Im Reich der Höhlen auf Luzon

                                                                                   Callao-Cave mit Filtereffekten

Der philippinische Archipel geizt nicht mit außergewöhnlichen Landschaftspanoramen und Landmarken. Nicht minder eindrucksvoll ist jedoch auch das subterrane Angebot. Es gibt auf den Philippinen Abertausende von Höhlen, die sich im Laufe der erdgeschichtlichen Entwicklung insbesondere durch die chemische Auflösung von Kalkstein gebildet haben. Etwas salopp hat man auch schon gesagt, bestimmte Gegenden sind durch ihre Höhlensysteme einem löchrigen Schwamm vergleichbar. Langsam wächst die Zahl ihrer Besucher. Ihren Augen bietet sich in nicht wenigen Höhlen ein bizarres, fast weltfernes Szenario. Längst nicht alle Höhlen sind erfasst und registriert.     

1. Die Sicht der Filipinos 

Dies liegt auch an der Scheu – ja auch Ängstlichkeit - mit der die Filipinos zumindest in der Vergangenheit den außerweltlichen Höhlen begegneten. Vielen gelten sie als verwunschen. Sie sind im naiven Volksglauben auch das Reich des Dunklen, der Geister und der Teufel. In etwas pragmatischerer Sicht waren sie gerade gut genug, um dort die Toten in ihren Behältnissen abzulegen.

Und in der Tat gibt es immer noch einige wenige Höhlen, z.B. die  „Lumiang Burial Cave“ bei Sagada (Zentralkordilleren), die dem staunenden Touristen einen Blick auf Hunderte von alten und neueren Särgen und Skelettteilen ermöglichen. Doch der Besucher sei gewarnt – wer auf diese Relikte zeigt, den erwartet nach der festen Ansicht der Einheimischen Übel der schrecklichsten Art. 

Die Aussicht auf schnellen Reichtum – viele jagen noch immer General Yamashitas Goldschatz (1) oder doch zumindest altem chinesischem Porzellan hinterher – hat bei manchen die alte Ehrfurcht aber auch schwinden lassen. Es kam schon zu Höhlenplünderungen. So hat man die „Crystal Cave“ und die „Matangkib Burial Cave“ wiederum bei Sagada (Zentralkordilleren) wegen Plünderung von Relikten oder Artefakten  für unbestimmte Zeit geschlossen. Dumme Kritzeleien und Rußverschmutzungen durch Leuchtfackeln tragen zu weiteren Beeinträchtigungen und Farbveränderungen bei.  

2. Warum die Höhlen besuchen? 

Es gibt nicht wenige Gründe, Höhlen nicht zu besuchen. Der Klaustrophobiker mit seinen panischen Platzängsten tut wohl gut daran, wenn er Höhlen mit steilen Überhängen und engen Durchlässen meidet. 

Es gibt zudem Höhlen, die schwerer zugänglich sind.  Die „Cathedral Cave“ auf Coron Island (Nordpalawan) zum Beispiel ist nur von der Meeresseite her zugänglich. Bevor man in die eigentliche Höhle gelangt, muss man erst ca. sechs Meter tauchen und einen auf 12 Meter Tiefe absteigenden Tunnel passieren. - Der Schwergewichtige, der die berühmte „Callao Cave“ (Nord-Luzon) besichtigen will, muss zuerst 120 steil nach oben führende Treppen bezwingen. Mit Schweißperlen auf der Stirn wird er sich vielleicht sagen: „Wäre ich doch lieber nach Palawan geflogen. Auf dem Underground-River bringen mich Paddel-Bankas bis zu 4 km bequem ins Innere der  St. Pauls Cave.“ 

