Die gefährlichen Tentakel der Kastenqualle

 

Rund 10.000 Arten von Quallen bevölkern die Weltmeere sowohl in Küstennähe aber auch in tieferen Meeresgründen. Die größeren Arten schweben oft raumschiffartig wie Boten aus einer fernen Welt sanft und harmonisch durch die Wasser. Etwas irritiert schaut der Taucher, wenn er andererseits Schwärmen von Hunderten, ja Tausenden kleinerer Quallen mit  hastigen Kontraktionsbewegungen ihrer Schirme nach oben streben sieht. 

Horizontal werden die Quallen vorwiegend von der Seeströmung getragen. Die Kleinsten erreichen gerade mal eine Größe von wenigen Millimetern (thimbly Jellyfish), die Größten können einen Waschmaschinen-Durchmesser von bis zu zweiundeinhalb Metern, 60 Meter lange Tentakeln und ein Gewicht bis zu 250 kg  erreichen (Arctic Lion´s mane). Es gibt Quallen mit rundem flachem, teller-, glocken- oder kastenförmigem Schirm, der an seiner Oberfläche glatt, geraut oder segmentiert gerippt sein kann. Der Schirm der meisten Quallen ist aus Tarnungsgründen transparentklar oder milchigweiß. Bei einigen Arten ist der transparente Schirm von vielen weißen Pünktchen übersäht (Sternenhimmelqualle) oder es zeichnen sich in der Mitte des Schirms rot gefärbte Geschlechtsorgane ab. Einige im tieferen Wasser lebende Arten zeigen kräftigere Farben. Die Spiegeleiqualle hat einen gelben, die Kreuzqualle einen türkisfarbenen Leib. Die meisten Quallen sind  – insbesondere wenn sie sich nur von Plankton ernähren - für den Menschen eher harmlos.  

Und dann sieht man sie vielleicht wie ausgespuckt am Strand: Wabbelige, schleimige und eingetrocknete Gallerte, die ihre einstige Struktur und Kraft verloren hat. Wegen des hohen Wassergehaltes (über 95 % der Körpermasse) kann eine Qualle von 5-6 Killgramm Lebendgewicht schnell zu etwa zehn Gramm organischer Substanz zusammenlaufen. Sic transit gloria mundi … (So vergeht die Herrlichkeit der Welt).    

Bevor wir uns der Kasten- oder Würfelqualle im Speziellen zuwenden, möchten wir hier kurz noch zwei Berichte über Quallen auf den Philippinen wiedergeben.  

-         Als 1999 der Strom plötzlich in großen Teilen der Hauptinsel Luzon zu nächtlicher Stunde ausfiel, vermutete man schon einen Militärputsch. Die Erklärung war jedoch eine andere. Der Seewasserzulauf eines Hauptkraftwerks war durch Unmengen von Wurzelmundquallen verstopft. Das Kühlwerk konnte nicht mehr funktionieren und damit war das Kraftwerk lahm gelegt. Über 50 Lastwagen waren für den Abtransport der tonnenweise eingeströmten Quallen notwendig (1)

-         Im Mai 2005 wurden 127 Polizeianwärter in der Nähe von Sibonga Town (Cebu) von ihrem Vorgesetzten zu Übungszwecken ins Wasser abkommandiert. Als die Polizisten brusttief im Wasser wateten, fanden sie sich plötzlich von einem Schwarm Würfelquallen umringt. Sie verspürten einen unerträglichen Juckreiz und Hautverbrennungen. Einige wurden schwindlig und erbrachen. Sie mussten ins Krankenhaus gebracht werden (2).

Und damit haben wir unser die thematischen Objekt gefunden: Die für den Menschen gefährliche Würfel- oder Kastenqualle, die auch die folgenden Bezeichnungen geführt wird - „Chiropsalmus quadratticus“ beziehungsweise sehr artverwandt „“Chironex fleckeri“ (lat.), „Box Jellyfish“, „Sea wasp“ (engl.), „Salabay“ (Tagalog)

Vorkommen und Anatomie 

Die Würfelqualle – ein Bewohner tropischer Gewässer - ist in allen philippinischen Küstengewässern insbesondere in der Sommerzeit (Ende Mai – Ende Juni) anzutreffen. Nach Hanewald (3) bevorzugt sie das Gewässer flacher, warmer, undurchsichtiger Uferregionen und sie ist gehäuft in Palawan und Bicol anzutreffen. Im klaren Korallengewässer sichtet man sie weniger häufig. Sie bildet in der Tier-Systematik neben dem artverwandten eigentlichen „Jellyfish“ (Scyphozoa) eine eigene Klasse (Cubozoa).  

