Nationaler Stolz der Filipinos nur schwach entwickelt? 

Alle Filipinos wollen anders sein. Die Armen wollen alle Amerikaner und die Reichen alle Spanier sein. Niemand will ein Filipino sein“, so zitiert der amerikanische Autor Suretsky einen Freund in seinem auf den Philippinen viel beachteten Artikel „Inferiority Complex: A Filipino Malady?  Nicht ganz so provokant formuliert der Autor selbst: “Nach vielen Jahren der Beobachtung, scheint mir das Hauptproblem auf den Philippinen ein nationaler Minderwertigkeitskomplex und das Fehlen von nationalem Stolz zu sein.“ (1). Quintin D. Andres formuliert knapp und bestimmt: „Filipinos in general have an inferiority complex“ (2) (3). Nicht nur in der Literatur finden sich Belegstellen für ein angebliches Minderheitsgefühl der Filipinos, auch in den philippinischen Internetforen ist die vermutete Unterlegenheitsmentalität der Filipinos, das Gefühl ein noch immer kolonialisierter „underdog“ zu sein, ein oft diskutiertes Thema. Nicht wenige Schreiber beklagen in diesem Zusammenhang die fortdauernde „self-flagellation“ (Selbstgeißelung). Häufiger schließt man einen „inferiority complex“ (Minderwertigkeitskomplex) für sich selbst aus, sieht ihn aber bei anderen. 

Folgt man also der vorherrschenden veröffentlichen Meinung, so überwiegt die Ansicht vor, dass der nationale Stolz der Filipinos unterentwickelt sei und Unterlegenheitsgefühle gegenüber der westlichen Welt in breiteren Bevölkerungskreisen vorherrschen würden. Lediglich eine etwas einfacher strukturierte Jugenduntersuchung aus den späten neunziger Jahren des SWS-Umfrageinstitutes kommt zu einem anderen Befund und liegt quer zur Mehrheitsmeinung (4). Der Untersuchung zufolge waren 69 Prozent der befragten Jugendlichen „sehr stolz“ und 24 Prozent „ziemlich stolz“ auf ihr Land. Der „Inferiority Complex“ und die "Colonial Mentality“ also nur ein Hirngespinst, eine fixe Idee von Publizisten? Oder sollte ein Einstellungswandel erfolgt sein? Im Nachfolgenden versuchen wir, dieser Frage nachzugehen. Merken wir noch an, dass bei einzelnen Personen – unabhängig von kollektiven Einstellungen – ein Unterlegenheitsgefühl offen zutage treten kann, es kann kaschiert sein oder bei sehr selbstbewusster Grundeinstellung - aber auch weitgehender Ignoranz - schlicht nicht vorhanden sein. Nicht nur Umfang und Grad der Verankerung der unterstellten Unterlegenheitsdisposition lassen sich exakter bestimmen, auch die Gründe für das angebliche gestörte Selbstwertgefühl der Filipinos bleiben vielfach im spekulativen Dunkel.  

Wir versuchen uns, dem Thema auf drei Ebenen zu nähern. Wir beleuchten zunächst mögliche historisch-kulturelle Hintergründe, fragen dann nach Bezügen im wirtschaftlich-technischen Bereich und sprechen dann – ohne rassistisch auftreten zu wollen - körperliche Aspekte an.  

A. Historisch-kulturelle Aspekte 

In der allgemeinen Wertschätzung findet sich traditionell die Familie an erster Stelle, deren Vertrautheit und Solidarität man schätzt. Oft folgt dann die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Barangay, einer bestimmten Provinz. Man ist stolz darauf, ein Ilocano, ein Bicolano zu sein. Diesen Provinzialismus nutzten zum Beispiel die Spanier bei der Unterdrückung von lokalen Revolten, indem sie Hilfstruppen aus anderen Landesteilen bei der Niederschlagung heranzogen. Das Nationale war bis weit in das 19. Jahrhundert fern und außerhalb des Blickwinkels.

Immer wieder wird in der philippinischen Literatur Klage darüber geführt, die Filipinos würden ihre eigene Geschichte zu wenig kennen und könnten deshalb nur wenig Nationalstolz entwickeln. Nathan Gilbert Quimpo schreibt: „Das Erziehungssystem fährt in der schlechten Erziehung der Filipinos fort, indem es die Wohltaten der andauernden ausländischen Herrschaft zu Lasten der einheimischen Kultur glorifiziert. Schulkinder lernen wenig über die Geschichte des Landes. Dies gilt insbesondere für seinen heroischen Widerstand gegen die amerikanische Okkupation“. (5)

Wir können die vorhandenen odere nicht vorhandenen Geschichtskenntnisse hier nicht beurteilen. Könnte es aber nicht ebenfalls so sein, dass auch die bessere Kenntnis der relativ kurzen, nationalen Geschichte mit Betrübnissen einhergeht? Allzu viele Glanzlichter weist die philippinische Geschichte leider nicht auf. 