Manche scheuen den Gang durch feuchte, dunkle Höhlengänge, die im Regelfall – wenn es sich nicht um eine ausgesprochene Touristenhöhle handelt -  nur unzulänglich ausgeleuchtet sind. Da finden sich mitunter zusammengebrochene Decken, Steinschlag, instabile Geröllhalden, glitschige Felsen, ins Dunkle führende Schächte und labyrinthische Verzweigungen, die im  Nirgendwo enden. Nicht auszuschließen ist auch, dass man einen kalten unterirdischen Bachlauf zu passieren hat oder über Leitern  - vielleicht auch an Seilen - nach oben oder unten zu steigen hat. Was ist, wenn ich mir das Bein auf dem harten Gestein aufschlage, mir den Fuß breche oder der Weg zurück nicht mehr gefunden wird? Einigen ist sicherlich auch nicht wohl bei dem Gedanken, dass größere Höhlen fast immer die Schlafstätte von Tausenden von Fledermäusen sind. Sofern nicht vom Wasser weggespült, sind mehr oder weniger stinkende Guano-Teppiche am Boden ein Hinweis auf ihre Anwesenheit. Mann kann die latenten Ängste auch noch steigern, wenn man – meistens unberechtigt – darauf verweist, dass die Höhle  auch von (Python)-Schlangen, Fröschen oder Raubspinnen  aufgesucht wird.  

Und dennoch – Höhlen können ein Erlebnisraum der besonderen Art sein. Es ist schon eine gewaltige Sinfonie von Formen, Farben und Landschaften, die einem da geboten werden kann: große Massen an amorphen Gestein, von der Decke wie Eiszapfen hängende Stalagmiten, pilzartige Stalaktiten, Säulen, kaskadenförmige Überlagerungen, die an gefrorene Wasserläufe erinnern sowie spezielle  Kristallisationen wie Gipsblumen oder Höhlenperlen. Einige Höhlen haben die Größe von Kathedralen und verfügen über Grotten und Nebengrotten. Viele weisen unterirdische Teiche auf. Besondere Licht- und Farbeffekte können sich ergeben, wenn von oben durch Ritzen oder Öffnungen das Tageslicht in das Dunkel der Höhle bricht und Dimensionen und Farbverläufe sichtbarer werden.   

3. Kurzvorstellung einiger Höhlen 

Im Folgenden stellen wir aus der Vielzahl der Höhlen einige wenige vor, die als besonders markant gelten. Wir konzentrieren uns auf das jeweils Eigentümliche und sparen  Durchgängiges – wie das Vorhandensein von Stalagmiten und Stalaktiten oder Fledermäusen - aus. Bezüglich der Wegbeschreibungen sei auf die klassischen Reiseführer verwiesen. Wir starten im Norden.

Nord-Luzon 

Peneblanca Limestone Formation (Nord-Luzon – Nähe Tuguegaro): In dieser Region – man hat sie auch als „cave country“  bezeichnet - finden sich mehr als dreihundert Höhlen, von denen viele auch aufgrund ihrer Tiefe und Gefährlichkeit noch nicht hinreichend erforscht sind. Fast überschwänglich schreibt der Höhlenführer Bert M. Schuldes: “Ich kenne so einige Höhlen auf der Welt - aber dieses Höhlensystem vereinigt eine Kombination von Merkmalen auf sich, die es vermutlich ziemlich einzigartig auf der Welt macht (2) “.   

Callao Cave: Die hoch am Hang befindliche Höhle weist insgesamt sieben domartige Säle auf, in denen sich - je mehr man sich in die Tiefe begibt - außerordentlich vielgestaltigen Tropfsteinformationen (Pilze, Säulen, Vorhänge) finden. Für Hanewald ist sie „eine der schönsten im Lande“. Besucher sind fasziniert durch die Lichteffekte, die durch oberirdische Höhlenspalten entstehen. In der ersten Halle befindet sich eine Kapelle mit Bänken, für die im religiösen Eifer sicherlich auch einige Tropfsteine geopfert wurden. Sonntags wird hier die Messe gelesen. Der Besuch der Höhle wird als gefahrlos eingestuft. Die nachfolgenden Höhlen befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. 

Jackpot Cave: Mit 115 Metern Tiefe ist sie die zweittiefste Höhle der Philippinen. Sie verfügt sogar über einen Sumpf. Besuch und Exploration wird insbesondere wegen der tiefen, dunklen Schächte und partiellen Überflutung in der Regenzeit nur ausgewiesenen Höhlenexperten empfohlen. 

