Warnhinweis: Von der Lektüre des nachfolgenden Artikels wird Kindern, Schwangeren und schlecht Schlafenden abgeraten. Die vorgehende Konsultation des Hauspsychologen empfiehlt sich grundsätzlich.

 

Creatures of Midnight – Philippinische Spuk- und Schreckensgestalten

 

Was mag nachts los sein auf den Philippinen? Rotationsmaschinen rattern vermutlich in den Verlagshäusern Manilas. Operatoren senden ihre Datenprogramme über den Ozean zu den amerikanischen Großrechenanlagen. Ago-go-Girls tanzen um die Gunst der Touristen und sicherlich probieren auch einige Diebe die Nützlichkeit ihres Werkzeugs aus. Und auf dem Lande? Da raschelt der Wind in den Palmendächern. Schweine räkeln sich in der Suhle und auf der See wird im Schein der Presslampen gefischt.

War´s das schon? Zu diesem Eindruck mag der Beobachter kommen, der noch nie etwas von den Aswangs, Pugots oder Viscera Takers gehört hat, die die philippinische Seele so bedrängen können.

Einige dieser Gestalten wollen wir hier im nachfolgenden - nach dem Motto: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt - vorstellen. Der westliche ungläubige Leser mag sich bei der Lektüre noch in Posen des Humors flüchten. Doch Vorsicht - manche dieser Gestalten haben Flügel. Einige nutzen bereits schon Taxis und die fahren bekanntermaßen auch zum Aquino-Airport in Manila.  

Tierische Kreaturen

Das Dunkel der Nacht kennt allerlei Getier, das Schrecken auslösen kann, zum Beispiel die schwarzen Hunde mit ihren großen Augen oder die wilde Eber. Sie haben im Bestiarium der philippinischen Folklore aber eher niedrigere Rangplätze. Uns interessieren mehr die größeren Monster und in diesem Zusammenhang fallen zunächst die Schlangenungeheuer auf.

Schlangen

Die große, aschgraue Baconaua lebt seit Urzeiten im Meer und hat in der philippinischen Mythologie sogar den Rang einer Göttin. Sie ist eine Seeschlange mit Riesenmaul, tiefroter Zunge, einem Backenbart und insgesamt vier Flügeln. Früher machte man sie für Sonnen- und Mondfinsternis verantwortlich. In der Gegenwart ist es ruhiger um sie geworden.

Die Mameleu taucht hin und wieder von den Tiefen des Ozeans auf. Sie ist eine Riesenschlange, deren stark geschuppter Körper und Kopf an ein Carabao erinnern. Sie hat gewaltige Fangzähne und auf dem Kopf sitzen zwei weiße Hörner. Die Augen strahlen wie Schweißbrenner. Wenn sie hungrig ist, sondert sie viel giftigen Speichel ab.

Die gabelschwänzige Marcupo dahingegen ist eine große, in den hohen Bergen lebende Schlange. Sie hat einen roten Halskamm, starke Eckzähne und eine lange Zunge, die mit Haardornen besetzt ist. Ihr Atem und Speichel ist so giftig, dass die Erde unfruchtbar wird und die Vögel von den Bäumen fallen. 

Echsen, Vögel und Ziegen

Die Buwaya ist eine gesprenkelte Riesensechse, der man ein höheres Maß an Intelligenz nachsagt. In Urzeiten wurde sie sogar von den Menschen verehrt. Aber auch sie hat ihr Wesen doch sehr zum Schlechteren verändert und ist zum Menschenfresser geworden. Eine gewisse Zivilisationshöhe wird man ihr aber dennoch nicht absprechen können. Sie trägt ihr Opfer nicht quer im Maul sondern in einem auf ihrem Rücken fixierten Sarg zu ihrer Wasserhöhle.

Am östlichen Himmel kann man vielleicht die Mikonawa entdecken - ein riesiger Raubvogel mit einem stählernen Schnabel und schwertähnlichen Federn. Die Mikonawa ist in ihrem Hunger unersättlich und lauert ständig nach Beute.

