Schönheit und Schrecken des Mount Mayon

Die Philippinen liegen im Verschiebungsbereich dreier  Erdplatten, die mit verschiedenen Bewegungsrichtungen aufeinander stoßen, sich untereinander schieben und tektonische Störungen auslösen. Die größte Störungszone („Philippinen-Störung“) verläuft in Nord-Südrichtung von Luzon bis Mindanao und hier entlang dieser Linie finden sich die meisten der etwa zwanzig aktiven Vulkane auf den Philippinen.  

Der aktivste – aber auch der schönste – Vulkan in diese Kette von Vulkanen ist der bei Legaspi gelegene  Mount Mayon. Die Silhouette seiner fast perfekten Dreiecks- oder Kegelform dominiert das Panorama des östliche Landschaftsbild der Provinz Albay. Auch wenn der Mount Mayon mit 2462 Metern nicht sonderlich hoch ist, so baut er sich doch - mit seinen Umfang von ca. 130 Kilometern - wie ein übergroßer König Ubu vor dem sich klein vorkommenden Betrachter in der Ebene auf. Steil fallen die dunklen Bergflanken in grüne Kokosnusswälder oder fruchtbare Reisfelder ab. Fast ständig zeigt sich ein Dampfkranz den Kraterrand und häufig steigt ein weißer Ring von Wolken am späten Vormittag den Berg auf, der dann teilweise verdeckt wird. Mit bloßem Auge gut ersichtlich sind die von heißen Lavaströmen geschaffenen rot-gelblichen, manchmal auch schwarzen Schluchten tief ausgewaschener  Berg-Canyons, deren Zahl bei vierzig liegen soll.  

Nach vorherrschender Meinung haben die beiden jungen Schotten Paton und Steward 1858 den Berg erstmalig bestiegen. Dies ist Bergsteigern unter der dringlich empfohlenen sachkundiger Leitung einheimischer Bergführer auch heute noch in 2 -3 Tagestouren möglich, wenngleich die Zahl der offiziellen Routen wegen der Gefährlichkeit des Berges auf die Südwestroute beschränkt wurde und nur ein beschränkter Kraterzugang möglich ist. Über Routenverläufe und deren möglicherweise tödlichen Risiken (Gefahr des Verirrens in den Sackgassen des Canyons am Bergfuß / Überflutung der Canyons bei Regen / großes Unfallrisiko durch rutschige Steilstufen und Steinschlag / giftige Dämpfe) informiert gut der Reisführer von Jens Peters (1) beziehungsweise Jens Edelmann auf seiner Internetseite unter  www.vulkane.net/reportagen/repmayon.html .

Der Bergsteiger wird zunächst den Weg über die felsigen Berg-Canyons nehmen, die eine Wandhöhe von über einhundert Metern erreichen können und in denen sich Salze und Schwefel abgelagert haben. Die Vegetation wird dabei stets kärglicher. Bis 1800 Metern  liegt verfilzter Sekundärdschungel mit Zonen von mehreren Meter hohem Tulahibgras vor. Es folgen Bergabschnitte, die durch  Flechtenwuchs bestimmt sind. Auf dem Weg zur Spitze wird man gewaltige geschmolzene Felsblöcke, die Haushöhe erreichen können, wahrnehmen.  Zuletzt präsentiert sich der Berg als kahle lockere Gesteinswüste mit  einem arg zerrissenem Kraterrand, aus dem wasser- und  schwefelhaltige Dampfwolken absetzen. Wissenschaftler haben errechnet, dass der Mount Mayon täglich durchschnittlich 745 Tonnen Schwefel in die Luft abgibt.  

Während der Pinatubo nach historisch langer, langer Zeit der Ruhe in der Gegenwart nur einmal im Jahre 1991 auf massivste Art und Weise explodierte, ist der Mount Vulkan ein kontinuierlich gefährlicher Vulkan.  Gefährlich ist er insbesondere  unter dem Aspekt, dass ca. 560.000 Einwohner (120.000 davon in der Großstadt Legaspi, die nur 11 Kilometer Luftlinie entfernt vom Krater liegt) in seinem dreifach gestaffeltem Gefahrenbereich leben und an den besonders gefährdeten aber fruchtbaren Berghängen durch Tausende von Bauern zum Beispiel ein intensiver Kartoffel- und Gemüseanbau erfolgt, wie man ihn ansonsten nur vom nördlicher gelegenen Baguio kennt.  

