionen. Es gibt jedoch einige Arten bei denen Vorsicht geboten ist, weil die Begegnung mit ihnen sehr schmerzhafte Reaktionen auslösen kann. 

Tausendfüßer

Wenden wir uns zunächst der harmloseren Klasse der Tausendfüßer zu. Um es vorweg zu sagen – 1000 Füße, wie es der Name andeutet, hat keine der weltweit vorhandenen ca. 11.000 Arten. Die Zahl der Beinpaare schwankt je nach Art zwischen  9 und 340. Die meisten Tausendfüssler haben weniger als 50 Beinpaare. Ihre ausgewachsene Körpergröße pendelt zwischen 0,2 und 37 cm. Allerdings hat man in Thüringen auch schon einen vor 296 Millionen Jahren lebenden Riesentausendfüßler gefunden, der über zwei Meter (!) lang war.  

Der zylindrische Körper weist einen mehr oder weniger stark segmentierten Schutzmantel aus Chitin mit Kalkeinlagerungen auf. Wichtig ist – und hier liegt das Unterscheidungsmerkmal zur Klasse der Hundertfüßer – die Körpersegmente  haben bis auf wenige Ausnahmen (Kopfsegment) jeweils zwei Beinpaare. Man hat bei einzelnen Arten eine Maximallebensdauer von sieben Jahren festgestellt, noch länger kann sich die ausgetrocknete Chitinschicht toter Tiere erhalten. Der Kopf verfügt über zwei Punktaugen und zwei kurze Fühler. Zwischen den Körpersegmenten liegen Drüsen, die ein unangenehm riechendes Sekret bei Gefahr aussondern. Es wird der Rat gegeben, nach Kontakt mit einem Tausendfüßer sich möglichst die Hände zu waschen. Das Sekret sollte möglichst nicht in die Augen gelangen.  

Tausendfüßer bewegen sich wellenförmig fort. In der Regel bewegen sich wechselseitig nicht mehr als drei Beinpaare – die Zahl der vom Hirn zu steuernden aktuellen Bewegungsimpulse ist also eher gering – nur der Ablauf muss stimmen. Die Bewegung langsam. Bei Gefahr rollen sich Tausendfüßer gerne zu einer Spirale oder Kugel zusammen, um insbesondere die Kopfpartie zu schützen.  

Zwar sind Tausendfüßer vorwiegend bräunlich. Aber Gaulke führt zu den 54 auf den Philippinen bekannten Tausendfüßerarten aus, dass sie von Insel zu Insel doch Farbunterschiede aufwiesen. So fände sich auf Luzon eine Tausendfüßerart mit leuchtend gelben Beinen und rotem Panzer. Am augenfälligsten ist die in ganz Südostasien anzutreffende Gattung Spirobolus, die bis zu 30 cm lang und über 1cm dick sein kann. Im Übrigen seien sie häufig anzutreffen.“ Sie bewohnen den Boden fast jeden Waldes auf den Philippinen, egal ob Primär- oder Sekundärwald, wo sie sich dicht zusammengerollt in großer Zahl unter Laub- und Totholz verbergen, aber auch tagsüber aktiv sind “(1).     

Damit ist schon angedeutet, dass Tausendfüßer sich primär von zersetzendem Pflanzenmaterial und organischen Abfällen an möglichst dunklen und feuchten Orten ernähren. Tausendfüßer sind ausdauernde Liebhaber. Bei der Paarung können sich Männchen und Weibchen oft stundenlang umschlingen. Noch ist noch nicht bekannt geworden, dass Tausendfüßer zu potenzsteigernden Mitteln verarbeitet worden wären. Möglicherweise ist dies den Stinkdrüsen geschuldet. Die Weibchen können artspezifisch bis zu 300 Eier legen.  

Manchmal dringen Tausendfüßer ins Haus ein und suchen hier insbesondere feuchte, dunkle mit organischem Material versehene Orte auf. Eine größere Gefahr stellen sie jedoch nicht dar – vielleicht aber ein Ärgernis. Zerdrückt man sie am Boden, erweisen sich die zurückbleibenden Flecken als relativ resistent.   