Die Segben gelten als die Haustiere von Hexen und Hexern. Es sind weiße, hornlose Ziegen mit strengem Geruch. Die Vorderbeine sind wesentlich kürzer sind als die Hinterbeine. Ihre Augen glühen rot und den großen Ohren können sie wie mit den Händen klappern. Sie erscheinen nur nachts und streichen dann mit Vorliebe um Sterbende herum. Mit ihren Bissen versuchen sie, den Tod schneller herbeizuführen.  

II. Dämonen

Dämonen werden als dunkle, hässliche Gestalten beschrieben, die oft - aber nicht immer - in Bäumen leben und sehr verschiedene Größen und Gestalten annehmen können.

Die rächende Batibats

Erwähnen wir zunächst die Batibats, die insbesondere in Ilocos zu Hause zu sein scheinen. Waldbäume sind der Stammsitz der Batibats. Werden diese aber gefällt und beispielsweise zu Lampen-, Telefon- oder Türpfosten weiterverarbeitet, dann wandelt sich der ansonsten friedfertige Charakter der Batibats. Sie hausen jetzt rach- und mordsüchtig in den Löchern der Pfosten und Masten. Und nun kann sich nachts eine schreckliche Metamorphose ereignen. Sie erscheinen als dicke, fette Weiber und setzen sich mit prallem Gesäß auf den Kopf einer schlafenden Person. Das mögliche Frohlocken ist nur kurz, denn es droht die Gefahr des jämmerlichen Erstickens.

Dabei gibt es doch sehr einfache Abwehrmechanismen. Schon ein Biss in den Daumen oder eine Bewegung der großen Zehe vertreibt die Batibat. Leider sind diese simplen Abhilfen noch nicht überall bekannt. Größer angelegte Aufklärungsaktionen sind unter der Bevölkerung sind zu fordern.

Pferdedämon Tikbalang

Der schwarze Pferdedämon Tikbalang (auch Tunlung, Tuwang, Binangunan) ist ein Zwitterwesen, halb Mensch, halb Pferd. Kopf und Hufe sind erinnern an ein Pferd, nur der Körper hat menschliche Gestalt.

Sitzt er rauchend im Gestrüpp, dann reichen seine Knie doch bis zum Kopf. In seiner körperlichen Nacktheit kann er auch schon einmal seine „private parts“ – sprich seine Geschlechtsteile – offenbaren. Leise Tik-Tik-Laute aber auch ein penetranter Ziegengeruch weisen auf seine Nähe hin. Regnet es, während gleichzeitig auch die Sonne scheint, dann ist wohl eine Tikbalang-Hochzeit im Gange. Verabschieden tut er sich unter Steingeprassel in einer Staubwolke.

Über seinen Charakter gehen die Urteile auseinander. Vereinzelt soll es schon Exemplare gegeben haben, die den Bauern bei der Feldarbeit halfen. Meistens wird er jedoch als eher bösartig dargestellt. Im harmloseren Fall stiehlt er nur Rosenkränze oder leitet Wanderer mit seinen wilden Galoppaden in die Irre. Er kann aber auch Blindheit, Irrsinn und Krankheiten bewirken. Schließlich ist er auch schon als Vergewaltiger von Frauen aufgetreten, die dann später nach Hörensagen gleichfalls Tikbalangs gebaren.

Ganz Schlaue verweisen seine Existenz in den Bereich der Fabel. Vor Ankunft der Spanier hätte es keine Pferde auf den Philippinen gegeben und die Gestalt des Tikbalang sei nur eine Erfindung der Spanier gewesen, um die Eingeborenen vor der Nacht zu schrecken. Wir weisen jedoch diesen Einwurf als Spitzfindigkeit zurück. Zu oft ist der Jungdämon schon in allen Landesteilen gesehen worden.

Blutüberströmter Pugot

Dunkle Orte, verlassene und entlegene Gebäude oder große Bäume sind das Zuhause des Riesen Pugot, dem gleichfalls eine große Wandlungsfähigkeit zu eigen ist. Er kann in Tierform als Schwein oder als Hund auftreten. Aus seinem Maul schlagen Flammen. Seine Lieblingsnahrung sind Schlangen und Hundertfüssler, die er mit lautem Knacken verspeist. Eine besondere Steigerung erfährt freilich sein angsteinflössendes Potenzial, wenn er sich den Kopf abreißt und - oh, Kinderschreck lass nach - dann mit blutendem Halsrumpf, den abgerissenen Kopf in den Händen dasteht. Ansonsten gilt er jedoch als harmlos.

