Die gefährliche Schönheit einiger Kegelschnecken

Der Laie mag sie schlicht „schnuckelig" empfinden. Der Sammler bewundert die sehr variantenreichen, filigranen Farbmusterungen der eher dickeren porzellanartigen Gehäuse der Kegelschneckenarten (Conus-Arten).

Unterschiedliche hellere Grundfärbungen und variantenreiche Zeichnungen mit zumeist braunen und schwarzen Gittern, Streifen, Flecken, Punkten oder Schattierungen machen die Artenbestimmung selbst für Experten schwierig. Zudem sind Kegelschnecken in freier Natur oft mit Algen oder Moos überzogen und auch im Sand vergraben, was die schnelle Identifikation sicherlich nicht erleichtert. Weltweit soll es mehr als 500 Arten von Kegelschnecken geben. Rund die Hälfte der Arten ist in den flachen Küstengewässern – und hier insbesondere auf Bohol und Cebu – anzutreffen.

In Bezug auf Seltenheit, Preisstellung und vielleicht auch Schönheit rangiert die „Conus Gloria Maris" ganz oben. Das goldbraune Gehäuse hat eine feine Netzzeichnung und erreicht eine Länge von bis zu 15 Zentimeter. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Gloria Maris für Sammler eine ausgesprochene Seltenheit. Es war schon eine Sensation, als 1838 drei Exemplare auf den Philippinen entdeckt wurden. Mittlerweile gibt es mehr Funde, der Preis ist immer noch beachtlich. Gehäuse der Gloria Maris werden im Internet-Handel ab 200 US$ aufwärts angeboten.

In unserem Beitrag geht es aber weniger um die Schönheit der Kegelschnecken als um deren potenzielle Gefährlichkeit. Deshalb müssen wir uns etwas mit dem Körperbau und dem Jagdverhalten der Schnecken beschäftigen.

Körperbau und Injektionsmechanismus

Die Grundform der Kegelschnecken-Gehäuse ist weitgehend identisch: eine regelmäßige, glatte, kegelförmige Gestalt mit spitz zulaufende Windung mit ziemlich flacher, manchmal höckeriger Spitze sowie eine länglicher, schlitzförmiger Körperöffnung. 

An der schmaleren Seite des Gehäuses befindet sich eine Öffnung, aus dem ein Siphon (Atemrohr) ausgestülpt werden kann. Mit dem Siphon wird sauerstoffhaltiges Wasser auch dann in die Kiemen gezogen, wenn das Tier im Sand vergraben liegt. Der Siphon verfügt über Chemo-Rezeptoren, die unablässig das eingesaugte Wasser nach Botenstoffen möglicher Beutetiere sondieren. Im Inneren des röhrenförmigen Gehäuses, in das sich die Schnecke zurückziehen kann, befinden sich u.a. der weiche Eingeweidesack und innere Organe wie Leber, Lunge, und Nieren. Ein dünner Mantel bedeckt den Körper und kleidet das Innere des Schalengehäuses aus.

Kegelschnecken haben einen längeren muskulösen Fuß, der der langsamen, wellenförmigen Fortbewegung dient und der im hinteren Teil (breitere Seite des Gehäuses) auf dem Rücken den dolchartigen Gehäusedeckel trägt. Der Kalkdeckel legt sich bei einem Rückzug der Schnecke eng an die Lippen des Außenrandes an und verschließt so den Zutritt. Im Fuß befindet sich u.a. ein Lage- und Gleichgewichtsorgan mit Bläschen, die mit Kalziumkarbonatkörnchen gefüllt sind und Druck an die Nervenzellen weitergeben. Auf der schmaleren Seite des Gehäuses geht der an Schleimdrüsen reiche Fuß in den Kopf über. Der Kopf verfügt über Augen und zwei Tentakel (Fühler), mit denen das Tier tasten kann.

