Santo Nino – Figur der Volksfrömmigkeit

Der Figur des Santo Nino begegnet man allenthalben in dem vom Katholizismus geprägten Philippinen - in verschwiegenen Zimmerecken, Kirchen, Kaufhallen, Restaurants, Arztpraxen und vielleicht am Rückspiegel baumelnd in Autos. Nimmt man noch die vielen Erlöserbilder, Heiligenporträts, Marienstatuen und Engeldarstellungen dann gilt wohl die Behauptung: „The catholic religious symbolism is everywhere."

Die Figur des Christuskindes gibt es in Hunderten von Versionen. Es können schlichte Plastik- oder Stoffpüppchen sein. Höherpreisige Varianten haben vielleicht ein Gesicht aus poliertem Elfenbein oder Ebenholz und das Gewand ist vielleicht aus Damast und Samt gefertigt und mit Goldlitzen geschmückt.

Trotz aller Variabilität gibt es eine kegelförmige Grundversion des kindlichen Jesus. Sie wurde im ausgehenden Mittelalter von flämischen Kunsthandwerkern entwickelt. Es ist eine sanft lächelnde, puppengroßen Figur mit leicht weiblichen Gesichtszügen. Über dem wallenden hellen Lockenhaar trägt der Nino in der Regel eine goldfarbene Krone. Einwände, dass der reale Jesus vermutlich nicht im Besitz einer goldenen Krone war, begegnen Theologen mit dem Argument, dass die Krone den „zukünftigen König der Welt" symbolisieren soll. Der fußlange, gekräuselte festlich wirkende Ornatumhang hat als Grundfarben dunkelrot oder grün. Oft ist er gemustert, zum Beispiel mit Abbildungen von Kammmuscheln oder verkleinerten Doppeladlern des vormaligen Heiligen Römischen Reiches (Santo Nino von Cebu). In der linken kleinen Hand hält das Christuskind häufig einen goldenen Weltapfel mit Kreuz (Zepter), die rechte Hand segnet die Welt.

Es gibt auch eine schlichtere Pilgerversion des Santo Nino, bei dem die Krone durch einen krempigen Hut ersetzt ist. Der Pilger-Nino trägt manchmal in der linken Hand, eine Kürbiswasserflasche und Weizenhalme. Die rechte Hand hält einen Pilgerstock oder einen Brot- bez. Blumenkorb. Er ist barfüßig oder trägt Sandalen.  geben, bei der die Krone durch einen krempigen Hut ersetzt wird.

Es ist schon angedeutet worden, dass der Santo Nino „importiert" wurde. Er steht ja als Devotionalie in einer Art Vetternschaft mit dem Infant von Prag und dem Santo Nino von Atocha (Spanien/Mexiko).

Es war Magellan, der nach der Landung auf Cebu der lokalen Königin einen Nino überreichte. Der Nino konnte bei der Glaubensvermittlung gut in die Tradition einheimischer „Anitos" bez. „Anting-Anting", kleinen Statuen und Amuletten zur Geister- und Ahnenverehrung, integriert werden. „Die Grenze zwischen fröhlichem Götzendienst und tiefreligiösen Gefühlen ist auf den Philippinen fließend", schreibt Sylvia Mayuga (1). Magellans früher Kolonialisierungsversuch scheitert jedoch zunächst. Etwa vierzig Jahre später landet Legaspi auf den Philippinen. Cebu wird beschossen und in einem der brennenden Häuser entdeckt man zur großen Verwunderung den damals von Magellan überreichten Nino in unbeschädigtem Zustand. Schnell baut man eine Kapelle.

Es mag sein, dass die damaligen Mönche den Wundern etwas nachgeholfen haben. Erzählt wird, dass der Santo Nino von Cebu angeblich zweimal fest verpackt in Kisten nach Manila geschickt und immer wieder auf wunderliche Weise nach Cebu zurückkehrte. Er soll auch schon einmal als kleiner Junge erschienen sein, der sich einen Fisch vom Markt holte. Dass die Japaner während des zweiten Weltkriegs Cebu wegen Nebels nicht bombardieren konnten und der Santo Nino trotz Kirchenbeschusses nicht von amerikanischen Bomben getroffen wurde, gehört mit zu dem Kranz der wundersamen Begebungen. Immerhin sind einige Wunder des Senor Santo Nino von Cebu von der katholischen Kirche offiziell anerkannt worden.