Die geschichtlichen Vorkommnisse im Archipel vor Ankunft der spanischen Kolonisatoren liegen weitgehend im Dunkeln. Es handelte sich um eine weitgehend schriftlose, dörfliche Kultur. Das wenige überlieferte Schriftgut ist zudem noch von den Spaniern teilweise vernichtet worden.  

Es existiert aber ein eindrucksvolles Bauwerk, mit dessen Bau vor etwa 2000 Jahren begonnen wurde und das – zusammen mit der Chinesischen Mauer, der Akropolis oder dem Petersdom – um den Titel „8. Weltwunder“ konkurriert. Wir meinen die Bewässerungsterrassen um Banaue im nördlichen Luzon.  Sie sind ein einzigartiges agrotechnisches Kunstwerk und ein bedeutsames kulturhistorisches Monument. Die Terrassenfelder schmiegen sich formenreich und spektakulär kilometerweit an die streckenweise sehr steilen Bergflanken. Leider wird zu wenig für ihren Erhalt und bessere touristische Erschließung getan.  

1521 landet der Spanier Magellan mit seinen drei Schiffen östlich von Samar. Nachdem er einige Freundschaftsverträge mit einheimischen Häuptlingen geschlossen hatte, trifft er fünf Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel Mactan auf den Stammeshäuptling Lapu-Lapu, der sich nicht dem spanischen Kolonialisten unterwerfen will und den Kampf sucht. Magellan, der nur über circa 60 Soldaten verfügt, wird im Kampf getötet. Heute gilt der kleine Gebietskönig Lapu-Lapu, von dem fast nichts überliefert ist, als philippinischer Nationalheld. Einigen geht die Verehrung von Lapu-Lapu – dem Mann der Tat, nicht nur der Worte - nicht weit genug. Er verdiene, so heißt es, ein Riesendenkmal in Luneta an der Seite der Gebeine von Rizal. Und warum nicht nach ihm auch einen Flughafen benennen?  

Bis 1898 sind die Philippinen eine spanische Kolonie. Für Nathan Gilbert M. C. Quimpo war die spanische Kolonialherrschaft durchweg rassistisch: „Die spanischen Kolonialisten verfolgten einen unverfrorene Rassenpolitik in ihren Kolonien. Sie betrachteten die „Indios“ als „primitiv“ und als minderwertige Rasse, die es nur verdient, versklavt und unterworfen zu werden. Diese Art der Behandlung ist dem heutigen Filipino nur zu gut bekannt(5)

Ähnlich formuliert Garbones: “Die spanische Kolonialzeit war eine Periode der Leiden für die Filipinos. Die Filipinos wurden rücksichtslos behandelt. Es wurde ihnen der ethnische Stolz genommen. Sie waren in einer Hierarchie der Minderwertigkeit eingebunden … Die immer wieder kehrende Erinnerung der philippinische Schwäche hat bis in die Gegenwart hinein zur Folge, dass sich die Filipinos in Bezug auf fremde Rassen minderwertig und mulmig fühlen(6).     

Auch die nachfolgende, fünfzig Jahre dauernde Kolonisierung durch die Amerikaner geht offenbar mit dem Versuch eines kulturellen Brainwashing einher. Man bemühte sich, den Filipinos angeblich höherwertige amerikanische Identitätsmerkmale zu übertragen und ein Normen– und Wertesystem amerikanischer Provenienz überzustülpen.  

Wie soll man mit dem angeblich so verderblichen spanischen und amerikanischem Erbe umgehen? Niemand wird wohl auf den Gedanken kommen, den Katholizismus im Land abzuschaffen und die durchaus erhaltenswürdigen alten Kirchen im mexikanischen Barock zu schleifen. Das spanische Bauerbe ist mittlerweile ein integraler Bestandteil der philippinischen Kultur geworden. Als ein in die Weltwirtschaft eingebundenes Land können die Philippinen im Konkurrenzkampf auf westliche Leistungsnormen sicherlich nicht verzichten. Und ein noch weitergehenderer Verzicht auf englischen Sprachunterricht wäre wirtschaftlich nur abträglich. Überhaupt kann man sich fragen, ob die Kolonialerfahrungen tatsächlich eine Jahrhunderte überdauernde Hypothek darstellen oder ob dieser historische Rückbezug nur ein Versuch der schnellen Schuldverschiebung darstellt.  

