"Das Brot deren Indianer ist von Reiß" 

- Ein sehr früher deutschsprachiger Bericht über die Philippinen -

1663 - also etwa 150 Jahre nach der Entdeckung der Philippinen - wurde in Madrid „auf Befehl und Unkosten seiner Königlichen Katholischen Majestät“ eine Beschreibung der philippinischen Inseln veröffentlicht.  

Autor des Druckwerkes war der Provinzial des Jesuiten-Ordens auf den Philippinen R. P. Francisco Colin, über den wir ansonsten recht wenig wissen. Nur ab und an und ohne weitere Kommentierung wird Colins Hauptwerk, die „Labor Evangelica“, unter anderem auch von Jose Rizal zitiert, wenn es um die frühe Geschichte der Kolonisierung der Philippinen geht.  

Wenig mehr wissen wir über den deutschen Übersetzer von Colins Ausarbeitung, den deutschen Jesuitenmissionar Joseph Kropf(f) (1700-1734). Er wurde im oberpfälzischen Tirschenreuth geboren und tritt mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein. In Ingolstadt studiert er von 1720 - 1727 Philosophie und Theologie. Schon ein Jahr nach seiner Priesterweihe wird man ihn auf große Missionsreise schicken. Zunächst bereitet er sich jedoch in Madrid auf seine Missionsreise vor. Hier lernt er die Collins Philippinen-Veröffentlichung kennen und Später führt ihn seine Reise über die Karibik zunächst nach Mexiko. Vom dortigen Acapulco aus tritt der junge Patre 1732 die Schiffsreise nach Manila an. Doch schon kurz nach seiner Ankunft verstirbt er mit nur 34 Jahren 1734 in Leyte. Die näheren Umstände seines Todes sind uns nicht bekannt.    

Welche Gedankengänge bewogen den Herausgeber Petro Probst und den Übersetzer Kropf, Colins Ausarbeitung auch dem deutschen Lesepublikum bekannt zu machen? Herausgeber Probst meint, dass die Beschreibung Colins ein „mehreres Licht“ und „zuverlässige Nachrichten über die Zahl, die Namen, die Lage, Witterung, Eigenschafften, Beschaffenheit, Fruchtbarkeit deren Inseln“ geben kann. Er verfolgt also mit der Publikation durchaus  (vor-) wissenschaftliche Ambitionen. Probst selbst betont im Vorwort den Erkenntnisnutzen seiner Übersetzung, er hat aber auch Missionarisches im Sinn: 

„Sie werden in folgenden Büchern solche Seltsamkeiten antreffen, welche sie zwar öfters in Verwunderung setzen, durchaus aber zum Lob und Preiß Gottes aufmuntern werden: durch welches ich das Ziel meiner Bemühung doppelt erreichen werde.“ 

Die frühen Missionsschriften haben natürlich auch werbende Absichten und verzichten dabei ungern - wie wir noch sehen werden - auf die Darstellung von Kuriosa, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu binden. Zugleich streichelt sicherlich auch Missionar Colins das Selbstbewusstsein seines „aufgeklärten“ europäischen Leserpublikums, wenn auch  er - zuweilen etwas naserümpfend von den ach so - „wilden und barbarischen Heidenvölker“ schreibt. 

Kropfs Übersetzung wird 1748 -  also etwa 80 Jahre nach der spanischen Erstveröffentlichung -  in Augsburg und Graz als  Teil eines Sammelwerkes veröffentlicht (1). Der Leser des Beitrags wird vielleicht schon erkannt haben, dass unser Artikel Kropfs altertümliche Schreibweise beibehält, was den Reiz der Lektüre durchaus erhöhen kann. Bevor wir uns jedoch Colins Text in der deutschen Übersetzung  zuwenden, einige wenige Ausführungen zur Missionsarbeit der Jesuiten auf den Philippinen. 

Die ersten Jesuitenmissionare kommen 1581 - also fünfzig Jahre nach der Entdeckung der Philippinen durch Magellan - nach den Augustinern, Dominikanern und Franziskanern ins Land. Die kirchlichen Ordensleute sind es, die die Christianisierung und Hispanisierung des Landes vorantreiben. Sie sind fest in die Kolonialisierung des Landes integriert. Es ist eben der theokratische Verbund von Staat und Kirche, der die zumeist friedliche Kolonialisierung der Philippinen erst ermöglicht. Man hat aus den blutigen - mittlerweile diskreditierten - Erfahrungen der spanischen Eroberungsfeldzüge in Mittel- und Südamerika gelernt  und schickt statt bewaffneter spanischer Soldaten (2) doch lieber Priester und Mönche  ins Land. Insbesondere in den Provinzen fungieren sie als verlängerter administrativer Arm der spanischen Machthaber und häufen beträchtlichen Grundbesitz an, der an vermögende Einheimische weiter verpachtet wird. 

