Philippinische Miniaturenmaler des 19. Jahrhunderts

 – Damian Domingo, Jose Lozano und Justiano Ascuncion -

Wir befinden uns in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Hafen von Manila ist von den spanischen Autoritäten zum Freihafen erklärt worden und öffnet sich dem internationalen Warenhandel. Ein wirtschaftlicher Aufschwung zeichnet sich ab, an dem eine kleine begüterte Mittelschicht partizipiert, deren Vertreter sich auch gerne porträtiert sehen möchten. Man soll sehen, wer man ist und wie weit man es gebracht hat. Auch die Fremden anderer Nationen, die nunmehr verstärkt das Land besuchen, hätten gerne Bilder  – weniger von sich selber, sondern von den „exotischen“ Landesbewohnern und ihrer lokalen Umwelt. Kleine gemalte oder gezeichnete Bilder – vielleicht auch in Gestalt von Sammelalben – wären da ein ideales Reisemitbringsel. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang, dass die Fotografie noch nicht erfunden ist.   

Die Nachfragelücke nach kleinformatigen Porträt- und Genrebildern füllen ab den dreißiger Jahren Maler aus, die man dem Malstil des „miniaturismo“ zuordnet. Der „miniaturismo“ orientiert sich stärker an chinesische Maltechniken. Dunkle Hintergründe, Perspektiven, Licht- und Schatteneffekte, wie sie die westeuropäische Malerei kennt, bleiben weitgehend ausgeblendet. Die recht  farbigen Bilder entstanden unter Zuhilfenahme von deckenden und halb deckenden Wasserfarben, die man mit feinen und feinsten Pinseln teilweise auf  Manila-Papier aufträgt. Dieses beige-farbige Papier ist aus Manila-Hanf gefertigt, die Faser sind noch auf dem Papier erkenntlich. 

Die Hauptvertreter des philippinischen „miniaturismo“ sind Damian Domino, Jose Lozano und Justiano Ascuncion. Wir wollen sie im nachfolgenden vorstellen. Die Bildbeispiele sind in unserem Beitrag stark verkleinert.  

1. Damian Domingo (1796 – 1834) 

Damian Domingo ist des Öfteren als der „First Great Filipino Painter“ bezeichnet worden. Vermutlich soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass er der erste Filipino ist, der wie ein Pionier die Grenzen des bloß Kunstgewerblichen überschreitet. Er ist als Sohn chinesischstämmiger Eltern 1796 geboren worden. Die Eltern hatten im Zuge der  Clavaria-Namensreform (a) einen spanischen Namen angenommen und waren zum Christentum konvertiert. 

Vermutlich hat er in jungen Jahren beim Militär gedient, denn es gibt ein Selbstbildnis von ihm, das ihn in Militäruniform zeigt. Früh fällt er – der auch auf dem Sektor der Kirchenmalerei tätig war - durch seine Porträtstudien auf. Ein reicher spanischen Oberst ist von seinen Künsten sehr angetan und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Dort lernt er die Tochter des Oberst kennen. Domingo darf die Tochter heiraten. Aus der Ehe gehen zehn Kinder hervor. Er lernt einen katholischen indischen Seidenhändler aus Madras kennen. Dieser erteilt ihm den Auftrag, insgesamt sechs Alben mit Darstellungen der damals üblichen Kleidungen und typischen Beschäftigungen  zu erstellen. 

1821 gründet Domingo die erste Kunstschule auf den Philippinen im Stadtteil Tondo. Sie wird 1826 mit einer neu gegründeten Kunstakademie fusioniert, deren Direktor Domingo wird. Ein bestimmendes Prinzip der Kunstakademie wird die Gleichheit der Rassen und die Ablehnung von rassistischen Diskriminierungen sein. In seiner Lehre vermittelt Domingo auch Techniken westlicher Kunstrichtungen, ohne sie völlig zu adaptieren. 

