Iglesia ni Cristo - die familiendynastisch geführte religiöse Gemeinschaft

Bereist man die Philippinen, so trifft man allenthalben auf die blendend weißen Kirchengebäude der Iglesia ni Cristo mit ihren schlanken, gotisch anmutenden Turmspitzen. Die Kirchen heben sich mit ihrem Weiß deutlich von ihrer Umgebung ab. Sie erscheinen sauber und gepflegt und bieten dem Betrachter oft ein Kontrastbild zu den manchmal wenig gepflegten katholischen Kirchen. Symbolisiert sich hier ein neuer Aufbruch auf den Philippinen? Wird hier am Ende ein neuer kapitalistischer Protestantismus geboren, der dem Land neue starke Wachstumsimpulse gibt? – so mag der Betrachter spekulieren.

Wir wollen uns im nachfolgenden – trotz gegebener Informationsdefizite  - mit der Iglesia ni Cristo näher beschäftigen. Dabei interessiert uns nicht so sehr die spezifische theologische Kirchenlehre, sondern die Kirche als soziale Institution. Und da die Kirche, ihrem Gründer Propheten- und Engelstatus zuspricht, wird zunächst von ihm die Rede sein.

Der Gründer Felix Manalo

Der 1886 bei Manila geborene Felix Manalo wächst in einem katholisch geprägten Elternhaus auf. Die Mutter verstirbt früh. Schon in jugendlichen Jahren verlässt er die Katholische Kirche, weil er zu der Ansicht gelangt, dass andere protestantisch orientierte Kirchen näher an der biblischen Wahrheit seien. Zunächst schließt er sich den Methodisten an, dann für dreiundeinhalb Jahre den Presbyterianern und schließlich 1911 den Adventisten. Über die Gründe für den häufigen Kirchenwechsel kann man nur spekulieren. In Betracht kommen können die teilweise vorhandenen paternalistischen und rassistischen Einstellungen der amerikanischen Missionare, gegen ihn von kirchlicher Seite verhängte Disziplinarmaßnahmen oder aber auch eine theologische Kontroverse über die Strenge der Sabbat-Befolgung.

Das Jahr 1913 ist für ihn von entscheidender Bedeutung. Seine Frau verstirbt in diesem Jahr, er verlässt er die Adventisten, zieht sich zur Meditation in die Einsamkeit zurück und empfängt die „göttliche Botschaft", dass er der „Fünfte Engel" sei, von dem Jesaja 43;5-6 beziehungsweise die Offenbarung 7;2 spricht:

„ So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln. Ich will sagen dem Norden: Gib her! Und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von Ferne und meine Töchter vom Ende der Welt." – „ Und ich sehe einen anderen Engel aufsteigend vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit lauter Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun."

Fügen wir kommentierend noch an, dass Jesaja zwar von einem Engel aus dem Osten spricht, nicht aber vom „Fernen Osten". Die Begegnung vermittelt ihm auch die Erkenntnis, dass er der „Letzte Prophet Gottes" sein und nur er befugt sei, die wahre Botschaft Gottes zu vermitteln. Alle anderen Kirchen seien vom wahren Glauben abgefallen. Noch aber teilt Manalo sein prophetisches Berufungserlebnis der Öffentlichkeit nicht mit. Er gründet aber am 27.Juli 1914 – dem Tag des Ausbruchs des ersten Weltkrieges - eine eigne, national orientierte Kirche, die „Iglesia ni Khristo". und lässt diese auch offiziell als „Sole Corporation", d.h. Wirtschaftsunternehmen registrieren. Die neu gegründete Kirche findet den Zulauf von ca. 3000 Gläubigen.

1919 verlässt der doch „im Besitz der Wahrheit stehende" Manolo die Philippinen, um die protestantische Szene in den USA weiter zu studieren. Es bleibt unklar, was er bei den – nach seiner Ansicht vom wahren Glauben abgefallenen - Protestanten studierte. Wollte er sich weitere Einblicke in das Kirchenmanagement verschaffen oder sein Glaubensgebäude mit weiteren theologischen Anleihen beim Protestantismus anreichern? Manolo verbleibt jedoch nur ein Jahr in den USA, eine drohende Kirchenspaltung zwingt ihn jedoch zur Rückkehr. Erst jetzt erhebt er sich öffentlich in den Rang eines göttlichen Propheten. Kritiker meinen, dass er sich zu diesem Schritt entschloss, um seinen Führungsanspruch insbesondere gegenüber dem Glaubensrivalen Teogilo Ora innerhalb der Kirche zu stärken (1) .