Die Missionstrategie der Jesuiten hebt sich von der Missionsarbeit der anderen Mönchsorden insofern etwas ab, als sie schon früh einen verstärkten Schwerpunkt auf die Ausbildung und Erziehung zur Selbstständigkeit der Eingeborenen legt.  So gründen zum Beispiel die Jesuiten mit dem „Collegio de Manila“ 1596 einen Vorläufer der ersten Universität der Philippinen. Sicherlich verfügt auch der Jesuitenorden auf den Philippinen später um umfangreichere Ländereien auf den Philippinen, stärkere Unterdrückungen der einheimischen Bevölkerung sind jedoch kaum bekannt geworden.  Man geht allgemein davon aus, dass die von den Jesuiten angestrebte Erziehung zur Selbstständigkeit der Eingeborenen insbesondere den spanischen Regenten - aber auch dem Papst - ein machtpolitischen Ärgernis wurde und es deshalb  1773 zum Verbot des Jesuitenordens  auch auf den Philippinen kam.

Textauszüge aus Colins Beschreibung der Philippinen 

In seiner Ausarbeitung spekuliert Colins unter anderem über die Entstehung der Philippinen. Er schildert in einer frühen Sicht die Entdeckung der Philippinen durch Magellan und wie das Land zu seinem Namen kam. Einen relativ breiten Raum nimmt weiterhin die geografische Beschreibung einzelner Landesteile ein. Luzon zum Beispiel hat für ihn die Gestalt eines eingebogenen Armes und das Manila seiner Tage zählte nur 4000 Häuser. Wir blenden diese Beschreibungen weitgehend aus, wollen aber in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen, dass er die dort vorfindbare - „durchaus nicht gesunde“ - Witterung besonders hervorhebt:  

„Die Wärme, und die Feuchte haben vor allen anderen Eigenschaften in diesen Inseln die Ober-Hand. Obschon die Hitze allhier nicht so heftig, als sie in Spanien ist, verursachet sie nichts desto einen häufigeren Schweiß und schwächet die Kräfte desto empfindlicher“ (S. 41). 

In Manila könne man vor lauter Hitze und Feuchte kaum essen noch schlafen, ohne zu schwitzen. Und flugs koppelt unser gelehrter geistlicher Herr die Abträglichkeiten des Wetters mit der Erbsünde, wenn er weiter ausführt, „dass man allhier gezwungen ist, sich der Straff, die GOTT unserem ersten Vater aufgetragen hat, genauer zu unterwerfen“ (S. 41). 

Wie hat man sich nach seinem Urteil die Mehrzahl der Philippiner vorzustellen?  

„Die Leibs-Länge unserer Philippiner ist mittelmäßig; der Leib selbst ist wol-gestellet, und so wol bey Manns- als Weibs-Peronen nicht übel gebärdet. Ihre Farbe ist braunlecht, wie bei einem gesottenem Quittenapfel; der Bart wenig “ … (S. 51). 

Er erwähnt, dass die Zambaler  sich die vordere Haarhälfte des Kopfes scheren und ihre „Weibsbilder“ Zöpfe tragen.  Besonders befremdet ihn das Aussehen der „barbarischen“ Negrillos: 

„Es seynd schwarze wilde Leute, welche sich von denen Früchten und Wurzeln deren Wäldern ernähren. Sie gehen nackend daher, ausgenommen einige Theil die sie mit Bahaques, daß ist, mit gewissen von Baum-Rinden zusammengefügten Schürzen, Ehrbarkeit halben, bedecken. Ihre ganze Pracht bestehet in Arm-Bändchen und das Haupt zieren sie mit einem Kranz von Laub, oder Blumen… Im übrigen leben sie ohne Gesetz, ohne Wissenschaft, ohne eine einzige Form eines wol-eingerichteten gemeinen Wesens“ (S. 16). 

Relativ unsystematisch und auch undifferenziert führt Colins aus, dass man auf dem Archipel drei „politischen Völckern“ begegnen könne. Er benennt grob (a) die malayischen „Mehometaner“, (b) die „Barbarischen Völcker“, zu denen er u.a. die Negrillos zählt und (c) „Völcker, die sich in der Mitte treffen“ wie  Mestizos aber auch Chinesen. 

Und dann der Wirrwarr der Sprachen: „Fast an jedem Fluß, wo sich die Philipper aufhalten, höret man anderst reden …  Die ganze Ursach der so vielfältigen Sprachen bey diesen Leuten ist dem Abgang der Polizey (?? - der Verfasser), und der geringen Handel- und Gemeinschaft untereinander zuzumessen“  (S. 55).  