Kommen wir nun aber zu dem eigentlich signifikanten Organ der Kegelschnecken, dem langen, ausziehbaren Mundrüssel (Proboscis). Oft ragt nur er aus dem Sand und imitiert einen Wurm. Kegel- oder Conus-Schnecken sind räuberische Tiere, die anderen Weichtieren, Würmern, kleinen Fischen oder ihresgleichen insbesondere nachts nachstellen. Entwicklungsgeschichtlich haben sie hierzu ihre Zähne in bis zu einem Zentimeter lange, mit Widerhaken versehene Mini-Gift-„Harpunen" umgewandelt. Diese hohlen Giftharpunen befinden sich in einem Radular-Sack und sind jeweils mit einer Giftdrüse verbunden. Die austauschbaren Giftharpunen können nach Abschuss mittels eines bestimmten Greifmuskels nachgeladen werden. Ein anderer Muskel ist in der Lage, die Giftharpune in Richtung Beutetier abzuschießen. Oft tritt nach der Injektion des Giftcocktails der Tod des Beutetiers innerhalb von Sekunden ein. Die Giftharpune wird mit einem Faden abgeschossen. So bleibt die Kegelschnecke mit der Beute verbunden. Sie zieht jetzt das Opfer mit Hilfe des Fadens an sich heran. Sie weitet nun – wie eine Schlange ihr Maul – ihren Rüssel, um das Tier zur Verdauung aufzunehmen. Die Weitung und Überstülpung ermöglicht es, Beutetiere von der eigenen Größe aufzunehmen. Die Giftpfeile werden auch defensiv benutzt.

Über den Lebenszyklus der Kegelschnecken ist nicht allzu viel bekannt. Bei einer Conus textile hat man einmal eine Eikapsel geöffnet und 500 – 700 Eier festgestellt. Man geht davon aus, dass nur wenige schlüpfen und noch wenigere in ein reiferes Lebensalter eintreten. Eine erfolgreiche Aufzucht in Gefangenschaft ist bislang offenbar noch nicht geglückt. Man vermutet, dass zur Aufzucht ein spezielles Plankton notwendig ist.

Kegelschnecken begegnen

Kegelschnecken kann man in der Riff- und Küstenregion insbesondere bei Ebbe häufiger begegnen. Grundsätzlich können alle Arten Gift injizieren. Aber bei der überwiegenden Mehrzahl der 400 Arten ist die Giftdosis einfach zu schwach, um den Menschen zu gefährden. Das schwächste Gift haben die Schnecken, die sich von Würmern ernähren. Gefährlich für den Menschen sind jedoch insbesondere die Arten, die Kleinfischen nachstellen. Es sind dies insbesondere:

l die wegen ihres sehr intensiven Giftes mithin als am gefährlichsten eingestufte „Conus geographus". Ihr Gehäuse zeigt eine landkartenähnliche Markierung. Manchmal wird sie auch „Zigaretten-Schnecke" genannt, weil man nach einem Stich angeblich nur noch eine Zigarette rauchen kann, ehe man verstirbt. Hanewald führt aus, dass alle bescheinigten (30?) Todesfälle von ihr ausgegangen seien (1).

l die „Conus textile" mit scharfer Spitze, weißem Hintergrund und mit vielen großen und kleinen überlappenden Winkelzeichen. Es gibt eine Literaturstelle, die zumindest zwei Todesfälle auf den Stich dieser Schnecke zurückführt (2).

l die „Conus striatus": Gehäuse mit feinen Spirallinien

l die insbesondere auf Samar anzutreffende „Conus aulicus"

l und die mit breiter Schulterrampe ausgestattete, eher dünnschalige „Conus tulipa"

Die Stichstelle ist oft sehr klein, tief und dreieckig. Die Beschreibungen des körperlichen Zustandes nach dem Stich differieren etwas, weil der neurotoxische Giftcocktail sowohl lähmende als auch krampfende Effekte haben kann, je nachdem welche Muskelnerven vom Gift angesprochen wurden. Und halten wir fest, dass viele Begegnungen zwar schmerzhaft, aber nicht tödlich verlaufen.

