Walhaie vor Donsol

....wir dümpelten mit unserer hölzernen Bangka (Fischerboot mit Auslegern) schon eine Stunde im Gewässer und Langeweile kam auf, da wir nichts zu tun hatten. Nur einer unserer Begleiter fixierte mit seinen „naked eyes" die Wasseroberfläche. Plötzlich rief er „Butanding ... Whale Sharks" und zeigte auf einen dunklen Schatten in einiger Entfernung. „Wo - Wo?" hörte man im Boot rufen und der Arm des Begleiters wies nochmals die Richtung. Schnell nahm das Boot Fahrt auf und zunehmend vergrößerte sich der Schatten zu einer mächtigen Schwanzflosse. Blitzschnell zogen wir unsere Schnorchelmasken über und sprangen aus dem Boot. Ja, da war er ... der größte Fisch der Welt ! Wir näherten uns ihm etwas bänglich unter Wasser, die Sicht wurde klarer und wir hatten den Eindruck einem Riesen-Omnibus zu begegnen, der majestätisch wieder langsam in die Tiefe abdrehte ....

So oder so ähnlich könnte das Erlebnis der Begegnung von Walhaien vor Donsol verlaufen. Begegnungen dieser Art sind sicherlich selten, jedoch fast schon planbar, denn seit 1968 verwandelt sich das vordem kaum bekannte Städtchen Donsol in der Provinz Bicol auf den  Philippinen zu einem kleinen Mekka der Walbeobachter.

Sicherlich - Butandings - so bezeichnen die Einheimischen den Walhai – gab es im nährstoffreichen Gewässer von Donsol schon immer. Einige Fischer erzählen vom Ritt auf dem Rücken der großen Tiere. Doch nicht immer war man Freund dieser großen Meerestiere. Sie zerstören Motorschrauben und Netze und fressen die Fische weg, so war auch die Rede. Die Tiere wurden zwar nicht systematisch bejagt, aber gar mancher mit Speer und Stechhacken – vielleicht auch mit Dynamit – erlegt.

In den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit gerieten die Walhaie vor Donsol erst im Januar 1998, als ein Tauchteam Filmmaterial den Medien zuleitete und Regierungsstellen sowie der WWF auf die vom Aussterben bedrohte Tierart aufmerksam wurden. Hellwach wurden jedoch auch Walfänger und Walfleischhändler aus der Provinz Visaya , die kurz nach der „Entdeckung" innerhalb von zwei Wochen insgesamt sechs Tiere töteten und wirtschaftlich verwerteten. Insbesondere der WWF der Philippinen mobilisierte daraufhin die Öffentlichkeit und es wurden bestimmte Schutzvorschriften zugunsten dieses friedlichen Großhais und seines Weidegebietes in Donsol erlassen. Wir kommen darauf zurück. Gleichzeitig versuchte man mit Unterstützung lokaler Initiativen vorsichtig einen sanften Öko-Tourismus in Donsol zu etablieren.

Das von Fischerei und Landwirtschaft geprägte Donsol mit seinen etwa 36.000 Einwohnern war bis zu diesem Zeitpunkt allemal durch seine delikaten „Pili-Nüsse" bekannt. Es war – so einige Kritiker – ein „verschlafener Ort", der keine besondere touristische Sehenswürdigkeit aufwies.

Anreise

Donsol liegt etwa 540 Kilometer südlich von Manila in der relativ armen Provinz Bicol. Man kann den Ort von Manila aus per Bus oder Flugzeug erreichen. Der Bus benötigt etwa zwölf Stunden. Angenehmer ist sicherlich der fünfzigminütige Flug nach Legaspi mit anschließender etwa einstündige Busfahrt von Legaspi nach Donsol.

 

Von der Fahrstrecke Legaspi – Pio Duran mit anschließender Bootsfahrt nach Donsol ist wegen unverändert schlechter Straßenverhältnisse eher abzuraten.

Unterbringungs- und Besichtigungsprogramme kann man in Legaspi und Donsol (Donsol Tourism Office: ((+63-56) 421-3180) buchen. Es werden auch Pauschal- Beobachtungsprogramme angeboten, wobei der Preis nach Anzahl der Besuchstage und der Größe der Besuchergruppe variiert. Der vielfach ausgezeichnete Taucher, Fotograf und Buchautor Jürgen Freund ( http://www.scubayopgi.de ) bietet zum Beispiel viermal im März ein professionelles 5-Tage-Programm ab Legaspi für US $570 an.

Der Individualbesucher hat eine lokale Registrierungs-Gebühr (mit Filmbesichtigung) von 300 Pesos zu entrichten, die Tagestour mit einem Fischerboot ist mit ca. 2500 Pesos zu veranschlagen. Der Preis schließt die Tagesbootsfahrt sowie die Begleitung durch Tourguide und Spotter ein.