Odessa-Tumbali Cave System: Der Höhlenkomplex verfügt über mindestens fünf bekannte Eingänge und erstreckt sich über 12 Kilometer. Auch hier finden sich herausragende Felsformationen. Die Kanäle und kleineren Seen werden auch von Sporttauchern aufgesucht, die das kalte Wasser nicht scheuen. Es besteht Überflutungsgefahr. Man sollte die Höhle möglichst nur mit ortskundigem Führer betreten. 

San Carlos Cave:  Keine Höhle für den Normal-Touristen. Sie verlangt zähe und erfahrene Burschen, denen Kraxeln, Waten und Schwimmen Spaß macht. Etwa die halbe Höhle steht unter Wasser. Sie ist insbesondere durch ihre „Ice Cream Parlor“ (Eisdiele) bekannt geworden. Es handelt sich um eine größere Gruppe weißer zum Teil kugelförmige Stalagmiten.  Ein Unterwassersumpf trägt den Namen von Johannes dem Täufer. 

Timbac Cave (bei Kabayan): Sie ist in den zwanziger Jahren von Mumienräubern weitgehend ausgeplündert worden. Noch in den siebziger Jahren verlagerte man Mumien wegen der „starken Regenfälle“. Einzelne Rückführungen haben stattgefunden. Eine Quelle berichtet, dass man zurzeit acht aufeinander gestapelte Särge und 15 Mumien antreffen kann. Die Höhle ist jetzt stärker geschützt. 

Hundred Island Caves (Nähe San Fernando): Der Mini-Inselarchipel verfügt etwa über zehn vergleichsweise weniger attraktive Höhlen. Die größte dürfte die Nelsoc Cave mit einer Länge von ca. hundert und einer Höhe von drei bis acht Metern sein. Die kleinere Alama-Cave  weist interessantere Höhlenformationen auf. Ein Besuch lohnt sich vermutlich nur im Zusammenhang mit Island-Hopping.  

Sagada Caves (Kordilleren – etwa 100 km von Baguio) Unterhalb der Bergstadt Sagada hat die Natur über Tausenden von Jahren ein ganzes Netzwerk von über 60 massiven Höhlen, Teichen und Wasserläufen geschaffen. Einige der größer dimensionierten Höhlen sind Trockenhöhlen. Die „Big Cave“ - auch Sumaging genannt -  ist etwa 45 Fußminuten von Sagada entfernt. Schon die Bezeichnungen ihrer Kammern wie „King´s Curtain“ (Königs-Vorhang), „Cauliflower“ (Blumenkohl), „Rice Granary“ (Reiskammer) oder „Dancing Hall“ (Tanzhalle) weisen auf einen außerordentlichen Formenreichtum von Felsen, Stalagmiten und Stalaktiten hin. Zum Teil haben sie einen Gold- oder Silberschimmer. Der Gang durch den engen  „Tunnel“ soll einem Limbo-Tanz gleich kommen. Ein Teich erlaubt das Schwimmen.  

Schon in vorchristlicher Zeit – aber auch in neuerer Zeit - wurden die Sagada-Höhlen von den Igoroten als Begräbnisstätten benutzt. Nachdem an die nackten Toten in Fötus-Position gebracht hatte, legte man die nicht immer stabilen Piniensärge oft an Höhlenhängen ab.  Die Inanspruchnahme eines Führers wird wegen der Schlüpfrigkeit der Wege und der Höhlenschluchten empfohlen. Es waren schon  Todesfälle unter den Besuchertouristen zu beklagen. 