In den dreißiger Jahren wächst die Iglesia ni Cristo über ihre anfänglich regionale Bedeutung hinaus und findet Gläubige auf dem gesamten Inselarchipel. Der zweite Weltkrieg schränkt die Expansion etwas ein. Aus dieser Zeit sind jedoch Dokumente überliefert, die die moralische Integrität Manalos etwas angreifen. Wir zitieren die Official Gazette vom 7.Juli 1942: „ Anklagen über sexuelle Unmoral plagten Felix Manalo Zeit seines Lebens. In einem Urteil des Berufungsgerichts … beurteilten die Richter den Charakter Manalos extrem ungünstig: „ Manalo nutzte seine Stellung als Kopf der Iglesia ni Cristo aus .. und benutzte die Religion als Deckmantel für seine unmoralischen Handlungen; er behauptet der von Gott gesandte Messias zu sein und überzeugte seine Opfer, indem er sich auf Salomon und seine vielen Frauen bezog" (Übersetzung: W.B.) (2). Auch Kirchenobere sind offenbar den Anfechtungen des Fleisches ausgesetzt.

Felix Manalo stirbt im Mai 1963. Auch nach seinem Tod expandiert die Kirche mit starkem Zuwachsraten sowohl auf dem Inselarchipel wie auch im Ausland.

Erbdynastie in der Führungsspitze

Schon zehn Jahre vor seinem Tod hat Felix Manalo einen seiner fünf Söhne zu seinem Nachfolger bestimmt. An die Spitze der Iglesia ni Cristo tritt nun der 1925 geborene Sohn Erano G. Manalo (Ka Erdy). Dieser studierte zunächst Jurisprudenz, tritt dann aber in den Dienst der Iglesia, zunächst als Geistlicher, später als Finanz-Vorstand, „Executive Minister" und Vertriebsmanager der Kirchenzeitschriften „Pasugo" und „God´s Message". Er ist auch Autor einer 64-Seiten starken Broschüre „Christ-God: Investigated – False", in der die Göttlichkeit von Jesus Christus bestritten wird. Er gilt als sehr fähiger, wenngleich auch öffentlichkeitsscheuer Kirchenführer mit weitgehenden Direktionsbefugnissen.

Erano Manalos Nachfolger wird bereits schon eingearbeitet. Es ist sein 1955 geborener Sohn Eduardo Manalo. Eduardo war begeisterter Amateurradio-Fan und er leitete eine Rundfunkstation. Mittlerweile fungiert er als „Deputy Executive Minister" und rechte Hand seines Vaters. Politisch fiel er dadurch auf, dass er 2001 zusammen mit Tausenden seiner Kirchenanhängern gegen die von Präsidentin Gloria Macapagal Arrayo veranlasste Verhaftung von Ex-Präsident Estrada protestierte. Wir kommen auf den politischen Einfluss der Iglesia ni Christi (Abkürzung: INC) noch einmal gesondert zurück. Festzuhalten bleibt eine weitgehende Vererbung von hohen bis höchsten Kirchenämtern – analog einem wirtschaftenden Familienunternehmen.

Führungsstruktur, Mitgliederzahlen, Finanzierung

Oberstes Leitungsgremium der sehr straff – fast autoritär - geführten Kirche ist die „Central Administration" mit zentralem Hauptsitz in Diliman, Quezon City. Unter der Leitung des Executive Ministers Erano Manalo gehören der „Central Administration" ein Kabinett von zwölf weiteren "Senior Ministern" an. Es folgen in der Kirchenhierarchie Gebietsleiter („District Officers"), Geistliche („Ministers"), Hauptdiakone und Diakone. Diakone führen sieben bis zehn Gläubige. Sie kümmern sich um die persönlichen Nöte ihrer Schutzbefohlenen, überprüfen deren Gottesdienst-Anwesenheit und schreiben Beurteilungen über ihre Glaubensbrüder. Bemerkenswert ist, dass Frauen nur das Amt einer Diakonissin oder einer Chorleiterin ausüben dürfen. Höhere Leitungspositionen sind ihnen grundsätzlich versperrt. Die Geschlechtertrennung zeigt sich auch im Gottesdienst – Frauen und Männer sitzen getrennt.

