Textfeld: Das philippinische Verwandtschaftsnetz
Bezeichnungen und Anredeformen

 

 

 

Die philippinische Gesellschaft ist stark familienorientiert. Ihr fühlt man sich primär verpflichtet. Keine andere Institution genießt dieses hohe Maß an Wertschätzung. In seiner Familie fühlt sich der Filipino zu Hause. Sie ist sein Lebensmittelpunkt. Hier kann er sich aussprechen, hier findet er seine emotionale Geborgenheit. Die Solidargemeinschaft der Familie ist es auch, die er in Krisensituationen normalerweise zunächst bemüht.    

Beispiele familiärer Unterstützung finden sich im Alltagsleben mannigfach. Die Schwester, die für sich in der Stadt eine Tasche kaufen will, kommt nur mit einer Tasche für die Schwester zurück. Ein älterer Bruder  finanziert die Ausbildung seines jüngeren Bruders. Eine Tante gewährt einen kleinen Überbrückungskredit und ein Onkel hilft bei der Suche nach einem Job. Manchmal freilich können die Familienbande auch zur frustrierenden Belastung werden. Immer wieder berichten insbesondere eingeheiratete westliche Familienangehörige davon, dass sie sich von ihren philippinischen Familien regelrecht "ausgenommen" fühlten. Für den Buchautoren Eduardo Brachetto zum Beispiel war dieses Ausgenommenwerden das negative Schlüsselerlebnis auf den Philippinen (1) .

Makroökonomischer Beleg für familiäre Unterstützungsleistungen sind auch die mehr als acht Milliarden Dollar, die zum Beispiel in 2007 von den Overseaworkers in die Heimat überwiesen worden.

Der Wandel der Zeit geht auch an den philippinischen Familien nicht vorbei. Die kopfstarken, unter einem Dach vereinten Familien werden durch die Wanderungsbewegungen in die Metropole und ins Ausland  zumindest zeitweilig auseinander gerissen. Bei den Overseaworkers (OWF`s) kann der Vater oder die Mutter oft über Jahre ausfallen. Bedingt auch durch die geringere Zahl der Geburten pro Frau verkleinert sich auch die durchschnittliche Haushaltsgröße. Betrug sie 1970 noch durchschnittlich 5, 9 Personen, so ist sie im Jahre 2000 auf 4,9 geschrumpft (2) .  

Nachfolgend sprechen wir Generationenebenen an. Unser Beitrag konzentriert sich vor allem auf Benennungen und Anreden in Tagalog und in Englisch, denen man auch als Gast auf den Philippinen häufiger begegnet und deren Kenntnis durchaus hilfreich sein kann. Die familiensoziologische Ausführungen sind stark verkürzt.   

                                            Die Ebene der Großeltern 

Das traditionelle Familienleben auf den Philippinen ist nichtsdestoweniger immer noch stärker vom Senioritätsprinzip bestimmt. Die Älteren haben einen Respektsbonus, der weitgehend als selbstverständlich gilt und den man nicht besonders hinterfragt. 

Dies gilt insbesondere auch für die Großeltern (grandparents), denen im Regelfall eine Wertschätzung und Hochachtung zukommt. Zumindest nimmt man ihre Ratschläge gerne entgegen. 

Sie in ein Altersheim abzuschieben, wird auch bei vermögenden Familien kaum ernsthaft erwogen. Die Alten sind zumeist auf die finanzielle Unterstützung der Jüngeren angewiesen, insbesondere wenn die Gesundheit weg bricht. Nur 13 Prozent der über 60-Jährigen erhalten eine Rente (3), deren bescheidene Höhe aber viele weiterhin zu Erwerbstätigkeiten nötigt. 

Der Großvater (grandfather) wird mit Lolo“, die Großmutter (grandmother) mit Lola“ angesprochen. Beide Bezeichnungen stammen aus dem Spanischen. 

Die Großeltern haben neben den eigenen Kindern (anak) im Regelfall auch (Ur-) Enkelkinder  (grandchildren). Den Enkel ersten Grades bezeichnet man mit Apo“. Die Enkel der nächsten Generationsfolge werden recht poetisch tituliert. Der Urenkel ist der „Apo sa tuhod“ –  auf deutsch der „Enkel des Knies“, während der Ururenkel (great great grandchild) auch in seiner Namensbezeichnung „Apo sa talampakan“ schon weiter weg von den Großeltern ist. Die Übersetzung lautet „Enkel der Fußsohle“. 

