Buchbesprechung: Karl Freiherr von Hügel – Der stille Ocean und die spanischen Besitzungen im ostindischen Archipel, Wien 1860, Neu-Edition: Wien, 2002, ISBN: 3-8311-3933-4,  19,90 €


Wenn von historischen Büchern über die Philippinen die Rede ist, dann wird sicherlich zu Recht gerne auf das 1873 erschienene Buch des Ethnologen Fedor Jagor „ Reisen in die Philippinen“ verwiesen. Es gibt allerdings eine deutschsprachige Buchpublikation über die Philippinen, die historisch früher liegt und die in kleiner Auflage schon 1860 in Wien erschien. Es kommt sicherlich nicht an den Detailreichtum des Buches von Jagor heran, stellt aber – trotz mancher Einseitigkeiten und der weltanschaulichen Bindung des Autors -  sicherlich eine Bereicherung der historischen Publikationen über die Philippinen dar. Es ist das Verdienst der Österreichisch-Philippinischen Gesellschaft diese frühe – im deutschen wie im englischen Sprachraum fast vergessene - Publikation der interessierten Öffentlichkeit neu zugänglich gemacht zuhaben.  

Autor ist der konservative Monarchist Karl Freiherr von Hügel (1795 – 1870). Dass der adelige Autor ein Anhänger der habsburgischen Monarchie, zeigt schon die Widmung seines Buches. Wir geben sie hier wieder, weil sie zeigt, mit welcher Ergebenheit auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts der Krone Respekt gezollt wurde: 

„Seiner Kaiserlichen Hoheit – dem Durchlauchtigsten Herrn Erzherzoge Ferdinand Maximilian, dem Hohen Reisenden in vier Welttheilen, mit der ehrfurchtvollsten Bitte um huldvolle Beurtheilung dieses keinen Werkes in tiefster Ehrfurcht gewidmet von Höchstdessen gehorsamsten und unterthänigsten Diener Karl Freiherrn v. Hügel.“ 

Der biografische Hintergrund 

Vorweg noch einige Anmerkungen zur Biografie des Freiherrn. Der 1795 geborene von Hügel tritt nach einem Rechtsstudium an der Universität von Heidelberg 1813 in die Dienste der österreichischen Armee und nimmt als Offizier auch an den Kriegszügen gegen Napoleon teil.

1824 mustert er ab und es ist ihm gestattet, seinen Musen nachzugehen - als Privatgelehrter und Erbauer eines viel gerühmten botanischen Gartens. Dass er 1831 aus seiner Wiener Idylle ausbricht und zu einer fünfjährigen Weltreise aufbricht, kann einen privaten Hintergrund gehabt haben. Seine Verlobte -  eine ungarische Prinzessin – verlässt ihn, um dem bekannten Fürst von Metternich als Ehepartner den Vorzug zu geben (1). Von Hügel war aber schon zuvor reiselustig und besuchte die skandinavischen Länder und Russland. Zudem ist er an exotischer Botanik stark interessiert.  

Seine Weltreise (1831 – 1836) führt ihn unter anderem nach Ägypten, Südindien, Java, Australien, die Philippinen und die Länder der Himalaya-Region. Das hier zu besprechende Buch „ Der stille Ocean und die spanischen Besitzungen im ostindischen Archipel“ gibt die Reiseindrücke des philippinischen Ausschnitts seiner Weltreise wieder. Bei der Würdigung seines Buches ist zu berücksichtigen, dass Hügel nur etwa einen Monat  auf den Philippinen weilte, nämlich im Dezember  1834. Das ist eine – im Vergleich zu Jagor(2) – sehr kurze Aufenthaltsdauer. Sie beschränkte sich zudem auf Manila und Teile von Luzons. In Manila begleitete ihn übrigens bei seinen Kontaktanbahnungen der deutschstämmige Apotheker Johannes Andreas Zobel(3), einer der Vorfahren des heute wirtschaftlich sehr einflussreichen  Zobel-Clans (Ayala-Konzern). Weiterhin wird man in Betracht ziehen müssen, dass Hügel des Spanischen nicht voll mächtig  war und seine Gesprächspartner – insbesondere in der Provinz Luzon - in der Mehrzahl Geistliche darstellten. Es ist nicht abwegig zu behaupten, dass Hügel auch Wertungen und Grundeinstellungen des Klerus übernommen hat. 

