Philippinische Selige und Heilige

 

Während die relativ abstrakte Theologie der reformierten christlichen Kirchen keine Zwischeninstanz mit Mittlerfiguren zwischen „Himmel“ und „Erde“ kennt, bevölkern den katholischen Glaubenshimmel mehr als 1800 „Heilige“ – irdisch-transzendentale Gestalten, an die man sich mit Fürbitten wenden kann. Sie bezeugen Glauben und machen ihn  – und dies war der katholischen Kirche immer wichtig -  „anschaulicher“.  

Der Heiligenkult war und ist auf den Philippinen stark verbreitet. „Arme Leute machen reiche Heilige“, behauptet ein Sprichwort spöttisch und dies gilt für die Philippinen im Besonderen. Über Jahrhunderte hatten die philippinischen katholischen Gläubigen jedoch keine nationalen Seligen oder Heiligen. Man musste sich mit Kerzen und Gebet an „importierte“ Glaubens-Heroen wenden. Nun aber – da der katholischen Kirche auf den Philippinen die Gläubigen stärker abrutschen und die Gesellschaft säkularer wird – scheint die katholische Kirche in ihrem Glaubens-Marketing stärker national zu diversifizieren und findet seit den achtziger Jahren auch „philippinische“ Selige und Heilige. Ihr „irdisches“ Leben soll hier ohne Missionsanspruch kurz vorgestellt werden. Es handelt sich um einen „Heiligen“ (Lorenzo Luis), einen „Seligen“ (Pedro Calungsod) und eine quasi zur Berufung anstehende „Selige“ (Francisca del Espiritu Santo).  


Lorenzo Luis  wurde um 1600 in einem Außendistrikt von Manila geboren. Die Mutter stammte aus Tagalag, der Vater war chinesischstämmig. Er muss wohl als Schreiber außerordentlich begabt gewesen sein, sonst hätte ihn wohl kaum Dominikaner als Kalligraph (Schönschreiber) eingestellt. In dieser Laien-Funktion war er für die Eintragung von Taufen, Firmungen und Hochzeiten in die offiziellen Kirchenbücher verantwortlich. Luis schloss sich einer marianischen Bruderschaft an und galt als vertrauenswürdig. Später heiratet er, aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.  

Das relativ friedliche Leben wird jäh unterbrochen, als er 1636 in einen Mordfall „verwickelt“ wird. Seine kirchlichen Vorgesetzten sind zwar von seiner Unschuld überzeugt, sie befürchten aber – aus welchen Gründen auch immer – ein ungerechtes Urteil für ihren Schützling und drängen ihn, sich einer Missionarsexpedition anzuschließen. Zunächst denkt er, dass Taiwan das Missionsziel wäre. Aber die Mission sollte nach dem Japan gehen. Von geheimnisumwitterten Japan wusste man damals nicht viel, gleichwohl waren Christenverfolgungen bekannt.  

Angekommen in Nagasaki wird die kleine Missionsgruppe im September 1637 sogleich inhaftiert. Es setzen erste Foltern ein, um ihn zur Glaubensumkehr zu bewegen. Man treibt man Nägel unter die Fingernägel und füllt die Gefangenen mit Gallonen von Wasser ab. Lorenzo Luis widerruft   jedoch nicht. Angeblich soll er gesagt haben: „Ich bin Christ und werde es bis zu meinem Tode sein. Ich sterbe für Gott und hätte ich tausend Leben, ich würde sie Gott darbringen“. Zuletzt bietet man ihm die sichere Rückkehr auf die Philippinen an. Lorenzo Luis bleibt jedoch standfest in seinem Glauben. Schließlich hängt man ihn – nachdem man seine Schläfen angeritzt hatte – kopfüber in einen Brunnen. Nach drei Tagen – acht Tage nach seiner Ankunft in Japan – stirbt er. Sein Körper wird nach dieser grausamen Tortur verbrannt und die Asche in die See geworfen.    

