Das schwierige Erbe -

Frühe spanische Kirchen auf den Philippinen

 

A. Erste Behelfskirchen

Als 1521 Magellan auf Cebu landete, hatte er auch Mönche im Gefolge. Die Christianisierung des Landes stand neben der kolonialen Eroberung und der (weitgehend erfolglosen) Rohstoffausbeutung ganz oben in der Zielhierarchie der Eroberer. „Bajo de las campanas“ - die Eingeborenen mussten unter die Glocken gebracht werden.  

Dazu brauchte man auch Versammlungsstätten. Dies waren am Anfang ganz bescheidene Holz- oder Bambushütten mit Stroh- oder Nippa-Palmdächern („Visitas“). Zwar kannten einige Mönche imposante mexikanische Barockkirchen, sei es real oder per Abbildung – aber warum mehr investieren? Die finanziellen Mittel waren knapp, die politische Lage noch instabil (Moro-Angriffe, portugiesische Gebietsansprüche), außerdem erwartete  man abermals die Ankunft des Herrn und den Untergang der Alten Welt.  

Die ersten Kapellen aus Holz wurden auf Cebu, Bohol, Masbate und Manila zwischen 1565 und 1571 errichtet. In welcher genauen zeitlichen Abfolge diese Bauten errichtet wurden, ist nicht eindeutig zu beantworten, denn noch hängt man keine Jahresschilder an  die Gebets-Hütten und die kirchliche Dokumentation steht noch an ihren Anfängen. Die ganz frühen Holzkirchen sind untergegangen beziehungsweise wurden von Steinkirchen abgelöst.  

B. Der Bau von Steinkirchen – Barocke Struktur und Stilelemente  

Der Bau von steinernen Kirchen erfolgt ab 1571 mit der Etablierung des Kolonialregimes durch den Spanier  Legaspi. Der Baustil ist am spanischen beziehungsweise mexikanischen Barock orientiert. Aus Mexiko kommen vorwiegend auch die ersten Baumeister und Handwerker. Die Kolonialisierung erfolgt ja von Mexiko aus. Folgende barocke Strukturelemente finden sich in der Regel: 

-     Ansiedlung längs der Plaza-Fläche, dem Ortsmittelpunkt, mit Kirche, Pfarrhaus („convento“) und Friedhof  für Laien

-    Länglicher Gebäudeaufriss mit dekorativer Außenfassade, wuchtigem Fundament und dicken seitliche   Stützpfeiler  sowie ein vom Hauptgebäude oft getrennter  Glockenturm, der gleichzeitig die Funktionen eines Flucht- und Wehrturms wahrnahm

-      Eingangshalle („Vestibül“), niedriges Kirchenschiff und Altarraum („Sanktuarium“)

Der Bau von sakralen Gebäuden hatte auf Landesgegebenheiten Rücksicht zu nehmen. Ins Kalkül zu ziehen waren - Naturkatastrophen (Taifune und Erdbeben), Naturkalamitäten (tropische Witterung, Fäulnis, Termitenbefall) sowie menschliche Zerstörungen (Piratenüberfälle, Feuerbrünste). Deshalb hat man den philippinischen Kirchenbaustil, der manchmal auch an mittelalterliche Trutzburgen oder Zitadellen erinnert, als „Erdbeben-Barock“ charakterisiert. Schon aufgrund dieser spezifischen Rücksichtnahme ist er nicht nur ein bloßes Plagiat spanischer Barockkirchen.

B1. Anreicherung durch asiatisch-maurische Stilelemente

Weiterhin stilprägend ist die Einbindung von  chinesischen, moslemischen und später auch philippinischer Bauformen und Stilelementen.