Szenenbilder aus Manila und der Provinz Luzon 

Hügel räumt gleich zu Beginn seiner Schilderungen ein, dass Manila keinen sehr günstigen ersten Eindruck auf ihn gemacht hat und kritisiert insbesondere die „höchst schmutzigen und üblen Strassen“ und ein wenig gepflegtes Kanalsystem.  

Er begegnet hier einem lebendigen, südlichen Volk, das „wohlgenährt“ und ohne Bettler „auf seine Weise gut und reinlich gekleidet“ ist. Die Mehrheit der Bevölkerung Manilas sind für ihn die „Indier“, nur einmal taucht kurz der Ausdruck „Filipino“ auf.  

Etwas irritiert haben ihn dennoch die Vielzahl nackter Kinder sowie die fast durchsichtigen, etwas abstehenden Brusttücher der Frauen. Sie stehen von der „üppigen Fülle der Brust“ so weit ab, „dass jede Bewegung oder selbst die Luft sie entblößt“. Das gepflegte, tiefschwarze Haar der Frauen, das bis zur Ferse reichen kann, beeindruckt ihn zwar - die teilweise geflickten Pantoffel erlauben ihnen freilich nur einen „watschelnden“ Gang. Auf völliges Unverständnis stoßen bei ihm die rauchende Frauen: „ Alles, Männer und Frauen, raucht. Die Frauen, je älter sie werden, rauchen immer größere und dickere  … Ich sah einige alte Weiber, welche einen kurzen Ast im Mund zu haben schien“ (S.63). Folgt Hügel schon dem heutzutage beliebten südostasiatischen Schönheitsideal? Keineswegs - die Frauen, die er antrifft, scheinen seinem Schönheitsideal in keinem Fall zu entsprechen. Sehr radikal urteilt er: „Das Gesicht älterer Frauen ist ohne Ausnahme hässlich, ja jenes der jungen Frauen nie hübsch“ (S. 62).  

Er sieht manch schönen Garten und trifft auf Gitarrenspieler, die durch die Straßen ziehen. Sie scheinen die einzigen zu sein, die eine größere Laufstrecke absolvieren, „denn hier im Lande geht niemand“, meistens fährt oder reitet man. Hügel begegnet unter anderem „auf kleinen Pferden reitenden Ordensgeistlichen, auf beiden Seiten des Sattels mächtige Pistolenhalfter“ – ein Bild, das in starkem Kontrast steht zu der von ihm später beschworenen Friedfertigkeit des katholischen Klerus. Gar mancher Indier hält einen Kampfhahn in der Hand. Der Hahnenkampf liefert den Bewohnern einen nie endenden Zeitvertreib und das nächtliche Krähen Tausender von Hähnen scheint von der Bevölkerung fraglos hingenommen zu werden. 

Stark verärgert ist Hügel, als ihm der spanische Gouverneur Don Pascual, bei dem er einen Antrittsbesuch macht,  aus angeblichen Sicherheitsgründen nicht gestattet, die Provinz Luzon zu bereisen. Hügel hat inzwischen jedoch gute Kontakte zum spanischen Klerus aufgebaut, die ihm die Reise nach Luzon ermöglichen. „Ein Geistlicher im Innern hat mehr Gewalt über die Eingeborenen und vermag mehr auszurichten als ein Regiment Truppen es vermöchte“ (S.72). In Luzon hat Hügel auch Hütten von Eingeborenen aufgesucht  beziehungsweise er wurde eingeladen. Die unbeschränkte Gastfreundlichkeit der „Indier“ beeindruckt ihn sehr. „Ich fühle mich bei diesen Indiern zu Hause“. Und welcher Eindruck vermittelt sich ihm hier?

„Ein genügsames Stilleben der Glücklichen“ … Die Szenen, die man im Inneren der Hütten sieht, sind die des harmlosen, ungestörten, häuslichen Glücks, wies es nur ein einfaches, ruhiges Gemüt auffassen und genießen kann, entfernt von den Wünschen, dem fieberhaften Streben, welches europäische Erziehung, Glück zerstörend, einprägt und in welchem Eitelkeit, Stolz und Ehrgeiz… das innere Leben der Menschen unwiederbringlich zerstören “ (S. 112). Man fühlt sich bei dieser Beschreibung an Rousseaus „Edle Wilde“ erinnert.  Familien mit 10 – 12 Kindern sind nach der Feststellung Hügels gewöhnliche Erscheinungen.  

