Leidenschaft und Laster des Hahnenkampfes   

Man kann den Hahnenkampf auf den Philippinen als grausames, blutiges Ritual bewerten und sich insbesondere als westlicher Tourist mit anderen Werteinstellungen zum Tier mit Befremden und Entsetzen  von diesem „Sport“, der auch schon als „degradierter Gladiatorenkampf“ (Schliff) bezeichnet wurde, abwenden.

Nichtsdestoweniger gehört der Hahnenkampf wie die Fiesta zu den identitätsstiftenden Institutionen des Landes.  Die hohe Wertschätzung des Hahnenkampfes auf den Philippinen kommt vielleicht am stärksten in der folgenden pointierten Redewendung zum Ausdruck: „When a Filipinos house catches fire, he first rescues  his gamecock, then his wife, and then his kids“. Der Satz macht auch deutlich, dass der Hahnenkampf eine männliche Domäne ist. Vielleicht haben auch diejenigen nicht ganz unrecht, die behaupten, dass Hähne die größten Konkurrenten der philippinischen Ehefrauen sind.   

Der Hahnenkampf (Sabong) ist nach dem Basketballspiel der zweitbeliebteste Volks-„Sport“. In den größeren Städten trifft er zwar stärker auf die Konkurrenz anderer Sportarten, aber auf dem Land hat er seine herausragende Rolle behalten. Die Hahnenkampfbranche, über deren volkswirtschaftliche Nutzen man streiten kann, erwirtschaftet einschließlich Nebengewerben einen (Wett-) Umsatz, der im Milliarden-Peso-Bereich liegt. Der Hahnenkampf ist ein „Big Business“. Auch Multis wie die San-Miguel Corporation, Novartis oder Bayer konkurrieren über Futtermittel oder Additive in einem Wachstumsmarkt um Marktanteile. Da fast jedes Barangay zumindest zeitweise über einen Kampfplatz verfügt, liegt die Zahl der Kampfstätten weit über zehntausend. Die Philippinen gelten als „Hahnenkampfparadies“. Man unterstellt, dass auf den Philippinen jährlich zwischen sieben bis dreizehn Millionen Hähne zum Kampfeinsatz kommen.  

Rizal sprach in seinem Roman „Noli me Tangere“ von einem „Volkslaster“. Dem Ex-Präsidenten Marcos war indessen der Hahnenkampf so wichtig, dass er 1974 ein „Cock-Fighting Law“ verabschieden ließ, um ein „nationales Erbe, in dem sich nationale Identität ausdrückt, zu erhalten und zu pflegen“. Zehn Hahnenkampfmagazine sowie drei TV-Programme und ein Radiosender haben den Hahnenkampf als Zentralthema.

Unter historischer Perspektive war und ist der Hahnenkampf keineswegs nur auf den Philippinen anzutreffen. Schon in der europäischen Antike – in Griechenland und im alten Rom – gab es Hahnenkampfveranstaltungen. Des weiteren im vorderen Orient und in Indien. In England wurde der Hahnenkampf nach jahrhundertlanger Praxis erst 1849 verboten. Obwohl die Präsidenten Washington und Lincoln Hahnenkampfbefürworter waren, ist er gegenwärtig nur noch in fünf Staaten in den USA zugelassen und ist dort eher eine Randsportart mit geringem Prestige. Heutzutage findet man den Hahnenkampf – zum Teil weniger blutig ausgestaltet – insbesondere noch in Mittelamerika, der Karibik, Thailand und in Indonesien.

Falsch ist die Bemerkung Rizals, die Spanier hätten den Hahnenkampf auf die Philippinen importiert, um so den Frustrationen der Kolonisierung ein Ventil zu öffnen. Nach vorherrschender Ansicht war der Hahnenkampf schon lange vor der Ankunft der Spanier im Land verbreitet. Die Einstellung der Spanier selbst zum Hahnenkampf war ambivalent. Einerseits konnten sie aus den Lizenzen und Eintrittsgeldern Pfründe ziehen, andererseits galten cockpits auch als Hort der Rebellion. Ein eher distanzierteres Verhältnis zum Hahnenkampf hatten die stärker puritanisch ausgerichteten Kolonialvertreter der USA. Man kritisierte den „barbarischen“ Sport und versuchten andere Sportarten wie das Tennis- oder das Baseballspiel zu fördern. 

