Nach-Lese: Jörn Farrows Schmöker "Kopfjäger der Philippinen

 

Wie versessen waren wir doch in unserer Jugend hinter den Abenteuer-Schmökern á la „Buffolo Bill“, „Bill Jenkins“, „Tom Prox“, „Jerry Cotton“ oder Perry „Rhodan“ her. Unsere Lesegier wurde nur durch das knapp bemessene Taschengeld gebremst. Die Schmöker wanderten  mehr oder weniger zerfleddert von Hand zu Hand und wurden häufig im Schein einer Taschenlampe unter dem Bett gelesen. Abseits von der tristen Normen- und Ordnungswelt von Elternhaus und Schule eröffnete sich hier eine unbekannte Welt des Abenteuers, der Freiheit und der Exotik.  

Gut fünfzig Jahre sind nun verstrichen und ich habe mir nun ein Heftchen Nr. 151 von Jörn Farrows U-Boot-Abenteuer- Serie „Kopfjäger der Philippinen“ erstanden. Würde ich es – nun etwas ortskundiger – mit derselben Obsession lesen?  

Zuvor noch einige Anmerkungen zu der Schmökerserie. Heft Nr. 1 „Schrecken der Meere“ erschien schon 1932 im Verlagshaus für Volksliteratur, Bad Pyrmont. Bis Kriegsbeginn erschienen über 150 Titel. Autor war überwiegend Hans Warren, über den man ansonsten nicht viel weiß. Nach dem Krieg wurden die Vorkriegs-Titel mit nur kleinen Änderungen neu aufgelegt und bis zur Nummer 357 unter wechselnder Autorenschaft fortgeführt. 1960 wurde die Heftserie  – weil sie offenbar nicht mehr in die Zeit passte – ausgemustert.  

Die Geschichten spielen in den dreißiger Jahren. Der Vater von Jörn Kapitän Farrow hatte - entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages und der bis 1927 bestehenden alliierten Militär-Kontrollkommission – sein U-Boot nicht an die Alliierten ausgeliefert oder selbst versenkt.  Stattdessen führt er sein U-Boot –  mit seinem achtzehnjährigem Sohn Jörn an Bord - nach Afrika, Asien und vor allem nach Südostasien. Mit seinen Gefährten erlebt er hier allerlei haarsträubende Abenteuer. Er kämpft unter anderem mit Haifischen, riesigen achtarmigen Kraken und setzt einem chinesischen Oberschurken nach. 

In Unkenntnis der frühen Hefte weiß ich nicht, wie das durchaus bewaffnete U-Boot den alliierten Häschern entkommt, welche Häfen es anläuft oder wie Kapitän Farrow sein U-Boot finanziert. Zu Zeiten der Weimarer Republik durfte die Reichsmarine bekanntermaßen keine U-Boote führen, sie plante jedoch heimlich einige spätere Modelle. Es erstaunt jedenfalls, dass in unserem Heft Nr. 151 die amerikanischen Besatzer dem deutschen U-Boot gestatten, auf einer Werft  in Mindanao die Motoren auszubessern. Sie geben dem deutschen Kapitän auch die Erlaubnis, im Landesinneren Waffen zu tragen. Zu den Waffen gehören auch „Betäubungsgas-Handgranaten“ (?).   

Und damit wären wir schon bei der Story. In einem Küstenort Mindanaos trifft Kapitän Farrow auf den deutschen Plantagenbesitzer Langsdorf. Dieser klagt ihm sein Leid. Sein junger Sohn Kurt ist beim Sammeln von Insekten vor Wochen  bei seinem Streifzug durch den Urwald offenbar von einem Kopfjägerstamm entführt worden. Überdies leide die Tochter an hohem Fieber. Wie nicht anders zu erwarten verspricht Kapitän Farrow seinem Landsmann schnelle Hilfe. Er hat in anderen Ländern schon Erfahrungen mit Kopfjägern gesammelt, außerdem spricht sein Sohn ja auch die malaysische Sprache und Malayisch ist ja auf den Philippinen „ziemlich verbreitet“. 

Ob sich der Autor hier nicht irrt? Die malaysische Sprache wird allemal nur von den Moslems im Süden Mindanaos verstanden. Selbst das Tagalog als Hauptsprache der Philippinen wurde vor dem Krieg nur etwa von dreißig Prozent verstanden.   

Kapitän Farrow macht sich mit seinem Sohn Jörn und einer Gefolgschaft von U-Boot-Mannen auf den Weg. Vor ihrem langen Fußmarsch fahren sie - welch eine Überraschung - zunächst Eisenbahn. 

Eine Eisenbahnlinie gab und gibt es aber nach meinem Wissen nicht auf Mindanao. Die nächst gelegene befand sich auf der Insel Panay (Strecke: Iloilo City- Roxas City). Panay liegt aber etwa 300 - 400 km nördlich von Mindanao. Sie wurde 1911 in Betrieb genommen, in den sechziger Jahren geschlossen und steht nunmehr vor ihrer Wiedereröffnung. 