                                             Die Eltern-Ebene  

Elternteile können im Regelfall auf leibliche Eltern Magulang (parents) beziehungsweise auf Schwiegereltern biyenan (parents in law) zurückblicken. Mit „biyenan na lalaki“ wird der Schwiegervater, mit „biyenan na babae“  die Schwiegermutter bezeichnet. Die Großeltern nennen ihren Schwiegersohn (son-in-law)  bezw. Schwiegertochter (daughter-in-law)  „manugang“. 

Unser Muster-Ehemann soll Emilio (Vorname / first name)  Rocces (Mittelname / middle name) Borras  Jr. (Nachname / surname, family oder last name) heißen.  

Kleiner Exkurs: Mittelname (middle name) 

Der mittlere Name verweist gewöhnlich auf den Geburtsnamen der Mutter und soll der besseren Personenidentifizierung dienen. Die Zahl der Nachnamen auf den Philippinen ist ja aufgrund der spanischen Clavigo-Namensliste von 1849 mit insgesamt nur 66.000 vorgeschlagenen Namen relativ klein und dieser Umstand kann deshalb relativ schnell zu Namensverwechslungen führen (4).  Bezüglich der Wahl des Mittelnamens gibt es auf den Philippinen keine spezifischen gesetzlichen Regelungen. Die Eltern unseres Ehemannes Emilio hätten auch auf einen Mittelnamen ganz verzichten oder sich mit dem Namensinitial „R.“ für Rocces bescheiden können. Im Behördenverkehr kann es Schwierigkeiten geben, wenn man von dem ursprünglich gewählten Mittelnamen abweicht oder ganz auf ihn verzichtet. Trägt der Sohn denselben Vornamen wie der Vater, dann empfehlen sich die Namenszusätze „Sr.“ für den Vater und „Jr.“ für den Sohn. Der Sohn könnte bei identischem Vornamen auch die römische Ziffer II wählen. 

Der Geburtsname unserer Muster-Ehefrau soll lauten: Maria Abliter Torres, wobei der Mittelname Abliter dem Nachnamen der Mutter entspricht. Nach Verheiratung mit Emilio lautet dann ihre Namensbezeichnung: Maria  Torres Rocces, der mütterliche Mittelname wird gegen den väterlichen ausgetauscht.  

Sowohl Ehemann (husband) wie auch Ehefrau (wife) werden im Tagalog mit asawa“ bezeichnet. Für den Vater (ama) gibt es – neben dem fast universell gebräuchlichen „Papa“ - im engeren Familienkreis mehrere umgangssprachliche Bezeichnungen. Das Tagalog kennt die Benennungen: Tatay – Itáy – Tatang. Wird zu letzteren Bezeichnungen ein Name hinzugesetzt, handelt es sich jedoch um einen Onkel. Englischsprachige Varianten sind u.a Dad und Daddy.

Die Mutter (ina) kann zum Beispiel mit – Nanang, Nanay, Inay (Tagalog) – Mama, Mom oder Mommy angesprochen werden. 

Kleiner ExkursAutoritätsverteilung  

Sprechen wir kurz die Machtverteilung zwischen den Ehepartnern an. Weitgehend unbestritten ist, dass in früheren Jahrhunderten – unter dem Einfluss der spanischen Kolonialherren und der katholischen Geistlichkeit – die Familien stark patriarchalisch geprägt waren. Der Mann hatte das Sagen, die Frau war eher eine Dienerin der Familie und insbesondere mit der Erziehung der Kinder befasst. Die alten Autoritätskonzepte wirken auch in der Gegenwart noch kräftig nach.  Nitz Clamonte formuliert zum Beispiel wie folgt:  „Within the marriage, the wife is the servant, the "helper" of her husband…. the wife is not the one who gives out the money. She follows the final decision of her husband. Mama holds the respect, Papa holds the power (5).  In diesen Kontext passt auch der Hinweis, dass 1990 nur etwa 15 Prozent der Spitzenpositionen im Wirtschaftssektor von Frauen ausgeübt und nur 159 der 982  Spitzenpositionen im öffentlichen Dienst von Frauen bekleidet wurden – trotz mittlerweile zweier weiblicher Staatspräsidentinnen und aktuelle höherer prozentualer Anteile von Hochschulabsolventinnen (6).   