Ein Aufstieg in der Kirchenhierarchie setzt neben einer untadeligen Lebensführung weiter voraus, dass sich die gesamte Familie der INC angeschlossen hat. Das verstärkt den sozialen Druck insbesondere auf andersgläubige Familienangehörige und hat in nicht wenigen Fällen die Ehescheidung zur Folge gehabt.

Die Iglesia ni Cristo publiziert eine Mitgliederzahlen. Dies führt dazu, dass die von den Medien genannten Mitgliederzahlen eine große Schwankungsbreite aufweisen. Der amtliche „Census of Population and Housing Places" schätzte 1990 die Zahl der INC-Gläubigen auf den Philippinen auf 1,4 Millionen ein. Nach dieser amtlichen Zählung hat sich demnach die Zahl der Gläubigen seit 1970 verdreifacht und erreicht einen Anteil von circa 1,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Eine andere Statistik operiert mit folgenden Zahlen der Religionszugehörigkeit: 82,9 % römisch-katholisch, 5,4 % Protestanten (Sammelgruppe), 4,6 % Moslems, 2,6 % Freikirche und 2,3 % Iglesia ni Cristo (3) . Philippinische Regierungsstellen gingen 2004 davon aus, dass hinter der INC ein Wahlstimmenpotenzial von 2 – 4 Millionen Wählern steht (4). Die Kirchenmitglieder sollen sich vor allem aus der sozialen Unterschicht rekrutieren.

Noch weiter auseinander gehen die Schätzungen über die weltweit vorhandenen Gläubigen. Die Schätzungen reichen hier von drei bis zehn Millionen, wobei die Angabe von zehn Millionen bei nur 7,6 Millionen Auslandsfilipinos in 2003 sehr unwahrscheinlich erscheinen (4b). Auch im Ausland sind die Gläubigen in der Mehrzahl Filipinos bez. Filipinas. Von eine Internationalisierung der Anhängerschaft kann man bislang nicht sprechen. Insgesamt soll es weltweit 200 Kongregationen in 84 Ländern – mit Schwerpunkt USA (Hawaii / Kalifornien), Vorderer Orient und Europa – geben.

Bezüglich ihres Vermögens schweigt sich die INC erst recht aus. Die Sekte wird jedoch allgemein als vermögend eingestuft (5). Spenden der Kirchenmitglieder sind sicherlich eine Haupteinnahmequelle. Zwar verweist die INC zum Beispiel in Deutschland darauf, dass sie keine Kirchensteuer erhebt bez. erheben kann, es wird jedoch von einem erheblichem Spendendruck auf die Gläubigen berichtet. Dazu gehören Klingelbeutelspenden, Einnahmen aus dem Vertrieb der Sektenschriften, geldwerte Leistungen der Mitglieder, Spenden für den „Local Fund" (bestimmt für den Erhalt des Kirchengebäudes, Mieten, Reisen, Spesen) und vor allem die jährliche Danksagungsspende, die sich am Kirchenzehnten („Tithes") orientiert und über deren Eingang der Finanzofficer wacht. Wird die Kirche – wie in Deutschland – als gemeinnütziger Verein geführt, können Steuerprobleme auftreten (6)

Hier können nur einzelne Vermögensposten ohne Anspruch auf Vollständigkeit und aufgelistet werden. :

   Zum Vermögen gehört nicht nur die riesige Tempelkirche in Diliman oder die fast palastähnliche Kirche auf Mactan-Island, sondern eben auch der Grund und Boden von vielen, vielen kleineren Ortskirchen. Oft ist der Grundstückserwerb mit einem durchaus strittigen Antrag auf Steuerbefreiung verbunden.

   1300 Häuser mit zwei Schlafzimmern auf 29 Hektar Grundfläche in Montalban, Rizal // 500 zweistöckige Stadthäuser in Dasmarinas, Cavite // 3 Gebäude mit 120 Wohneinheiten in Culiat, Quezon City // Oft Mietssubventionen für Iglesia - Mitglieder

INC-Kirchenobere halten Anteile oder sitzen im Vorstand von Produktionsunternehmen (Hi Mill Corporation), Bauunternehmen (Ramdustrial Corp.), Massenmedien (DZEC AM radio, NET 25 television, Scan Society of Communicators; Association of Christians in IT), bei Gemischtkonzernen (Amalgameted Management and Development Corp.), im Krankenhaussektor (New Era General Hospital; Felix Manalo Puericulture and Maternity Clinic) und im Hochschulsektor (New Era University Inc.; Global Foundation for the New Era) (7)

Ob sich aus diesen Vermögensposten wirtschaftliche Macht ableiten lässt, muss hier offen bleiben. Die Iglesia tritt auch als Arbeitskräftevermittler auf. Sie hat schon der großen SM-Handelskette, Textilfabriken und Agrarbetrieben INC-Mitglieder als Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt. INC-Mitglieder werden von den Arbeitgebern gerne akzeptiert, da sie angehalten sind, sich keiner Gewerkschaft anzuschließen, folglich also nicht streiken. Schon häufiger wurden gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gegen INC-Arbeitskräfte ausgetauscht (8).