Stolz kann ein Land ebenfalls auf seine historischen Helden sein. Ex-Präsident Fidel Ramos hat 1993 sogar ein National Heroes Committee  mit der Findung von „Helden“ beauftragt. Unstrittig war zuvor schon, dass Jose Rizal und Andres Bonifacio (7)  es in jedem Fall verdient haben, in die Liste der Helden aufgenommen zu werden. Rizal hatte allerdings die philippinische Revolution von 1898 als verfrüht erachtet und stattdessen für eine Konföderation mit Spanien und die Vertretung der Philippinen in der spanischen Cortez plädiert. Nach zwei Jahren der Beratung hat das Komitee sechs weitere Persönlichkeiten in Vorschlag gebracht: 

Muhammad Dipatuan Kudarat (1581-1671) – Er kämpfte auf Mindanao gegen die Spanier und die Christianisierung der Insel  

Gabriela Silang (1731-1763) – Sie übernahm nach dem Tod ihres Mannes für vier Monate die Führung einer Revolte gegen die Spanier, die sie später hinrichteten. Es bleibt unerfindlich, warum ihr Mann Diego nicht in die Liste aufgenommen wurde, da er viel länger die Revolte anführte. Diego Silang kämpfte zu seiner Zeit nur für die Unabhängigkeit der Provinz Ilocano (8)   

Emilio Aguinaldo (1869-1964) – Militärführer, Politiker, Präsident der ersten philippinischen Republik  

Apolinario Mabini (1864-1903) – querschnittgelähmter intellektueller Kopf der Revolution. Er formulierte als Innenminister eine aus heutiger Sicht sehr fortschrittliche Verfassung  (9)  

Marcelo de Pilar (1850–1896) – als Journalist, Herausgeber und Revolutionsführer einer der führenden Köpfe der Illustrados  

Melchora Aquino (1812-1919) – Revolutionärin aus einfachen Verhältnissen, die sich insbesondere um die Pflege verwundeter Kämpfer verdient machte  

Juan Luna  (1857–1899) - philippinischer Maler  

Beachtenswert ist, dass auf dieser offiziellen Liste der Name von Lapu-Lapu nicht auftaucht. Emilio Aguinaldo hat es als Revolutionsführer und Gründer der ersten, nicht dauerhaften Republik sicherlich verdient, in die Liste aufgenommen zu werden. Aber der Heldenglanz hat ebenfalls dunkle Flecken. Er hat den Exekutionsbefehl für Andres Bonifacio nach einigem Zögern unterschrieben und angeblich auch die Hinrichtung von General Antonio Luna in die Wegegeleitet. Den Verzicht auf die Revolutionsführung hat er sich von den Spaniern mit 800.000 Pesos honorieren lassen. Später bekämpft er zunächst die amerikanischen Truppen, leistet aber den „Oath of allegiance“ gegenüber den Amerikanern. Im 2. Weltkrieg schließlich solidarisiert er sich mit den japanischen Besatzungstruppen. 

Bleiben wir kurz bei den Politikern. Im Internet finden sich Äußerungen, dass inkompetente, teilweise korrupte Politiker auch Anlass zur nationalen Scham bieten. Und in der Tat - vergleicht man die Regierungserklärungen der philippinischen Nachkriegspräsidenten mit den faktischen Ergebnissen ihres Handelns, so tut sich regelmäßig eine große Diskrepanz auf. Viele Versprechungen wurden oder konnten nicht eingelöst werden. Die politische Instabilität im Land hält bis zum heutigen Tag an. In diesem Zusammenhang reichen die Stichworte Massenarmut, unzureichende Bodenreform, NPA-Revolten sowie der Separatismus im Süden des Landes. 

Führen wir kurz noch an, dass es neben dieser offiziösen Liste noch weitere inoffizielle „Helden“-Listen im Internet gibt. Eine führt die Namen von 42 Persönlichkeiten an, darunter zum Beispiel den Komponisten und den Texter der philippinischen Nationalhymne. Ob alle Genannten in den Pantheon der "Helden" gehören, ist zumindest diskutabel. 

Wechseln wir den Themengegenstand und fragen wir etwas provokant: Welcher Literaturvertreter ist über die philippinischen Landesgrenzen hinaus bekannt? Die Antwort fällt sicher – je nach Literaturhorizont – unterschiedlich aus. Francisco Balthazar (1788-1862) mit seinem frühen in Tagalog geschriebenen Versepos „Florante at Laura“ ist wahrscheinlich nur einigen wenigen Fachautoritäten besser bekannt. Eine herausragende Stellung kommt sicherlich Jose Rizal mit seinen Romanen „Noli me Tangere“ und „El Filibusterismo“ zu. Doch dann werden die Namen von international bekannten anderer Autoren schon spärlicher. Bezieht man gleichfalls Autoren ein, die in Amerika zuhause sind und dort publizieren, könnte man beispielsweise noch Carlos Bulosan, Francisco Sionil Jose, Jessica Hagedorn. Ninotchka Rosca, Jose Garcia Villa und E. San Juan Jr. nennen. Besonders traurig sieht es bei deutschsprachigen Übersetzungen aus. Die Zahl der Publikationen lässt sich hier an einer Hand abzählen.