R. Hanewald kommt zu einer anderen Sichtweise. Er formuliert:„Philippinische Frauen Führungspositionen sind bereit, schon aus kulturell bedingter Harmoniebereitschaft heraus, sowohl im Erwerbs- als auch im Privatleben den Männern freiwillig die nominelle Chefposition zu überlassen.  Faktisch – und dies gilt für ihn insbesondere im Bereich der Familie – liegt für ihn die Entscheidungs- und Machtkompetenz bei den Frauen:  „Die willfährige Dienstmagd, ein bevorzugtes Klischee der philippinischen Frau gibt es zum Leidwesen mancher Männer aus kühleren Breiten, überhaupt nicht. Auch wenn es nicht immer den Anschein hat, ist die Frau auf den Philippinen emanzipiert und geachtet.  … Die Philippinen haben ein Macho-Image, weil die meisten Männer sich für Teufelskerle halten und dies auch gerne laut kundtun. In Wahrheit backen die Machos in der matriarchalischen Gesellschaft des Archipels ganz kleine Brötchen, liefern brav ihre Lohntüte zu Hause ab und erhalten einen mickrigen Obolus zurück, mit dem sie im Kreis ihrer Genossen den Gockel spielen dürfen“ (7). 

Wie man sieht - die Autoren differieren offensichtlich in ihrer Einschätzung dessen Grades der  Emanzipation der philippinischen Frauen.   

Zurück zu Namensbezeichnungen. Die Elternteile sind mit den Geschwistern des Ehepartners verschwägert. Der Schwager (brother-in-law) ist der bayaw, die Schwägerin (sister-in-law) wird als „hipag“ bezeichnet. Eine mögliche Geliebte des Ehemanns heißt Querida.   

                                     Die Kinder-Ebene  

Unser Elternpaar bekommt im Laufe der Zeit Kinder (anak). Mit dem aus dem Chinesischen stammenden Ausdruck Kuya beziehungsweise dem aus dem Spanischen stammende Begriff Manong wird in der Regel der älteste Sohn angesprochen. Der Ausdruck kann sich aber auch auf einen älteren Bruder, ein älteres Mitglied in der ferneren Verwandtschaft oder einen älteren Freund der Familie beziehen. Es ist eine Respektsbezeichnung. Mit der Rolle des Kuya gehen besondere Rechte und Verpflichtungen einher. Der Kuya kann die Rolle des Vaters in dessen Abwesenheit übernehmen, so wie die älteste Schwester, Ate (auch Manang) genannt, auch als Ersatzmutter fungieren kann. Die Anrede Ate wird aber auch bei geschwisterähnlichen Beziehungen wie zum Beispiel im Umgang mit Nichten verwendet.  

Für die nachfolgenden Geschwister (makkapatid / siblings) gibt es auch folgende spezielle Bezeichnungen im Tagalog: 

Zweitältester Bruder      -  Diko                    Zweitälteste Schwester   -  Ditse

Drittältester Bruder        -  Sangko               Drittälteste Schwester     -  Sanse  

Viertältester Bruder       -  Siko                    Viertälteste Schwester     -  Sitse

Jüngster Bruder            -  Totoy 

Mit Bunso wird das jüngste Kind bezeichnet. Er ist das Nesthäkchen, dem man Dinge durchgehen lässt, die man bei den älteren Geschwistern noch heftig gerügt hatte. 

Der bekannte philippinische Publizist Ambeth Ocampo vertritt die These, dass in philippinischen Familien den Söhnen oft der Vorrang vor den Töchtern gegeben wird und die Schwestern für ihre Brüder oft eine dienende Funktion einnähmen (8).  

Die Zahl der Kinder pro Familie und die durchschnittliche Haushaltsgröße ist - insbesondere in den Städten und in den besser gestellten Schichten - rückläufig. 1970 wurden noch 5,9 Kinder pro gebärfähige Frau registriert: Aktuell (2007) geht man nur noch von 2,8 Kindern im statistischen Mittel aus. Die von der Regierung propagierte Zweikind-Ehe stößt  insbesondere in katholischen Kirchenkreisen auf stärkere Vorbehalte. 

Fügen wir noch an, dass die junge, unverheiratete Frau eine „Dalaga“ ist; bleibt sie eine „Alte Jungfer“ spricht man im Tagalog von einer „Matandang dalaga“.

Neben den als etwas formal geltenden Vornamen ist auf den Philippinen insbesondere bei freundschaftlichen Beziehungen die Verwendung von Kosenamen (nick-names) sehr gebräuchlich.  Zu Teil sind sie aus den Vornamen abgeleitet, zum Beispiel kann aus Josepine Jojo, aus Imelda Imee, aus Lilibeth Beth, aus Michael Mike aus Ricardo Rico werden. „Girlie“ wird als Verkleinerungsform von „girl“. Verwendet. Manche Nick-Names sind lustiger und klingen wie eine Türklingel oder ein Türgong - wie zum Beispiel „Bing-Bong“, „Ding-Dang“, „Do-Dong“ oder „Ting-Ting“.

