Ein Palmen-Märchen - leicht hinterfragt 

Manchmal trübt sich das vielleicht einst helle Vorstellungsbild der Philippinen unter dem Eindruck von wiederkehrenden Nachrichten über Überbevölkerung, Armut und Kriminalität, Korruption und Wahlbetrug stärker ein. Fast unwillkürlich beginnt man nach „brighter sights of life“ und „good news“ zu suchen.  

Wenn aber die Realität der Philippinen mit den „brighter sights“ geizt, dann können Märchen unter Umstanden dem Realitätsflüchtigen ein wenig helfen. Sie mögen streckenweise der Realität in Grausamkeit nicht nachstehen, im Regelfall siegt aber das Gute. Sie stellen wieder die Fantasiebezüge her, die die magische Vorstellungswelt unserer Kindheitstage so bewegten. 

Im nachfolgenden soll hier ein Märchen aus den Visayas leicht verkürzt wiedergegeben werden(1). Es hat den vom Zeitgeist geforderten ökologischen Bezug, ist melodramatisch, schließt sicherlich auch einen moralischen Appell ein und gestattet uns im Nachgang sogar einige biologische Anmerkungen zu zwei Palmenarten. Öffnen wir also unser Märchenbuch:  

 

Die Bestrafung der Fischschwanz- und Buri-Palme  

Die Welt war noch jung und dem Himmel nahe. Bathala, der große Himmelsgott, hatte auch schon Bäume geschaffen. Sie hatten durchaus menschliche Eigenschaften. Sie konnten miteinander reden, sich rufen oder miteinander lachen. Sie konnten auch herumlaufen, im Wind spielen oder sich mir Regenwasser bespritzen. Wurden sie verletzt, dann weinten sie.  

Später schuf Bathala auch Menschen. Sie mussten sich gegen den Regen und die heiße Sonne schützen und suchten deshalb Höhlen auf. Diese waren aber dunkel, heiß  und muffig und konnten nicht die wachsende Zahl an Menschen aufnehmen. Sie suchten deshalb nach einem Schutz, der es ihnen möglich machte, die Sonne zu sehen, dem Regen zu lauschen oder den frischen Wind im Gesicht zu spüren. Da hatten sie eine Idee. 

Sie raubten den Bäumen ihre Kronen und begannen die Bäume zu fällen, um aus dem Holz Hütte und Häuser zu bauen. Die Bäume begannen zu stöhnen und zu weinen. Wann würde ihr Leid enden, die massenhafte Vernichtung ein Ende finden? Das  Wehklagen drang bis zu Gott Bathala und er rief alle Bäume zusammen. „Ich kann den Menschen das Fällen nicht verbieten, denn sie müssen sich ja gegen den Regen schützen“, sagte er. „Aber ich will euch auch entgegenkommen. Ich werde euch einige menschliche Eigenschaften nehmen. Ihr werdet ab sofort keine Schmerzen mehr verspüren, wenn man euch Äste und Zweige nimmt und ihr gefällt werdet. Ich gewähre euch auch jetzt ein längeres Leben als der übrigen Kreatur.“ 

Die Fischschwanzpalme und die Buri-Palme hatten der Rede Bathalas jedoch keine Beachtung geschenkt. Sie schwatzten fröhlich miteinander. Dies verdross den großen Himmelsgott sehr  und er rief den beiden Bäumen zu: „ Weil ihr mir nicht zugehört habt und mir keine Aufmerksamkeit geschenkt habt, erhaltet ihr von mir nicht ein längeres Leben geschenkt. Stattdessen sollt ihr sterben, wenn ihr einmal Früchte getragen habt.“ Und dies ist der Grund, warum die Fischschwanz- und Buri-Palme sterben müssen, wenn sie Früchte getragen haben, während die anderen Bäume Jahr für Jahr neue Früchte bis ins reife Alter tragen können.  

 

Die Fischschwanzpalme (Fishtail Palm - Caryota spp.) 

Wir wollen im Nachfolgenden annehmen, dass die Kullertränen des geneigten Lesers ob des traurigen Schicksals der beiden Palmen getrocknet sind und fragen nach den biologischen Hintergründen dieses Märchens.  