Die Filipinos waren im Bau von steinernen Gebäuden zunächst unerfahren. Befestigte Forts kannten nur die islamischen Moros im Süden des Landes. Die christlichen Mönche nahmen deshalb die Hilfe von chinesischen und  moslemischer Baumeister und Handwerker in Anspruch. Auf chinesischen Einfluss deuten insbesondere beispielsweise hin:

-     rote Backsteine, die aus einer Mischung aus Korallenkalk und/oder ungebranntem Lehm und Zuckerrohrsaft  (1) hergestellt wurden

-        Granitlöwen  als Wächterfiguren im Vorhof der Kirche ( z.B. San Agustin Church in Manila)

-        sowie ein pagodenartiger Glockenturm (z.B. Paoay Church, Ilocos)

Kennzeichen für maurisch-islamische Stilelemente sind:

-         eine oft fein ziselierte Ornamentik von Fassaden und Innenräumen

-         Gitterwerke und Balustraden

-         Minarettartige Glockentürme

-         Dreipassbögen und geometrische Strukturen

Die philippinischen Bauarbeiter wurden zum Teil zwangsweise rekrutiert. Sie übernahmen neben Bauhelferaufgaben insbesondere das Schlagen, Transportieren und Bearbeiten der großen Baumstämme, die dann als Kirchensäulen dienten.

B2. Zerstörungen

Trotz aller Stabilitätsbemühungen, die erbauten Kirchen blieben häufig fragile Objekte, die im Laufe der Geschichte häufig Zerstörungen hinzunehmen hatten und Neubauten erforderlich machten. Dies soll am Beispiel zweier Kirchen exemplarisch aufgezeigt werden:

Manila Cathedral

(Basilica de la Immaculate Conception)

Loon Church

Bohol

1571 Bau aus Bambus- und Palmholz

1602 Bau der Kirche

1574 Zerstörung durch chinesischen Piraten Limahong

         Zerstörung durch Feuer

1581 Neuaufbau aus Holz

1638 Bau einer stabileren Kirche

1582 Beschädigungen durch Taifun

1660 Zerstörung durch Feuer

1583 Zerstörung durch Feuer

1670-1734 Neuaufbau

1592 als Steinkirche wieder aufgebaut

           Erneute Feuersbrunst

1600 Zerstörung durch Erdbeben

1855-1864   Wiederaufbau

1614 Neubau der 4. Kathedrale

1645 Zerstörung durch Erdbeben

1654 – 1671 Neubau der 5. Kathedrale

1863 Zerstörung durch Erdbeben

1870-1879 Neuerrichtung

1945 Totalzerstörung im 2. Weltkrieg

1954 – 1958 Neubau mit Unterstützung des Vatikans

B3. Die älteste Steinkirche

Längere Zeit hielt ein Streit darüber an, welche Steinkirche wohl die älteste auf den Philippinen sei. Zur Diskussion standen insbesondere die Baclayon Church auf der Insel Bohol und die San Agustin Church in Intramuros, Manila.

Zunächst lief alles auf die Baclayon Church hinaus, befindet sich doch auf der Fassade ein Hinweis auf das Jahr 1595. Man fand aber heraus, dass dieses Schild wesentlich später angebracht worden ist. Mittlerweile haben Kirchenhistoriker herausgefunden, dass der Grundstein für die San Agustin Church schon 25 Jahre früher, nämlich 1571 gelegt wurde. Ihr gebührt also die Ehre, die älteste Steinkirche auf den Philippinen zu sein. Etwas pathetisch spricht man auch davon, dass sie die „Mutter aller philippinischen Kirchen“ sei.

Die San Agustin Church hat zwar seit dem 16.Jahrhundert insbesondere durch ihr leicht gewölbtes dickes Fundament und nach innen verlaufenden Seitenstreben allen Erdbeben und auch späteren Weltkriegseinwirkungen widerstanden. Dennoch – ihre heutige Gestalt ist auch ein Ergebnis fortdauernder Renovierungen und Umbauten. Im Regelfall haben viele alten philippinischen Kirchen einen steigen Prozess von Neuaufbauten, Erweiterungen, Renovierungen (Verschönerungen) und Konservierungen durchlaufen, wobei auch neuere Stilrichtungen (z.B. neugotische, ionische, korinthische  Stilelemente)  integriert wurden. Es handelt sich – negativ gesprochen – häufig um einen eklektischen Pseudo-Barock. Positiv formuliert könnte man auch von einer einzigartigen Verschmelzung von europäischen und orientalisch-asiatischen Stilrichtungen verschiedener Zeitepochen auf der Grundlage des Barocks sprechen.