Die philippinischen Regierungen haben das Cock-Fighting nie untersagt. Es wurden unter Marcos lediglich Dekrete, die primär Anmelderegularien betreffen, verabschiedet. Es dürfen zum Beispiel Vertreter von Gemeinden und Städten keine Managerfunktion übernehmen oder als Eigentümer von Hähnen auftreten. Aber diese Regelung wird vielfach unterlaufen. 

Aufzucht, Pflege und Training  

Nicht so betuchte Filipinos auf dem Land züchten ihre Kampfhähne aus preiswerten, einheimischen Hühnern. Spitzenkampfhähne werden jedoch systematisch gezüchtet. Steht Kapital zur Verfügung, importiert man gerne aus den USA ein spezielles „Trio“, bestehend aus einem Kampfhahn und zwei Hennen. Die Preise für ein Trio liegen im Regelfall mit 1000 – 25.000 $ sehr hoch. Beliebte Rassen sind u. a. die Roundheads, Clarets oder Greys. Bestimmte Rassen und „super blood lines“ können „in“ bez. „out“ sein. Generell werden die importierten Hähne „Texas-cocks“ bezeichnet. Sie sind oft nicht besonders schön, gelten aber als besonders stark und ausdauernd und können im Vergleich zu ausschließlich einheimischen Hähnen angeblich viermal mehr Hiebe austeilen. 

Auf den Philippinen selbst werden die meisten Kampfhähne auf der Insel Negros herangezüchtet. Hier sind die Topzüchter zu Hause, so u. a. ein Bruder der Ex-Präsidentin Cory Aquino. Die Zuchtprogramme sind wissenschaftlich ausgelegt und kostenintensiv. Es ist von Preisen von 100 – 200 $ für einen Kampfhahn aus guter Erblinie die Rede. Aufzucht und Kauf sind mit Risiken verbunden. Erfolgreiche Hähne lassen sich auch unter Zuhilfenahme moderner Technik nicht so ohne weiteres reproduzieren.

Wie in den Humanwissenschaften, so gibt es auch unter den Kampfhahnzüchtern unterschiedliche Ansichten darüber, welches Gewicht das genetische Erbe oder die Aufzucht bez. das Training für den Erfolg eines Kamphahns hat. Vorherrschende Ansicht ist jedoch, dass der Kampfstil (Tempo, Kraft, Angriffshöhe) eines Hahnes eher erbbedingt ist. Das Training könne den Kampfstil nur verbessern (1). 

Nach dem Kauf durchläuft ein junges Hähnchen die Altersabschnitte „baby stag“ (unter einem Jahr), „battle stag“ (unter zwei Jahren) zum „battle cock“ (ab zwei Jahren). Sollte sich jedoch im Training oder Sparring eine Kampftuntauglichkeit ergeben, empfehlen einige Züchter die Tötung der jungen Tiere, um die Qualität der Stämme zu gewährleisten („because they may dilete the purity of the blood lines“).

Was die Fütterung anbelangt, so hat jeder Züchter wohl seinen eigenen „geheimen“ Ernährungsplan, auf den er schwört. Der arme Filipino wird seinen Hahn mit gebrochenem Reis, Gemüse und altem Brot füttern. Vermögendere Besitzer greifen besseren Getreidesorten, Milch, Käse oder Äpfeln sowie Nahrungsmitteladditive wie Vitaminen, Mineralien, Elektrolyten oder sogar Amphetaminen. Auch Strychningaben zur Steigerung des Appetits beziehungsweise zur Herz- und Kreislaufanregung vor dem Kampf sind nicht ausgeschlossen, werden aber von der Mehrheit der Cockers abgelehnt. Während in früheren Zeiten dem Futter manchmal noch Schwefel, Gewehrpulver, Muschelkalk- und Granitpulver beigemischt wurde, haben sich mittlerweile die Additive verfeinert. In einem Werbeprospekt der Genem Biotechnolgy Company werden folgende Vorzüge eines Cocktails gepriesen:  

„Die Essenz verhilft zu einer kräftigen Kammbildung ... Sie verstärkt die Aggressivität, Stärke und Durchhaltevermögen und verhilft zu einer dramatischen Verbesserung des Federwuchses nach der Mauser.“  