Zur Kultur gehört auch die Pop- und Unterhaltungskultur. Hier strahlt so mancher Stern am Firmament und die Liste der über die Landesgrenzen hinaus bekannten Sänger ist vermutlich länger als die der Autoren. Wir nennen hier nur die Namen von Freddie Aguilar, Gary Valenciano, Regine Velasquez und Lea Salonga. Klassisches haben die Madrigal Singers der University of the Philippines im Programm.

B. Wirtschaftlich-technische Aspekte 

Ein Blick auf die wirtschaftlich-technischen Errungenschaften der Philippinen stimmt eher trüb. Das 2009 für die Philippinen geschätzte Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung liegt bei nur 3.300 US$. Die Philippinen übertreffen damit den Level von Indien (3.100 US$) und Vietnam (2.900 US$) nur leicht. Nur Laos (2.100 US$) und Kambodscha (1.900 US$) liegen wesentlich tiefer. Überflügelt wurden die Philippinen bereits schon von China (6.600 US$) und Indonesien (4.000 US$). Das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung erreicht in Südkorea, Taiwan und Japan das Neun- bis Zehnfache des philippinischen Wertes (10). Wegen der relativ schwachen wirtschaftlichen Entwicklung hat man die Philippinen schon als den „kranken Mann Asiens“ bezeichnet.  

Bei der Bewertung dieser Zahlen sollte man mitberücksichtigen, dass Japan und Südkorea im Rahmen ihrer beeindruckenden industriellen Aufholjagd nach dem 2. Weltkrieg beachtliche Weltkriegsschäden zu kompensieren hatten.  Die wirtschaftlichen Aussichten für die Philippinen wurden zu Ende des 2. Weltkrieges zunächst irrtümlicherweise als ausgesprochen günstig beurteilt. Die Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht. Die wirtschaftspolitischen Instrumente erwiesen sich als recht stumpf. Bestimmend war eine Cliquenwirtschaft zugunsten der alten Wirtschaftsoligarchen. Das Land blieb weitgehend ein Agrarland, sicherlich auch, weil die amerikanischen Kolonialherren die Industrialisierung der Philippinen nie in nennenswertem Umfang gefördert hatten. Sie exportierten lieber ihre eigenen Industriewaren im Austausch gegen landwirtschaftliche Produkte aus den Philippinen. Die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Rohstoffe hatten aber in den nachfolgenden Dekaden eher eine fallende Tendenz. 

Die Armutsstatistik des Landes zeigt düstere Seiten auf. Unterschiedliche Definitionen von Armut ergeben unterschiedliche Zahlen und damit auch unterschiedliche Bewertungen. Beispielhaft sei hier nur Niklas Reese zitiert: „Der Anteil der absolut Armen, denen nicht mehr als ein US-Dollar am Tag an Bargeld zur Verfügung steht, liegt seit vielen Jahren um die 40 %“ (11)

Die Zahl derjenigen, die in Ermangelung eines einkömmlichen Arbeitsplatzes im Inland einen solchen im Ausland suchen, wir auf mindestens 8,5 Millionen geschätzt. Eine genauere Zahl der „children of diaspora“, wie sie gleichfalls genannt wurden, liegt nicht vor, weil sich die vielen im Ausland illegal Beschäftigten der amtlichen Statistik weitgehend entziehen.  

Die Vorliebe für Auslandsprodukte ist immer noch deutlich ausgeprägt und ist für viele Beobachter Bestandteil der „colonial mentality“. Ausländische Produkte genießen von vorneherein qualitative Imagevorteile. Die teilweise irrationale Präferenz von ausländischen Produkten befördert nicht nur den recht erheblichen Warenschmuggel in die Philippinen, sie vernichtet auch potentielle Arbeitsplätze, auf die das Land so dringend angewiesen ist. Der Verband der philippinischen Industrie und die Handelskammern haben in den letzten Jahren versucht, durch Werbekampagnen die im Inland produzierten Güter in ihrem Image qualitativ aufzuwerten. Unter der allgemeinen Losung „Buy Filipino“ appellierte man an den nationalen Stolz der Filipinos. Welchen Erfolg diese Kampagnen haben, bleibt abzuwarten. Man geht hier tiefer verankerte Kaufpräferenzen an, die mit kurzfristigen Aktionen nur schwer veränderbar sind. Es gibt jedoch Beobachter, die der Ansicht sind, dass sich der Qualitätslevel philippinischer Produkte langsam hebt.     