Schon 1834  mit nur 38 Jahren verstirbt Domino. Die von ihm mit begründete Kunstakademie muss wegen Finanzierungsschwierigkeiten zwei Jahre später schließen.   

Man rühmt an Domingo insbesondere sein akribisches „fotografisches Auge“. Er begründet auf den Philippinen,  - jenseits der Kirchenbilder - einen dem Alltag durchaus zugewandten  malerischen Realismus. Streckenweise soll er in seinem minuziösen Bemühen Pinsel mit nur einer Zobelborste verwandt haben. 

Zu den vorgestellten Bildern: 

Beim „Landarbeiter“ erscheint die Hut- und Wadendarstellung etwas sonderbar. Er trägt -  wie auch die Fischverkäuferin – noch keine Schuhe. Schuhe sind dem etwas wohlhabenderen Stadtvolk vorbehalten und bedecken dann gerademal die Zehen. – Der Tagaloge erscheint mit seiner Rockkleidung fast weiblich, wäre da nicht sein vermutlich aus dem Ausland importierter Zylinder. - Ein nach vorne gerichteter, wohl auch etwas sperriger Zweispitz mit kleiner Quaste gibt einem Priester aus Manila ein unverwechselbares Profil. -  Die Wiedergabe einer Fischverkäuferin ist ein für diese Zeit wohl eher überraschendes Bildmotiv.  „Frau mit Kind“ präsentiert sich mit übergroßem Kopftuch. Zeittypisch und akzentsetzend ist auch das knielange Tuch („Bahag“ / „Malong“), das sie als Überrock über den rotkarierten Rock („Palda“) gewickelt hat. Das Tuch taucht in unterschiedlicher Länge auch bei der Fischverkäuferin und der Krämerin auf. Ein dekoratives Halstuch („Panuela“) schmückt die Krämerin.  

Das Ayala-Museum, Manila  zeigt übrigens seit 2007 eine Ausstellung mit Werken von Domingo. Einige Ausstellungsstücke – wie die Alben – wurden dem Museum leihweise für fünf Jahre zur Verfügung gestellt.   

 

2. JUSTINIANO ASUNCION (1816-1901)  

Der 1816 in Sta. Cruz, Manila als elftes von zwölf Kindern geborene Ascuncion war Schüler von Domingo. Neben Porträt- und Genrezeichnungen malt er auch Kirchenbilder, die jedoch zum größeren Teil bei einem Bombenangriff auf die Kirche in Sta. Cruz 1945 zerstört wurden. Zu seiner Biografie ist weiterhin anzumerken, dass er ab 1855 Ortsvorsteher von Sta. Cruz („Capitan Ting“) wird und somit auch ein politisches Amt ausfüllt. Er stirbt hochbetagt mit 96 Jahren.  

Ascuncion malt seine kleinen Gouachen sehr minuziös und ohne größere Zwischentöne mit Wasserfarben. Die hier vorgestellten Bilder sind im Regelfall 32x 26 cm groß und sind in den 40er, 50er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden. Viele davon sind heute als nationale Schätze in der Central Bank of the Philippines Museum aufbewahrt.

Zu den vorgestellten Bildern: 

