Kleiner Gespenster-Reiseführer für Leichtgläubige

 

Halloween – der kommerziell aufbereitete Geisterglaube - rumpelt zwar auch in den westlichen Ländern immer stärker. Es wäre indessen verfehlt, schon von einer Renaissance des alten  Geisterglaubens früherer Jahrhunderte zu sprechen. Noch hat er bei uns kaum Fuß gefasst. Zu stark sind die Abwehrmauern des Rationalismus, der scheinbar alles erklären kann und will; zu dominant die naturwissenschaftliche Sichtweise, die die „dunkle Hinterseite“ der Dinge so rigoros ausblendet. 

Etwas anders stellt sich wohl die Situation auf den Philippinen dar. Hier gab es schon immer eine starke animistische Grundströmung, auf denen die Lehren der katholischen Amtskirche und die schulische Aufklärung zum Teil nur sehr locker aufsitzen. Im Bewusstsein vieler Filipinos ist die Natur durchaus „beseelt“. Geister, Dämonen und Spukgestalten  vermitteln zwischen Dies- und Jenseitigem. Die spirituelle Welt auf den Philippinen kennt ein ganzes Panoptikum solcher zwischenweltlicher Gestalten, neben den vielen kleinen Brunnengeistern zum Beispiel: 

  die schönen, fast transparenten Elfen („Kaiba-an“), die in den Mangobäumen wohnen und Männer verführen.  

der ziarrenrauchende „Balang“, halb Mensch halb Pferd, der die Menschen durch seine Galoppaden erschrickt und in die Irre führt. 

die kleinwüchsigen, eher gutmütigen „Dwendes“ oder Zwerge, die mit ihren Palmhüten vor ihren Goldbergwerken sitzen und ab und an auch einen Streich spielen können.  

die „Aswang“-Hexe, die in Gestalt einer Fledermaus zu nächtlicher Stunde ausfliegt und mit ihrer langen Zunge insbesondere schwangeren Frauen Blut aus dem Körper saugt. 

In einem Artikel sind wir auf diese Gestalten etwas näher eingegangen(1). So pittoresk-gruselig diese Gestalten auch anmuten mögen, sie sind schwieriger anzutreffen, da sie allerorts in Erscheinung treten können. 

Vielleicht sollte sich deshalb der Besucher der Philippinen, dem eine Reise auf einer überbesetzten philippinischen Fähre, ein Aufenthalt im Gebiet der Sulu-Sea oder eine Höhlenwanderung nicht genug Nervenkitzel bietet, im Rahmen seiner Geister-Suche eher auf die ortsgebundenen Geister und Gespenster setzen. Diese Geister sind auch in der jüngeren Gegenwart immer wieder beobachtet worden. Man kennt ihren Erscheinungsort, nicht jedoch den Zeitpunkt ihres Erscheinens. Die etwas sperrigen Geister lehnen leider fixe  Auftrittstermine strikt ab. 

Die Kontaktwahrscheinlichkeit erhöht sich natürlich, wenn – wie bei jedem Glauben - eine gewisse Glaubensbereitschaft vorweg vorhanden ist.  Da wir die Glaubensbereitschaft des Lesers leider nicht kennen, können wir ihnen auch keine feste Garantie für ein mögliches Zusammentreffen mit denn Geistern geben. Für ein kleines Entgelt legen wir auch gerne eine herzliche Fürsprache bei den gesuchten Geistern ein.  

Unsere Rundreise beginnt mit der Stadt Baguio im Norden der Philippinen und setzt sich nach Süden fort.

Auf dem Gelände der Militärakademie in Baguio City spuken gleich mehrere Vertreter der philippinischen Geisterwelt. Es erscheint dort zu nächtlicher Stunde nicht nur ein von den japanischen Besatzungstruppen geköpfter Priester sondern auch eine geheimnisvolle weiße Frau. Es wird auch von einem unerklärlichen Geisterzug paradierender Soldaten, die von einem jungen Kadetten angeführt werden, berichtet. Hoch verdächtig ist auch das dortige Teacher´s Camp, das sich, wiederum nachts, zum Schlachtfeld eingeborener Krieger wandeln kann. 