Kritische Kirchen-Insider sprechen davon, dass mit der Wandlung zur Weltkirche „many millions and millions " Spenden-Dollar aus den USA und anderen industrialisierten Ländern der Kirchenzentrale in Diliman zuflossen. Sehr kritisch merken sie an: "Wir kommen langsam zu dem Glauben, dass unsere Kirche anderen in Manila ansässigen multinationale Unternehmen bis auf einen Unterschied gleicht: Sie verbergen und verbiegen die wahre Natur unserer Kirche, wenn sie nur darauf aus sind, Geld von den vielen Mitgliedern in den Industriestaaten einzusammeln" (Übersetzung: W .B.)(9). Die Kirchenfunktionäre scheinen nicht zu darben. Zumindest in Deutschland steuern sie häufig Wagen der gehobenen Mittelklasse oder Oberklasse.

Spezifische Glaubensgrundsätze und Prinzipien der Lebensführung

Einige zentrale Glaubensgrundsätze der Iglesia weichen markant von denen anderer evangelischer Kirchen ab. Sie werden hier stichwortartig ohne nähere theologische Begründung vorgestellt. Näher Interessierte seien auf die Publikationen der Iglesia („Pasugo" / „God´s Message" ) verwiesen:

  Ablehnung der Trinitätslehre, wonach Gott in drei Personen existiert - nämlich in Gestalt von Vater, Sohn und Heiliger Geist.

  Jesus Christus ist nach der Kirchenlehre nur Mensch und göttlicher Botschafter.

  Nach dem Tod „schläft" die Seele

Die christlichen Kirchen sind schon im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vom wahren Glauben abgefallen. Die ursprüngliche Glaubenslehre wurde dem „Engel aus dem Osten" Felix Manolo als letzte Botschaft Gottes neu vermittelt.

Der richtige Glaube allein reicht nicht aus. Die Erlösung setzt Kirchenmitgliedschaft voraus.

Die Interpretation der Bibel ist  – mitunter unter Vernachlässigung des Kontextes - streng textorientiert, wobei die persönliche Lektüre und Interpretation von Bibelstellen unerwünscht ist. Nur die Geistlichkeit hat die Interpretationsbefugnis. Im Prinzip läuft diese Interpretationshoheit der geistlichen Führer auf eine theologische Entmündigung des einfachen Glaubensbruders hinaus. Es ist häufiger festgestellt worden, dass die Iglesia die Bibel weniger zur Begründung der eigenen Glaubenslehre als zum Nachweis von „Irrlehren" konkurrierender christlicher Kirchen nutzt. Psychologisch befindet man sich in einer Angreiferposition.

In den neunziger Jahren sind „Zehn Gebote" („Ten Commands") erlassen worden, die insbesondere die Einheit und Geschlossenheit der Kirche zum Ziel haben und den religiösen Gehorsam der Glaubensbrüder gegenüber der autoritativen Kirchenführung einfordern. Kernforderungen sind u.a.: Du sollst den Gottesdienst nicht vernachlässigen (Gebot 2) // Du sollst nicht der Kirche den Rücken kehren (Gebot 3) // Du sollst dich nicht der Liebe der Brüderschaft entgegenstellen (Gebot 6) // Du sollst die Kirche nicht vernachlässigen .. (Gebot 7) // Du sollst nicht vergessen, dass unsere Mission Früchte tragen soll (Gebot 8) // Werden nicht säumig in Bezug auf deine Pflichten (Gebot 9) // Du sollst nicht gegen die Kirchenverwaltung rebellieren oder mit ihr streiten (Gebot 10) (10) .