Es folgt der Marsch zur Plantage. Dort wird flugs Tochter Charlotte mit einem indischen Serum von ihrem Sumpffieber geheilt. Die Suche nach dem Dorf der Kopfjäger gestaltet sich schwierig und strapaziös, dauernd müssen Spuren und abgebrochene Zweige untersucht werden. Die Lektüre ist es auch. Wer die Beschreibung eines großartigen Urwald-Panoramas erwartet sieht sich getäuscht. Unser Schreibtisch-Autor sieht nur „Dschungel“ - „Dickicht“ - „Gestrüpp“ - "Felsterrains " und (geheime) Pfade. Überall können die Kopfjäger lauern. Aber „Angst kannten die U-Boot-Männer sowieso nicht“ (S. 11).  

Irgendwie rutscht dann der Held Jörn über einen schmierigen Tunnelgang direkt ins Dorf, wird niedergeschlagen und Gefangener des „Teufel-Teufel-Mannes“, einem gar grauslichem Schamanen. Er ist die Gegenfigur zu Jörn und dürfte die kindliche Schreckensphantasie durchaus ansprechen. Der Rücken ist gekrümmt, der Körper mit Narben bedeckt. „Im Gesicht des Mannes fehlte die Nase fast völlig“ (S. 44). Er grinst höhnisch und zeigt dann seine dunklen Zahnstummel, sofern er es nicht vorzieht, mit einem roten Gewand und einer dunklen Holzmaske vor die Dorfbevölkerung zu treten. Komischweise spricht er wiederum nur sehr schlecht Malayisch. In der deutschen Rückübersetzung hört sich das dann ziemlich abgehackt wie folgt an: 

Du haben recht, Tuan! Ich dich behalten bis großes Fest“  (S. 45).  

Es bleibt offen,  zu was die Gefangenen „auserkoren“ sind. Manches deutet auf einen Festschmaus hin, dann wäre ein kannibalischer Akt geplant. Die übrigen Filipinos erscheinen nur verfinstert oder eingeschüchtert und haben dann große, schreckhafte Augen. 

Den weiteren Handlungsablauf brauchen wir hier nicht groß ausführen. Kurt und Jörn werden befreit und die betäubten und gefangen genommenen Dorfkrieger der amerikanischen Besatzungsmacht überantwortet.  

Der großherzige Doktor Bertram findet zu verständnisvollen Worten:

Im Grunde kann man die Eingeborenen für ihr Tun nicht verantwortlich machen. Sie handeln ihrer Überlieferung gemäß und achten jedes Leben, auch ihr eigenes, gering. Die Sitte des Kopfjagens ist seit Jahrhunderten bei ihnen eingebürgert. Sie begreifen nicht, weshalb ihnen die Weißen, die ihnen die Heimat genommen oder wenigstens beschränkt haben, das Verbot erließen (S. 59)“.

Will uns hier der Autor - fern von nationalem Dünkel - ein kulturanthroposophisches Verständnis mitteilen?  

Ausgespart haben wir bislang das Thema Existenz oder Nichtexistenz von Kopfjägerei auf den Philippinen. In der Literatur finden sich hierzu nur eher spärliche Hinweise. Sofern sich solche finden, verweisen sie nicht nach Mindanao sondern ins nördliche Luzon. Es ist ziemlich unbestritten, dass bei den Stämmen der Kalinga, Ifugao und Bontocs insbesondere vor der amerikanischen Kolonialherrschaft Kopfjagden veranstaltet wurden. Später treten sie nur noch in Einzelfällen auf.  Nur ausnahmsweise waren sie mit Kannibalismus verknüpft. Motive für Kopfjagden waren u.a. Stammesrache, soziale Akzeptanz des Kopfjägers, Kraftübertragung und  magischer Schutz. Man trennte den Kopf des Getöteten vom Rumpf und begrub ihn vor dem Haus. Hatte sich das Fleisch gelöst, dann teilte man mitunter den Schädel und verbrachte sie ins Haus, wo sie als Prestigeobjekte fungierten. Unterkiefer sollen bei den Bantocs auch als Türöffner oder als Henkel benutzt worden sein (1).  

Das Ritual der Kopfjägerei war insbesondere in Kriegerkulturen mehr oder weniger weltweit verbreitet. Bei den Kelten ist man sich relativ sicher, dass die Kopfjagd feste Tradition war. Manche vermuten sie auch bei einzelnen germanischen Stämmen (2). Schließlich ist auch das Skalpieren der ach so edlen Indianer als Sonderform der Kopfjagd zu sehen. 

Es gibt noch andere Jörn Farrow-Schmökerheftchen, die offensichtlich auf die Philippinen Bezug nehmen, zum Beispiel der Band 145 „Gefahren der Torres-Strasse“ oder Nr. 191 „In den Klauen der Kopfjäger“. Angesichts der dünnen Geschichte von „Kopfjäger der Philippinen“ und dem gesteigerten Bedürfnis nach Ruhe im Alter erspar ich mir jedoch diese Kopfwanderungen. Bei den Liebesschnulzen wie „Der Bergdoktor“ oder „Dr. Stefan Frank“ bräuchte ich nicht nachrecherchieren sondern nur an die Kraft der guten Herzen glauben.  

© Wolfgang Bethge, in 2007

(1) http://class.csueastbay.edu/anthropologymuseum/virtmus/Philippines/Overall/General_Info.htm

(2) http://en.wikopedia.org/wiki/Headhunting