Der Netzpython - sein philippinisches Umfeld

Nein - man möchte man ihn doch lieber nicht zum Bettnachbarn haben, den Netzpython mit seinem massig gestreckten, zur Umklammerung bereiten, dunkel gemusterten Leib, den kleinen kalten Augen und der gegabelten Zunge. Der Schreck wirkt peitschenartig, wenn er dann noch das Maul aufreißt und die Sicht auf seine vielen Fangzähne freigibt. 

Und dennoch  … folgt man dem  philippinischen Historiker Ambeth R. Ocampo (1), dann wurden noch im 19. Jahrhundert junge Pythons in Kübeln von den Straßenhändlern Manilas als Haustiere zur Rattenbekämpfung angeboten. Von Katzen nahm man Abstand, da diese sich zu schnell vermehrten. Der Einsatz von Gift hatte oft stinkende Kadaver zur Folge und in Fallen konnten auch die Finger kleiner Kinder geraten. Der Python war das Mittel der Wahl, offenbar hingen sie zumeist schlafend an der Hausdecke.  

Einer Sage von Mindanao nach war die Pythonschlange in grauen Vorzeiten eine Art Lebensgefährte des großen Weltenschöpfers Makalindung („The Shaker“). Heutzutage trifft man den Netzpython wohl eher in den Regenwäldern Südostasiens an. Sie bevorzugen eine  Nähe zum Wasser, nisten als gute Kletterer gerne in Baumhöhlen oder sie verstecken sich zwischen den langen Baumwurzeln. Ab und an werden sie sogar in den Städten angetroffen, wo man ihnen jedoch oft keine gesteigerte Medienbeachtung schenkt. Pressebekannt ist jedoch ein etwa vier Meter langer Netzpython geworden, den man im Mai 2005 in Manilas South Forbes Park auf dem Gelände der International Montessori School, Manila fand (2). Eine Beute wölbte sich in seinem Bauch. Man nahm an, dass die Schlange vielleicht einen Hund oder eine Katze erbeutet hatte. Es wurde jedoch kein Tier als vermisst gemeldet. 

Die Nachricht stützt ein wenig die Theorie, dass der Netzpython zunehmend zum „Kulturfolger“ wird, der seine Beute auch in dichter besiedelten Gebieten zum Beispiel in Gestalt von Ratten, Hühnern, Katzen und Hunden finden kann. Einen Sturm der Entrüstung gab es auf den nicht unbedingt sehr tierfreundlichen Philippinen, als bekannt wurde, dass auf Bohol ein Pythonbesitzer seiner fast sieben Meter langen Pythonschlange „Prony“ Hauskatzen und Hunde zum Fraß anbot.  Unter Bezugnahme auf das „Animal Welfare Act“ forderte man ihn auf, diese Art von Fütterung einzustellen (3).  

Der Netzpython (Python reticulatus) gehört zur Familie der Riesenschlangen. Ausgewachsen erreicht er normalerweise eine Länge von 5 - 7 Metern. In einem Zoo auf Jakarta hielt man jedoch eine auf der Insel Sumatra gefangene Python-Schlange, die stattliche 14,85 m lang und 447 kg schwer gewesen sein sein soll. (4) Die Angaben werden jedoch bestritten. Weibliche Pythons sind grundsätzlich länger und auch schwerer. Die Grundfärbung der leicht glänzenden Haut ist  etwas variabel und reicht von gelb- bis dunkelbraun. Sie ist durchsetzt mit einer unregelmäßigen, manchmal fleck- oder rautenförmigen hell- bis dunkelbraunen Musterung. Die Pythonschlange sieht und hört schlecht, dafür verfügt sie aber in der Mundzone über Wärmerezeptoren, die eine Art Infrarotbild der Umgebung und der möglichen warmblütigen Beutetiere liefern. Mittels des Jacobson-Organ der ein- und ausfahrenden Zunge wird die Luft zudem nach interessanten Geruchstoffen gefiltert. 

Netzpythons schleichen sich lauernd an ihre Beute heran und schnellen dann in die Richtung ihrer Beute. Festgehalten wird die Beute von bis zu 200 scharfen, einwärts gebogenen Zähnen, die auch zu Bißverletzungen führen können. Die Pythonschlange verfügt über keinen Giftapparat, jetzt kommen jetzt die enormen Muskelkräfte zum Zuge. Die Beute wird umschlungen und solange zu Tode gedrückt, bis die Atmung des Opfers aussetzt oder das Herz den Bluttransport einstellt. Bei größerer Beute wird der Unterkiefer ausgehängt und so das Maul vergrößert.  Die bis zu 400 Rippen sind durch eine spezielle Bänderkonstruktion in größerem Umfang dehnbar. Das Opfer wird kopfüber als Ganzes heruntergeschlungen und von den Magensäften relativ langsam zersetzt. Bezüglich ihrer Opfer ist der Python nicht allzu wählerisch. Als Beutetiere in der freien Natur werden u.a. Ratten, Eidechsen, Vögel, Hühner, Affen, Mungos und kleinere Schweinearten genannt. In einer Untersuchung auf Sumatra stellte man fest, dass das mittlere Beutegewicht bei etwa einem Kilogramm lag. Es gibt aber auch einen Bericht, wonach ein Python ein Schwein von etwa 60 kg vertilgt hätte. Bei großer Beute ist es in seltenen Fällen dazu gekommen, dass die Beute nicht ausreichend zersetzt werden konnte. Daraufhin setzten Fäulnisprozesse ein und der Körper der Schlange platzte schlicht auf. Läuft dahingegen alles reibungslos, dann kann die Schlange nach großer Beute das Fressen auf Monate einstellen. 