C. Geschützte Kirchen

26 alte Kirchen auf den Philippinen sind seit 1972 zu schützenswerten nationalen Kulturschätzen erklärt worden. Es sind dies folgende Kirchen:

Bacong (Negros Oriental),  Balayan (Batangas), Betis (Pampanga),   Boljo-on (Cebu), Calasiao  (Pangasinan), Dupax (Nueva Vizcaya),  Guiuan (Samar), Jasaan (Misamis Oriental),  Jimenez (Misamis Occidental), Lazi (Siquijor), Loboc (Bohol), Luna (La Union), Mahatao (Batanes),   Magsingal (Ilocos Sur),   Majayjay (Laguna),  aragondon (Cavite),  Masinloc (Zambales),  Pan-ay (Capiz), Romblon (Romblon), Rizal (Cagayan), San Joaquin (Iloilo), Tabaco (Albay), Tanay (Rizal), Tayabas (Quezon), Tayum (Abra)  und Tumauini (Isabela).   

Und zu dem von der UNECO ausgerufenem Weltkulturerbe gehört nicht nur das Tubbataha Reef, die Reisterrassen von Banaue, die historische Altstadt von Vigan und der Puerto-Princesa Subterrean River National Park  - auch vier Kirchen auf den Philippinen gelten als einzigartig und von universellem Wert. Es sind dies die Kirchen:  

  San Agustin in Paoay, Ilocos Norte;

  Nuestra Senora de la Asuncion in Santa Maria, Ilocos Sur;

  San Agustin in Intramuros, Manila;

  und die Kirche San Francisco de Villanueva in Miag-ao, Iloilo 

Jeder der oben erwähnten Kirchen ist einer besonderen Betrachtung wert und jede Auswahl ist subjektiv. Wir haben uns im nachfolgenden dazu entschieden, wegen der historisch einzigartigen und wenig veränderten Substanz insbesondere auf die beiden Kirchen in Paoay und Miag-ao einzugehen.

D. Die Miag-ao Church auf der Insel Panay 

Die Gemeinde Miag-ao liegt etwa 40 km südwestlich von Iloilo City, der Hauptstadt der Insel Panay. Der Bau der Kirche erfolgte unter der Leitung von Augustinermönchen und benötigte etwas mehr als ein Jahrzehnt (1786-1797).

Markantes Highlight der aus gelbem Sandstein erbauten Kirche ist die reich ornamentierte Außenfassade, die in ihrem floralem, aztekisch wirkendem Schmuck seinesgleichen in Asien sucht. Die Ornamente wurden in tiefer in den Stein hineinziseliert, wodurch sie plastisch wirken. Im ovalen Rund in der Mitte der Fassade befindet sich die Skulptur des Schutzpatrons von Miag-ao, des Heiligen Thomas  und im Giebeldreieck erkennen wir einen philippinisch gewandeten Sankt Christophorus mit aufgekrempelten Hosen. Auf seinem Rücken trägt er das Christuskind. Umgeben ist er von philippinischer Fauna und Flora – wir sehen unter anderem Kokosnusspalmen und Papaya- und Guavabäume mit ihren Früchten. Vermutlich leicht ironisch interpretiert Albrecht G. Schäfer (2) den abgebildeten Christophorus wie folgt:

„Der gute Missionar bringt den wahren Glauben zu den heidnischen Filipinos in die Tropenwelt“.   

Eingerahmt und gleichzeitig abgesichert ist die Frontfassade durch zwei nicht-symmetrische Türme. Sie sind in der unteren Passage sehr wuchtig und laufen dann stufenweise spitz zu. Die Nichtsymmetrie der beiden Türme, die gleichzeitig als Wachtürme gegen moslemische Übergriffe dienten, wird damit erklärt, dass nach dem Tod des ersten Baumeisters der zweite Baumeister nicht dem Design seines Vorgängers folgen wollte.