Aufwendiges Doping streckenweise also auch hier. Aufzucht und Training zielen primär auf „gameness“, d. h. Kampfkraft, Aggression und Ausdauer des Hahnes ab. Zucht- und Trainingsziel ist insbesondere ein leichtfüßiger, beweglicher Hahn mit kräftiger Bein- und Flügelmuskulatur. Zuviel Muskelmasse kann den Hahn unbeweglich machen. Massagen, Turnübungen an einer Art von Trapez, sowie Hochwerfen sollen die Muskulatur stärken. Impfungen können notwendig sein. Es ist auf Parasiten- und Wurmbefall zu achten. Vielleicht wird der Hahn auch in Straßennähe gehalten, um ihn an den späteren Lärm in der Kampfstätte zu gewöhnen. Etwa ab sechs Monaten kann man die Kampfqualitäten – vielleicht mit einem durch eine Lederhülle abgedecktem Messer (sparring muffs) - an einem anderen Hahn als Sparringpartner testen.  

Durchaus möglich, dass der Hahn jetzt schon einen Namen bekommen hat, der sein Kampfimage steigern soll. Beliebt sind aggressiv klingende Namen wie Killdeath, Battling Mendez, King Game Cock, Aramdillerkiller, Chickenscratcher, Loma de Corregidor oder Mike Tyson. Ab einem Alter von neun Monaten kann ein Hahn kampfgeeignet sein, meistens sind aber die Kampfhähne zwei Jahre und älter.  

Begattungsakte vor dem Kampf werden weitgehend abgelehnt, weil sie angeblich dem Kampfgeist des Hahnes schwächen. Ja, einzelne Kampfhahnhalter achten sogar darauf, dass der Hahn nicht von einer Frau berührt wird, die sich in der Menstruationsphase befindet. Solche Berührungen gelten als vorzeitiges Todesurteil. Auch der Kontakt mit Witwen kann Unheil bringen. Zu den irrationalen Empfehlungen gehört sicherlich auch, dass man den Hahn mit der von einem Priester gesegnete Unterwäsche einer Jungfrau in Berührung kommen lässt. Andere Maßnahmen zur Steigerung der Wildheit sind die Unterbringung im Dunklen, das Blasen von Zigarettenrauch in die Augen oder das Bestreichen des Afters mit Chili. Fast schon friedlich zu nennen sind da schon die Verabreichungen von Teststeronspritzen oder Digitalispräparaten zur Herzbeschleunigung oder von Vitamin K zur besseren Wundschließung.   

Unbestritten ist, dass Kampfhähne in den ersten beiden Jahren im Vergleich zu normalem, zum Verzehr bestimmten Geflügel ein durchaus privilegiertes Paschaleben führen. Rizal geht noch einen Schritt weiter, wenn er kritisch anmerkt, dass Kampfhähne manchmal mit größerer Sorgfalt als Kinder ausgebildet werden.  

Kampfstätten und handelnde Personen  

Größere Barangays auf den Philippinen haben in der Regel drei Wahrzeichen: die Kirche, das Rathaus und die Hahnenkampfstätte(n). Letztere hat jedoch nach einem Dekret mindestens einen Kilometer von Schulen, Kirchen und dem Rathaus zu halten. Bürgermeister versuchen manchmal die Kampfstätten in der Nähe ihres Hauses oder ihrer Plantage zu legen, um an Einfluss zu gewinnen. Wechseln die Bürgermeister häufiger, können die Kampfstätten „nomadisieren“.Die Bandbreite der Kampfstätten reicht von schnell improvisierten, vielleicht nicht genehmigten Hackfights (topodas) auf sandigen Straßenplätzen bis zu speziellen Kampfarenen mit Air-Kondition und Ledersitzen in den vorderen teuren Sitzreihen.  