Wenn wir im nachfolgenden von Fischschwanz-Palmen sprechen, gehen wir von ausgewachsenen Bäumen aus und nicht von den pflegeleichten Jungpflanzen, die der Handel in Töpfen und Kübeln auch anbietet und die man im Sommer auch bei uns ins Freie stellen kann. 

Die Fischschwanzpalme ist in der Regel vier bis acht Metern hoch, die Art obstusa erreicht sogar eine Höhe von bis zu dreißig Metern. Die Baumkrone ist von ihrer Gestalt her eher unregelmäßig zottelig und erreicht eine Breite von etwa drei bis vier Metern. Der Stamm ist glatt und soll - wie auch die übrigen Pflanzenteile - nach vorherrschender Ansicht bei Hautberührungen zu Juckreiz führen.  Während bei der Kokospalme die Wedel sich stärker nach unten neigen, sind die Wedel der Fischschwanzpalme eher aufwärts gerichtet

An den Wedeln sitzen in regelmäßiger Anordnung die etwa 8-12 Zentimeter langen Fiederblätter. Sie haben eine klar konturierte Dreiecksform mit zwei Einkerbungen, die an einen (Gold-) Fischschwanz erinnern und an der Unterseite silbrig glänzen.   

Erst nach mehr als einem Jahrzehnt langsamen Wachstums -  ein Autor spricht von mehr als zwanzig Jahren - bilden sich ausgehend von der obersten Stängelachsel Blütencluster  aus. Sukzessiv folgen dann die Blütencluster der nächst tieferen Stängelachseln. Wie unser Märchen am Ende richtig konstatiert,  stirbt dann die Palme ab. Das gilt aber nur für Einzel- oder Solitärbäume. Realiter bedeutet dies aber oft nicht das Ende der Palme, denn die Fischschwanz-Palme  produziert in der Regel zahlreiche unterirdische Ausläufer, aus denen wieder neue Generationen von Jungpflanzen sprießen. Man sieht deshalb die Fischschwanz-Palme häufig in reizvoller, mehrstämmiger Gruppierung.  

Unser Märchen hat also in Bezug auf die Lebensdauer der Palme nur teilweise recht. 

Der Palme kommt heute eine eher eingeschränkte wirtschaftlicher Bedeutung zu. Die kleinen braunen Früchte enthalten giftige Oxalsäure und werden auch von Wildtieren gemieden. Den Stamm verwendet man als Bauholz, mit den Palmwedeln deckt man die Reetdächer von Häusern ein.  Die Fasern der Blätter wurden zu Seilen verarbeitet.   

Die Buri-Palme (Talipot-Palm, Corypha elata) 

Die Buri-Pame ist die größte der philippinischen Palmen und hat - nur von der Kokosnuss übertroffen - durchaus eine wirtschaftliche Relevanz. Man findet sie in ganz Südostasien. Sie wird 20 - 40 Meter hoch, der Stammdurchmesser kann bis zu eineinhalb, der Durchmesser der Baumkrone bis zu acht  Meter betragen. Charakteristisch sind die zwei bis fünf Meter langen, fächerartigen Palmwedel.  

Am Ende ihrer Lebenszeit - nach etwa 30 - 80 Jahren - produziert die Palme einen riesigen - manche sagen: weltgrößten - Blütenstand, aus dem sich 250 - 350.000 murmelartige Früchte entwickeln. Sie hat dann - wie im Märchen vorausgesagt - ihre finale Lebensphase gefunden und stirbt ab.  

Mit den Wedeln deckt man gleichfalls Hausdächer. Die Stängel und Blattrippen werden oft aufgespaltet und mattenartig zum Beispiel zu Behältern und Körben verwoben. Ein recht mühsames, auch schmerzhaftes Geschäft ist die Gewinnung von Fasern aus dieser Palmenart. Buri-Fasern sind rund, kräftig aber auch teuer. Herrenhüte, die aus diesen Fasern gefertigt werden, gelten als besonders wertvoll. 

© Wolfgang Bethge, 2007


(1)   Wir stützen uns bei der Wiedergabe des Märchens auf das Erzählbändchen von Terisita Veloso Pil, Philippine Folk Fiction and Tales, Quezon City, 1977