Der „Reiche Mestizo“ präsentiert sich wie ein müßiggängerischer Stenz mit Halskettchen, Schirm und Zylinder. Zylinder und Taschentuch sind vermutlich Importwaren aus Europa. Der sicherlich teure, reich bestickter Barong (b) ist fast durchsichtig und wird über einer Seiden-Hose getragen.  – Zu den schönsten Bildnissen von Ascuncion gehört sicherlich der „Mann mit Hahn“. Stolz trägt er seinen Kampfhahn auf seinem Arm, für den er vielleicht einen Sparringspartner sucht. Ein weiter Palmhut soll vor Sonneneinstrahlung schützen. – Auffällig auch der „Offizier der Monopolüberwachung“ („guardia di vino“), der den Vertrieb von Monopolgütern wie Arrak und Tabak überwacht und für die Regierung die Abgaben eintreibt. Der Hut ist aus gespleißtem Zuckerrohr mit farbigen Graseinlagen gefertigt und weist einen Bürzel aus Pferdehaar auf. – Der von einem Jungen geführte Bettler fällt durch sein abgetragenes, erdenfarbiges Gewand, den großen Hut wie überhaupt als Bildmotiv auf. – Die „Mestiza“ trägt ein blaugestreiftes Hemd mit Manschetten, wie es auch bei den Männern üblich war. Über dem rot-gelb gewürfelte Unterrock trägt sie ein eng gewickeltes blaues Tuch. Das fein gestickte Halstuch dürfte aus Ananas-Fasern gefertigt sein. Das Haar ist hochgesteckt. -  Bei der „Spanischen Mestiza  - Manila“ liegt ein ähnlicher Kleidungsstil vor. Auffällig das große Taschentuch und die hüft- bis knielangen Haare, die damals üblich waren. Mit Palmöl verlieh man den Haaren Glanz. – Die „Alte Frau“ hat eine Riesenzigarre im offenbar zahnlosen Mund. Diese großen Zigarren wurden auch „Familien-Zigarren“  genannt und an andere weitergereicht. Sie hat einen Stampfer in der Hand, mit der sie Betelnüsse zerkleinert. Das „Mädchen vom Land“ trägt einfachere, weniger bunte Kleidung. Ihr Schirm ist vermutlich aus Ölpapier gefertigt. 

3. Jose Honorato Lozano (1821 – 1885) 

Über Jose Lozano, gleichfalls ein Schüler von Domingo, ist biografisch nur wenig bekannt.  Er ist als Sohn eines Leuchtturmwärters in Sampoloc in der Nähe Manilas geboren. 

Bei ihm liegt der Schwerpunkt mehr auf szenischen Darstellungen, die er oft kunstvoll arrangiert. Seine oft nur postkartengroßen bunten Bildmotive sind von der chinesischen Malerei inspiriert und sind in Intramuros und der Umgebung von Manila angesiedelt. Sie wollen eine Geschichte erzählen.  Stärker als seine Kollegen bezieht er den Hintergrund in seine Darstellungen mit ein. Die Bilder sind vielleicht etwas bonbonfarbig und wollen idyllisch-schön wirken.  

Die Bilder sprechen weitgehend für sich. Es handelt sich um landestypische Szenen: Filipinos beim Kartenspiel, beim Braten eines Schweines am Spieß (lechon bubay) oder in einer Pferdekutsche (kalessa).  Das Motiv „Filipinos beim Fußballspiel“ mag überraschen, aber es handelt sich nur um eine Art Fußball. Fußball in der uns bekannten Art wurde erst um 1860 in England umfassend geregelt. Zudem sind wohl die Frauen mit den knallfarbigen, bodenlangen Röcken der primäre Augenfang.  

Insbesondere Ausländer haben  die Blätter und Alben von Lozano gekauft und es war relativ schwer für die philippinischen Kunstsachverständigen wieder geschlossene Sammlungen herzustellen. Es wird das Verdienst von Jose Maria Carino, Erstem Sekretär an der philippinischen Botschaft in Madrid, bleiben, der Öffentlichkeit 2002 mehr als 100 Reproduktionen in einem Buch wieder zugänglich gemacht zu haben.  

© Wolfgang Bethge, 2008


(a)    Vgl. W. Bethge, Warum die meisten Filipinos spanische Nachnamen haben, in: http://bethge.freepage.de/spanischenamen.htm

(b)   Vgl. W. Bethge, Der Barong, http://bethge.freepage.de/barong.htm

(c)    Cariono, Jose Maria A., Jose Honorato Lozano: Filipinas 1847, Ars Mundi, Philippinae, 2002, 299 $ - Preiswertere Lithografien einzelner Blätter ab 17 Euro gibt es hier: http://www.kunstkopie.de