Der eher freundliche Kapre

Ein artverwandter Dämon ist der menschenähnliche bärtige Kapre. Er erreicht die Größe von zwei bis drei Metern und stinkt mächtig. Seine grünen Augen sind groß wie Teller. Der bräunlich-schwarzer Körper ist stark behaart und zottelig.

Am liebsten sitzt er im Balate-Baum und pafft dort seine Zigarre, die durchaus Armlänge erreichen kann. Er ist weniger bösartig, er kann sogar, vornehmlich bei Frauen, freundschaftlich auftreten. Aber er spielt auch gerne Streiche, so zum Beispiel wenn er mit seinem Vogelzirpen Wanderer in die Irre führt und im Kreis laufen lässt. Was aber tun? Gebete können den Bann nicht lösen, die kennt er selber memorieren. Es gibt aber einen relativ einfachen Trick, wie man den Bann aufheben kann. Der Wanderer muss nur sein T-Shirt anders herum anziehen.

Muss der Kapre feststellen, dass ein Gegner übermächtig ist oder gar auf ihn schießen will, dann verändert er schnell seine Gestalt. Er kann sich in einen Bananenstrunk verwandeln oder sich einfach in nichts auflösen.  

Grinsender Bungisngis

Die Gestalt des Höhlenbewohners und Waldriesen Bungisngis erinnert an Menschen. Aber es gibt es doch einige markante Unterschiede. Der Bungisngis hat nur ein Auge, das verdeckt wird, wenn er beim Grinsen die Mundwinkel hochzieht. Er ist ein Dauergrinser und Dauerkicherer. Aus dem Mund ragen zwei elefantenähnliche Eckzähne. Sein Gehör ist ausgezeichnet. Auch macht ihm es einen Heidenspaß, Wanderer irre zuführen. Begegnet man ihm, so wird angeraten, mit ihm zu lachen. Ansonsten droht Krankheit oder die Verwandlung zum Bungisngis. Wie gut, dass der Bungisngis nicht zur nachfolgenden Gruppe der Leichenschänder und Kannibalen gehört. Ihm schmeckt nur das Fleisch des Wasserbüffels.  

Die widerlichen Leichenschänder

Buso - Kannibale

Die Busos sitzen in unserer Galerie der schrecklichen und widerwärtigen Gestalten sicherlich ganz vorne. Zumeist treten sie nur als Schatten auf. Wer mehr über ihre Gestalt wissen will, muß sich eines gar grauseligen Rituals bedienen. Um sie in ihrer veritablen Gestalt zu sehen, muss man den Holzspan eines Sarges zurück zu dem Baum zurückbringen, aus dem der Sarg gefertigt wurde.

Ein ungeheuerliches Bild zeigt sich dann dem Beobachter: Umgeben von Schwärmen von Feuerfliegen und inmitten herausgerissener Eingeweide nagen die großen und mageren Gestalten der Busos an Knochen. Ein rotes oder auch gelbes Auge sowie zwei große Eckzähne kennzeichnen das Gesicht. Im langen, strähnigen Haar, in dem sich Läuse und schwarze Würmer eingenistet haben, finden sich zahlreiche Schmutzkrusten.

Busos fressen alles Aas – aber am liebsten doch menschliche Leichname. Verständlich, dass deshalb Friedhöfe zu ihren Lieblingsorten gehören. Hier finden sie sich mit Getöse zu nächtlicher Stunde ein und graben mit ihren scharfen Klauen die Leichen für den späteren Schmaus aus.

Einige philippinische Märchen haben Busos als Zentralfiguren. Sie fallen aber nicht durch besondere Intelligenz auf und werden des Öfteren übertölpelt. In der Literatur findet sich auch die These, dass die Busos vor langer, langer Zeit den Menschen sehr freundlich gesonnen waren. Wie es zum Bruch kam, ist derzeit noch Gegenstand eingehender frühgeschichtlicher Untersuchungen.