Folgender symptomatischer Verlauf wird häufiger beschrieben:

Sehr kurzfristige Anschwellung und heftige Schmerzen in der Stichstelle

Lokale oder auch sich generalisierende Taubheit

Übelkeit, Schwindel, Sehstörungen

Schwäche, Lähmungserscheinungen in den Extremitäten

Flacher Atem, Schwacher Puls, Bewusstlosigkeit

Atemlähmung, Koma, Tod (in einem geschilderten Fall nach fünf Stunden)

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten getroffen werden? Findet man Kegelschnecken im Riff, empfiehlt generell Vorsicht. Es ist selbst für Schneckenkenner (Malakologen) außerordentlich schwierig, die gefährlichen von den ungefährlichen zu unterscheiden, da selbst einzelne Arten im äußeren Erscheinungsbild variieren. Will man sie dennoch sammeln, sollte man sie nur am oberen stumpfen Ende anfassen, besser noch ist der Gebrauch einer Zange. Es wird auch der Rat gegeben, sie nie lebend in die Hosentasche zu stecken.

Bei einem Stich gibt es keine spezifischen Hilfsmaßnahmen, es ist auch noch kein Gegengift entwickelt worden. An allgemeinen Hilfsmaßnahmen wird hin und wieder empfohlen: das Abbinden des betroffenen Körpergliedes und das Eintauchen in sehr kaltes oder sehr heißes Wasser, die künstliche Beatmung bei einsetzender Atemlähmung und schnelle ärztliche Konsultation.

Kegelschnecken-Gifte im Blickpunkt der Arzneimittelforschung

Es war insbesondere der philippinische Biochemiker und Neurologe Baldomero Olivera, der in den späten sechziger Jahren in den USA begann, den Giftcocktail insbesondere der „Conus geographus" zu analysieren. Zielstellung seiner Untersuchungen war die Synthetisierung einzelner Giftkomponenten, um daraus Arzneimittel zu gewinnen. Warum Synthetisierung? Nun die Naturbestände hätten vermutlich nie ausgereicht, um hinreichende Mengen eines Präparates herzustellen. Der kommerzielle Fang hätte auch zu nicht vertretbaren Eingriffen in den Biotopen geführt.

Die Analyse ergab erstaunliche Befunde. Jede Art Kegelschnecke besitzt einen Komplex von etwa 100-200 Giftpeptiden. Das ergibt bei 400-500 Arten der Kegelschnecken ein enormes Giftpeptidepot. Mittlerweile haben Forscher etwa 100 Toxine isoliert und es liegen mehr als 2500 Veröffentlichungen zu Kegelschnecken-Giften vor. Sehr viel versprechend scheint vor allem das Neurotoxin mit Namen SNX 111 zu sein, das sich in der klinischen Untersuchungsstufe III befindet. Es ist als Analgetikum rund tausendmal stärker als Morphium, hat aber nicht dessen Nebenwirkungen (Abhängigkeit und Toleranzentwicklung). Man sieht hier Einsatzmöglichkeiten bei der Behandlung chronischer Schmerzen insbesondere in der Endphase von Krebs und Aids. Dutzende von Untersuchungslaboratorien beschäftigen sich mit weiteren Einsatzmöglichkeiten, so bei der Arthritisbehandlung.

Glücklicherweise scheinen die hochwirksamen Giftpeptide noch nicht Eingang in die Produktion von Biowaffen gefunden zu haben. Immerhin berichtet Gary Stix (2) davon, dass es vor der Regierungszeit von Präsident Jelzin Bemühungen beim russischen Militär gab, ein tödliches Giftpeptid der „Conus geographus" in ein Pockenvirus einzuschleusen. Die Versuche sollen nicht erfolgreich gewesen sein, unterstreichen aber auch das enorme Giftpotenzial einzelner Kegelschnecken.


(1) Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, Bremen, 1996, S. 222/223

(2) Vgl.: http://www.weichtiere.at/Mollusks/Schnecken/meer/kegel.html

(3) Gary Stix in Scientific American, April 2005, 70-75


© Wolfgang Bethge, 2005