Wenig verwunderlich ist, dass die im 2. Weltkrieg so stark umkämpfte Insel Corregidor in der Manila Bay auch als Schauplatz von Geistern gesehen wird. Insbesondere im zerstörten Hospital und im Malinta Tunnel soll man noch immer  das Stöhnen von Soldaten hören und wandernde Fußspuren sehen können. 

Quezon City sollte in Ghost City umbenannt werden, denn dort treten die Geister besonders massiert auf. Auf dem Gelände der Claret School, einem früheren Friedhofsgelände, im Diliman Teacher´s Village spukt nicht nur ein weiterer kopfloser Priester sondern auch ein Student, der 1997 sich vom 5. Stockwerk zu Tode stürzte.  

Bekannt geworden ist auch die „Weiße Lady“ vom Balete Drive (Zufahrt). Man nimmt an, dass es sich in ihrem Fall um einen jungen weiblichen Teenager handelt, der in den 50er Jahren von einem Taxifahrer vergewaltigt und dessen toter Körper hier dann abgelegt wurde. Lange Zeit erschien sie nachts insbesondere den Taxifahrern und klagte ihnen ihr Leid. Doch immer, wenn sie gefragt wurde, wer der Täter gewesen sei, verschwand sie im Rückspiegel. Es konnte auch vorkommen, dass sie die Taxifahrer so irritierte, dass diese stundenlang immer wieder im Kreis fuhren. Erst nach einer Bekreuzigung und einem Gebet hätten sie ihr Ziel gefunden. Ganz schlaue Zeitgenossen meinen indessen, die Geschichte der „White Lady“ vom Balete Drive sei ursprünglich nur eine Erfindung eines Journalisten gewesen, der in einer ereignislosen Zeit eine Zeitungs-Ente schrieb. Die Story hätte sich dann verselbstständigt. 

Mehrere Studentinnen des Miriam College bezeugten, dass während ihrem Toilettenbesuch über der Tür eine gaffende Nonne erschien. Füße waren aber durch den unteren Türspalt nicht zu sehen. -  Eine andere Studentin berichtete, dass als sie sich die Hände wusch, ein Dämon aus dem Waschbecken stieg. Er hätte ihr zwar nichts angetan, da sie sich schnell in ein Gebet flüchtete. Wir merken: Glaube heilt Aberglauben. - Fällt in dieser Schule jemand ohnmächtig zu Boden, dann könnte es eine frühere Studentin zurückzuführen sein, die auf dem Campus dieser Schule von einem Auto tödlich angefahren wurde und seitdem als rächender „Manananggal“-Vampir  in Erscheinung tritt. „Manananggals“ lassen bei ihrem Flug ihre untere Körperhälfte zurück. Aus ihrer oberen Körperhälfte wachsen ihnen große Fledermausschwingen, mit denen sie zu ihren Opfern fliegen. 

Auch in Manila haben viele Geistererscheinungen einen Bezug zu früheren Todes- und Unglücksfällen. Uns fiel in diesem Zusammenhang auf, dass viele Spukgestalten ihr Domizil ganz offensichtlich in schulischen Einrichtungen finden. Für Spiritualisten dokumentiert dieser Tatbestand vielleicht nur den engen Zusammenhang zwischen „Geist“ und Geistern“. Psychologen tippen vermutlich eher auf pubertärem Schabernack und Bildungspädagogen merken in diesem Zusammenhang vielleicht an, dass die naturwissenschaftliche Lehre es eben auf den Philippinen schwerer hat, sich zu behaupten.  