Die Stadt ist von ihrer Infrastruktur her noch nicht auf viele Touristen eingerichtet. Immerhin sieht man vor dem Rathaus  schon als neues Stadtsymbol einen großen "Butanding" aus Pappmasche. Donsol bietet derzeit etwa 80 Betten für Besucher an. Die Regierung hat weitere Hilfestellungen beim Ausbau der lokalen Infrastruktur In Aussicht gestellt. Übernachtungsmöglichkeiten bietet das Gästehaus „Visitor´s Inn" und das „Amor Farm Beach Resort" an. Sehr gut beurteilt wird auch die 3-Zimmer-Lodge „Santiago’s Homestay" der früheren Englisch-Lehrerin Iderlina Santiago.

Wir möchten insbesondere die neu errichtete, etwas außerhalb der Stadt liegende Anlage "Woodland" empfehlen, weil sie für diese Region einen neuen Maßstab setzt. Die Anlage bietet zu modesten Preisen angenehme Verpflegungs-, Unterbringungs- und Schwimmmöglichkeiten  und verfügt über eine größere Gartenanlage. Der Service ist streckenweise noch etwas unbeholfen und ein kleiner Teil des Strandes weist leider Ölspuren der anlandenden Boote auf.

Der Walfisch taucht in Donsol von Januar bis Mai mit Schwerpunkt März auf. Da die Tiere keinem Touristen-Fahrplan folgen (wollen), kann es eine absolute Garantie auf Sichtung der Tiere kann nicht geben. Die Gruppe um den Taucher Freund sichtete in den Monaten März / April 2001 an einzelnen Tagen zwischen 0 – 30 Tiere, der Tagesdurchschnitt lag mit breiterer Streuung bei sechs Tieren. Es gibt Berichte, dass an einem Tag schon 57 Tiere gesehen wurden. Der WWF spricht von einer Wahrscheinlichkeit der Sichtung von zumindest einem Tier von 85 %. Ein Besuch im Monat März empfiehlt sich auch wegen der durch die Trockenzeit bedingten besseren Sichtverhältnisse im Meer (10 – 20 Meter). Beschäftigen wir uns jedoch zunächst mit dem Walfisch als solchem.

Zur Biologie

Der Walhai (Rhincodon typus) gilt mit einer Länge von bis zu zwanzig Metern als größte Fischart der Welt und kann ein Gewicht bis zu vierzig Tonnen erreichen. Zwar erinnert er stark an einem Wal,  als Kaltblütler und eiproduzierendes Nichtsäugetier wird er jedoch einer Unterart der Haien zugeordnet, weist als friedfertiger Riese jedoch nicht die Gefährlichkeit mancher Haiarten auf. Die durchaus zutraulichen, keineswegs scheuen Walhaie leben in großen Schulen zusammen und durchkämmen ständig die wärmeren Gewässer des Äquatorgürtels auf der Suche nach Nahrung. Die Migrationswege wie auch das Paarungsverhalten und die Geburtenhäufigkeit sind nur ansatzweise bekannt. Bis zur Geschlechtsreife benötigen die Tiere ca. dreißig Jahre bei einer vermuteten maximalen Lebenszeit von hundert Jahren. Die befruchteten Eier entwickeln sich im Uterus der vergleichsweise größeren Mutter und verlassen deren Körper - in einer Art zweiten Geburt - , wenn die Entwicklung abgeschlossen ist.

Die dicke Haut des Walhais ist dunkel blau-grau und weist auf dem Kopf, Rücken und den Flanken eine Zeichnung von gelblich-weißen Tupfern und senkrechten Linien auf. Die Haut kann Verletzungen insbesondere von Schiffsschrauben aufweisen. Die Augen sind eher klein, dafür aber das Maul mit einer Breite von bis zu zwei Metern um so größer. Die Öffnung des breiten, flachen und mit Zahnreihen besetzten Maules befindet sich nicht unten, sondern vorne. Mit dem Maul, mit dem er nicht kauen oder beißen kann, saugt er gewaltige Mengen an Seewasser an und filtert mit Hilfe seiner Kiemenreusen primär Plankton und Krill und als eher zufälligen Beifang Schrimps, Anchovis, kleine Fische und Krabben als Nahrung heraus. Der Walhai hat zwei Brustflossen in Kiemenhöhe und meistens zwei, manchmal drei Rückenflossen (Kiele). Die Schwanzflosse ist enorm und ragt oft aus dem Wasser heraus, wenn sich die Tiere an der Wasseroberfläche aufhalten.

Sichtungen

Der Ortsunkundige sollte die Hilfestellungen eines der insgesamt 30 ausgebildeten Touristen-Führer, der „BIOS" ( Butanding Interaktion Officer), in Anspruch nehmen. Benötigt wird ein Bootsführer und ein „Spotter" (Walbeobachter). Es sind in der Regel einheimische Fischer, die auch beim Tauchen die nötigen Hilfestellungen geben können. Die Boote werden mit maximal sechs Besuchern besetzt und sind in der Regel von 7 – 15 Uhr im Küstengewässer.