Hundertfüßer  

Auch bei den wesentlich aktiveren Hundertfüßern (Centipedes – Tagalog: Alupihan), von denen rund 2700 Arten weltweit bekannt sind, stimmt der Name nicht ganz. Die Zahl der etwas hakenartigen Beine, auf denen sie sich relativ schnell bewegen, liegt je nach Art zwischen 14 und 191 (Gonibregmatus plurimipes, Vorkommen auf den Fiji-Inseln im Pazifik) Beinpaaren. Die Körpergröße kann zwischen 2,5  und 30 cm pendeln. Das Farbspektrum ist etwas größer: Man berichtet von gelblichen, orangenfarbigen, dunkel- und rötlich-braunen Hautfärbungen. Querstreifen können hinzukommen. Der gleichfalls stark segmentierte Körper ist im Vergleich zum Tausendfüßler flacher ausgebildet.  Wichtiges Abgrenzungsmerkmal ist, dass bei Hundertfüßern nur ein Beinpaar pro Segment anzutreffen ist.  

Der markantere Kopf verfügt über ein Paar längere, gleichfalls gegliederte Antennen. Der Oberkiefer ist kräftig bezahnt. Das vordere, sehr gelenkige Beinpaar hinter dem Kopf ist zu kräftigen zangenartigen Giftklauen ausgebildet. Sie sondern im Verteidigungs- und Angriffsfall ein betäubendes Gift ab. Hundertfüßer sind keine Vegetarier, ihre Beutetiere sind vor allem Insekten und Würmer in feuchten, dunklen Habitaten. Das hintere Beinpaar dient bei manchen Arten zum Festhalten der Beute.  

Hundertfüßer können zu Kanabalismus neigen. Ist das der Grund, dass bei einigen Arten die Begattung ohne gegenseitige Berührung abläuft? Das Weibchen nimmt in diesen Fällen nur ein Samenpaket auf, das das Männchen zuvor abgelegt hat. Es gibt Arten die Eier legen, andere Arten gebären lebendige Larven. Die Junglarven haben – insbesondere im Falle der Haus-Centipeden – zunächst nur vier Beinpaare, mit jeder Häutung erhöht sich die Zahl der Beinpaare. Hundertfüßer können bis zu sechs Jahre alt werden.  

Auf den Philippinen sind etwa 44 Hundertfußarten bekannt. Hier sei nur die relativ scheue, langbeinige Haus-Centipede (Scutigerida) und die größere Scolopendria-Arten vorgestellt. Die lichtscheue Haus-Centipede lebt normalerweise außerhalb von Wohngebäuden, sie kann jedoch in diese eindringen. Sie ist auch in Europa und Amerika heimisch. und erreicht eine Körperlänge von etwa 2,5 cm. Die Hautfärbung ist grau-gelb. Es sind wohl insbesondere die 15 Paar längere Beine, die Angst einflößen können. Sie erlauben eine hohe Laufgeschwindigkeit, die von „unerklärlichen“ Pausen unterbrochen wird. Mit den langen Beinen kann sie auch Wände hinauf klettern oder sich in abgelegter Kleidung verstecken. Zwar verfügt auch die Haus-Centipede über Giftdrüsen, mit denen sie im Haus zu nächtlicher Stunde u.a. Kakerlaken und Spinnen  nachsetzen kann. Nach allgemeiner Ansicht ist sie jedoch als eher harmlos einzustufen. Sie greift keine Nahrungsmittel an und zerstört auch keine Möbel. Bei unvorsichtiger Behandlung wird kann es zu eher seltenen Bissen kommen, die wie leichte Bienenstiche empfunden werden. Ihr Auftreten ist eher ein – manchmal mit Ekelgefühlen begleitetes – ästhetisches Problem. Haus-Centipeden kann man vorbeugen, indem man die Umgebung des Hauses abfallfrei hält und Risse und Fugen in der Außenmauer abdichtet. Sie werden ansonsten mit Insektiziden bekämpft. Der Bißapperat der meisten Hundertfüßerarten ist zu klein, um in die menschliche Haut einzudringen.  