Jeweils am dritten Sonntag im Januar feiert Cebu den Santo Nino mit der „Sinulog"-Prozession. Sie schließt einen rituellen Tanz ein, bei dem man unter Trommelschlägen zwei Schritte vorwärts und einen Schritt rückwärtsgeht.

Man hat versucht, den Santo Nino stärker in die Lehre mit einzubauen. Er sei letztlich auch eine Inkarnation Gottes. Seine Verehrung komme der gottgefälligen Anerkennung von persönlicher Kleinheit und Schwäche gleich. Er vermittle die kindlichen Tugenden der Demut, Aufrichtigkeit und des Vertrauens. Auch die Kopplung von Weltherrschaft (Königszepter) und Kindlichkeit gelingt einigen Theologen.

Rüdiger Siebert verweist darauf, dass die katholische Kirche „mit dem ausgeprägten Instinkt ihrer Verkünder für Zeremonie, Prunk und Schau, die Augen und Ohren bannen", schnell die besonderen Qualitäten des sympathischen Nino erkannt habe und führt in diesem Zusammenhang aus:

„Gott ist abstrakt von den Theologen vereinnahmt und den einfachen Leuten als drohend und strafend, als unnahbarer Übervater präsentiert worden. Dieses Kind aber, in dem sich Gott mitteilt, sanft, schutzbedürftig und stark zugleich, erschließt sich dem schlichteren Gemüt ... Der Glaube wird greifbar, ganz und gar sinnlich ... In den Jahrhunderten der Ausbeutung und Unterdrückung bot dieser Glaube eine Zuflucht, die irdisches Leid erträglicher machte." (2)

Neu weist darauf hin, dass der Santo Nino nie erwachsen wird. Das Kind in der Krippe, der herausgeputzte Madonnensohn, er reift nie zum Mann von Nazareth." (3). Da dann oft nur vom Tod Jesus berichtet wird, sieht er die Verkündigungsphase von Jesus in der Kirchenlehre auf den Philippinen stärker ausgeblendet.

Wie auch immer – Santo Nino wird auf den Philippinen von vielen in tiefer Gläubigkeit verehrt. Vielleicht in den Visayas mehr als in Luzon, wo die Heilige Maria als Symbolgestalt zum Beispiel in Bildern, Hausaltären, Grotten nach dem Muster von Lourdes und Gartenschreinen stärker in den Vordergrund tritt (4) .

Die Gläubigen bitten Santo Nino zum Beispiel um Fürsprache, wenn der Regen auf den Feldern ausbleibt, Krankheiten oder Seuchen ausbrechen. Santo Nino als Mitglied der sogenannten Heiligen Familie steht auch für ein für ein intaktes Familienleben. Der Familie kommt auf den Philippinen eine herausragende, ja zentrale Funktion zu.

Es gibt - auch im Ausland - religiöse Gruppierungen, die eine Santo-Nino-Figur im von Familie zu Familie wandern lassen. Man findet zum gemeinsamen Gebet, schätzt den dadurch geschaffenen sozialen Kontakt und genießt eine gute Mahlzeit.

© Wolfgang Bethge


 

 (1) Sylvia Mayuga: Die Jungfrau und das Kind, in: Apa Guides: Philippinen, München, 1985, S. 47

(2) Rüdiger Siebert, 3 mal Philippinen, München, 1989, S. 238

(3) Rainer und Maria Paule Neu, Südseetrauma - Eindrücke aus den Philippinen, Neukirchen-Vluyn, 1993, S.136 ff

(4) Vgl. Sylvia Mayuga: Die Jungfrau und das Kind, in: Apa Guides: Philippinen, München, 1985, S. 47

........................................................................................................................................................................................................................