Noch zwei Leichenfledderer: Busaw und Calag

Es gibt noch zwei Ghouls, die Leichen als Zielobjekt haben. Der Busaw tritt tagsüber als normaler Mensch auf. Am Abend spitzt er die Ohren und er versucht, Todeslaute einzufangen. Seine Gestalt verändert sich nun. Er bekommt spitze Zähne, eine lange Zunge und Fingernägel wie Haken. Er eilt zum Friedhof und entwendet einen Leichnam, den er durch einen Bananenstrunk ersetzt. Der Diebstahl soll ja nicht offenkundig werden. Aber Menschenfleisch ist nicht ganz nach dem Geschmack des Busaw. Er wandelt es in Schweinefleisch um und lädt am darauf folgenden Tag sogar die Nachbarn zum Schmaus ein. Doch der Verzehr ist gefährlich, führt er doch dazu, dass der Esser gleichfalls zum Busaw wird. Wie gut, dass man dem Leichenkannibalismus des Busaw vorbeugen kann, indem man eine Leiche gut wäscht und stark duftende Kräuter mit in den Sarg gibt.

Über den Calag ist sehr wenig bekannt, da sie schon beim kleinsten Geräusch flüchten. Man weiß nur, dass sie durch eine Berührung des Sarges Leichen zum Platzen bringen können.    

Die verwirrenden Elfen-Encantos

Nehmen wir den Schein der Dämmerung in Anspruch und nähern wir uns etwas lichteren Wesen, den Encantos. Es sind Elfen. In ihrem Reich selbst sind sie eher hässlich. Erst in der Begegnung mit Menschen wandeln sie sich in schöne, hochgewachsene Wesen mit blondem Haar. Glockenklang, süßliche Musik und ein weit dahin strömender Duft kündigen sie an. Tritt man näher, kann man sie in ihrer stilvollen, wenngleich auch etwas altmodischen Kleidung wahrnehmen. Ihr Körper ist so transparent, dass man das Wasser, das sie trinken, in den Hälsen sehen kann.

Elfen können in weiblicher oder männlicher Gestalt auftreten und wohnen vornehmlich in großen Mangobäumen, über deren Kronen sie in Segelschiffen fahren. Sie kommen und verschwinden plötzlich, treiben Schabernack und stehlen schon einmal Reis und Fisch. Gefährlich - und hier liegt ihre dunkle Seite - werden sie durch ihre Verführungskünste. Eingeladenen können sie neben salz- und gewürzlosen Speisen auch schwarzen Reis anbieten. Den Reis kann man ablehnen - dann droht dem Umworbenen nach seiner Rückkehr ins normale Leben nur eine zeitweilige Sprachlosigkeit oder die kurzfristige geistige Verwirrung. Doch wer den schwarzen Reis isst, dessen Seele ist verloren. Er ist für immer dem Reich der Elfen dahingegeben.

Auf Ilocos kennt man noch die Unterart der Kibiaan-Feen. Sie werden kaum größer als zweijährige Kinder. Markante Merkmale sind Goldzähne und lange bis an die Füße reichende Haare. Kibiaan-Feen lieben das Gitarrenspiel. Ihre Fersen und Zehen übrigens seitenverkehrt angeordnet. 

Die oft verkannten Zwerge (Dwarfes)

Über die Dwarfes (lokal auch: Tianak, Lampong oder Nuno) zu berichten, fällt etwas schwerer, denn auch sie sind in der Regel nicht sichtbar. Aber nach Ansicht der wenigen ausgewiesenen Zwergenexperten ähneln sie in einigen Zügen unserem europäischen Zwerg. Sie sind kleinwüchsig und schrumpelig, haben Mäuseohren, eine überlange Nase, schlechte Zähne, eine Fistelstimme sowie einen langen weißen, bis zum Knie reichenden Bart, in dem ihre Macht sitzt. Und doch gibt es einige markante Unterschiede. Sie sind braunhäutiger, besitzen auf der Stirn nur ein Auge und verfügen nur über ein Nasenloch. Ihr leicht hüpfender Gang erklärt sich durch das kürzere rechte Bein. Anstelle der lächerlichen roten Zipfelmütze tragen sie – „proud to be a Pinoy“ – einen Palmhut.