Stellen wir uns noch der Frage, wie gefährlich Python-Schlangen dem Menschen werden können. Von Bissen und schweren, tiefe Verletzungen wird häufiger berichtet. Es sind auch vereinzelte Todesfälle bestätigt worden. Im Internet findet sich eine Abbildung des auf Mindoro 1998 von einem Python getöteten Gumilid Lantod. Aus Pietätsgründen verzichten wir hier auf eine Wiedergabe des Bildes, das ihn im geöffneten Schlangenkörper zeigt. Er war allein und befand sich auf der Jagd nach Fledermäusen (5). Die Umstände, unter denen er getötete wurde, sind nicht bekannt. Gleichfalls im Jahre 1998 tötete in Lucena ein Python  ein zwei Monate altes Baby. Er war in Abwesenheit der Eltern in das Schlafzimmer eingedrungen (6). Todesfälle insbesondere bei Erwachsenen scheinen eine sehr gelegentliche Ausnahme darzustellen, in deren Verlauf das Tier sehr gereizt wurde. Es gibt auch die Vermutung, dass ein erwachsener Mensch aufgrund seiner Schulterbreite technisch für den Pythonfraß weniger geeignet sei.  

Nicht wenige Pythonbesitzer behaupten indessen, dass ihr im Terrarium gehaltener Zucht-Python nicht zuletzt aufgrund der sorgsamen Haltung zahm sei und sprechen ihm sogar eine gewisses Lernvermögen zu. Es bleibt aber eine potentielle Unberechenbarkeit. Der Python-Experte Bernd Klostermann formuliert in diesem Zusammenhang wie folgt: „Vom Verhalten her ist der Netzpython ein Individualist. Einige sind recht friedlich, einige beißen praktisch fast alles was sich bewegt. Da die Schlange recht groß wird, hat sie auch enorme Kräfte, welche man nicht unterschätzen sollte“ (7).  

Abhängig vom Geschlecht werden Pythons nach etwa zwei bis vier Jahren geschlechtsreif. Nach der Paarung legt das Weibchen  - die Angaben hierüber variieren stärker - zwischen 20 - 50 Eier. Sie sind knapp ein halbes Pfund schwer und werden vom Weibchen ca. 80 -90 Tage wachsam bebrütet. Die jungen Schlangen sind nach dem Schlupf auf sich allein gestellt. Sie sind aggressiver als die älteren Tiere, wobei in der freien Natur lebende Pythons generell als aggressiver gelten als Zuchttiere, die man ja in einem gewissen Grade domestizieren kann.  Pythons können 20 - 30 (ausnahmsweise 40) Jahre alt werden. Frei lebende Tiere haben eine kürzere Lebenserwartung. 

Noch ist der Netzpython in Südostasien in freier Wildbahn anzutreffen. Dank seiner höheren Reproduktionsrate gehört er noch nicht zu den vom Aussterben bedrohten Tieren, gleichwohl ist er in seinem Bestand bedroht und im Anhang 2 der internationalen CITES-Naturschutz-Konvention gelistet. Er  wird vielerorts gefürchtet und geächtet; trifft man ihn an, wird unter ängstlichen Einheimischen schnell der Ruf laut, ihn einfach totzuschlagen. 

Hin und wieder wird das Fleisch des Pythons gegessen. Manchmal spricht man auch der Galle heilsame Wirkungen zu. Gejagt wird der Python aber insbesondere wegen der markanten Musterung seiner Haut. Sie ist längst ins Visier der lederverarbeitenden Industrie geraten. CITES berichtet, dass im Jahr 2002 allein 437.500 Häute des Netzpython in den Export gingen(8)

Teile der Schickeria finden es offenbar „In“, mit Brieftaschen, Gürtel, Westen oder Stiefel aus  Pythonleder zu kokettieren. Die Modefirma Forzieri verlangt zum Beispiel für nebenstehende Blazer aus Pythonleder stolze 2340 € (9). Bei Gucci gibt es dazu passende Handtäschchen für etwa 650 US $.   

 

Wolfgang Bethge, in 2007

 

(1)  Ambeth R. Ocampo, Street vendors in old Manila, in: http://www.seasite.niu.edu/Tagalog/Modules/Modules/Philippine Economy/ocampo_article.htm

(2)  14-foot long python found in Makati school,  in: http://www.mb.com.ph/issues/2005/05/17/MTNN2005051734974.html

(3)  Alburquerque, in: http://en.wikipedia.org/wiki/Alburquerque,_Bohol

(4)  49-foot python captured in Indonesia, in: http://www.markcarey.com/me/discuss-49foot-python-captured-in-indonesia.html

(5)   Lutz Dirksen, Mythos und Giganten, in: www.anakondas.de

(6)   The poisoned World, in: http://www.prn.usm.my/diary/text498.html#philipin

(7)   Bernd Klosterkamp, Netzpython-Haltung, in: http://www.netzpython.de/

(8)   http://www.eriezoo.org/reticulated_python.htm

(9)   http://www.forzieri.com/design/forzieri_blazer_aus.asp