Der klassische Cockpit, der nichts mit einem Flugzeugcockpit gemein hat, ist ein überdachter, halboffener Holzbau mit einem viereckigen, etwa acht x acht Meter großen und mit Sand bestreutem Kampfplatz, an den sich ähnlich wie bei einem Boxring nach oben gestaffelte Stehreihen oder Holzbänke anschließen. Kampfplatz und Zuschauerplätze sind aus Gründen des Zuschauerschutzes durch Metallgitter- oder Glaswände getrennt. Es kann Nebenräume für den Snackverkauf, die Registrierung und Kampfvorbereitung geben.   Ob ein Kampf stattfindet, ist oft an einem rote Fähnchen am Eingang oder dem Lärm bereits anwesender Zuschauer zu erkennen. In kleineren Barrios finden Kämpfe oft nur zu Fiestatagen statt. In größeren Ortschaften findet das Spektakel zumeist am Sonntag nach der Messe sein. Es gibt die Redewendung: „Sunday is Sabong Day“. In Manila finden jeden Tag Hahnenkämpfe statt.

Die Hauptstadt Manila verfügt über mindestens zwanzig Cockpits, in denen täglich und oft zur gleichen Zeit Kämpfe bis tief in die tiefe Nacht hinein stattfinden. Bekannt ist das Roligon Mega Cockpit und das Arneta Coliseum. Hier finden die großen - manchmal sich über mehrere Tage hinziehenden - Derbys mit den „big boys“ und Hunderten von Kämpfen statt. Die Eigner treten mit bis zu zehn Hähnen an, hinterlegen pro Hahn beachtliche Zulassungsgelder, und sammeln für jeden gewonnen Kampf Punkte, deren Endsumme über die Ausschüttung der Preisgeldes entscheidet, das bis zu 200.000 Dollar erreichen kann. Vordere Zuschauersitze haben vor Jahren umgerechnet zehn Dollar gekostet.

Kämpfen mehrere Hähne gleichzeitig gegeneinander, spricht man von einem „royal battle“. Diese Kämpfe sind jedoch seltener.  

Das Zuschauerpublikum ist fast ausschließlich männlich. Rüdiger Siebert hat die Affinität der philippinischen Männer zum Hahnenkampf einmal so psychologisch ausgedeutet (2): „An keinem anderen Ort lässt sich die philippinische Männlichkeit so symbolhaft lokalisieren wie im cockpit. Da wird über Stärke und Geschick entschieden. Der Hahn gilt als Inbegriff männlicher Tugend wie Kampfesmut und Draufgängertum ... Der Hahn weckt alle Assoziationen männlicher Eitelkeit und entspricht einem weit verbreiteten Machogehabe“. Für Alan Dundus besteht ein tiefenpsychologischer Zusammenhang zwischen  Gallus (lateinisch: Hahn) und Phallus (4) .Frauen sieht man auf den Kampfplätzen nur in Nebenrollen zum Beispiel als Cola- oder Snackverkäuferinnen. Ihre Haushaltskasse kann aber durch Wettverluste des Mannes schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Kindern ist in der Regel der Zutritt erlaubt. Dies hat besorgte Pädagogen zu der Ansicht geführt, dass hier die Wurzel für die oft anzutreffende Gleichgültigkeit gegenüber tierischem Leid gelegt wird.  

Neben den Kamphähnen gibt es andere Hauptakteure. Die Eigentümer der Hähne (owner) haben die Wettkampfbetreuung der Hähne oft Handlungsbevollmächtigten (handler) übertragen. Für Wettvereinbarungen brauchen die Bevollmächtigten die Zustimmung der Besitzer. Es sind die Eigentümer bez. die Beauftragten, die die Auswahl des gegnerischen Hahns treffen. Gestützt auf Insiderinformationen wird man vielleicht nach einem gegnerischen Hahn Ausschau halten, der kleiner oder leichter gebaut, keine so gute Erblinie hat oder nach Hörensagen schlechter trainiert ist.