Sie glotzen nicht - wie ihre europäischen Artgenossen - Stiefmütterchen im umhegten Garten an. Zumeist gehen sie einer anstrengenden Bergwerkstätigkeit nach. Nach getaner Arbeit finden sie - die eigentlichen Herren des Landes – oft einen Ruheplatz unter Bananensträuchern und auf Termitenhügeln. Die Termitenhügel sind die Ein- und Ausgangsorte zu ihren unterirdischen Goldbergwerken und Städten.

Die Bauern wissen um ihren Einfluss auf die Ernte. Manchmal bieten sie den Zwergen ungewürzte Mahlzeiten an oder beauftragen einen Schamanen, das Blut eines frisch geschlachteten Hahns über die jungen Reispflanzen zu sprenkeln, damit sich die Zwerge später um das Pflanzgut kümmern.

Die philippinischen Zwerge haben eine zwiespältige Moral. Einerseits können sie als Vertreter einer eher kleinbürgerlichen Moral auftreten und dann vielleicht mit leiser Babystimme wispern: "Wirf das ausgepresste Kokosmehl nicht aus dem Fenster". Andererseits können sie als Palmwein-Diebe schon einmal die Eigentumsgrenzen vergessen. Und sollten sie berauscht sein, dann wird den jungen Mädchen angeraten, sich schnell zu verstecken.

Empfindlich reagieren sie, wenn man sie unversehens verletzt oder ungefragt in ihr Reich eindringt. Und das kann schnell geschehen, da man sie ja meistens nicht sieht. Tritt man auf einen Zwerg, dann kann der Fuß schnell anschwellen. Wer aus dem Fenster Wasser auf einen Zwerg schüttet, muss zumindest mit einem trockenen Mund rechnen. Wird der Zwerg gar von heißem Wasser verbrüht, dann kann eine ganze Stufenfolge drakonischer Strafen einsetzen - exzessiver Haarwuchs am Rücken, Fieber, schwarzer Urinfluss, Blutauswurf, Blindheit oder gar der Tod.

Eltern nutzen die Zwerge für ihre erzieherischen Fürsorgemaßnahmen. So halten sie ihre  Kinder dazu an, nur zu bestimmten Tageszeiten aus dem Haus zu gehen. Ansonsten könne eine Zwergenverschleppung drohen.

Und dann haben wir noch einen uneigennützigen Hinweis, der sich in Peters Philippinen-Reiseführer nicht findet. Sollte der geneigte Leser tatsächlich einmal einem Dwarf begegnen, der ihnen aus einer guten Laune heraus plötzlich einen Goldklumpen schenkt, dann erzählen sie es bitte nicht weiter. Sie laufen Gefahr, dass sich der Goldklumpen in ein Stück Holzkohle verwandelt. Auch ist der Goldklumpen schnell auszugeben, sonst löst er sich unversehens in nichts auf.

Die Aswangs

Unter diesem Begriff werden eine ganze Anzahl sehr unterschiedlicher Wesen geführt, so dass es schwerfällt, allgemeinere Aussagen zu treffen. Aswangs können sich von Menschen zu Tieren (wie etwa Schweine, Funde, Vögel) und umgekehrt verwandeln. Einig ist man sich darüber, dass sie sich als Vampire von Toten ernähren. Sie haben ein hoch entwickeltes Gespür für Sterbende. Manche machen sich über ganze Körper her, andere suchen gezielt nach der Leber im Kadaver. Damit man ihren Diebstahl von Körperteilen nicht so schnell merkt, fertigen sie oft Körperfaksimile aus Stöcken, Grass, Reis oder Bananenstrünken an. In früheren Zeiten, als die moderne Medizin noch nicht so entwickelt war, nahm man an, dass Aswangs die Ursache für einen plötzlichen Tod oder einen Kindsabgang waren.

Aswang-Geschichten werden aber noch heute gerne und häufig in den Gegenden um Capiz, Antique und Iloilo kolportiert. Wir beschränken uns nachfolgend nur auf einen Hauptvertreter der Aswangs, den Manananggal.