Quallen kennen einen Gestaltwechsel, d.h. die Quallen - die schirmartigen Gebilde werden auch Medusen genannt - produzieren Geschlechtszellen, bei deren Vereinigung sich zunächst Zygoten, später dann nach weiterer Teilung sich Larven bilden. Diese setzen sich am Meeresboden an Korallen oder Felsen fest. Die Larven mutieren zu Polypen. Es setzt nun eine ungeschlechtliche Vermehrung ein, d.h. es findet eine horizontale Rillung des Polypenkörpers nach oben statt. Der Polyp ist jetzt einem Stapel von Eierkuchen vergleichbar. Die „Eierkuchen“ (= zu Medusen knospende Polypen) schnüren sich voneinander ab und schwimmen nach oben. Es beginnt ein neuer Lebenszyklus nach dem Ablaufmuster: Meduse – Larve – Polyp - Meduse. Die meisten  Medusen leben nur drei bis sechs Monate. Fressfeinde sind unter anderem  Schildkröten und einige wenige Seevögel und Fischarten (Spatenfisch, „Ocean Sunfish“).  

Der fast durchsichtige, etwas blauschimmrige Schirm der Würfelqualle ist – wie es der Name schon verrät –  quadratisch-kastenförmig. Beim ausgewachsenen Tier sind die Seitenkanten etwa 15cm lang. Es wiegt etwa zwei Kilogramm, wobei wieder auf den über 95 % liegenden Wasseranteil zu verweisen ist.  Muskelzellen am Rand des Schirms ermöglichen in begrenztem Umfang ein aktives Schwimmen. Der gläserne Körper der Meduse hat kein Herz, Blut, Lunge oder Gehirn – jedoch einen umfänglichen Magenraum  und einfache Sinnesorgane, die auf Schwerkraft, Licht, Temperatur und mechanische und chemische Reize reagieren. Der Mund dient gleichzeitig als After. Mit Hilfe des Mundstiels wird die Nahrung in den Magen geschoben.   

An den unteren vier Ecken befinden sich jeweils 15 – in der Gesamtzahl somit 60 haarige Tentakel -, die zuweilen eine leicht violette Färbung haben und bis auf drei Meter Länge ausgefahren werden können. Der Ausdruck Meduse ist aus der griechischen Mythologie abgeleitet und bezeichnete dort ein weibliches Ungeheuer mit wirrem Schlangenhaar. Jede Tentakel wiederum verfügt verstreut über rund 5000 komplizierter gebaute Nesselkapseln mit Nesselfäden und Injektionsnadeln, die ihren Giftcocktail mit hoher Geschwindigkeit (Druck bis  zu 150 Bar) in Richtung Opfer abschießen können.  

Die Würfelquallen ernähren sich räuberisch von Garnelen und kleinen Fischen. Sie sind tagesaktiv und sollen sich am Nachmittag kurz am Meeresboden ausruhen. Vorherrschende Meinung ist, dass sie den Menschen nicht aktiv nachsetzen. Verbrennungen und Beschwerden ergeben sich beim Menschen aus zufälligen Hautkontakten.  Gefährdungen gehen übrigens nicht nur vom lebenden Tier aus, auch abgebrochene, an den Strand gespülte Körper und Tentakel können noch monatelang ihre Giftigkeit bewahren. Auch sie sollte man deshalb nicht mit bloßen Händen berühren. 

Beschwerden   

Das Ausmaß der Beschwerden beim Menschen bei Hautkontakten reicht von mildem Hautbrennen bis zum Tod und ist abhängig von folgenden Faktoren: 

-         der Art der Qualle, wobei der Würfelqualle die höchste Toxizität zugesprochen wird

-         der Injektionskraft

-         der Hautdicke beim Menschen

-        der Großflächigkeit der Hautkontakte, wobei Augen, Hals, Brust und Handgelenke als besonders sensible Stellen gelten

-         und der Giftempfindlichkeit des Betroffenen 

Die Giftwirkungen setzen schnell ein. „Schon die Berührung eines einzigen Fadens gleicht einem glühenden Peitschenschlag. Wenig später kommt es zu dicken, blaupurpurnen Striemen auf der betroffenen Körperpartie“ (3). Ist die Einwirkung nicht so intensiv, können im milderen Fall die Verbrennungen schon nach einer halben bis ganzen Stunde abklingen. Es wird aber auch von Todesfällen innerhalb von 2-3 Minuten berichtet. Die Liste möglicher, länger anhaltender Folgebeschwerden ist lang: Schwellungen, Atembeschwerden, Muskel-Lähmungen, Brechreiz, verlangsamter Herzschlag, Kreislaufbeschwerden, Schock und – wie schon erwähnt – der Tod, wobei insbesondere Kleinkinder betroffen sind. 

Es wurde zumindest in der Vergangenheit auf den Philippinen keine amtliche Todesursachenstatistik geführt. Deshalb ist man bezüglich der durch die Würfelqualle verursachten Todesfälle in den Philippinen auf divergierende Schätzungen angewiesen. Eine Quelle geht von jährlich  20 – 40 Todesfällen aus (4), eine andere vermutet sogar 90 Todesfälle pro Jahr (5). Hanewald stellt fest: „Die Würfelqualle stellt im ganzen Westpazifik mit Einschluss Australiens die größte Bedrohung für Schwimmer und Schwimmer dar, viel ernster als alle Haie und Barrakudas zusammen“ (3)

Vorkehrungen und Erstbehandlung 

Bezüglich möglicher Vorkehrungen ist es für Schwimmer, Schnorchler und Taucher immer ratsam, Erkundigungen bei Einheimischen darüber einzuholen, ob das Ufergewässer als quallenverdächtig gilt. Angespülte Quallen können als Hinweis gelten. Weiterhin ist Schutzbedeckung der Haut anzuraten. Zumindest sollte man am Oberkörper ein T-Shirt tragen, Schutzanzüge sind natürlich weitaus besser. Wie tauglich die auch im Internet angebotenen „Safe Sea Sunscreens“ - Cremes sind, kann hier nicht beantwortet werden. Selbst das Waten im Wasser sollte mit dicken Socken erfolgen. 