Auch bei diesem Sakralbau sehen wir die für das „Erdbeben-Barock“ so typischen mächtigen Seitenpfeiler des Kirchenschiffs. Kirche und Gemeinde sollen durch unterirdische Gänge verbunden gewesen sein. Wir erwähnten bereits schon, dass die Kirche zum UNESCO-Kulturerbe zählt.  

E. Die Paoa-Kirche in Ilocos Norte 

Mit dem Bau dieses – an einen javanischen Tempel erinnernden –  Sakralwerks wurde 1694 unter der Leitung des Augustinermönches Antonio Estavillon begonnen. Man wollte einen erdbebensicheren  und gleichzeitig imposanten Bau im Stile des „Erdbeben-Barocks“ errichten. Der majestätisch wirkende eindrucksvolle Bau wurde 1710 abgeschlossen, aber schon 1793 restauriert und 1896 als  „Church of St. Agustin“ neu geweiht.

Für den Bau der Kirche verwendete man im unteren Teil Korallengestein, im oberen Teil Lehmziegel. Dem Mörtel war Zuckerrohrsaft beigefügt. Gleichzeitig wurde in die Mörtelschicht Lederstreifen eingelassen, um die Stabilität zu erhöhen. Die Fassade weist durch vier Wandsäulen eine vertikale Gliederung auf, horizontal ist sie durch Gesimse gegliedert, die auch die Strebepfeiler umlaufen. Sich verjüngende Spitztürmchen schließen den Bau nach oben ab. Ein Autor meint - „they brush the sky“ (sie bürsten den Himmel) und nehmen dem Gebäude gleichzeitig etwas von seiner Schwere. Im oberen Teil der Fassade finden sich auch einige Steinskulpturen, Blumen, Schnecken, Cherubinen und das augustinische Wappen als Flachreliefe.

Spektakulär sind die 26 massiven Außenpfeiler. Sie erreichen in ihrer Breite fast die halbe Länge des Kirchenschiffes. Sie sind mit Schnecken- und Blumenmustern geschmückt und weisen gleichfalls Spitztürmchen auf. Eine Pfeilertreppe mit ziemlich hohen Stufen sollte wohl den Zugang zu dem ursprünglich mit Stroh bedeckten Dach ermöglichen.

Ein weiteres Bestimmungsmerkmal ist der wuchtige, etwa  35 Meter hohe Glockenturm mit seinen einen Meter dicken Mauern. Er steht etwa hundert Meter von der Kirche entfernt und bietet eine hervorragende Sicht über das Land. Wohl deshalb benutzten ihn auch die gegen das spanische Kolonialregime rebellierenden Katipuneros als Wachturm. „Climbing the belltower is amost like going back in the time“, (Wer den Turm besteigt, geht gleichsam zurück in die Vergangenheit), schreibt Roger Gaspar (3). Es wird berichtet, dass der Turm  aufgrund seiner Schwere immer mehr in den Boden sinkt. Früher hätten noch Reiter durch das Turmtor reiten können, was in jüngerer Zeit offenbar nicht mehr geht.

Tritt man durch die mit schmiedeeisernem Filigrandekor versehene Kirchentür, begegnet einem ein sehr einfaches – wenn nicht sogar tristes -  Kirchen-Interieur. Man findet unter anderem nur einige Heiligen-Bilder und ein schlichtes hölzernes Altarkreuz. Ursprünglich hatte das Kirchenschiff eine bemalte Holzdecke. Sie wurde entfernt und zumindest in den früheren Jahrzehnten zeigten sich dem Blick nur Dachsparren und ein rostendes Dach.