Mal ist es ein an einem Herzinfarkt verstorbener Professor, der weiterhin im Todesraum spukt (Asian Institute of Management, Makati City), mal die Opfer von Hinrichtungen im 2. Weltkrieg (De La Salle University), die in der stillen Abenddämmerung erscheinen. Das Gebäude der Arellano High School stürzte aufgrund eines Erdbebens vor vielen Jahren ein. Die einstigen Opfer erscheinen – nach Bekundigungen von Schülern und Lehrern – immer noch als Geister. Auch die alte University of Santo Tomas ist ein Unterschlupf für Geister. Im zweiten und dritten Stockwerk will man immer noch das Stöhnen gefolterter Mönche und Filipinos hören. 

Im Rizal Park treiben noch immer japanische Soldaten, die bei einer Gebäudesprengung ums Leben kamen, ihr gespenstiges Unwesen. 

In der Ozono Disco brach vor Jahren ein Brand aus. Eine Panik setzte ein und Besucher kamen zu Tode. Noch heute – so berichten einige Leute – kann man plötzlich und unvermittelt Discomusik hören und Tanzende sehen.  

Bekannter geworden sind die Todesfälle beim  Bau des Film Centers in Manila in den frühen achtziger Jahren. Plötzlich stürzten ganze Wanddecken zusammen und begruben Bauarbeiter unter sich.  Man stand beim Bau unter Zeitdruck und investierte zu wenig Zeit in die Rettung der Verschütteten. Sie wurden teilweise lebendig begraben. Schon kurze Zeit danach machten sie sich durch eine „poltergeist activity“ bemerkbar. Ende der neunziger Jahre versuchte eine Gruppe von Geistsuchern, die Seelen der Verschütteten zu besänftigen. Dies soll nur teilweise gelungen sein, denn noch heute hört man angeblich die Laute und Stimmen der zu Tode Gekommenen. 

Weibliche Geister tauchen insbesondere im südlichen Teil von Manila  in der Stadt Muntilupa (San Jose Village) auf.  Hier hat man schon weiße und rote „Ladies“ mit glattem und  hoch stehendem Haar gesichtet. Über Schwangeren soll nachts ein Riesenvogel kreisen, von dem man jedoch nur den kalten Flügelschlag verspürt.  

Die Insel Siquijor ist für Schamanen, männliche und weibliche Hexer bekannt. Sie  beschwören durch Rituale übernatürliche Kräfte und bereiten Zaubergetränke zu. Manche Hexer sind bei einer entsprechenden Auftragserteilung auch bereit, einer Person Unglück – ja sogar den Tod – zu wünschen. 

In Iloilo City ist es insbesondere die Central Philippine University, deren Lehrbetrieb von Geistern mächtig gestört wird und dort die hellen Lampen der Wissenschaft zum Flackern bringt. Jogger werden am frühen Morgen von einem weiblichen Geist begleitet, der aber immer dann verschwindet, wenn man eine Konversation mit ihm beginnen will. Kobolde rennen auch am Tag durch die Leersäle. Studentinnen, die ihr Haar frisieren wollen, sehen im Spiegel hinterrücks urplötzlich das Gesicht einer verstorbenen Studentin. Nachts gehen auf unerklärliche Weise plötzlich Lampen an, man hört ein Trippeln und Möbel werden verrückt. Auch den exekutierten Dekan Valentine will man schon kopflos vor der Eingangspforte gesichtet haben. 

Von der Champaca Street in Davao City ist bekannt, dass dort Geister flanieren. Man hat sie nicht nur mit bloßem Auge gesichtet. Es sollen auch Videoaufnahmen von ihnen gefertigt worden sein.     

Und damit verlassen wir das zwielichtige Schattenreich  der Geister auf den Philippinen. Man hat ja auch eine Verantwortung gegenüber dem geneigten Leser. Der Schlaf ist ein hohes Gut. Man sollte ihn nicht mit Schauermärchen und Hirngespinsten stören.


 (1)   W. Bethge, Creatures of Midnight - Nächtlicher Besuch in der Welt philippinischer Spuk- und Schreckensgestalten, in: http://bethge.freepage.de/creatures.htm

© W. Bethge, 2008