Auch die Iglesia fordert „Gute Taten" - insbesondere wenn sie zum Wohl der Kirche sind. In den Predigten wird stark an das Sündenbewusstsein und Reuepflicht der Gläubigen appelliert: Du sollst nicht im Dienst der Sünde und fleischlicher Genüsse stehen (Gebot 2). Wer Widerspruch äußert, wird schnell zum geächteten Outsider. Ein zweimaliger Gottesdienstbesuch während der Woche ist zwingend vorgeschrieben und unterliegt der Kontrolle. Es wird erwartet, dass man möglichst nur Kirchenmitglieder heiratet, da nur sie am „Jüngsten Tag" gerettet sind.

Der Gebote- und Verbotskatalog reicht tief in das Alltagsleben. Weniger überraschend ist, dass man sich gegen Trunkenheit und Ehebruch wendet. Diese Untugenden vermutet man offenbar insbesondere in Discos, deren Besuch und die Beteiligung am Tanz sind untersagt. Der Appell an gutes Staatsbürgertum, Pünktlichkeit, Lernbereitschaft, Disziplin und Ehrlichkeit erinnert an konservative, fast preußische Wertorientierungen. Für den primär familienorientierten Filipino ist die Forderung, ein guter Staatsbürger zu sein, jedoch keineswegs selbstverständlich. Und zur Pünktlichkeit bestand schon immer ein gespanntes Verhältnis, streckenweise wird sie sogar als unhöflich empfunden. Für das Verbot, Produkte mit Tierblut (z.B. „Diniguan") zu konsumieren, mag man Verständnis aufbringen. Rechtlich sehr problematisch ist aber die Forderung, Gewerkschaften zu meiden, keine Gerichtsprozesse insbesondere gegen Glaubensbrüder anzustrengen und sich der Wahlempfehlung der Kirchenspitze anzuschließen. Hier wird in verfassungsrechtlich verbriefte Grundrechte eingegriffen. Auf die geforderte Blockwahl kommen wir gesondert zurück.

Bei einer solchen Verhaltensregulierung und -kontrolle wundert es nicht, wenn eine kirchenkritische Gruppierung formuliert: "Unsere Kirche ist die strikteste und am strengsten kontrollierte Organisation in der Welt … Wir wollen Freiheit von einer solch rigiden Kontrolle des Lebensstils und der religiösen Verfolgung innerhalb unserer Kirche" (11) .

Der politische Einfluss

Die Kirchenführung nimmt den Gläubigen auch ihre politische Wahlentscheidung ab, indem sie dazu auffordert bestimmte – von ihr ausgewählte - Kandidaten zu wählen. Sie verstößt damit gegen das in der Verfassung formulierte Prinzip der Trennung von Staat und Kirche und beschneidet ein originäres Freiheitsrecht ihrer Gläubigen. Bei knappen Wahlentscheidungen kommt der INC mit ihren 2 – 4 Millionen Wahlstimmen deshalb eine entscheidende politische Bedeutung zu. Entsprechend wird sie dann auch von den Politikern als „Zünglein an der Waage" hofiert. Es ist kaum anzunehmen, dass die INC-Kirchenleitung ihren Wahlstimmenblock ohne Gegenleistung Politikern zur Verfügung stellt. Wie wir noch sehen werden, lässt sich die INC-Führung bei der Kandidatenfestlegung eher von pragmatisch-opportunistischen, denn moralischen Gründen leiten. Nicht immer kann sie jedoch auf die blinde Gefolgschaft ihrer Gläubigen hoffen.

Häufiger hat die Kirchenspitze bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen auf das falsche Pferd gesetzt. So unterstützte sie 1986 den Alt-Diktator Marcos in seinem Wahlkampf gegen Corazon Aquino. Diese Wahlkampfentscheidung wurde jedoch bei weitem nicht von allen Kirchenmitgliedern getragen. Man spricht davon, dass fast die Hälfte der Gläubigen sich nicht der Anordnung der Kirchenleitung fügte. Da man eine so hohe Zahl politischer Abtrünnigen nicht exkommunizieren konnte und wollte, wurden die Abtrünnigen lediglich dazu aufgefordert, sich bei der Kirchenleitung für ihre „falsche" Wahlentscheidung zu entschuldigen (12). Bei den Präsidentschaftswahlen 1992 empfahl die Kirchenleitung die Wahl des Wirtschaftstycoons Eduardo Conjuanco, dem später siegreichen Konkurrenz-Protestanten Fidel Ramos wollte man keine Stimmen zuschanzen. Bei den Präsidentschaftswahlen 1998 wird Josef Estrada unterstützt, ein INC-Mitglied wird Justizminister. Estrada ist man auch noch in Nibelungentreue verbunden, als längstens sein streckenweise unmoralischer Lebenswandel und Korruptionsvorwürfe bekannt sind.