Die Paoay-Kirche wurde in der jüngeren Vergangenheit im Hinblick auf ihre Substanzerhaltung zweifelsohne stark vernachlässigt. Dies wird auch deutlich an dem starken Grün- und Strauchbewuchs, den auch noch jüngere Publikationen zeigen. Jetzt aber – nachdem die Kirche gleichfalls zum Welt-Kulthurererbe erklärt wurde – sind seit dem Jahr 2000 erste Maßnahmen zur Erhaltung der Kirche eingeleitet worden. Sie umfassen unter anderem seismologische Bauexpertisen, Steinarbeiten, Rissausbesserungen und Reinigungsarbeiten wie zum Beispiel die Bewuchsentfernung. Wegen möglicher Erschütterungsgefahr wir jetzt auch der Straßenverkehr in der Nähe der Kirche umgeleitet.  Diese Feststellungen führen uns zur der generellen Frage nach dem Stand der Restaurierung altspanischer Kirchen auf den Philippinen.

F. Erheblicher Restaurierungs- und Erhaltungsaufwand 

Alte Gebäude sind vielen zerstörerischen Einflüssen ausgesetzt. Holz wird spröde, hängt durch, verrottet, bildet Risse, wird von Schimmel oder Termitenfraß befallen. Steinmaterial kann ausbrechen, Risse ausbilden, Wasser ziehen, Salze ausbilden, erodieren, die Farbe verlieren oder durch Vegetation überwuchert werden. Glas bricht und Metalle rosten oder laufen an. Die Farben der Wandgemälde zum Beispiel bleichen aus, bröckeln ab, erleiden Pilzbefall oder neigen gleichfalls zu Rissen. Findet keine konservierenden Maßnahmen, zeigen sich  – wie bei der obigen Darstellung der Paoay-Church – deutliche Zeichen des morbiden Verfalls.

Zum einen Teil sind die Schäden naturbedingt. Zu nennen wäre hier als Schadensfaktoren - neben Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überflutungen und Taifune – insbesondere die extreme, mit hoher Feuchtigkeit verbundene Hitze des Landes.  Zum anderen Teil ist der Mensch für die Destruktion der Sakralbauten mitverantwortlich. Es reichen hier die Stichworte: Luftverschmutzung, Vibrationen, Kriege, Vandalismus oder Gleichgültigkeit.

Es besteht im Lande weitgehende Einigkeit darüber, dass die alten Kirchen generell in einem beklagenswerten Zustand sich befinden. „Sometimes it feels as if our churches were under siege“ (Manchmal meint man, dass sich unsere Kirchen im Belagerungszustand befinden), äußert Augusto Villalon (4) in seinem Artikel „ Have mercy on our churches“ (Habt Erbarmen mit unseren Kirchen). Zwar sind die alten Kirchen auch Symbole eines klerikal verkleideten Kolonialismus, aber selbst strenge Kritiker des spanischen Kolonialismus finden sich in der Feststellung, dass die alten spanischen Kirchen zu den erhaltenswerten historischen Kulturschätzen des Landes gehören.

Pure Geldnot als auch Ignoranz und Fahrlässigkeit auch auf Gemeindeebene verhindern oft konservierende Maßnahmen. Versetzen wir uns einmal – etwas ketzerisch - in die Lage eines der Historie gegenüber nicht besonders aufgeschlossenen Priesters und Gemeindevorstandes, den mehr die aktuellen Nöte seines Sprengels leiten und der in seiner armen Pfarrgemeinde jeden Pfennig zweimal umdrehen muss. Warum nicht die alten unbequemen Kirchenstühle herausreißen, wenn ein nobler Mäzen – mit seinem Namensschild - neues Gestühl anbietet?  Soll man die offerierte Plastik-Madonna wirklich ablehnen, wenn damit eine Spende verbunden ist? Der alte Fußboden knarrt, warum die angebotene Billigfliesen ablehnen? Und ist nicht das alte Licht so schlecht, dass Neonröhren das Beste wären? Warum nicht ein moderneres Nebengebäude für die Jugendgruppe anbauen? Wer will denn noch von der Kanzel sprechen und braucht der Chor wirklich noch Empore? Hat da nicht ein Antiquitätenhändler eine größere Summe für den Verkauf der Marienstatue angeboten? Könnte man auf dem weitläufigen Kirchengelände gegen gutes Geld nicht auch einen Fast-Food-Shop zulassen? Vielleicht kommen dann auch wieder mehr Jugendliche. Was wiegt mehr – die Behebung aktueller dringlicher Nöte oder  eine angebliche Kunst? Wie man sieht - hier muss noch viel Überzeugungsarbeit zugunsten der alten sakralen Kunstschätze geleistet werden.

