Das Nasen - Märchen

Eines Tages, als der Himmel noch so niedrig war, dass man ihn mit der Hand berühren konnte, rief der große Weltenschöpfer Bahala alle Menschen zusammen - die Weißen, die Schwarzen, die Braunen und auch seine Pinoys. Sie sollten kommen und sich die schön geformten Nasen abholen. 

Die Nasen waren hübsch in einem Haufen hergerichtet, so dass jeder eine herausgreifen konnte. Die, die zuerst kamen, hatten natürlich die größere Auswahl unter den vielen kleinen, großen, breiten oder spitzen Nasen. 

Auch die Filipinos erhielten die Nachricht rechtzeitig. Sie ließen sich jedoch Zeit und ignorierten zunächst die Botschaft - Bahal na Bukas, sagten sie sich. Morgen ist auch noch ein Tag.  

Die Weißen und Schwarzen pünktlich. Sie griffen in den Nasenhaufen und setzten sich  diese und jene probehalber auf. Schließlich hatte ein jeder die Nase gefunden, von der er annahm, sie sei die Passenste und Schönste. 

Als die Pinoys mit langsamem Schritt eintrafen, hatte sich die Sonne schon gesenkt und der Versammlungsplatz war bereits leer. Einige schöne, spitze Nasen befanden sich noch ganz oben im Haufen. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, die kleinwüchsigen Pinoys konnten mit ihren etwas kurzen Armen die spitzen Nasen ganz oben nicht erreichen. 

Sie konnten nur nach den Nasen greifen, die bereits zu Boden gefallen waren und die schon so mancher Fuß flach gedrückt hatte. Was blieb den Filipinos übrig? Da die Dunkeheit einsetzte, mussten sie mit den flacheren Nasen vorlieb nehmen. 

So kommt es, dass viele Filipinos über eine flache Nase verfügen. Und weil sie auf ihre flachen Nasen nunmehr auch stolz sind, mussten sie ihre Zeitmaßstäbe bis in die Gegenwart hinein nicht ändern. 

Profanere Zeitzeugen entzaubern freilich unser Märchen. Sie meinen, dass sich die Filipinos an Schaufenstern ihre Nasen platt drücken. Sie wollen die Waren, die sie sich nicht leisten können, zumindest sehen.

 W. Bethge, in 2007