Der betörend duftende Jasminstrauch "Dame de Noche"

 

Schenkt man einem philippinischen Märchen Glauben, dann haben wir den vielblütigen Jasminstrauch, der noch andere Bezeichnungen tragen kann (1),  männlicher Nachlässigkeit und Untreue zu verdanken.

Nach dem Märchen lebte vor Tausenden von Jahren ein reicher junger Prinz. Er verbrachte seine Junggesellenjahre im Kreis geselliger Freunde. Im prächtigen Haus speiste man die erlesensten Delikatessen und man trank die edelsten Weine. Junge Damen von adeligem Geblüt – viele parfümiert und mit Glitzersteinen geschmückt – waren herzlich willkommen und verschönerten die Stunden.

Doch eines Tages kam der Junggeselle ins Räsonnieren. Wäre es nicht an der Zeit, ins normale Leben zurückzukehren und zu heiraten? Doch für welche Frau sollte er sich entscheiden? Keine der bisherigen weiblichen Bekanntschaften kam in engeren Betracht – der Prinz missfiel deren Pracht und Glitzer.  Die Frau, die er suchte, sollte ganz anders und vor allem nicht hochnäsig und affektiert sein. Schließlich fand er eine Frau in der Provinz, die auf ihre Art ganz natürlich auftrat. Sie hieß Dama.

Die beiden heirateten und beide waren zunächst sehr zufrieden. Dama verwöhnte ihren Mann. Sie hielt den Haushalt in Ordnung und ordnete die Kleidung ihres Mannes. Aber mit der Zeit verschließ die Liebe ihres Mannes, die Liebe hatte für ihn nicht mehr die ursprüngliche Frische und Einmaligkeit. Immer deutlicher wurde für den Prinzen, dass seine Frau Dama nicht zu den Schönsten im Land gehörte und kluge Gespräche konnte man mit ihr auch kaum führen. Der Prinz kehrte deshalb in seine aristokratische Glitzerwelt zurück. Er trank und parlierte mit seinen Freunden, bis sich die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen am Fenstergitter zeigten.

Dama merkte, dass sie die Liebe ihres Mannes mehr und mehr erlosch und sie weinte sehr viel. „Was soll ich tun? Ich kann doch meinem Mann nur ein gutes Essen und die Wärme meines Bettes geben.“ Sie schaute zum Himmel und rief: „Oh, ihr guten, freundlichen Geister, helft mir. Könnt ihr mir nicht einen kleinen Zauber schicken, der  mir den Mann zurückgibt und ihn bei mir lässt.“

Es war schon Mitternacht, als der Prinz ins Haus zurückkam. Er öffnete leicht die Tür des Schlafzimmers und wollte Dama sagen, sie solle sein Schlafgewand präparieren. Aber er konnte Dama im ganzen Haus nicht finden.  Sauer und missmutig öffnete er nun die Schlafzimmertür ganz und hielt plötzlich inne.  Ein  angenehmer, bislang ihm unbekannter süßer Duft umfing ihn.  Er eilte zum Fenster, von wo der Duft zu kommen schien. Ein fremder Strauch war im Mondlicht vor dem Fenster gewachsen, dünne Zweige rankten sich am Fenstergitter. Der Strauch war über und über mit Tausenden kleiner weißer Blüten besetzt. Sie erschienen dem Prinzen wie Sterne am nächtlichen Himmel. Die Blüten verströmten einen bezaubernden Duft. Fassungslos stand der Prinz eine Weile da. Dann rief er leise: „Dama, bist du es?“ Aber Dama kam nicht wieder. Der Duft der Blüten hatte ihn nun fortan in Bann geschlagen. Nie wieder – so sagt das Märchen – würde er sie verlassen wollen. Ob dem dann tatsächlich so war, darüber schweigt sich das Märchen leider aus.

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Das schöne, melancholische Märchen erzählt und indessen nicht die volle Wahrheit. Die Biologen haben uns mittlerweile wissen lassen, dass der Nachtjasmin von tropischen Gebieten Amerikas auf die Philippinen kam. Heute ist er überall auf den Philippinen anzutreffen. In Teilen von Neuseeland wird er sogar als wucherndes Unkraut betrachtet.

Der schnell wachsende  Strauch des Nachtjasmin hat schlanke Zweige und kann bis zu fünf Meter hoch werden. Er weist längliche, glänzende  Blätter auf  von 10 – 20 cm Länge auf. Tausende von gelblich-weiß  Blüten hängen in Büscheln von den Blattachseln herab. Die röhrenförmigen Kelchblätter sind am Ende fünfzipfelig. Beeindruckend ist jedoch nicht so sehr die Gestalt der Blütenblätter, es ist der intensive süßliche Duft, der abends aus den sich öffnenden Blüten strömt. Der Duft ist als „himmlisch“ beschrieben worden, andere fühlten sich an den Duft von Pfirsichblüten oder – weniger prosaisch – an den etwas komplexen Duft von Kaugummi erinnert. Den Blüten folgen weiße, fleischige Beeren von etwa einem Zentimeter Größe. Der Nachtjasmin wird bei der Herstellung von Parfüm herangezogen. Als Viehfutter sollte die leicht toxische Pflanze möglichst nicht verwendet werden,  der Verzehr kann  im Extremfall zum Tod führen.

Die Pflanze wird wegen ihres Duftes – für manche ist er eine Art Aromatherapie – auch in unseren Breitengraden  in Kübeln gehalten.  Ein junger Strauch kostet im Regelfall etwas über 20 Euro. Man muss ihn aber im Winter wegen seiner Frostempfindlichkeit in einem Wintergarten halten.

 © Wolfgang Bethge, 2012

(1) Lat.: Cestrum nocturnum - Tag./Span.: Dame de Noche -  Dt.: Nachtjasmin