Gleichzeitig häufen sich in den Zeitungen Berichte darüber, dass der Kunstraub in den Kirchen zunimmt. Trixie Angeles, Direktor der Philippine Heritage Conservation Society, hat sich vor einiger Zeit wie folgt geäußert: „We are losing two container vans of our cultural treasures each day from the Island of Bohol alone“ (Wir verlieren jeden Tag zwei Lieferwagen voll mit unseren Kulturschätzen allein von der Insel Bohol) (5). Und dazu gehören im Wesentlichen auch religiöse Kultgegenstände. Schon sichern Priester – wie in Majayjay  – kostbare Reliefe hinter unschönen Gittern. Vereinzelt hat man sich auch schon dazu entschlossen, wertvolle Kunstgegenstände an zentralen Orten sicher zu deponieren und den Kirchen nur Replikate zu überlassen.

Am teuersten sind wohl jene Maßnahmen, die versuchen, den frühen Originalzustand wieder herzustellen, sofern dieser anhand von Unterlagen überhaupt rekonstruierbar ist. Preiswerter sind offenbar alle Maßnahmen, die  unter Verwendung moderner, kostengünstiger Materialien lediglich der Erhaltung des status quo, der Verschönerung oder der besseren Funktionsanpassung dienen.

Möglicherweise war früher die Finanzierung des Kirchenbaus einfacher, als es unter der spanischen Krone noch die Einheit von Staat und Kirche gab und Mittel aus königlichen Patronage-Fonds flossen. Aber mit der Ankunft der amerikanischen Kolonialherren vollzog sich auf den Philippinen auch eine Trennung von Staat und Kirche mit der Folgewirkung, dass die Erhaltung und Pflege der Kirchen zunächst einmal eine Angelegenheit der katholischen Kirche auf den Philippinen ist. Aber schon seit der Präsidentschaft von Ferdinand Marcos sehen sich die Regierenden in der Verantwortung, durch institutionelle Hilfestellungen und finanzielle Unterstützungsleistungen zum Erhalt der alten Kirchen beizutragen. Fast könnte man meinen, es gäbe schon wieder zu viele betroffene Institutionen mit zu hohem Beratungs- und Konsultierungsaufwand (Katholische Amtskirche, National Historical Institute (NHI), Nationales Museum, National Commission for Culture and the Arts (NCCA). Soweit wir dies erkennen können, befanden sich zumindest 2003 die Konservierungsbemühungen bei den 26 zu nationalen Kulturschätzen erhobenen Kirchen  vielfach immer noch in der Phase der Beschaffenheitsanalysen und „Feasibility-Studies“ (Machbarkeitstudien) (5) und zielten häufig nur auf die Erhaltung des gegenwärtigen Zustandes der Kirchen ab.

Die Hilfe des Auslandes wäre wünschenswert, um dem weiteren Verfall der alten Bastionen des katholischen Glaubens  auf den Philippinen zu begegnen.

© Wolfgang Bethge, 2006


(1) Beim Bau der Baclayon Church (Bohol) 1596 soll sogar das Eiweiß von annähernd einer Millionen Eiern als Bindemittel verwandt worden sein.

(2) Albrecht G. Schäfer, Philippinen, Bremen, 1999, S. 214

(3) Roger Gaspar, Eartquake Baroque: Paoay Church in the Ilocos, in: Philippine Real Estate Magazine, February-March 1966

(4) Augusto Villalon, Have mercy on our churches, INQ7.net, 20.03.2005

(5) Gilbert Felongco, Philippines losing cultural treasures, in: Gulfnews.com, 31.10.2002

(6) Manila Archdiocesan Commission for the Cultural Heritage of the Church, The Present State of Conservation of Churches in the Philippines, in: http://www.aam-rcam.org/features204.htm 


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