Je nach Größe der Veranstaltung differiert der Umfang der Arbeitsteilung in der Kampfstätte. Oft aber findet sich ein Casador. Er ist eine Art Manager, der für den reibungslosen Organisationsablauf der Veranstaltung verantwortlich ist. Die Hahneneigentümer schließen ihre Wetten bei ihm ab. Finanziert wird er - wie generell die Veranstaltung - durch Eintrittsgelder und Wettgeldanteile. Der Mananari, der oft eine Vertrauensperson der Eigentümer ist, bestimmt insbesondere die passende Länge und Form der Messer. Davon muss er mindestens acht haben. Sofern nicht er die Sporen befestigt, ist dies die Aufgabe des Heelers (blade fixer). Diese Aufgabe muss sehr sorgfältig ausgeführt werden und ist mit kampfentscheidend. Der Schiedsrichter (referee/sentenciador), dem auch Nebenschiedsrichter zugeordnet sein können, bestimmt den Kampfbeginn und erklärt den Gewinner. Er sollte ehrlich und unbestechlich sein und muss seine Entscheidungen, die fehlerhaft sein können, sehr schnell treffen. Sein Urteil ist bindend. Bei Kämpfen, bei, denen es auf Zeit ankommt, kann es einen Zeitnehmer (timekeeper) geben. Schließlich gibt es auch „Cock doctors“, die die Wunden von Hähnen nach dem Kampf zu schließen versuchen.    

Eine zentrale Mittelpunktstellung in den Veranstaltungen hat der Kristo, dessen Funktion einem Buchmacher gleichkommt. Er managt die Nebenwetten („outside bettings“) des Publikums. Seine Name leitet sich von Christus ab, weil die ausgestreckten Arme typisch für seine Körpersprache sind.

Er ruft die „odds“ (Gewinnquoten) aus, animiert das Publikum zum Wetteinsatz und bestätigt Wetten. Die „odds“ folgen einer gleitenden Skala und favorisieren den als unterlegen eingeschätzten Hahn. Bestimmte Handzeichen signalisieren Wetteinsätze. Wenn er vier Finger hebt, handelt es sich um einen Einsatz von 40 Pesos. Vier ausgestreckte Finger, stehen für 400 Pesos, während vier abwärtsgerichtete Finger 4000 Pesos signalisieren. Setzen kann man auf den Favoriten („llamado“) oder den weniger populären Hahn ("dejado"). Siegt der weniger populäre Hahn, darf man mit einer größeren Auszahlung rechnen.

Der Kristo ist im Regelfall nicht nur ein guter Motivator, der „Blut aus Steinen drücken“ (Scott Guggenheim) kann. Er muß auch die getätigten Einzahlungen aus dem Gedächtnis abrufen können und die Auszahlungen tätigen. Man kann Wetten tätigen, ohne nachzuweisen, dass man über Geld verfügt. Gezahlt wird von den Verlierern erst nach Kampfabschluss, die Verlierer werfen dem Kristo die zu kleinen Bällchen geformten Wetteinsätze zu. Vielleicht trägt diese Handhabung mit dazu bei, dass philippinisches Papiergeld im Regelfall einen sehr ungünstigen optischen Eindruck vermittelt. Die Begleichung von Einsätzen ist Vertrauens- und Ehrensache. Wer später nicht zahlt, riskiert Prügel, die beschämende Bloßstellung vor dem Publikum oder Gefängnis. Gewinner geben dem Kristo meistens eine Prämie („tip“) von zehn Prozent, Verlierer sind davon frei. Der Kristo ist im philippinischen Cockfighting unentbehrlich. Er bietet die Chance, ohne Arbeit beachtliche Gewinnsummen einzustreichen.     

Der Kampfsporn  

Wilde Hähne verteidigen ihr Revier aggressiv mit dem verknöcherten hinteren Sporn. Es gibt offenbar keine systematischen Untersuchungen über den Ausgang solcher Kämpfe in freier Natur. Nach Scott Guggenheim (3) kommt es „oft“ zum Tode des unterlegenen Gegners. Die vorherrschende Meinung vertritt jedoch die Ansicht, daß sich der unterlegene Hahn – vielleicht verletzt - sich zurückzieht. Bei von Menschen  institutionalisierten Kämpfen kann der Hahn auf unterschiedliche Art und Weise „hochgerüstet“ werden.  

Variante 1: Es gibt Kämpfe, bei denen nur mit dem natürlichen Sporn gekämpft wird („bare-spurred“ / “bare heeled“). Dieser kann vom Menschen nadelscharf zugespitzt sein. Diese Kampfart ist seltener, in der Karibik vorfindbar und kann sich über Stunden hinziehen.    

Variante2: In Thailand, Indien und Pakistan verwendet man standardisierte Sporenschuhe, die wie kleine Boxhandschuhe aussehen. Der Kampf geht über fünf Runden mit je zehn Minuten Dauer. Nach jeder Runde erfolgt eine zweiminütige Pause. Diese Kampfart verlangt einen kräftigen Hahn.  