Fast 350 Jahre nach seinem Tod wird er vom Papst Johannes Paul II 1981 anlässlich seines Besuches auf den Philippinen zunächst als erster Filipino in den Stand der Seligen erhoben. 1987 erfolgt die Heiligsprechung. Die Heiligsprechung hat neben „Tugenden heroischen Ausmaßes“ zur weiteren Voraussetzung, dass auf Fürbitte des Kandidaten mindestens zwei „echte Wunder“ bewirkt wurden. Es muss hier allerdings offen bleiben, welche „echten Wunder“ hier von den Befürwortern der Heiligsprechung (Kanonisation) ins Feld geführt wurden. Dass San Lorenzo für seinen Glauben kämpfte und starb, kann auch von Kritikern des Heiligenkults nicht bestritten werden.  


Relativ wenig Informationen liegen über den zweiten „Seligen“ – Pedro Calungsod - vor, auf den sich philippinische Gläubige berufen können. Er ist in Visayas - vermutlich auf Cebu - geboren. Ab 1668 wird er als Katechist (Laienhelfer) tätig. Er schließt sich einer von Jesuiten geführten Missionsgruppe an, die sich zum Ziel gesetzt hat, Nichtgläubige auf der Insel Guam zum katholischen Glauben zu bekehren. Doch die dort ansässigen Häuptlinge Matapang und Hirao sind  entschiedener Gegner und widersetzen sich der Taufe von Babys und der Glaubensunterweisung von Kindern. Sie greifen die Missionsgruppe mit Speeren an.  Pedro Calungsod hätte fliehen können, er steht jedoch seinem Vorgesetzten Diego San Luis Vitores zur Seite. Ein Speer trifft ihn in die Brust, er fällt zur Boden, der Schädel wird gespalten. Sein Vorgesetzter wird auf gleiche Weise getötet. Die beiden Körper werden zusammengebunden, mit einem Stein beschwert und ins Meer geworfen. Nach Aufzeichnungen war  Pedro Calungsod bei seinem Tod nur siebzehn bis achtzehn Jahre alt.  

Sein Vorgesetzter Vitores wird 1985 in den Stand der „Seligen“ erhoben. Die Seligsprechung seines Knappen Pedro Calungsod erfolgt im Jahre 2000 in einer feierlichen Zeremonie in Rom. Ex-Präsident Estrada und Gattin partizipieren durch ihre Anwesenheit in Rom am Glanz der Seligsprechung, während auf ganz Cebu die Kirchenglocken läuten.  Der Märtyrer Pedro Calungsod wird auch als „richtiger Filipino“ und „großer Soldat Christ“ gefeiert.  


Es soll hier noch von einer dritten Person gesprochen werden, deren Seligsprechung ansteht. Es handelt sich um Mutter Francisca del Espiritu Santo. Sie wurde 1647 in Manila geboren. Nach ihrer Heirat wurde sie früh Witwe und beschließt  ein von christlichen Tugenden erfülltes Leben zu führen. Sie will den Kranken und Bedürftigen helfen und gründet 1684 zusammen mit drei anderen Frauen eine Gemeinschaft, die sich den Glaubensgrundsätzen der Dominikaner verpflichtet fühlt. Die Gemeinschaft verfestigt sich später zur Institution und kümmert sich insbesondere um die  Erziehung und Ausbildung heranwachsender Mädchen – eine Zielsetzung, die zu dieser Zeit relativ unbekannt war. Mutter Franziskas Kongregation ist auch noch heute mit mehr als 270 Schwestern in Schulen, zahlreichen Krankenhäusern und in der Missionsarbeit tätig.


Noch ein etwas flaues Witzchen am Schluß. Ein Tourist fragte beim Besuch einer Kirche einmal einen Filipino: „Habt ihr hier auch einen Schutzheiligen, einen Santo?“. Der Filipino antwortete: „ Nein, wir haben hier keinen Santo. Aber viele Santoses (1) “ .

(1) Personen mit dem Namen „Santos“


 © Wolfgang Bethge, 2004