Zum Schutz der gefährdeten Tiere gibt es einige Bestimmungen zu beachten. Nur ein Boot darf einen Wal ansteuern. Tauchgerätschaften sind – mit Ausnahme einer Schnorchelmaske – nicht zugelassen. Heftige Bewegungen beim Übergang ins Wasser sind tunlichst zu vermeiden. Ein Blitzgerät darf unter Wasser nicht benutzt werden. Untersagt sind Berührungen oder das Reiten auf dem Wal sowie das Anhängen an Flossen. Einige Sporttaucher verstoßen jedoch - in ihrem Bemühen um möglichst phänomenale Aufnahmen - gegen diese Gebote.

Da bis zur Sichtung insbesondere von größeren Walen längere Zeit verstreichen kann und Geduld und Glück erforderlich sind, empfiehlt sich neben der Mitnahme von Sonnencreme vielleicht auch die Mitnahme eines Buchs. Ist der Wal gesichtet, müssen Schnorchelmaske und Flossen schnell verfügbar sein. Wer den Kontakt mit „dem  Phänomen" scheut, kann natürlich auch auf dem Boot bleiben. Ein gewisser Nervenkitzel ist auch hier noch gegeben, da es - wenn auch sehr vereinzelt - schon Bootskontakte mit auftauchenden Tieren gab. Der Taucherkontakt kann – je nach Laune der Tiere – auf Minuten beschränkt sein oder bis zu einer Stunde anhalten.

Was aber kann man den Touristen in der walfreien Zeit anbieten? Dieser Frage ging man in Donsol nach und kam auf eine andere naturnahe, wenig aufwendige Lösung, die bei Touristen durchaus Zuspruch findet und den Fischern ein Zusatzeinkommen liefert. Donsol verfügt über einen Fluss, der in die das südchinesische Meer einmündet und dessen Uferränder mit Palmen, Mangroven und Sträuchern relativ naturbelassen sind. Hier kann man ganzjährig in den Abendstunden Myriaden von blinkenden Glühwürmchen (auch: „Johanniskäfer“, „Fireflys“, „Gloworms“, „Lightning Bugs“) sehen. Für ca. 500 Pesos bieten nun die Fischer zweieinhalb -stündige „Bootsfahrten“ in die kleinen Lichterhimmel an. Manche fühlen sich bei ihrer Sicht an beleuchtete Weihnachtsbäume erinnert oder sprechen – fast lyrisch – von einem blinkenden Plejaden-Mikrokosmos. Vor Ort kann man auch in Paddelboote steigen und eigenständig die kleinen Naturwunder bestaunen.

Gefährdungen

Die philippinische Regierung hat 1998 - gegen den Protest einiger Fischer insbesondere auf Bohol, die auf ihre traditionellen Fangrechte verwiesen - zügig ein Dekret erlassen, das den Walhai unter besonderen Schutz stellt. Es verbietet den Fang des Walhais (wie auch des Mantas), den Ver- und Ankauf sowie Transport des Fleisches. Verstöße werden mit mindestens 500 Pesos, maximal 5000 Pesos als auch mit Gefängnis oder Entzug der Handelslizenz bestraft. Es gibt aber zahlreiche Experten, die diese Strafsanktionen als viel zu gering erachten.

Sie verweisen dabei insbesondere auf die hohen und attraktiven Preise, die außerhalb der Philippinen für die Flossen, das Fleisch und die Haut des Wales zu erzielen sind. Es sind insbesondere die Flossen, die als Delikatesse und Potenzsteigerungsmittel gelten, dabei hat der Wal selbst nur eine niedrige Reproduktionsrate. Flossen sind auf Taiwan, in Hongkong und Singapur als auch neuerdings auch in Rotchina „in" und signalisieren einen höheren sozialen Status. Auch der Verzehr des Fleisches in Form von Fischbällchen oder als Suppeneinlage trifft auf eine steigende Nachfrage. Es wird berichtet, dass die 1998 bei Donsol getöteten Wale zu einem Stückpreis von 10.000 Pesos verkauft wurden, um später vom taiwanesischen Aufkäufer für 800.000 Pesos weiter verkauft zu werden. Die hohen Aufkaufpreise bieten also hinreichend Anreize für weitere Fischwilderei.

Eine rühmliche Ausnahme machen die Fischer von Donsol. Hier wurden keine weiteren Fälle von Wilderei gemeldet. Die Einbindung der Fischer in den Öko-Tourismus und die sich hieraus ergebende saisonale Einkommensquelle sichern an diesem Ort den Fortbestand der gefährdeten Tiere. Beatus locus Donsol.

© W. Bethge, 2002