Die Charakterisierung der Stämme 

Dies führt uns zur Charakterisierung einiger Volksstämme auf den Philippinen durch Hügel. Heute wäre man bei solchen „Wesens"- Aussagen und stereotypen Zuschreibungen sicherlich vorsichtiger, aber unser Freiherr prescht hier relativ unbekümmert um mögliche Simplifizierungen und Diskriminierungen mit militärischem Schneid vor.  

Die zu verschiedenen Zeiten aus dem malaysischen Archipel zugewanderten Indier bilden für ihn die Masse der Bevölkerung. Ihre Haupttugenden sind Genügsamkeit, Friedfertigkeit und Gastlichkeit. Was ihnen an physischer Kraft fehlt, ersetzen sie durch Geschicklichkeit. „Der Indier ist sanft, einschmeichelnd und lebendigen Geistes“ (S. 193). Die Genügsamkeit stellt sich jedoch unter wirtschaftlichen Aspekten als Nachteil dar. „Hat er hinlänglich Reis und etwas getrockneten Fisch, ein Hemd und kurze Beinkleider, so sind alle seine Bedürfnisse erfüllt und nichts spornt ihn zu weiterer Arbeit an “ (S.194). Auch der zunächst gerühmte „lebendige Geist“ hat seine Schattenseiten. Denn nach dem Credo von Hügel ist er zwar zu einem Studium jeglicher Art befähigt, „allein von keiner Ausdauer in irgendeiner Wissenschaft“  (S.193). Insbesondere warnt er davor, sie – bei gegebener Streitlust des Volkes – zum Jurastudium zuzulassen. Schnell würden sie sich – bei oberflächlichen Rechtskenntnissen – zu „Teufelsadvokaten“ generieren, die von der Arbeit ihrer Mitbürger leben. 

Die Moros, also die im südlichen Teil des Landes lebenden Moslems, sieht Hügel ausschließlich unter dem Aspekt ihrer Seeräuberei. „Die Moros leben von der Seeräuberei und von der Beute, die sie von den Einfällen in die friedlichen Inseln mit sich schleppen. Dort richten sie großen Schaden an und sind der Schrecken der visayischen Meere“ (S.197). Der Autor empfindet es als schändlich, das die spanischen Machthaber nicht nachdrücklicher sich um ihre Niederwerfung bemühen. Und der Militärstratege empfiehlt, doch unverzüglich die „unterbeschäftigten Truppen und Kanonenboote“ in den Süden zu schicken.  

Es kommt aber noch toller und schon könnte man von einem vorweggenommenen Nazismus sprechen. Obwohl er in seinen Berichten über Australien die schlechte Behandlung der australischen Aborigenes  kritisiert, kennt er in Bezug auf die philippinischen Ureinwohner, den Negrillos (heutige Bezeichnung: Negritos), kein Pardon. Wohl selten liest man solche inhumane Sätze: „Dieser Negrillo lebt wie ein wildes Thier in Bergen und Wäldern; er ist von unansehnlicher Gestalt… und ist kein geselliges Wesen. Diese Eigenthümlichkeit trug mit zu der Schwierigkeit bei, sie zu civilisiren oder auch nur zum Hausthiere zu machen … sie werden in Manila als um nichts besser als eine Art Affen angesehen und so behandelt “ (S.192).  

Aus der philippinischen Geschichte ist bekannt, dass die Mestizos (bei Hügel ausschließlich chinesisch-philippinische Mischlinge) spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts sich stark in der Landwirtschaft engagieren und über Kaffe-, Zuckerohr- und Manilahanf-Anbau zu beachtlichem Vermögen und Einfluss kommen. Viele Illustrados (Sammelname für philippinische Intellektuelle) entstammen dieser zunehmend selbstbewusster werdenden bürgerlichen Schicht. Auch von Hügel bestätigt den Mestizos Talent, Geist und Aktivität  - wenn da nicht ihre „Laster“ – sprich Vergnügungssucht, Eigendünkel und Eitelkeit - wären. „Sie sterben im allgemeinen jung, in Folge ihrer Ausschweifungen“ (S.198). – Kreolen sind bei Hügel gemischtrassige Nachkommen europäischer Väter. „Diese Classe gedeiht schlecht  und die Abkömmlinge sind schwächliche Geschöpfe“ (S.198), meint unser Rassenexperte. Den schwächlichen Körpern sei ein früher Tod beschieden.  