Colin erkennt durchaus richtig, dass die meisten Filipinos weit zerstreut und voneinander weitgehend isoliert in kleinen Dorf- oder Sippengemeinschaften leben und zentrale Machtzentren weitgehend fehlen: 

„In diesem ganzen Archi-Pelego wusste man weder von einem König, noch von einem anderen Beherrscher, nichtsdestoweniger waren viele Königlein zufinden ….  Weil deren so viele waren, schwebte alles in beständiger Unruhe, und Unsicherheit von wegen dem immerwährenden Krieg, mit welchem einer dem anderen in den Haaren lag  …. (S.61) . 

Wie gut - dass bei all dem Unfrieden die spanische Herrschaft quasi im Götterwagen kam  und „endlich der ware Glaub sieg-prangend eingezogen, und diesen armen Leuten den Fried mitgebracht hat …“ (S 61).  

Das Religiöse ist angesprochen. Wie zu erwarten, haben die Philippiner vor Ankunft der Spanier nach Ansicht des Autors dem falschen Glauben, der Abgötterei, dem  Aberglauben „und anderen Untugenden“ angehangen. Der Glaube wird nur mündlich in Form von Fabeln von den Eltern zu den Kindern vermittelt. Er bezieht sich auf Taten von Göttern und schließt die Anbetung von Sonne, Mond, Regenbogen und Tieren ein. „Ein so verschwenderisch Aberglaub erstreckte sich sogar auf die Stein, Schroffen, Felsen, Klippen; Land-Spitzen“ (S.55). Colins konnte im Rahmen seiner abschätzigen Kritik noch nicht wissen, dass knapp eineinhalb Jahrhunderte später die europäische Klassik und ihre Geistesgrößen mit großem Entzücken den griechischen Götterhimmel und seine Nymphen- und Faunenwelt begrüßen und verehren werden. Bezüglich der Missionierung merkt Collins an, dass es schwierig ist und war, die Bergvölker unter die Glocken der Kirche  zu bringen. Ganz schwarz sieht er wiederum bei den Negrillos: „Was aber den Gottes-Dienst anbelanget, lässt sich bei ihnen wenig, oder gar nichts verspüren“ (S. 16). Er konstatiert auch, dass die Missionierung im moslemisch geprägten Süden Mindanaos sehr schwer ist  und dass man dort „die ihnen zum Heil geschickten Glaubens-Prediger ganz unmenschlich um das Leben gebracht hat“ (S.36).  

Das Religiöse ist häufig mit der Erfahrung des Todes verknüpft. Wenn Collins aber von den Leich-Begängnissen der Eingeborenen berichte, ist aber das Sakrale doch ferner: 

„Sobald der Kranke verblichen, fiengen die Philippiner an denselben mit großem Geheul zu beklagen … Währendem Klag-Geschrey waschete man den erkalteten Leichnam ab und beraucherte ihne mit Stotar, und anderen wol-riechenden Baumharz, dessen es in allhießigen Wäldern und Gebüschen einen Vorraht gibt …. Nach der Begräbnis hörten zwar die Klagen auf, nicht aber die Mal-Zeiten und Sauffereyen, so mehr oder weniger Zeit anhielten, nach Maß der Würde des Begrabenen“  (S. 60). 

Auf einigen Seiten widmet sich Colin der „Diebstahls-Erforschung“ unter den Eingeborenen. Eint Technik sei hier kurz vorgestellt: 

„Eine andere Diebs-Erforschung name man also so vor: man versenkte in ein mit sied-heißem Wasser angefülltes Geschirr einen Stein, und befahl denen, so im Verdacht waren, den Stein mit blosser Hand herauszuholen. Weigerte sich einer solches zu thuen, musste er eben darum der Dieb seyn“ (S. 63). 

Soweit einige  der Ausführungen von Colins. Wir sollten uns jedoch indessen hüten, die Philippinen jener Tage nur unter dem Vorzeichen des Absonderlichen zu sehen. Es hat wohl zu jeder Zeit und überall sein Domizil. Es kommt nur auf das Auge des Betrachters an. Wer weiß, zu welchem Urteil ein heutiger Regenwaldbewohner kommt, wenn er zum Beispiel den Kölner Karneval beurteilen sollte? 

© Wolfgang Bethge, 2007  


(1) Das Buch trägt den etwas weitschweifigen Titel: „Allerhand so Lehr- als Geist-reiche Brieff, Schrifften und Reise-Beschreibungen, welche von denen Missionariis der Gesellschaft Jesu aus beyden Indien, und anderen über Meer gelegenen Ländern, Meistentheils von 1730 bis 1740 in Europa angelanget seynd. Aus hand-schriftlichen Urkunden und anderen bewehrten Nachrichten zusammengetragen von Pedro Probst, einem Priester derselbigen Gesellschaft“ 

(2) Die spanischen Regenten verfügen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht mehr als 5000 Soldaten auf den Philippinen. Bei der Niederschlagung von Aufständen greifen sie häufig auf  philippinische Hilfstruppen aus anderen Provinzen. zurück.  


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