Variante 3: Der Hahn erhält Sporen aufgesetzt, die aus Schildkrötenpatt oder Plastik sind.  

Weit verbreitet ist jedoch der Einsatz von stählernen Waffen. Ein Spezialfachhandel versucht, allen Wünschen gerecht zu werden. Teure Varianten, die im Preis über einhundert Dollar liegen können, werden wie chirurgische Instrumente aus speziellem Stahl hergestellt. In abgelegenen Gebieten können die Sporen aber auch aus Autofedern und Sägeblättern hergestellt sein. Aus Indonesien wird berichtet, dass ein „guter“ Stahl nur bei Mondfinsternis oder Blitzschlag gefertigt werden sollte. Man unterscheidet insbesondere zwischen „Gaffs“ (Nadeln) und „Knives“ (Messern):  

Variante 4: Gaffs sind zumeist scharfe nadel- oder eispickelartige Stahlwaffen, die an den Stumpf der kleinen Zehe fixiert werden. Sie können in der Länge variieren und insbesondere die Haut punktieren und aufreißen. Kämpfe mit Gaffs enden meist nicht tödlich, können aber beim gegnerischen Hahn beachtliche Verletzungen herbeiführen. Sie dauern wesentlich länger als Messerkämpfe. Kampfzeiten von über einer Stunde können die Geduld des Zuschauers, der vielleicht nur an einem Wettgewinn interessiert ist, strapazieren. Verlangt wird bei dieser Kampfvariante ein ausdauernder und kräftiger Hahn. Es gibt Cockfighter die diesen Kampf vorziehen, weil hier im Vergleich zum Messerkampf der Ausgang stärker von den Kampfqualitäten des Hahns und weniger vom Zufall abhängig ist.   

Variante5: Messerkämpfe werden auch als „slasher-fights“ (Aufschlitzkämpfe) und „small time-fights“ bezeichnet. Sie dauern wesentlich kürzer als Gaff-Kämpfe. Kurzmesser (Länge: ¾ - 1 ½ Inches), werden insbesondere in Amerika verwandt. Auf den Philippinen kommen in der Regel Langmesser zum Einsatz. Meistens sind diese Messer drei Inches lang, das entspricht knapp acht Zentimetern. Kürzere und noch längere Messer sind vorfindbar. Sie können zweischneidig, gerade oder gebogen sein. Die Schneiden der Messer sind rasierklingenscharf geschliffen. Es gibt verschiedene Arten der Schnurbefestigung und Winkeleinstellungen am (linken) Hahnenfuß. Entscheidend ist aber Sitz und Festigkeit. Sollten die Hähne nach Ansicht der Besitzer eine unterschiedliche Kampfstärke aufweisen, kann man übereinkommen, den favorisierten Hahn zu benachteiligen. Man kann den als unterlegen eingeschätzten Hahn mit einem längeren oder zweiten Messer ausrüsten oder beim Favoriten das Messer höher befestigen. Solche Handicaps sind jedoch eher selten und kommen bei Spitzenkämpfen nicht vor. Vor dem Kampf sind die Messer durch Lederhüllen geschützt. Der Schiedsrichter wischt auch vor dem Kampf über die Klingen, um den Einsatz von Gift auszuschließen. Die Messer durchtrennen leicht Federn und Fleisch, so dass die Kämpfe auch nur einige Sekunden dauern können, wenn zum Beispiel das Herz getroffen wird. Die Verstümmelungen sind auch beim siegreichen Hahn oft gravierend. Kampfstatistiken über die Mortalität scheinen nicht vorzuliegen. Es wird jedoch berichtet, dass nur wenige Hähne einen dritten Kampf ausfechten. Gefordert werden beim Messerkampf eher schmälere, wendige und hochschlagende Hähne.  

Weil bei dieser Art von Kampf der Zufall eines glücklichen Schlages mitentscheidend ist, gibt es insbesondere amerikanische Cockers, die bei dieser Kampfart die Nase rümpfen. Dieser Kampf diene nur der kurzfristigen Zuschauerbefriedigung und - „it’s only for money“.