Die Geistlichkeit im Lande 

Nach Ansicht von Hügel ist die Rolle der Geistlichkeit auf den Philippinen nicht hoch genug einzuschätzen. „ Die gute Verwaltung der Pfarreien  und die Verehrung für die Pfarrer ist die Ursache des tiefen Friedens, der in den philippinischen Inseln herrscht“ (S.188). Er ist es Lobes voll insbesondere über die spanischstämmigen Augustinermönche. Nach dem Besuch eines Augustinerklosters in der Provinz Luzon stellt er fest: „Ich erinnere mich nicht je so ausgezeichnete Köpfe und tatkräftige Gestalten an einem Fleck gesehen zu haben“ (S.92). Für ihn steht fest, dass sie die wahren Herren im Lande sind – eine Ansicht, die er auch bei den aufgesuchten Augustinern vorfindet. „ Man könnte mit vollem Recht sagen, das die Inseln der spanischen Geistlichkeit gehören, denn ihre Macht übertrifft jene der Regierung“ (S. 162). Eine private Bereicherung schließt von Hügel aus. Ganz im Gegenteil – „Sie verwenden ihr überflüssiges Einkommen auf die Vertheilung unter die Armen“ (S. 188). 

Auf die wirtschaftliche Machtstellung der Mönchsorden und die damit verbundenen Frondienste, Abgaben und wirtschaftlichen Abhängigkeiten für die einheimischen Bauern  geht der Autor nicht ein. Die später so sehr kritisierte Mönchsherrschaft (frailocracia) ist für ihn kein Thema. 

Aber auch bei der Geistlichkeit sieht Hügel einige negative Aspekte. Dies betrifft insbesondere die Weltgeistlichen, die nach der Vertreibung der Jesuiten Pfarreien insbesondere in der Provinz übertragen bekommen haben. Sie sind in der Mehrzahl Indier. Nur sehr selten können sie ihren Beruf voll erfüllen und leben „manchmal ausschweifend“. Dadurch geben sie ihren Pfarrkindern ein schlechtes Beispiel.  

Dass Hügel einen militärischen  Kreuzzug spanischer Truppen gegen die Moslems im Süden befürwortet, ist schon bekannt. Aber auch in den Bergen der Provinz Ilocos sind für ihn „ noch viele Heiden“ und er gibt der Hoffnung Ausdruck, „dass binnen kurzem das Heidentum in jener Provinz ausgerottet sein wird“ (S.191). Das klingt doch stark nach dem Versuch einer gewaltsamer Usurpation einer endogenen Kultur.                     

Kolonialverwaltung 

Hügel verklärt das spanische Kolonialregime. „In den philippinischen Inseln war nie eine Militär-Gewalt nöthig, um ihre natürlich friedfertigen Einwohner im Zaum zu halten“ (S.170).

Es gibt aber sehr wohl kleinere, lokale Aufstände, die primär auf die Abstellung bestimmter Missstände abzielten. Das beginnt schon bei Lapu-Lapus Widerstand bei der Eroberung der Philippinen durch Magellan (1521) und setzt sich unter anderem in folgenden Geschehnissen fort: 

-    1603:  Umsturzversuch der Chinese, dabei werden 23.000 Chinesen getötet

-   1621–1622:  Der einheimische Priester Tamblot ruft auf Bohol zusammen mit 2000 Gefährten zur Rückkehr zur alten Religion und zur Befreiung von der Unterdrückung durch die Spanier auf; der Aufstand wird brutal niedergeschlagen. 