Gewarnt wird aber vor den Riesenläufern oder Scolopendra-Arten, die auch auf den Philippinen vorkommen und eine Länge von über 25 cm erreichen können. Nach Hanewald „zwicken sie fürchterlich … nicht unbedingt tödlich, aber zum Heulen schmerzhaft“(2). Spezifizieren wir das „nicht unbedingt tödlich“ dahingehend, dass auf den Philippinen bislang nur der Fall eines zwölfjährigen Mädchens bekannt wurde, das nach einem Scolopendra-Biß verstarb(3).  Der Schmerz – begleitet von Schwellungen, Rötungen, Taubheitsgefühlen, Kopfweh und Übelkeit - ist sehr intensiv, hält aber Gott sei Dank in der Regel nur Stunden an. Es wird empfohlen, diese größeren Hundertfüßer-Arten möglichst nicht zu berühren. Muss man sie dennoch anfassen, so sollte dies wegen der größeren Körperbeweglichkeit direkt hinter dem Kopf geschehen. Hanewald empfiehlt folgende Vorsichtsmaßnahmen: „Schuhe, Kleidung, Zelt stets auf Kriechtiere untersuchen. Eisern stillhalten, wenn es krabbelt“(4). Ist man gebissen worden, so sollte man die Wunde ausbluten lassen und sie später – eventuell mit einer Ammonium-Lösung – reinigen. Zur Abschwellung werden insbesondere Kühl-  manchmal auch Hitzekompressen empfohlen. In der Volksmedizin findet sich auch der Ratschlag, die Bisswunde mit dem Hahnenspeichel zu bestreichen. Sollte der Schmerz nach 10-12 Stunden nicht nachlassen, empfiehlt sich die Konsultation eines Arztes. Scolopendra-Arten haben im Übrigen auch die amerikanischen Soldaten im Pazifik-Krieg stärker heimgesucht.  

Außerordentlich zu begrüßen wäre es, sollte sich die Entdeckung des philippinischen Arztes Dr. Liewell bestätigen, dass ein bestimmtes Protein des Hundertfüßers sich als Testsubstanz vorzüglich dazu eignet, das Vorhandensein des Giftstoff Saxitoxin nachzuweisen. Der Giftstoff Saxitoxin bildet sich in verdorbenen Meeresfrüchten und führt weltweit jedes Jahr zu mehreren hundert Toten(5). In der Volksmedizin werden gegrillte Centipoden hin und wieder bei der Asthma-Bekämpfung eingesetzt (6).  

Im philippinischen Märchen sind Hundertfüßer manchmal von einem Zauber verwandelte stille Zuhörer im Haus (7). Neben den vielen Ablehnern der Centipoden, gibt es auch einige Fans, die insbesondere Scolopendra-Arten als willkommene Haustiere in Behältern halten. Ein  deutschsprachiges Forum beschäftigt sich ausschließlich mit der Zucht von Scolopendras (8). Ängstliche schätzen vielleicht zunächst nur den virtuellen Umgang  mit Centipoden. Für sie hält Atari seit 1998 ein 3D-Spiel mit dem Titel „Centipede“ bereit.   

Eine Scherzfrage zum Schluss: Von welcher bekannteren Person auf den Philippinen  wird behauptet, dass sie mit den Tausendfüsslern seelenverwandt sei? Richtig getippt - es ist die „Queen of Shoes“, Imelda Marcos, die beim Sturz des Ex-Präsidenten Marcos nach ihrer Flucht aus dem Regierungspalast Malacanang  angeblich 3.000 Paar Schuhe zurückließ.  


(1) Maren Gaulke, Philippinen Naturreiseführer, 2001, S.  209

(2) Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, S. 57

(3) http://www.hgttv.com/hgtv/gl_diseases-pests-insects/article/0,1785.HGTV_3580_1396026,00.html

(4) Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, S. 58

(5) Vgl. http://www.aims.gov.au/news/pages/media-release-991222.html

(6) Ambeth R. Ocampo: Folk remedies, in: http:// www.inq7.net/opi/2004/feb/25/opi_arocampo-1.htm

(7) So im Märchen: „Gawigawen of Adasan“ in:  http://www.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/1/2/8/1/12814/12814.txt

(8) Siehe  http://forum.scolopendra.de/index.php 


©  W. Bethge, in 2005