Der Kampfablauf  

Vor dem eigentlichen Kampf versetzt man die Kontrahenten in Kampfesstimmung, indem man sie – ohne Messer – immer wieder einander näher bringt und sie Scheinattacken ausführen lässt. Auf diese Weise will man dem Publikum einen Eindruck über die Kampfstärke und mögliche Favoritenstellung eines Hahns verschaffen. Der Schiedsrichter nimmt die Lederhüllen ab, prüft die Messer und wischt sie nochmals mit Alkohol ab. Hat er den Eindruck, dass die Wettgeschäfte abgeschlossen sind, gibt er das Zeichen für den Kampfbeginn. Viele Cockpits haben sich auf eine maximale Kampfzeit von zehn Minuten geeinigt.  

Die Schilderungen des Kampfablaufs können je nach der Grundeinstellung zu diesem vom Menschen manipulierten Kampf der Tiere unterschiedlich ausfallen.  

Für die einen ist es eher ein blutiges Gemetzel. Roenisch zum Beispiel formuliert(5):

Der kurze, aber heftige und wegen der an den Pfoten angebrachten Messer auch blutige Kampf ist nichts für zarte Gemüter. Federn fliegen, Blut spritzt, bis unter dem Riesenlärm der ekstatischen Zuschauer einer der beiden Kontrahenten leblos zusammensackt.“  

Lester Ledesma zum Beispiel schildert den Kampf eher verklärend (6). 

 „ .. Die Hähne werden nun präsentiert – was für herrliche Kreaturen mit prächtigem Gefiedert, muskulösen Beinen und selbstbewusstem Habitus. Es sind die perfekten Kampfmaschinen. Die Vögel sind mit erhobenen Nackenfedern und in den Boden gekrallten Füßen zum Kampf aufgestellt. Feuer brennt in ihren Augen. Plötzlich werden sie freigelassen und die Vögel fliegen aufeinander zu. Tausende Jahre des Instinkts und der Evolution explodieren in einem Wirbelwind von Federn und Stahl ... Beide Hähne fallen zu Boden. Einer ist verstümmelt und seine Federn sind mit Blut befleckt. Aber er führt den Kampf fort. So edel ist der Geist dieser Vögel, dass sie bis in den Tod kämpfen ..  

Ist der Kampf in Runden aufgeteilt und ein Hahn verwundet, kann es vorkommen, dass der Kampfbevollmächtigte Blut aus der Kehle des verletzten Hahns saugt, um seinen Hahn wieder fit für den Kampf zu machen. Ein Vogel wird für tot erklärt, wenn er nach dreimaligem Hochheben und Fallenlassen keine Lebenszeichen von sich gibt. Tötet ein Hahn den anderen Hahn, so ist er noch nicht automatisch Sieger. Eine Verordnung verlangt, dass er noch zweimal den besiegten Hahn picken muss. Nach dieser Geste wird er zum Sieger erklärt. Erfolgt das Picken nicht, weil der Vogel vielleicht zu stark verwundet ist, verliert, er den Sieg und der Kampf wird als unentschieden gewertet.  

Kleinere Wunden des siegreichen Hahn werden hinter der Tribüne genäht. Der Hahnenbesitzer bekommt den Wetteinsatz der zentralen Wette. Nebenkosten für den Bevollmächtigten, den Messerfixierer, den Veranstalter können von dieser Summe noch abgehen. Der unterlegene, tote Hahn wird zumeist dem Sieger als Trophäe zum Verzehr übergeben. In Amerika indessen, landet der unterlegene Hahn oft im Abfall, weil nicht auszuschließen ist, dass das Fleisch der gedopten Hähne karzinogen sein könnte.   

Pro und Contra  

Der Hahnenkampf (Sabong) ist weltweit auf dem Rückzug beziehungsweise er wird in die Illegalität wie in Indonesien oder den USA abgedrängt. In Amerika haben die Cockers als Randgruppe nicht das beste Image. 