Was sollte man nicht tun, wenn es zu einem Notfall kommt? Von Folgendem wird abgeraten: 

-         im Wasser zu verbleiben

-        die anhaftenden Tentakel-Überreste mit vollen Händen zu entfernen oder auf der Haut zu verreiben. Die Entfernung sollte nur mit „spitzen Händen“, einem Stock, besser noch mit einer Pinzette oder einem Schaber (Kreditkarte), nicht jedoch mit Sand, erfolgen.

-      das Abspülen mit Süßwasser und die weitere Behandlung mit Methylalkohol oder Urin sollen eher schmerzstimulierend wirken.  

Unschlüssig ist sich die Fachwelt, ob der Milchsaft der Pflanzenteile der Papayastaude (auch der Saft der unreifen Frucht) schmerzlindernd wirkt. Hanewald befürwortet die Verwendung, ein anderer Autor hält die Wirksamkeit des Papayasaftes – wie auch die von Zitronensaft, Salmiakgeist oder Fleischzartmachern - als wissenschaftlich nicht bewiesen. 

Einig ist man sich jedoch darüber, dass anhaftende Tentakelreste möglichst schnell beseitigt werden sollten. Fast alle Fachautoren befürworten das großzügige Abspülen mit (verdünntem) Essigwasser. Der Schmerz wird zwar dadurch nicht reduziert, weitere Stiche jedoch verhindert. Heißwasserhandlungen sind in ihrer Anwendung umstritten, Eis- oder Kaltwasserkompressen werden jedoch befürwortet. Im Nachgang zu diesem Artikel, berichtete mir Hans Wallner, dass Fischer auf der Insel Palawan die von Quallenstichen betroffenen Hautpartien sanft mit Motoröl einrauben. Mit Essigwasser habe er keine guten Erfahrungen gemacht, dahingegen half ihm kurzfristig die Behandlung mit Motoröl. 

Oft vergehen die Schmerzen von alleine. Bei Fortdauer sind eine ärztliche Konsultation und der Einsatz von Schmerzmitteln, Kortikoiden und Antihistaminen angebracht.  

Quallen als Appetizer ? 

Die südostasiatische – und hier insbesondere die chinesische – Zunge scheint stets auf der Suche nach neuen Genüssen zu sein. So wundert es nicht, wenn bestimmte Quallen (auch die Würfelqualle) schon tonnenweise nach China, Taiwan und Japan verbracht und dort verzehrt werden. Sie gelten dort als Appetizer. 

Vor dem Verzehr sind die noch lebenden Tiere zu spülen, von möglichen Tentakelresten zu befreien und in Stücke und Würfel zu schneiden. Da Quallen wenig Eigengeschmack haben, benötigt ein guter Quallensalat eine Marinade, in der die Quallenstücke über Nacht liegen sollten. Hierfür kommen in Betracht: Essig, Zitronensaft, Knoblauch, Sojasauce, Tomaten, Chili  oder Pfeffer. Das Ergebnis ist eine leicht salzige, knackige, vielleicht auch etwas zähe „Götterspeise“. 

Schlussendlich – man muss kein Südostasienexperte sein, um dies zu erwarten -: „Jellyfish may cure impotence“, so lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels (6). Ein australischer Forscher glaubt im Giftcocktail einer Würfelquallenart („Irukandji jellyfish“) Substanzen ausgemacht zu haben, die erektionsfördernd wirken. Sollten am Ende bestimmte Quallenarten dasselbe Verfolgtenschicksal erleiden wie die als potenzsteigernd geltenden Seepferdchen? Die kommerzielle Zucht gilt als sehr aufwendig und nur wenigen Zoos ist es bislang gelungen, Quallen in Aquarien zu halten.  

© Wolfgang Bethge, in 2006


(1)       BBC-News, Jellyfish blamed for Philippines blackout, 11.12.99

(2)       Jellyfish attack downs 127 policemen, The Philippine Star 05/13/2005

(3)       Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, Bremen, 1966, S. 333

(4)     Peter J. Fenner and John A. Williamson: Worldwide deaths and severe envenomation from jellyfish stings, in: http://www.mja.com.au/public/issues/dec2/fenner/fenner.html

(5)  Aussie Expert: Death by Shark, Jellyfish Avoidable; “It’s the People surprising the Animal”, in: http://www.underwatertimes.com/news.php?article_id=18954603710

(6)      Jellyfish may cure impotence, in: The Star, 22.07.2004