Herausragende philippinische Künstler des zeitgenössischen Realismus

  

 

  Prudencio Lamarrazo : „The Earth is a  Woman" (1983)

Die zeitgenössische philippinische Künstlerszene ist reich an Talenten, die auch internationale Beachtung finden. Im Nachfolgenden wollen wir zwei herausragende Künstler näher vorstellen, die dem „Magischen Realismus" einerseits, dem „Sozialen Realismus" andererseits zugeordnet werden. Bei diesen Zuschreibungen handelt es sich jedoch um Etikettierungen, die nur grobe Orientierungshinweise geben.

Prudencio Lamarrazo

Prudencio Lamarrazo wurde 1946 in Tagudin, Ilocos Sur, geboren. Er ist zehn Jahre alt, als seine Familie nach Manila umzieht. Die frühen Bilder der Kindheit – die Farben und Formen der felsigen Landschaft, durch die sich durch nebelverhangenen Berge und Bambuswälder der Amburayan River schlängelt – wirken in seiner Erinnerung mächtig nach und werden zu einem zentralen Thema seiner Gemälde.

Er studiert er an der School of Fine Arts der University of Santo Tomas und später an der Philippine Women´s University. Schon früh fällt er „negativ" wie positiv auf. Einerseits wird er wegen der Darstellung einer „Nackten in Blau" von einem seiner Lehr-Professuren miesepetrig gescholten, andererseits finden schon die Bilder des Neunzehnjährigen lobende Erwähnung und Anerkennung. Der renommierte Schriftsteller F. Sionil Jose, gleichfalls aus Ilocos, unterstützt ihn bei seinen ersten Bemühungen, durch Ausstellungen bekannt zu werden. In der Folgezeit wird sich Ausstellung an Ausstellung reihen. Es reicht in unserem Zusammenhang, darauf zu verweisen, dass seine Werke u.a. schon in Ausstellungen in Kuala Lumpur, Jakarta, Tokio, New York und Chelsea zu sehen waren. Heute ist er einer der angesehensten Maler der Philippinen und gilt als einer der führenden Repräsentanten des „Magischen Realismus".

Der „Magische Realismus" bezieht sich gerne auf Wunder, Heldentaten, Halluzinationen und Märchenmotive. Er verschiebt und kombiniert - durchaus mit artistischer Virtuosität und intellektuellem Kalkül - disparate Realitätsausschnitte und sucht diese in einen neuen überraschenden, oft mythischen Sinnzusammenhang einzubetten. Oft finden sich die Figuren disproportional dargestellt und figurieren vor einem theatralischen Vorder- oder Hintergrund.

Einige der angesprochenen Stileigenschaften finden sich auch exemplarisch in dem eingangs wieder gegebenen Bild „The Earth is a Woman" (1983) wieder. Wir sehen eine Art Theaterkulisse, die im unteren Teil in vertikaler Ausrichtung Regenbogenfarben zeigt und im oberen Teil in ein pharaonenartiges, brettartig wirkendes Haar-Arrangement übergeht. Die Kulisse gibt den Blick frei auf eine jüngere, ernst blickende Frau, die offenbar die mythische Fluss-Göttin „Amburayan Queen" repräsentiert. Der breit angesetzte Oberkörper zeigt Brüste in Form von Bullaugen, in denen sich Himmelsbläue widerspiegelt. Taille und ansetzender Unterkörper zeigen in der Horizontalen ein Landschaftsmotiv. - In anderen Bildern des Malers erscheinen weibliche Brüste leicht verkitscht als Blumen. Die Landschaftsbilder können vieldeutig sein. Das Bild „Rural Scene" zeigt zum Beispiel einen leicht schräg, abgekanteten Ausschnitt aus einem Landschaftsbild. Mit seinen großen, bunten Bonbon-Kieselsteinen am Boden wirkt es einerseits märchenhaft-synthetisch, andererseits nimmt der Betrachter leicht verstört nur silbergraue Baumstämme ohne Baumkronen wahr. Es ist bekannt, dass Prudencio Lamarrazo die Ausplünderung der Natur seiner Heimat beklagt.

Man täte dem Maler Lamarrazo unrecht, wenn man ihn ausschließlich als Maler eines ländlich orientierten „Magischen Realismus" etikettiert. Es gibt auch abstrakte Bilder von ihm und er beschwört auch nicht nur in verklärten Bildern eine vielleicht vergangene Natur. Er kann auch sozialkritisch sein – so wenn er in einem Bild Fische mit aufgerissenem Maul zeigt und dem Bild dann den Titel „Government Piranha" gibt. Streckenweise nimmt bei ihm – wie auch bei seinem Malerkollegen Edwin Tres Reyes – eine andere Gefahr wahr. Der cartoonartigere Zuschnitt der dargestellten Personen und die plakativ bunte Farben erinnern manchmal stark an süßliche Pop-Art-Klischees. Die Gefahr des Abgleitens in gefällig-bonbonfarbige Darstellungen ist mitunter gegeben.

Danilo „Papo" de Asis (1949 – 2005)

Das kann man von unserem zweiten Protagonisten, dem Künstler de Asis – Spitzname: „Papo" - kaum behaupten. Er provoziert, will aufrütteln und sieht sich als Sozialist eingebunden im Kampf für friedvollere und gerechtere Gesellschaften. Vermutlich würde er den Ausdruck, Agitprop-Künstler zu sein, nicht verschmähen. Kunstfertigkeiten sind für ihn, den meisterhaften Maler, nachgeordnet. „It is the consciousness juxtaposed with feelings, thus become structured and created into form" (1) (Bewusstsein und Gefühle werden strukturiert und in Form gebracht).