Den Hahnenkampfbefürwortern weht also der Wind ins Gesicht. Welche Argumente führen sie bei der Verteidigung ihres Kampfsports an?  Als Hauptargument erscheint immer wieder, dass die gezüchteten Kampfhähne länger und besser leben als das Nutzgeflügel (broiler), das im Regelfall nur etwa sechs Monate bei Kunstlicht – Flügel an Flügel mit tausend anderen - zur Schlachtreife herangezogen wird, um dann von einer automatischen Tötungsmaschine die Kehle durchgeschnitten zu bekommen. Auch bei der Nutztierhaltung fließt Blut. Ein Tatbestand, der vom Konsumenten häufig verdrängt wird. Demgegenüber führe der Kampfhahn bis zu seinem Einsatz ein „gepampertes“ Paschaleben. Dieses Argument wird man wohl akzeptieren müssen.  

Schwächer sind jedoch andere Argumente. So wenn behauptet wird, dass der Kampf mit anderen Hähnen zum genetischen Erbe gehöre, dem Hahn also nichts aufgezwungen werde. Pathetisch kann es in diesem Zusammenhang dann heißen, die Hähne sterben mit der Würde des Kampfes, die ihnen die Natur mitgegeben hat, „their purpose in life is to fight“ oder auch „nature itself is bloody“. Dieses Argument verkennt, dass wildlebende Hähne bei der Revierverteidigung sich offenbar nur sehr selten gegenseitig töten. Der unterlegene Hahn sucht eher die Flucht.  

Weiterhin finden wir das etwas schwammige kulturhistorische Argument: „Sabong – the king of Philippine gambling sports – reflects the true essence of the Filipino. He may be quite impulsive and happy-go-lucky, but he can also be religious, honorable and forever optimistic“(7. Die Verknüpfungen und Zuschreibungen sind recht fragwürdig.  

Sabong bietet Spitzeunterhaltung, lautet ein anderes Argument. Spitzenunterhaltung können aber auch andere friedliche Sportwettbewerbe bieten, bei denen es nicht um Tod und Leben einer Kreatur geht. Weiterhin wird behauptet, der Hahnenkampf biete dem geplagten Filipino ein Frustrationsventil. Frustrationen lassen auch auf andere Weise abbauen.   Schließlich kann man auch folgenden Satz von einem Buchmacher namens Henry Centeno lesen: „Other vices you suffer, but with this vice ... you can actually win. With other vices, you don't win at all. This vice is a sure win. Here you can bring home cash, unlike other vices where you end up with nothing at all, like drugs, wine and women. (8) Dieser Kommentator unterschlägt, dass Wettgewinne des einen, Wettverluste des anderen sind. Frauen nur im Zusammenhang mit Lastern zu sehen, ist wohl sehr einseitig und provokativ.  

Kritiker des Hahnenkampfes sprechen dahingegen von einem schockierenden, grausamen, Blutsport, der mit fragwürdigen Wettleidenschaften gekoppelt ist.  

Vielleicht würde der Hahnenkampf wieder mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit finden, wenn die Verletzungen der Hähne minimiert werden, würden Thailand versucht mit neuen Regulierungen, einen solchen Weg zu gehen. Hier erhalten die Kampfhähne „Boxhandschuhe“ und die Kampfzeit ist auf eine bestimmte Rundenzahl mit Pausen begrenzt. Ein Hahn wird zu Verlierer erklärt, wenn er wegrennt, seine Kampfposition dreimal aufgibt oder Verletzungen aufweist. Vielleicht ist der thailändische Weg, auch ein Weg, den andere Länder mit Hahnenkampftradition einschlagen könnten.

© W. Bethge


(1) Scott Guggenheim, Cockfighting in the Philippines, in: Alan Dundes (Ed.), The Cockfight  – A Casebook, Madison, 1994, S. 143

(2) Rüdiger Siebert, 3mal Philippinen, München-Zürich, 1989

(3)  Scott Guggenheim, a. a.. O., S. 142

(4) Alan Dundes, Gallus und Phallus, in: Alan Dundes (Ed.), The Cockfight  – A Casebook, Madison, 1994, S. 143

(5) Michael Roenisch, Nationalsport Hahnenkampf, http://freenet.meome.de

(6)  Lester Ledesma, Sabong: The Philippines Premier Gambling Sport, Mabuhay  Magazine,1998   

(7) Lester Ledesma, Sabong: The Philippines' Premier Gambling Sport, in: http://webhome.idirect.com/~boweevil/saboing2.html

(8) Blood sport with chance to win big money attracts many in Philippines, http://mangossubic.com/cock_fighting.htm