Stolz könnte man auf die wirtschaftliche Leistungsstärke von Unternehmen sein, die zum Beispiel in der FORTUNE-List der 500 weltweit umsatzstärksten oder der 50 in Asien umsatzstärksten Unternehmen geführt werden. In diesen Listen taucht jedoch kein philippinisches Unternehmen auf. Nach Kenntnis des Verfassers gibt es  nur drei philippinische Unternehmen, die zumindest auf dem Südostasienmarkt eine stärkere Marktstellung haben – die San Miguel Corporation (Nahrungsmittel, Getränke) (12), Jollibee Foods Corporation (Fastfoodkette) (13) und die Del Monte Pacific Ltd. (Obstkonserven, Säfte). 

Ein Entwicklungsland wie die Philippinen wird vermutlich nur eine kürzere, weniger aufbauintensive Industrialisierungsphase durchlaufen. Stärkere Wachstumsimpulse sind vom Dienstleistungssektor zu erwarten. Hier ist insbesondere der EDV-Sektor zu nennen. Es bleibt abzuwarten, ob der Sprung von den mehr verwaltenden EDV-Tätigkeiten zu mehr innovativen, komplexeren EDV-Tätigkeitsbereichen gelingt.   

Wir haben eben die Namen von Eduardo Conjuangco und Tony Caktiong genannt. Sie stammen aus der Gruppe der Chinoys (Tsinoys) und diese haben eine sehr bestimmende Rolle im Wirtschaftsleben der Philippinen. Viele der Chinoys sind vor zwei bis drei Generationen zumeist aus dem Süden Chinas gekommen und haben mittlerweile - häufig aus bescheidensten Anfängen, aber sicherlich mit Unterstützung der chinesischstämmigen Community - Wirtschaftsimperien im Land aufgebaut. Wir nennen hier nur den Conjuangco-Clan (u. a. San Miguel Corp., PLDT), Lucio Tan (u. a. Fortune Tabacco, Allied Bank, PNB, PAL), John Gokongwei (u. a. PCI-Bank, Digital Telecom, Cebu Air), Alfonso Yuchengco (Unternehmen im Finanz- und Versicherungssektor), Henry Sy (Einzelhandelskönig - SM-Group) und George Ty (Metro Bank, Bank of Philippine Islands). Ein früherer Artikel des Verfassers geht auf diese Unternehmenspersönlichkeiten und ihren Werdegang etwas näher ein (14).  Es ist nicht unsere Absicht, eingewanderte Chinoys und eingeborene Filipinos hier auseinanderzudividieren. Die Chinoys sind heute zweifelsohne ein integraler und geachteter Bestandteil der philippinischen Gesellschaft. Muss es den Filipinos nicht zu denken geben und Selbstzweifel verstärken, wenn sie feststellen müssen, dass die Zahl einheimischer Leiter von Großunternehmen eine eher begrenzte ist?  

Können uns Listen mehr Ermunterung verschaffen, die im Internet mehrfach kursieren und die die vielen Erfinder und Wissenschaftler ausweisen , auf die die Filipinos stolz sein können? Um es vorwegzunehmen - auch hier fällt manch genannter Kandidat durchs Sieb. Generell gilt, Erfindungen benötigen in der Regel heutzutage einen größeren Investitionsaufwand - ein Grund, weshalb hoch qualifizierte Filipinos oft gezwungen sind, ins Ausland zu gehen. Weiterhin basieren Erfindungen häufig auf Vorerfindungen und stellen heutzutage oft das Ergebnis von Teamarbeit dar. Der tüftelnde Einzelerfinder ist fast schon zur Rarität geworden, das ist den Verfassern der Listen offenbar nicht immer hinreichend bekannt.  

Wir haben die Liste „Filipino Inventors und Scientists“ (15) herangezogen und mit Eintragungen der wikipedia- Enzyklopädie verglichen, weil wir  – allen vorschnellen Kritikern zum Trotz -  durchaus der Ansicht sind, dass wikipedia im Vergleich zu anderen vergleichbaren und verfügbaren Enzyklopädien durchaus ein breites und weitgehend abgesichertes Wissen bietet.  Hier einzelne Befunde: 

-         Pedro Flores gilt als Erfinder des Yo-Yo-Rolle. Er hat aber dieses auf den Philippinen schon seit Jahrhunderten betriebene Spiel  in den USA nur in größerem Umfang vermarktet. 