Auch die derzeitige Präsidentin Macapagal und gläubige Katholikin weiß sich der Iglesia verpflichtet. Sie wurde schon 1995 bei der Senatswahl und 1998 bei der Wahl zur Vizepräsidentin von der INC unterstützt. Sie selbst hat sich in einem Interview vieldeutig als „good customer of Iglesia ni Cristo" beschrieben (13). Im Wahlkampf 2004 findet sie sich in der INC- Hauptzentrale ein, um mit Erano Manalo angeblich nur über die Anpflanzung von Hybrid-Reis auf INC-Musterfarmen zu sprechen. Kurze Zeit später spricht sich die Kirchenführung für ihre Wiederwahl aus. Die verordnete Wahlstimmfestlegung findet unter den Kirchenmitgliedern nicht ungeteilte Zustimmung. Einige orthodoxe Kirchenmitglieder meinen aus der Bibel herauslesen zu können, dass Frauen sich nicht für die Besetzung hoher Staatsämter eignen (14) .

Schlussbemerkung

Wertestiftende und Werte pflegende Institutionen, zu denen die Kirchen grundsätzlich gehören, verdienen in einer Zeit des gesellschaftlichen Wertezerfalls sicherlich Respekt. Und wer wollte sich schon gegen die Forderung nach „gute Taten" aussprechen? Bei der Iglesia ni Cristo finden sich sicherlich einige dieser positiven Aspekte, wobei zum Teil nicht auszumachen ist, ob sie einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen stiften oder doch nur dem Wohl der Kirche und ihrer Mitglieder dienen (Wohnungsbau-, Krankenhaus- und Hochschulsektor).

Sektenschelte ist zweifelsohne populär. Dennoch überwiegen auch bei der Iglesia ni Cristo offenbar die negativen Aspekte. Die spezifische Kirchenlehre basiert nur auf einem schütteren theologischen Fundament. Nicht zeitgemäß erscheint eine autoritäre Kirchenführung, die die religiösen und politischen Freiheiten der Gläubigen stark beschneidet und in das Privatleben hinein zu regieren versucht. Die Kirchenverantwortlichen sollten den aufgeklärten – nicht den bevormundeten oder sogar entmündigten – Gläubigen suchen und fördern. Auch wird die Leitung dem Eindruck entgegentreten müssen, dass sich hier ein Familien-Clan ein religiösen Deckmäntelchen angezogen hat und auf der Suche nach wirtschaftlichen Pfründen und politischer Macht ist.

© W. Bethge, 2004


(1) http://www.letusreason.org/Iglesia2.htm

(2) Official Gazette, Volume 1 No7, July 1942, p.393 – 395, cited by Joseph Kavanagh, Philippine Studies, March 1955

(3) zitiert nach : http://www.child-hood.com/de/text p609.htm

(4) http://www.religionnewsblog.com/7075-Iglesia ni Cristo going for Macapagal.html

(4b) http://www.apologeticsindex.org/Iglesia ni Cristo religious cults and sects.htm

(5) http://www.marxist.com/asia/tasks of filipino socialists1.html

(6) Vgl. den sehr kritischen Bericht einer Lokalzeitung über die deutsche Zentrale der INC, wiedergegeben in: http://www.members.tripod.com/german.site.mnl/GHP-Iglesia ni Cristo.htm

(7) Maloh Mangahas und Avigal M.Olarte, Iglesia ni Cristo – A most powerful union, in: http://www.pcij.org/stories/2002/inc2.html

(8) Otto van den Muijzenberg, Migrant Labour Brokerage and the Road to Work, in: htttp://www.iisg.nl/~clara/publicat/clara2.pdf

(9)    http://members.tripod.com/insiders inc/history.html

(10) http://members.tripod.com/insiders inc/tencomm.html

(11) http://members.tripod.com/insiders inc/index.html

       http://members.tripod.com/insiders inc/control.html

(12) Gil C. Cabacungan Jr. And Blanche S. Rivera, Macapagal fails to meet INC- leader, in MANILA TIMES, Feb.19, 2004

(13) http://religionnewsblog.com/7086-Little sect is big player in Politics.html

(14) http://www.religionnewsblog.com/7198-GMA gets shepherds´ nod-will the flock follow .html