Niklas Reese und Rainer Werning (Hrsg.) 

Handbuch Philippinen – Gesellschaft – Politik – Wirtschaft – Kultur 

2006, 378 Seiten, ISBN: 3 – 89502 – 218 – 7, Bad Honnef, 14,90 €

 

 

Nicht wenige Philippinen-Reiseführer sind für den schnellen Touristen konzipiert. Dabei stellt man oft fest: Je länger die Liste der möglichen Streckenverbindungen, Wege und Unterkünfte, desto dürftiger oft die Hintergrundinformationen. Dem können auch beigefügte Hochglanzbilder kaum abhelfen. Sachkundige Hintergrundsinformationen sind auch in Philippinen-Foren seltene Ausnahme. Häufig sitzen an deren Ufern nur Schreiberlinge, die in eher seichtem Gewässer ("Wie schmeckt das San Miguel-Bier?") überaus kontrovers nach einer Bestätigung ihrer vorgefassten Spekulationen  ("Wie treu, wie eifersüchtig ist die Filipina?") fischen.

Wem indessen diese Art Abfütterung zu wenig gibt und auf der Suche nach profunden Hintergrundsinformationen ist, dem sei das "Handbuch Philippinen" von Reese und Werning sehr empfohlen. Rund zwanzig Autoren geben in knapp fünfzig Sachbeiträgen eine faktenreiche Darstellung überwiegend der gesellschaftspolitischen  Problemfelder der Philippinen wieder. Der thematische Bogen ist weitgespannt und von den Herausgebern gut ausgewählt. Wir können hier nur einige, hier eingekürzte Schlüsselthemen aufzeigen:

Das politische System in Theorie und Praxis - Armut und soziale Ungleichheit - Ausgebliebene Landreform - Probleme beim Abbau von Bodenschätzen - Beschäftigungslage und Arbeitsbedingungen - Das unzureichende soziale Sicherungsnetz  - Gesundheits- und Bildungswesen - Die Medien - Zivile Organisationen - Die gespaltene Linke - Die Lage von Minderheiten - Religiöses Leben im Umbruch  - Arbeitsmigration ins Ausland - Globalisierung und Privatisierung - Entwicklungsinitiativen und Partnerschaftsarbeit.

Es sind durchaus komplexe Themenstellungen. Den  Autoren gelingt es jedoch, akademischer Schwerfälligkeit möglichst aus dem Weg zu gehen. Überdies gibt es Beiträge, die auch zum Schmunzeln anregen. Verwiesen  sei zum Beispiel auf  die Artikel "Die List am Simsen" oder "Von Hock-Klos, Bleichcremes und andere Merkwürdigkeiten". Selbst ein melancholisch gestimmtes Gedicht über das Los der Balikbayans findet sich im Buch.

Greifen wir aus den Beiträgen von N. Reese nur einige Daten zum Arbeitsmarkt heraus. Hätten Sie gewusst, dass nur etwa zehn Prozent der Arbeitenden über reguläre, sichere Dauerarbeitsplätze verfügen? Es überwiegen die informellen Beschäftigungsverhältnisse (Landwirtschaft 99 %, 9 % Bergbau, 73 % Einzelhandel). Nur 7,3 % der Filipinos sind "ausreichend sozialversicherungsbeschäftigt", wobei das Social Security System (SSS) keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit einschließt.

Man ist um einen "Blick von unten" bemüht und befürwortet Engagement und Solidarität. Verständlich, dass bei einem solchen -  durchaus berechtigten Anliegen -  sich das politische Koordinatenkreuz etwas nach links verschiebt. Man gewinnt beim Lesen jedoch nie den Eindruck, dass dieses Engagement zu Lasten der Objektivität geht. Es ist gerade der Vorteil dieses Buches, dass es stark empirisch ausgerichtet ist und mit vielen Fakten und Fallbeispiele aufwartet.

Kritische Anmerkungen gehören zur guten Tradition von Buchbesprechungen. Das Buch bietet der Sachkritik jedoch kaum ein Einfallstor. Hier kommt eher Formales in Betracht. Das Titelbild - ein vergnügt mit Seifenblasen spielender Junge - hat  schwerlich einen Bezug zu den Zentralthemen des Buches. Auch hätte man sich gerne ein Stichwortregister gewünscht, da die Titelüberschriften allein oft nicht hinreichend aussagekräftig genug sind.

Trotzdem kann man mit Fug und Recht behaupten, dass das "Handbuch Philippinen" in seiner Themenbreite und Tiefenschärfe seinesgleichen sucht. Es wird wohl kaum einen Leser geben, dem nicht neue Einsichten vermittelt werden. Dem Buch ist ein weite Verbreitung zu wünschen und ist für Philippinen-Freunde ein Muss. Es setzt neue Qualitätsmaßstäbe in der Philippinenliteratur und  hat zudem noch ein gutes Preis-Leistungsverhältnis.

© Wolfgang Bethge, 2006