-   1744– 839: Wiederum Aufstand auf Bohol. Ca. 2000  Boholaner unter der Leitung von Francisco Dagohov gründen einen Rebellenstaat. Das spanische Militär konnte diese Widerstandsbewegung erst recht spät vernichten

-    1762–1763: Aufstand unter der Leitung von Diego Silang mit dem Ziel der Abschaffung der Steuern und der Fronarbeit

-    1807:  Aufstand gegen das staatliche Weinmonopol in Ilocos Norte 

-  1815:  Revolte von 15000 Ilocanos unter der Führung von Simon Thomas gegen die Aufhebung der liberalen spanischen Verfassung von 1815

-   1840: Versuch der Begründung einer philippinischen Brüderschaft unter Apolinario de la Cruz: Vernichtung durch das spanische Heer 

Hier blendet Hügel also ihm unliebsame Vorfälle aus. Man wird ihm jedoch insoweit Recht geben müssen, als das es bis zu seiner Zeit keinen breiter angelegten Widerstandsaktionen gegen die spanischen Kolonialherren mit dem Ziel der nationalen Unabhängigkeit gab. Dafür spricht auch die geringe Präsenz spanischer Truppen auf den Philippinen. Hügel beziffert die Stärke des spanischen Militärs in Manila auf 1377 Mann  bei einer von ihm geschätzten Gesamtbevölkerung von fünf Millionen.  „In jeder Provinz hat der Gouverneur nur 25 Mann, gewöhnlich Indier, um vor den Magazinen und der Kasse Schildwache zu stehen (S.73). Da Hügel davon ausgeht, dass die Einwohner auf den Philippinen „Spanier im Sinn, Glaube und Gesittung“ sind, würden sie „stets“ bereit sein, dem spanischen Militär bei einem Angriff von außen, zu helfen (S.170).   

Es ist von Hügels fester Glaube, dass Spanien stolz sein kann auf seine philippinische Besitzung. Dank der „Weisheit der spanischen Monarchen“ habe die Regierung die Bevölkerung „Genügsamkeit gelehrt …, sie als selbständige Wesen behandelt, ihren Ansprüchen an Glück und Freude Rechnung getragen, sie erzogen, sie veredelt, sie gebildet und an den wahren Gott glauben gelehrt“ (S. IV). Die spanischen Regenten ließen ihre überseeische Besitzung zu einem hohen Grad gedeihen, „ohne Selbstsucht, ohne Eigennutz, ohne materiellen Gewinn für das Mutterland“ (S. 163). Dies stimmt insoweit, als nach vorherrschender Ansicht, die Philippinen auf spanische Subventionen (wie auch später auf amerikanische) angewiesen waren(4). Und sicherlich gab es auch lobenswerte Schritte der spanischen Statthalter. Dazu gehört u.a.:  

-   das Verbot der Sklaverei auf Antrag des Bischofs von Manila, Domingo Salazar (1589)

- die vielfältigen Versuche des spanischen Generalgouverneurs Jose Basco, die Philippinen ökonomisch zu entwickeln und den einheimischen Bauern mehr Rechtsschutz zu geben (1781–1784)

-  und die zeitweilige Repräsentanz philippinischer Abgeordneter in der spanischen Cortez 

Liberale Generalgouverneure waren jedoch während der spanischen Kolonialzeit eher die Ausnahme. Der spanische Generalgouverneur Rafael de Izquierdo (1871-1873) brüstete sich in einer Zeit der Aufklärung und des Liberalismus noch damit, dass er auf die Philippinen gekommen sei, „ mit dem Kruzifix in der einen Hand und einem Schwert in der anderen“ (4).  

Auch Hügel muss an anderer Stelle einräumen – und insofern ist er nicht widerspruchsfrei -, dass es unter den Alcademayors (staatliche Provinzchefs) zumindest in der Vergangenheit auch solche gab, „welche die armen Indianer auf das Schonungsloseste drückten, … Familien in den Ruin trieben und die Indier als Sklaven ansahen“ (S. 168). Sie besaßen ihr Amt nur wenige Jahre und waren vor ihrer Rückkehr nach Spanien bemüht, möglichst viel Profit aus ihrem kurzfristigen Besitz zu ziehen. „So geschah es denn, dass die Indier eine herzliche Abscheu vor den Statthaltern der Provinzen haben“ (S.168) und um Schutz bei den Priestern nachsuchten.  

Auf die in den Ecomiendas(6) zu leistenden Frondienste geht Hügel nicht ein. Die von den Eingeborenen zu leistende Abgabelast wird als erträglich hingestellt. „Im Allgemeinen behandelt der Spanier die Indier gut, seine Dienstleute sind völlig wie seine Kinder angesehen“  (S. 199). Und – „große Reichtümer besitzt niemand und kein spanischer Beamter oder Kaufmann kehrt mit Schätzen beladen in die Heimath zurück“ (S. V). 