Zum weiteren Verwandtschaftskreis der Kinder gehören der Onkel – tito, tiyo (uncle)  – , die Tante – tita, tiya (aunt), - die Nichten und Neffen – pamangkin (nieces / nephews). Der westliche Besucher der Philippinen ist immer wieder überrascht, wieviele Verwandte - einem unsichtbarem Pilzmycel ähnlich - eine philippinische Familie umfassen kann.

     Das „Compadre“-System

Neben der Kernfamilie, der erweiterten Familie im Generationenverbund kennt man auf den Philippinen auch das „compadre“-System, das durch Quasi-Verwandtschaftsbeziehungen das Beziehungs- und Unterstützungsnetz einer Familie  oft beträchtlich erweitert.

Zu dieser erweiterten Familie gehören neben guten Nachbarn und Familienfreunden insbesondere die Godparents, die insbesondere als Taufpaten – aber auch als Firmungs- und Hochzeitspaten - in Erscheinung treten können. Der Pate („Ninong“) oder die Patin („Ninang“) soll das Patenkind („Inaanak“) unterstützen, wobei der Umfang seiner Verpflichtungen stärker variieren kann.

In der Provinz  kommt der Umfang der erwarteten Verpflichtungen manchmal fast denen einer Adoption nahe, manchmal beschränken sich die Erwartungen auf die Erteilung von Ratschlägen, kleinere oder mittlere finanzielle Zuwendungen oder Hilfestellungen, zum Beispiel  bei der Beschaffung eines Jobs. Ein Kind kann mehrere Paten haben. Gesucht sind insbesondere Paten, die vielleicht über etwas Vermögen verfügen oder einflussreiche Positionen im Wirtschaftsleben oder in der staatlichen Bürokratie inne haben. Es soll Paten geben, die weit über hundert Patenkinder zählen. Das Patenkind sollte seinem Paten Respekt zollen und ist ihm im Prinzip zu lebenslangem Dank („utang na loob“) verpflichtet.  Oft übersteigen die idealen Erwartungen jedoch die Realität und können insbesondere von Seiten des Paten nicht erfüllt werden.

Der ausgeprägte Familiensinn ist auch ein Einfallstor für ungerechtfertigte und unproduktive Patronage und Vorteilsbeschaffung, zum Beispiel bei der Besetzung von Posten im Wirtschaftssektor. Auf den Philippinen ist dieser Nepotismus (Vetternwirtschaft) stark ausgeprägt. Patronage findet sich auch im Bereich des öffentlichen Dienstes.

„Ein Polizist würde niemals seinem Patenonkel einen Strafzettel ausstellen, umso weniger, wenn dieser auch Beamter wäre. Denn wie könnte ein Patenkind, das seinem ninong seine Stelle verdankt, sich derart undankbar zeigen?! Diese Haltung prägt den gesamten öffentlichen Dienst auf den Philippinen, schreibt Margarete Payer“(9) .

In Anbetracht der relativen Instabilität und Krisenanfälligkeit anderer insbesondere der Regierungsinstitutionen bleibt aber dennoch die Familie auf den Philippinen der bedeutsamste Stützpfeiler der philippinischen Gesellschaft.

© Wolfgang Bethge, 2008


     (1) Eduard Brachetto, Philippinen - Paradies im permanenten Entwicklungsnotstand, Norderstedt

(2) Belen T. G. Medina, The Filipino Family, Quezon City, 2001, S.35

(3) Niklas Reese, Leben und Überleben, in: Reese / Werning, Handbuch Philippinen, S. 68

(4) Vgl. auch: W. Bethge, Warum die meisten Filipinos spanische Nachnamen haben, in: http://bethge.freepage.de/spanischenamen.htm

(5) Nitz Clamonte, Women in the Philippines, in: http://en.wikipedia.org/wiki/Women_in_the_Philippines

(6) The role and status of the Filipina, in http://reference.allrefer.com/country-guide-study/philippines/philippines65.html

(7) R. Hanewald, Bildatlas Philippinen, Ostfildern, 2001, S. 103

(8) Ambeth Ocampo, A few of my favourites things, in: http://www.livinginthephilippines.com/art-ambethocampo.html

(9)Margarete Payer, Internationale Kommunikationsformen, in: www.payer.de/kommkulturen/kultur051.htm