Papo des Asis wurde 1949 als Kind einer armen, zerrütteten Familie in der Kleinstadt Dumangas, Iloilo, geboren. Schon als Kind fällt er durch seine Straßenmalereien auf. Er glaubt zunächst, seiner Familie durch ein Ingenieurstudium am besten helfen zu können. Das Studium bricht er jedoch ab und er schleicht sich 1960 auf ein Schiff, das ihn nach Manila bringt. Zunächst schlägt er sich als kommerzieller Maler durch, wird aber dann – als Autodidakt - schnell in die eigentliche Kunstszene in und um die Mabini Street integriert. Er schließt sich verschiedenen sozial-progressiven Künstler-Gruppierungen an, wirkt an der künstlerischen Gestaltung der „Liberation", einem Nachrichtenorgan der kommunistisch orientierten NDF, mit und protestiert mit Fahnen- und Wandmalereien gegen das Marcos-Regime. 1990 immigriert er in die USA. Sein Haus ist Treffpunkt für viele gleichgesinnte Künstler. Er selbst gründet den Künstlerbund „Habi Arts", eine Vereinigung die sich der sozialen Umgestaltung – nicht nur auf den Philippinen - auf die Fahnen geschrieben hat. In den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit Riesenpuppen, die er zusammen mit anderen Künstlerkollegen gestaltet und auf Straßendemonstrationen (Philippine Independence Day Parade, San Francisco; Brecht-Forum, New York) präsentiert. Im Januar 2005 verstirbt er mit nur 56 Jahren an einem Schlaganfall.

Die Liste seiner Einzel- und Kollektivausstellungen ist lang. Seine Ölbilder wurden nicht nur auf den Philippinen, sondern auch in Amerika, Frankreich, Schweden, Indien, Australien und Deutschland (München, 1985) präsentiert. Einige seiner Bilder gehören zum ständigen Ausstellungsgut des Philippine National Museum in Manila. Ein Ausschnitt seiner Werke findet sich auch auf folgenden Homepages:

http://www.olvera-street.com/html/work_of_papo_de_asis.html

http://www.w3art.com/Papodeasis.html/dpo1/stmnt.html

http://www.laluzdejesus.com/shows/previousshows/1999shows/deasis.htm

In unserer kurzen Werksbetrachtung haben wir drei Schlüssel-Bilder herausgegriffen, um das Werk von Papo de Asis zu charakterisieren.

Das eingangs vorgestellte Bild „Viva Espana" zeigt einen einschwebenden spanischen Infanten im prächtigen Ornat. Das „schöne" Bild wird jedoch beträchtlich gestört durch eine mit Hellebarden und Schwertern bewaffnete Soldateska, zu deren Füssen sich – fast versteckt – niedergemetzelte Körper und Totenschädel befinden. Ein Priester segnet das blutige Spektakel. Narren und teilnahmslose Würdeträger stehen im Hintergrund.

 

Ein anderes Bild mit dem Titel „Christendom" ist schwieriger zu interpretieren. Wir sehen in einem Bildausschnitt einen in bunte Tücher gehüllten Leichnam, dessen Hände gebrochen sind und die man vielleicht einem Igorot-Häuptling zuordnen kann. Das eigentlich Signifikante am Bild ist – neben den gebrochenen Händen - jedoch ein kleines, eher unauffälliges Kreuz, das man dem Toten flugs beigegeben hat. Man könnte die Beigabe des Kreuzes auch als Usurpation und Entwertung der Eingeborenen-Kultur – hier repräsentiert durch die kostbaren Tücher - durch die christliche Kolonialkultur interpretieren. Mit dem Tod und der Religion hat sich der Maler öfters beschäftigt. Religion segnet für ihn häufig vorhandene Not und Elend ab. Der Künstler witkt antiklerikal.

 

Manche Bilder sind eindeutiger. So scheut sich Papo nicht, in einem Gemälde einen Arbeiter unter einem Transparent mit der Aufschrift „ Friede, Gerechtigkeit, Demokratie" abzubilden. Auch unser letztes vorgestellten Bild mit dem Titel „Parables of War II" beinhaltet eine klare Aussage: Die anhaltende weltweite Aufrüstung geht zu Lasten der Ernährung und Ausbildung vieler Kinder. Damit folgt der Künstler seinem Leitmotiv: „My paintings yearn to bet he anguished expression of a people long denied of justice and equality"(Meine Bilder wollen Ausdruck der Qualen eines Volkes sein, dem lange Gerechtigkeit und Gleichheit verweigert wurde).

Wer die zahlreichen Kunstgalerien Manilas nicht aufsuchen kann, dem ist vielleicht mit folgendem abschließenden Hinweis gedient. Es gibt einige philippinische Galerien, die sich mit ihrem aktuellen Bilderangebot auch im Internet präsentieren. Dazu gehört die Galerie Joaquin. Sie ist über den folgenden Link erreichbar. Auf der Homepage der Galerie findet sich ein vielfältiges Bildangebot an moderner Kunst zu vergleichsweise moderaten Preisen.

© Wolfgang Bethge, 2006


(1) Papo De Asis - Art Statement, in: http://www.w3art.com/Papodeasis.html