Fast fühlt man sich an den Mythos von der Einheit des christlich-katholischen Abendlandes zurückerinnert, wenn man solche Sätze liest: 

-   Die Philippinen werden von den Spaniern nicht als fremdes Land angesehen .., sondern als ein selbstständiges Ganzes des spanischen Reiches“ 

-   dass „die Spanier durch ihre Geistlichkeit die Bewohner in ihren Inseln in Spanier zu verwandeln verstanden, welche die Regierung nicht als eine fremde, sondern als ihre eigne ansehen“ (S.72).  

Warnung vor einem eigenen Nationalstaat 

Natürlich ist von Hügel nicht verborgen geblieben, dass – insbesondere unter dem Einfluss des Freiheitskämpfers Simon Bolivar – in Mittel- und Südamerika sich starke Unabhängigkeitsbewegungen, die die Loslösung von der spanischen Krone befürworten, gebildet haben. So wird zum Beispiel Peru 1824 und Venezuela 1830  ein unabhängiger Staat.

Vor solch einer Entwicklung möchte Hügel die Filipinos warnen. „In neuerer Zeit“, so schreibt er, „ überfielen verblendete Freiheitsprediger die arglose Bevölkerung des spanischen Süd-Amerikas, entzündeten in ihr Begeisterung für hohle Theorien und erregten einen Sturm, der jene schöne Schöpfungen in ein heilloses Chaos zerfallen ließen …möge (den Filipinos) das Glück der neuen Beglückungstheorien noch lange vorenthalten bleiben“ (S. V/VIII). Sie sind für ihn „eine Tollheit, deren nur einseitige Bildung in der Politik fähig sein könnte“ (S.223). Für ihn den konservativen Monarchisten steht fest, dass in Luzon „Religion, Volk und Monarch ein sich gegenseitig bedingendes Ganzes“ (S.223) darstellen. Man möge doch nicht zu den Irrlichtern oder den Brandfackel einer „chimärischen Freiheit“ greifen, die nur Chaos und Untergang produziert.  

Knapp vierzig Jahre nach der Veröffentlichung des Buches von Hügel wird jedoch die Untergrundbewegung Katipunan unter der Leitung von  Andres Bonifacio(5) und Emilio Aguinaldo zu den Waffen greifen, um gezielt die nationale Unabhängigkeit der Philippinen zu realisieren.  

Freiherr von Hügel hat mit seinem Buch das Bild der Philippinen sicherlich um diese oder jene Facette bereichert. Eindrücklich stellt er die Macht und den Einfluss des katholischen Klerus heraus. Er bleibt jedoch bei der Beschreibung der Bevölkerungsgruppen ein etwas leicht überheblicher Aristokrat, der in patriarchalischer Anmaßung die „einfachen“, leitungsbedürftigen philippinischen „Seelen“ wohl eher maßregelt, denn beschreibt. Der Trend hin zum Nationalstaat im 19. Jahrhundert geht an ihm völlig vorbei. Die geistigen Schwingen des Habsburger Doppeladlers begleiten ihn zeitlebens.  


(1)   Fürst und Freiherr versöhnen sich jedoch später. Im Revolutionsjahr 1848 hilft  Hügel dem konservativ-reaktionären Staatsmann Metternich bei seiner Flucht nach England

(2)   Fedor Jagor verbrachte fast zwei Jahre auf den Philippinen

(3)   Vgl. in diesem Zusammenhang: W. Bethge, Die Zobel-Dynastie, in: http://bethge.frepage.de/zobeldt.htm

(4)   Vgl. Margarete Payer, Zur Geschichte der Philippinen, in: http://www.payer.de/hbiweltweit/weltw43.html

(5)   Vgl. W. Bethge, in: Der tragische Kampf des Andrea Bonifacio, in: http://bethge.freepage.de/bonifacio.htm

(6) Mit den ecomiendas belohnte die spanische Krone die  Dienste von spanischen Soldaten und Seeleuten in Form einer generationsübergreifenden Vergabe von Ländereien. Die Begünstigten wohnten meist in Manila und ließen die Erträge durch Mittelsmänner eintreiben.

                                                                     

                                                                          


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