Eine Eruption kann sich durch bestimmte Vorzeichen ankündigen: (a) durch stärkere Erdbebenwellen, (b) Bodenbewegungen durch Magma-Störungen, (c) Verfärbung der Rauchwolke von weiß nach grau durch stärkere Ascheneinlagerung, (d) Volumenerhöhung des Dampfausstoßes, (e) Kraterglühen durch aufsteigende Magma, (f) grollende Geräusche infolge von Gasexplosionen, (g) Felsabgänge und Erdrutsche, (h) Risse am Berg (seltener). Diese Vorzeichen werden von den Vulkanologen genau beobachten, wenn sie die von Grad 1 bis 5 reichenden Alarmstufen festlegen. 

Es werden verschiedene Typen der Eruption unterschieden. Bei einer strombolianischen Eruption  (z. B. 1978) erfolgt nur ein relativ ruhiger Lavaausfluss. Bei einer vulkanische Eruption  (z.B. 1984) kommt es zu heftigen Explosionen verbunden mit unterbrochenem Ausstoß von pyroklastischem Material. Extrem heftige Explosionen mit ununterbrochenem pyroklastischem Auswurf kennzeichnet den plinianischen Typ von Eruption (z. B. 1814). 

Erstmals dokumentiert wurde ein Ausbruch des Mount Mayon 1616 von holländischen Seefahrern. Die Geschichte der Eruptionen registrierte bis heute weitere knapp fünfzig mittlere bis schwere Ausbrüche. Zu nennen sind insbesondere Ausbrüche der Jahre:   

1766

 

1776 heftiger Ausbruch

1900

1814 : stärkster Ausbruch mit ca. 1200 Toten und globalem Klimaeffekt

1902

1827

Längere Pause

1834

1928: sehr heftiger Ausbruch

1835

1938

1839

1939

1845

1941

1846

1943

1851

1947

1853

1968: heftiger Ausbruch

1855

1978 : heftiger Ausbruch

1857: heftiger Ausbruch mit Klimaeffekt

1984: heftiger Ausbruch / Evakuierung von 70.000 Personen

1858

1993: heftiger Ausbruch / Asch und Dampf wird 5 Kilometer hoch geschleudert / heiße Schlammfluten und Gesteinstrümmer  am Südosthang / Vulkanspitze beeinträchtigt / Evakuierung von 60.000 Einwohner / 86 Opfer

1871

2000: weniger heftig / 3 km hohe blumenkohlartige Aschenwolke / Evakuierung von 100.000 Einwohnern im Radius von 10km  - Bildmaterial unter : http:// news.bbc.co.uk/1/hi/world/asia-pacific/656668.stm     und   http:// news.bbc.co.uk/1/hi/world/asia-pacific / 660943.stm 

1897 : sehr heftiger Ausbruch mit 350 Tote und globalem Klimaeffekt das Erdbeben wurde sogar in Europa bemerkt

2001: weniger heftig / Asche und Dampf wird 7  Kilometer hoch geschleudert / Evakuierung von ca. 100.000 Menschen

Die These, dass der Vulkan alle zehn Jahre stärkere Ausbrüche zu verzeichnen hat, wird von Fachleuten wie auch unserer Statistik verworfen. Der Zeitpunkt von Ausbrüchen ist mittel- und langfristig nicht kalkulierbar. Roland Hanewald führt hierzu fast schon sarkastisch aus: „Vulkanologen sind hinsichtlich des unberechenbaren Berges sehr pessimistisch. Es gibt Anzeichen, sagte mir ein amerikanischer Fachmann, dass es dort einmal zum ganz großen Knall kommen könnte, einschließlich einer komplett kollabierenden Osthälfte. Dort, in rauem Terrain, haben sich unter anderem einige Deutsche angesiedelt. Glück, viel Glück, für ein langes Leben ist ihnen zu wünschen. Vielleicht lässt der Zufall ein paar Jahre Gnade walten.“ ( 2)