-       Agapito Flores wurde zum Erfinder der Leuchtstoffröhre ausgerufen. Sein Name wird in dem betreffenden wikipedia-Artikel mit keiner Silbe erwähnt. 

-        Roberto del Rosario hat nach der oben erwähnten Liste das Karaokesystem erfunden. Sein „Minus-one  music“ System kann freilich nach wikipedia bestenfalls als Vorerfindung bewertet werden.   

-       Eduardo San Juan wird als Erfinder des Mondgefährts gerühmt. Nach wikipedia hat die NASA seinen Namen nicht als Mitkonstrukteur gelistet. Es tauchen andere Namen auf. 

-       Gregorio Y. Zara gilt als Erfinder des Bildtelefons. Auch hier führt wikipedia nur Entwicklungsteams der Firma ATT und der Deutschen Reichspost an.  

-       Schließlich müssen wir noch Daniel Dingel erwähnen, der behauptete, er hätte einen Hydrogen-Reaktor erfunden. Mit seiner Hilfe könne man ein Auto nur mit Wasser betreiben. Schon die Präsentation des Musterautos stieß bei den Medien auf starken Argwohn. Jetzt hat die philippinische für Technik und Wissenschaft zuständige DOST-Insitution Dingels Behauptung offiziell als falsch erklärt.  

Die Liste führt noch manch anderen „Erfinder“ auf. Es ist aus der Laienperspektive jedoch schwer, die Erfindungshöhe und Bedeutung im Einzelnen einzuschätzen.  

Schließen wir das Kapitel „Wirtschaftlich-technische Aspekte“ mit dem Hinweis ab, dass gleichfalls die Infrastruktur des Landes – zum Beispiel im Hinblick auf Straßenverkehr, Hafenausbau, Energieversorgung, Umweltrecycling und Berufsausbildung - vielerorts unzureichend ist. 

C. Körperliche Aspekte 

Filipinos sind im Regelfall von kleinerem Körperwuchs und haben oft eine kleinere Nase als die sogenannte kaukasisch-weiße Rasse. Betrachten wir zunächst die zumeist geringere Körpergröße unter den Aspekten des Leistungssports. 

Ein Land verweist zum Beispiel gerne auf die Anzahl seiner olympischen Medaillen. Sie gelten oft als Ausweis der nationalen Tüchtigkeit, an ihnen kann sich ein Nationalgefühl breiter Bevölkerungskreise – auch der „coach potatoes“ – aufrichten. Erfolge im internationalen Spitzensport, der ja unter der Maxime „höher, schneller, weiter“ steht, sind sicherlich von vielen Faktoren - wie zum Beispiel der (finanziellen) Sportförderung - abhängig. Ein Faktor ist in vielen Disziplinen sicherlich auch die Körpergröße und da tun sich die eher kleinwüchsigen Filipinos insbesondere im Hinblick auf die Leichtathletikdisziplinen etwas schwerer. Nichtsdestoweniger sollten die Inselbewohner beim Blick in die olympischen Medaillenspiegel nicht unbedingt in den tiefsten Trübsinn verfallen. Philippinische Sportler haben - seit der ersten Teilnahme der Philippinen bei den Olympischen Sommerspielen im Jahre 1924 - zwar noch nie eine Goldmedaille, aber immerhin neun Medaillen, davon zwei Silbermedaillen, zumeist in den Boxdisziplinen gewonnen.

Nicht zu unrecht hat die Person, die wir in diesem Zusammenhang vorstellen, eine stärkere staatliche Förderung philippinischer Olympiakandidaten gefordert. Wir sprechen vom Boxer Manny Pacquiao, der eine mehr als eindrucksvolle Kampfstatistik aufweist. In seinen 51 Profikämpfen im Verlauf von zwölf Jahren errang er 45 Siege (davon 38 durch K.O.), drei Kämpfe wurden als unentschieden gewertet, nur drei Niederlagen hatte er zu akzeptieren. Er startete im Fliegengewicht und kämpfte sich nicht nur gewichtsmäßig hoch bis ins Weltergewicht. Nie zuvor in der Boxgeschichte ist es einem Boxer gelungen,  neun Weltmeistertitel in sieben Gewichtsklassen zu erringen. Manny Pacquiao darf sich rühmen, derzeit einer der wenigen neuzeitlichen Nationalhelden der Philippinen zu sein (16). Hoffen wir, dass sich sein Ruhm nicht in den Sitzen des philippinischen Repräsentantenhauses nicht zu schnell verflüchtigt.