Vampir Manananggal

Von allen Aswangs ist die Manananggal die Gefürchteste. Die Manananggal geht als hübsche Frau tagsüber einer normalen Tätigkeit nach. Allemal dunkle Augenringe können gewisse Vermutungen aufkommen lassen.

Die Manananggal vermag in den Abendstunden durch Körpersegmentation die untere von der oberen Körperhälfte zu lösen. Was die obere Körperhälfte anbelangt, so wandeln sich ihre Arme in fledermausartige Schwingen um und ihre Zunge wird lang und länger. Zu nächtlicher Stunde fliegt sie dann aus und begibt sich auf Opfersuche. Der untere Körpertorso bleibt an einem verstecktem Ort zurück.

Zielpersonen sind vor allem schwangere Frauen, deren Fötus sie mit ihrer röhrenförmigen Zunge auszusaugen versucht. Ihre Zunge ist so lang, dass sie sogar durch den Kamin oder das Dach des Hauses in die Körperöffnungen ihres Opfer einzudringen vermag. Während des Vorgangs hört man manchmal ein kik-kik-kik, deshalb wird der Vampir auch in einigen Landesteile „Kikik“ genannt.

Man kann sich vor dem Übergriff des Manananggal schützen, indem man eine Kerze unter das Bett stellt, beziehungsweise dort den Schwanz eines Stachelrochens deponiert. Streut man während ihrer Abwesenheit Salz oder Asche auf die zurückgelassene untere Körperhälfte, dann können die beiden Körperhälften der Eingeweidesaugerin nicht mehr zusammenwachsen. In dieser Situation sind die Manananggals mitunter zur Einsicht und Reue fähig und können zu einem normalen bürgerlichen Leben zurückfinden.  

Tröstender und besinnlicher Ausblick

Wir haben erfahren, dass es durchaus einige Hilfsmittel gibt, die eine Konfrontation mit den Ungeheuern zumindest teilweise ausschließen beziehungsweise schnell aufheben. Dazu gehörte zum Beispiel ein Biss in den Daumen, die Kerze unter dem Bett, die Abwehr mit Kräutern oder das Umdrehen des T-Shirts. Es gibt jedoch auch längerfristige negative Folgeerscheinungen wie zum Beispiel lang anhaltende Blindheit oder langsam einsetzender Wahnsinn.

Welchen Rat soll man solchen Betroffenen geben? Vorliegende Berichte deuten darauf hin, dass Priester und Ärzte schnell an die Grenze ihres Könnens stoßen. Fachkundigen Rat darf man am ehesten noch von einem "hearb healer" erwarten. Sie kennen "secret words" und zweckdienliche Ingredienzien. Dies kann eine Mixtur von Essig, gestoßenem Ingwer, Salz oder Pfeffer sein. Andere empfehlen die Inhalation des Rauches von getrockneten Guava-Blättern oder Hühnerfedern. 

Die meisten unserer Gestalten stehen nicht in dem Verdacht, besonders intellektuell zu sein. Große metaphysische Ableitungen und Schlussfolgerungen sind eher fehl am Platz. Wer will, kann mit C. G. Jung hier von tief im Unterbewussten verankerten "Archetypen der Bedrohung" sprechen, die auch unsere westliche Kultur kennt.

Vielleicht habe sich einige der hier vorgestellten Kreaturen im Volksglauben auch deshalb solange erhalten, weil sie auch als - durchaus fragwürdige - Hilfsfiguren in  der elterlichen Erziehungsarbeit eingesetzt werden können. Kinder, die noch im magischen Denken verhaftet sind, nehmen in aller Regel Ungeheuer sehr ernst.

Vielleicht entspringen die vorgestellten Kreaturen auch nur dem Wunsch nach Unterhaltung und Sensation. Die Medienmacher wissen dies sehr wohl. Boulevardpresse, Comic-Heftchen, Filme und neuerdings auch die Entwickler von Computerspielen bedienen sich auch deshalb gerne aus dem Gruselfundus der philippinischen Folklore und schmücken die Gestalten mit weiteren Attributen aus.

 

© Wolfgang Bethge, 2008