Die Eruptionen des wohl aktivsten Vulkans auf den Philippinen in den neunziger Jahre sind auch im Internet – zum Beispiel unter http://www..phivolcs.dost.gov.ph/Volcanoes/Mayon/MayonIndex.html relativ ausführlich beschrieben worden. Deshalb beschränken wir uns hier auf die Darstellung des stärksten Ausbruchs des Mount Mayon im Jahre 1814 und den damaligen Untergang des Ortes Cagsayan, auch wenn dieser historische „Big Bang“ nun fast schon 200 Jahre her ist und die Dokumentenlage eher dürftig ist.  

Die Bewohner von Budiao gründeten 1587 den Ort Cagsayan, weil sie sich am alten Ort ständig durch Ausbrüche des Mayon bedroht fühlten. Sie zogen in eine – nach heutiger offizieller Sicht – eher gemäßigt gefährdete Zone, etwa 12 km  Luftlinie vom Bergzentrum entfernt und bauten 1605  eine erste Kirche, die sie „Nostra Signora De la Porteria“ widmeten. Der Ort begann durch seinen Handel und die ertragreiche Landwirtschaft schnell aufzublühen. Der Wohlstand indessen lockte auch nicht erwünschte Besucher an – so wurde der Ort in der Folgezeit von marodisierenden Piraten aus dem Süden aber auch von plündernden Holländern (1636) heimgesucht.  Später baute man sie mit handzisilierten Vulkansteinen neu auf und schmückte die Glocken mit Gold- und Silberornamenten.  

Dann jedoch kam am 1. Februar 1814 der große Katastrophentag. Schon am vorhergehenden Abend waren Erdstöße zu verspüren. Pater Francesco Tuibino schilderte die Ereignisse aus dem weiter westlich gelegenen Guuinobatan 1816 wie folgt: 

„Nach weiteren Erschütterungen am Morgen spie der Berg plötzlich aus seinem Rachen etwas wie Schnee aus, das sich pyramidenförmig erhob, und die schöne Gestalt eines Federbusches annahm. Da die Sonne hell schien, so gewährte die vernichtende Erscheinung verschiedene schöne Anblicke. Der Berg war an seinem Fuß schwarz, weiter aufwärts dunkel, in der Mitte bunt, oben aschfarben. Während der Betrachtung des Schauspiels wurde ein heftiger Erdstoß verspürt, gefolgt von starkem Donner. Der Berg fuhr fort, Lava mit Gewalt auszustoßen, während die Wolke, die er bildete, sich allmählich vergrößerte. Die Erde wurde verdunkelt, die Luft brannte, man sah aus der Erde Blitze und Funken kommen, die sich durchkreuzten und ein furchtbares Gewitter bildeten. Darauf folgte unmittelbar ein Regen von großen brennenden und verbrannten Steinen, die alles, was sie trafen vernichteten und verbrannten, bald darauf kleine Steine, Sand und Asche. Dies  währte über drei Stunden, die Dunkelheit etwa fünf.“ (3) 

Ein anderer Augenzeuge berichtet: „Um 8 Uhr Morgens warf der Berg plötzlich eine dicke Säule von Steinen, Sand und Asche aus, die sich schnell in die höchsten Luftschichten erhob .. Die Seiten des Vulkans verschleierten sich und verschwanden von unseren Blicken. Ein Feuerstrom stürzte vom Berg herab und drohte uns zu vernichten .. Alles floh und suchte die höchsten Punkte auf. Das gewaltige Geräusch des Vulkans setzte alles in Schrecken. Die Finsternis nahm zu. Die Fliehenden wurden zum Teil von herabfallenden Steinen erschlagen .. die Häuser gewährten keinen Schutz, da die glühenden Steine sie in Brand steckten. .. Gegen zehn Uhr hörte das Herabfallen der großen Steine auf, ein Sandregen trat an die Stelle; um halb zwei Uhr ließ das Getöse etwas nach, der Himmel klärte sich allmählich auf. Der Boden war mit Leichen und Schwerverwundeten bedeckt  .. Der Anblick des Vulkans ist traurig und schrecklich, seine früher so malerischen, reich bebauten Abhänge sind mit Sand bedeckt, furchtbar dürr ... Die Kokosbäume bis in die Wipfel begraben .. (4) 