Wenden wir uns dem weiblichen Geschlecht zu. Philippinische Frauen wollen – wenn wundert´s -nicht „dark, short, fat und ugly“ sein und orientieren sich vielfach an westlichen Schönheitsidealen. Kosmetikdöschen versprechen Hilfe. In diesem Zusammenhang kritisiert der Journalist Randy David heftig den häufigen Gebrauch von Körperbleichungsmitteln („skin whiteners“) durch philippinische Frauen. Die Verwendung von „Whitenern“ sei eine „Epidemie“, eine „Neurose“. In dem Bestreben, möglichst weiß zu sein,  habe man die “koloniale Unterwerfung quasi verinnerlicht“ (17)

Ist den über ihr Erscheinungsbild frustrierten Frauen nicht die folgende kleine Story über die Schaffung der Menschenrassen bekannt? Als der Herrgott nämlich die Menschenrassen in seinem Ofen buk, passierten ihm  Pannen und die Erschaffung der Filipin@s erwies sich als gelungener Glücksfall, auf den er besonders stolz war. Er hatte nämlich bei der Erschaffung der weißen Rasse dem Ofen zu wenig Hitze und im Falle von Schwarzfarbigen zu viel Hitze gegeben. Nur bei der Erschaffung der Filipinos erzielte er den richtigen Bräunungsgrad. 

Es gibt auf den Philippinen nicht wenige Schönheitschirurgen, die einer Frau gegen gutes Geld helfen, sich - wenn nicht dem westlichen - so doch einem Mestiza-Aussehen zu nähern. Den ärztlich angebotenen Nasenrücken- und Nasenspitzenverlängerungen, Augenliederkorrekturen und Brustvergrößerungen haben wir an anderer Stelle eine Glosse gewidmet (18).   Wir wollen das Gesagte mit dem Hinweis abmildern, dass auch Frauen in westlichen Ländern die Nähe von Schönheitstiegeln und die Hilfen der Schönheitschirurgen suchen.  

D. Nationale Aufmunterung 

Um die nationale Reputation nach innen und außen war schon die glamouröse Imelda Marcos auf ihre groteske Art und Weise bemüht. Angesprochen auf ihr luxuriöses Leben einerseits und die tiefe Armut breiter Bevölkerungskreise andererseits soll sie in einem Interview mit dem STERN erklärt haben:

 „Wir Filipinos lebten doch stets in einer Identitätskrise, hatten Komplexe gegenüber unseren Kolonialherren und Plünderern aus Spanien, Japan und den USA. Ich versuchte nur mein Bestes, damit wir bei Staatsbesuchen im Ausland gut dastehen.  Mein pompöses Auftreten, meine tollen Kleider, der kostbare Schmuck: Alles nur Maske!“ (19).

Außenwirkung bedeutete ihr unendlich viel. Ob sie damit jedoch mit ihrem Mummenschanz das Image der Philippinen im Ausland verbessern und das nationale Selbstbewusstsein bei den der aufgeklärten Filipinos heben konnte, kann man jedoch sehr in Zweifel ziehen.  

Der neu gewählte Präsident Aquino III kennt offenbar das Problem des gestörten philippinischen Nationalgefühls, sonst hätte es nicht zum Thema einer seiner ersten Ansprachen gemacht. Er kritisierte in seiner Rede die Geringschätzung der historischen Vergangenheit des Landes, den vorherrschenden Egoismus, die Leistungsapathie und die Kultur der Schuldverschiebung im Lande. Zunächst formuliert er mit viel Pathos: „Ich glaube, dass das Blut, das in unseren Adern fließt, das Blut von Helden ist.“ Er bezieht sich dann aber im weiteren Fortgang seiner Rede auf eine Art Bürgerheroismus. „Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten, Held zu sein. Es braucht kein Blutvergießen, keiner Speere und Gewehre … Ein guter und verantwortlicher Staatsbürger zu sein, das ist heroisch genug“ (20).  Damit rückt er deutlich von der klassischen hehren Heldenverehrung ab und bekennt sich hin zu einem Alltagsheroismus, der von vielen realisierbar ist. Hier könnte man sich auf alleinstehende Frauen beziehen,   denen es zum Beispiel gelingt, ihren Kindern auch in bescheidenen Verhältnissen eine bessere Schulausbildung und damit eine Lebensperspektive zu verschaffen.  

Und vielleicht sollte man die Bezugspersonen und -objekte des nationalen Stolzes eher in anderen, bescheideneren Dimensionen suchen. Ansätze hierzu finden sich zum Beispiel im Internet, wenn die zumeist jugendlichen Schreiber äußern, sie seien stolz auf die Philippinen wegen 

-          der familiären Geborgenheit,

-          der lächelnden Unbekümmertheit und dem Anpassungsvermögen der Filipinos,

-         den Naturschönheiten und

-      last not least den attraktiven Frauen. 