Pamitan und Calinawan Cave (nördlich von Manila): Diese Höhlen haben überwiegend eine historische Bedeutung.  Die Pamitan Cave diente der Katipunan-Bewegung als Waffenlager. Hier soll Bonifacio schon 1895 – ein Jahr vor der offiziellen Revolution – die Unabhängigkeit der Philippinen („Viva la Independencia Filipinas“) ausgerufen haben. Die Calinawan Cave – auch „Japanese Cave“ genannt – war der letzte Rückzugsort der japanischen Truppen bevor ihrer Kapitulation im Jahre 1945.  Nach dem Krieg hat man hier noch ein umfangreiches Waffenarsenal  gefunden. Hanewald spekuliert: „Vielleicht liegt unter dem dicken Guanoteppich noch etwas verborgen“ (4).

Südlichen Luzon 

Auf der Insel Marinduque (170 km südöstlich von Manila) befinden sich die Bathala Caves. Die fledermausreichen Höhlen befinden sich im Privatbesitz, von den sieben Höhlen sind drei zugänglich. Die Haupthöhle heißt „Simahan“ (= Kirche) wegen ihrer großen Dimensionen. In einer der Höhlen befinden sich Skelette, die man Soldaten aus dem 2. Weltkrieg zuordnet. Früher konnte man in einer Höhlennische zahme Pythons sehen.   

Weiter südlicher gibt es auch eine Reihe von Höhlen, die jedoch nicht unbedingt zu den „hot spots gehören. Erwähnenswert sind die Calabidongan Caves und die Pariaan Caves (beide in der Nähe von St. Domingo), die Minarosa Caves (Batan Island) und die Calabidongan Cave in der Nähe von Camalig. Sie verfügt über einen unterirdischen Wasserverlauf und einen hohen Fledermausbesatz. In der nahe gelegenen Camalig Church sind u.a. Knochen, Töpfer- und Perlarbeiten ausgestellt, deren Alter man auf über 6000 Jahre schätzt. Auf Burias Island (Nähe Donsol) wurde erst 1999 eine Höhle mit engem Eingang aber mit den Dimensionen einer Kathedrale „offiziell“ entdeckt. Auch sie war ein prähistorischer Beerdigungsplatz.  

Relativ bekannt sind die Hoyop-Hoyopan Kalksteinhöhlen in der Nähe von Legaspi. Die Höhle trägt ihren Namen nach dem ständigen Wind, der am Eingang bläst. Die hier gefundenen archäologischen Artefakte aus vorchristlicher Zeit befinden sich allerdings in oben genannter Camalig Church oder im National Museum von Manila. Die Insel Masbate weist mehrere durchaus bemerkenswerte Höhlen auf. Darunter befindet sich eine Unterwasserhöhle bei Claveria, die für Taucher leichter zugänglich ist. Die Höhle ist ein alter Beerdigungsort und enthält unter anderem 500 Jahre alte Totenschreine.   

4.Anekdote

Dass in Asien allerlei tierischen Produkten (z.B. Quallen, Seepferdchen, Enteneiern) potenzfördernde Wirkungen zugeschrieben werden, ist hinlänglich bekannt. Hanewald liefert zusätzlich den Hinweis, dass die Behörden 1992 auf Cebu 452 Tonnen Stalagmiten-Material beschlagnahmt haben (4). Dazu muss man wissen, dass Stalaktiten vom der Höhlendecke hängen, während Stalagmiten auf dem Höhlenboden „stehen“. Die „stehende“ Eigenschaft hat wohl einige emsigen Höhlenräuber dazu bewogen, Stalagmitenmaterial zu entwenden, um es in zermahlener Form ins Ausland zu verkaufen. Wer weiß - vielleicht gehört bald auch Granulat aus geschredderten Ofenrohren zu begehrten Aphrodisiaka. Der Glaube kann bekanntermaßen Berge versetzten, warum sollte er dann auch nicht kleine Pimpfe aufrichten können.  

© Wolfgang Bethge, 2007


      (1)   Vgl. W. Bethge, Yamashitas Goldschatz, in: http://bethge.freepage.de/gold.htm

(2)   Bert M. Schultes: Callao Caves - die Höhlen von Callao, in: www.schuldes.org/home1/touren/callcaves/cave.htm

(3)   Roland F. Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, 2. Auflage, 1996, S. 144

      (4) Roland F. Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, 2.Auflage, S. 142