Beträchtliche Teile von Albay und Guinobatan mit den Städten Camalig, Budiao und Cagsawa wurden durch rotglühende Lavaströme und das Bombardement mit heißem Gestein und Felsbrocken an diesem Katastrophentag ganz oder teilweise zerstört und verbrannt. In Cagsawa hatte der Priester seinen Messdiener um 8.30 Uhr die Glocken läuten lassen, um die Einwohner vor der Eruption zu warnen. Hunderte von Einwohnern suchten danach mit Kerzen in der Hand Zuflucht in der Kirche. Doch dies war eine keine gute Option. Der Kirchenraum wurde zur unentrinnbaren Falle, weil sich eine Lavazunge schnell auf die Kirche zu bewegte und das Kirchengebäude zusammen mit Aschenregen zum größeren Teil überdeckte. Der Ort Cagsawa wurde ausradiert und hatte insgesamt mehr als 1200 Opfer zu beklagen. Überlebende errichten eine Nachfolgerkirche in Daraga.  

Heute erinnert nur noch ein verwitterter Oberteil des Glockenturms sowie einige Pfarrhaus- und Konventmauern  an die damaligen Ereignisse von Tod und Schrecken. Wie ein „mahnende Finger“ (Albrecht G. Schaefer) erhebt sich inmitten grüner Reis- und Grasfelder die schwärzliche Ruine des Kirchturms malerisch vor der Kulisse des Mount Mayon. Wie ein überdimensionierter Grabstein erinnert der Turm an die Toten und die schöne Gefährlichkeit des Mount Mayon. Für Carlos Gegantoca (5) sind die Ruinen ein philippinisches Gegenstück zu den Ruinen von Pompeji.  Man hat die stummen Überreste der Kirche über die Jahrhunderte nicht angetastet, wenngleich auch schon Archäologen und Schatzgräber (so hält sich u.a das Gerücht, dass sich unter den Toten auch reiche Spanier befanden) an Grabungen dachten.  

Cagsawa und seine verwitterten Ruinen sind heute Teil eines vom Tourismusministerium ausgezeichneten Parks und vielfach fotografiertes touristisches „Highlight“, das täglich durchschnittlich von rund einhundert Besucher aufgesucht wird. Gar mancher Besucher hat sich in Form von Graffitis im Mauerwerk verewigt („I was here“). Der Tourismus hat den Ort, den man über Legaspi und Daraga erreicht, in gewissem Umfang auch  kommerzialisiert. Eintrittsgeld wird erhoben und zahlreiche Händler und Shops bieten Orchideen, Pili-Nüsse, Flechtware, Kunstgegenstände und Souvenirs zu guten Preisen an. Wer will kann auch Logis in einem klimatisierten Cottage nehmen, sich an einem Swimmingpool vergnügen oder in der Social Hall vielleicht dem Vortrag eines Geistheilers lauschen. Besinnlichere besuchen vielleicht eine - der jeden ersten Freitag im Monat stattfindenden abendlichen - Messen im Freien, die mitunter ein Bischof leitet und bei der ein halb verbrannter, autogroßer Vulkanstein als Altar genutzt wird.  

Man darf annehmen, dass hier Anmut der „Beauty Lady“ („magayon“ heißt in der Sprache Bicols „schön“) angesprochen wird - sicherlich verbunden auch mit dem Hinweis auf  die Hinfälligkeit menschlichen Lebens angesichts der jederzeit ausbrechenbaren furienhaften Urgewalt des Vulkans Mayon.

© Wolfgang Bethge, in 2003


 (1) Jens Peters, Philippinen Reise-Handbuch, Bremen, 2002, S. 400 f

(2) Roland Hanewald, Philippinen Abenteuer-Handbuch, Bremen, 1966,  S. 372

(3) zitiert nach: F. Jagor, Reisen in die Philippinen, Berlin, 1982, S. 71

(4) zitiert nach: F. Jagor, Reisen in die Philippinen, Berlin, 1982, S. 70

(5) Carlos Santos Gegantoca, Inquirer News Service