Das mögen keine nationalen Alleinstellungsmerkmale sein. Aber über solche Bezüge kann  sich – neben dem traditionellen morgendlichen Flaggenappell an den Schulen - auch ein robusterer nationaler Stolz aufbauen. Dabei sollte man auf mögliche Verletzungen nicht überempfindlich reagieren, wie es sporadisch immer wieder geschieht. Und man sollte ihn aber nicht an eine zu große Glocke hängen, denn wie lautet ein Sprichwort: Mit dem Wind, den man selber macht, lassen sich die Segel nicht füllen.

© Wolfgang Bethge, 2010 


(1) Barth Suretsky, A Point of View Inferiority Complex: A Filipino Malady? in: http://www.stuartxchange.org/InferiorityComplex.html 

(2) Tomas Quintin D. Andres, Positive Filipino Values, p.95 

(3) http://newsinfo.inquirer.net/breakingnews/nation/view/20100829-289396/Aquino-pays-tribute-to-martyred-dad-national-heroes 

(4) The Situation of Filipino Youth: A national Survey, Social Weather Stations, in:

http://www.sws.org.ph/youth.htm 

(5) Nathan Gilbert Quimpo, Colonial Name, Colonial Mentality and Ethnocentrism, in: http:// cpcabrisbane.org/Kasama/2004/V18n2/ColonialName4.htm  

(6) M. C. Garbones, Colonial Mentality: A Filipino Heritage?  in: http://www.scribd.com/doc/34624029/Colonial/Colonial-Mentality-among-Filipinos  

(7) siehe Wolfgang Bethge, Der tragische Kampf des Andres Bonifacio, in: http://bethge.freepage.de/bonifacio.htm 

(8) siehe: Wolfgang Bethge, Diego und Gabriela Silang, Los Indios Bravos, in: http://bethge.freepage.de/silang.htm 

(9) siehe: Wolfgang Bethge, Suchrätsel – Mabini, in: http://bethge.freepage.de/suchraetsel.htm  

(10) Vgl.: CIA-World Fact Book, https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/fields/2004.html?countryName=Philippines&countryCode=rp&regionCode=eas&#rp 

(11) Niklas Reese, Armut unter Palmen, in: Reese / Werning (Hrsg.): Handbuch Philippinen, Bad Honnef, S. 54 

(12) Die San Miguel Corporation ist auf den Sektoren Nahrungsmittel, Getränke und Verpackungen tätig und erzielte 2008 mit rund 26.000 Mitarbeitern in rund vierzig Ländern einen Umsatz von 227 Milliarden. Aktienanteile halten unter anderem die japanische Kirin Brewery (~ 20 %), staatliche Versicherungsinstitutionen (~ 12 Prozent), die SM Investment Corp. (~ 11 %; Henry Sy) sowie den ECJ-Companies (~ 17 %). Letztere gehören Eduardo Conjuangco Jr., der auch der Chairman und CEO der San Miguel Corporation ist. Wir kommen auf ihn zurück. Weniger bekannt ist, dass auch die relativ reiche Erzdiözese von Manila einige wenige Prozent an dem Unternehmen hält. (Bei der Bank of the Philippine Islands sind es sogar stolze 8,5 %). 

(13)Die Jollibbe-Fastfood-Kette wurde 1978 von Tony Caktiong gegründet. Mittlerweile hat sie weltweit über 1800 Verkaufsniederlassungen auf den Philippinen, in Südostasien, dem Vorderen Orient und den Vereinigten Staaten. Der Umsatz überstieg 2008 einen Umsatz eine Milliarde US$.  

(14) Wolfgang Bethge, Die wirtschaftlich einflussreiche Minderheit der Chinoys, in: Wolfgang Bethge, Die Philippinen, Aachen, 2009, S. 271 

(15) Filipino Inventors and Filipino Scientists, in: http:// inventors.about.com/od/Filipinoscients/ Filipino­_Inventors_and_Filipino _Scientists htm 

(16) Siehe: Wolfgang Bethge, Manny Pacquiao - Der Weg vom Donut-Verkäufer zum Nationalhelden, in: http://bethge.freepage.de/pacquiao-htm 

(17) Randy David, The „epidermalization of inferiority“, Daily Philippine Inquirer, 19.07.2008 

(18) Wolfgang Bethge, Der Leistungskatalog eines Schönheitschirurgen, in: Wolfgang Bethge, Philippinen, Aachen, 2009, S. 311 

(19) zitiert nach: Wolfgang Gieler, Handbuch der Ausländer- und Zuwanderungspolitik, 2003, S. 483 

(20) Aquino pays tribute to martyred dad, national heroes, in: Philippine Daily Inquirer, 29.10.2010