Die stille Sprache der Gesten - Nonverbale Kommunikation auf den Philippinen

Welche Situation wir auch immer herausgreifen – das Käufer- oder Verkäuferverhalten in einem Supermarkt, ein Bewerbungsgespräch oder das Verhalten von Besuchern in einem Fußballstadion - , wir kommen nicht umhin festzustellen, dass wir in einer Welt gestischer und mimischer Signale leben. Der Sozialanthropologe Edward T. Hall vertritt die These, dass sechzig Prozent unserer Kommunikation nonverbal – also ohne sprachliche Ausdrucksformen, nur unter Zuhilfenahme von Mimik, Gesten und anderen Formen der Körpersprache -  erfolge. Auch wenn man sich dieser These nicht voll anschließt, so wird man doch einräumen müssen, dass die  nonverbales Kommunikation einen wichtigen Teil der allgemeinen Kommunikation darstellt und das Erkennen und die Einordnung von  nonverbalen Signalen insbesondere bei der Interpretation von weniger bewusst vorgetragenen Einstellungen hilfreich sein kann.

Nun sind nonverbale Äußerungen schon im selben kulturellen Kontext oft mehrdeutig. Gehobene Augenbrauen können  im westlichen Kulturkreis Zweifel aber auch Arroganz signalisieren, verschränkte Arme - Ablehnung, Isolation, Verschlossenheit oder auch Angst. Es gibt also keine einfache Gleichungen der Art „X bedeutet Y“, oft braucht man zur besseren Interpretation die Kenntnis der sozialen Situation. Andere Kulturen können Körpersignale anders interpretieren – und damit ist eine weitere  Tür für Missverständnisse geöffnet.

Im Nachfolgenden soll deshalb auf einige spezifische Eigenarten der nonverbalen Kommunikation auf den Philippinen eingegangen werden. Dies ist insbesondere unter dem Aspekt gerechtfertigt, dass dem  nonverbale Verhalten hier eine gesteigerte Bedeutung zukommt. Gochenour (1) führt in diesem Zusammenhang aus:

 „Filipinos have a highly developed sensitivity to the nonverbal aspects of communication  .. Filipinos are considerably less dependent on spoken words than are Europeans Americans; They watch their listeners carefully and identify body language cues to assess what the person is feeling.” (Filipinos haben eine hoch entwickelte Sensibilität für die nonverbalen Aspekte der Kommunikation .. Sie sind wesentlich weniger abhängig von gesprochenen Worten im Vergleich zu Europäern und Amerikanern. Sie beobachten die Hinweise der Körpersprache ihrer Zuhörer sehr genau, um Rückschlüsse auf deren Gefühle zu treffen.) 

Der persönliche Raum 

Es gibt einen persönlichen Schutzraum (1,5 bis 3 Meter in westlichen Gesellschaften), den man für sich in Anspruch nimmt und in den man Fremde nur mit leichtem Missbehagen eindringen lässt. In einem vollen Fahrstuhl ist diese Körperdistanz aufgehoben, Gefühle des Unwohlseins stellen sich schnell ein.  

Die Philippinen jedoch hat man auch als „touch-oriented society“ bezeichnet, als Gesellschaft, die innerhalb der Geschlechter weniger Körperdistanz und mehr Körperkontakte aufweist. Seien Sie deshalb nicht überrascht oder gar befremdet, wenn im fast leeren Jeepney zu ihnen aufgerückt wird oder ein guter Bekannter ihr Knie drückt, ihre Schultern streicht oder bei Spaziergang plötzlich ihre Hand hält. Frauen begrüßen sich häufig mit einem – wenn auch flüchtigen – Kuss. Diese Verhalten hat mit Homosexualität oder Bigamie vermutlich nichts zu tun, es will eher als Geste der menschlichen Wärme und der Freundschaft verstanden werden. Wir haben aber eine Einschränkung schon kurz angedeutet. Die angesprochenen  Körperkontakte beziehen sich nur auf Angehörige desselben Geschlechts. Körperkontakte zum anderen Geschlecht sind in der Öffentlichkeit weitgehend Tabu und man hält einen geziemenden Abstand. Dies gilt insbesondere für ländliche Regionen mit konservativer Sexmoral. Hier können auf der Straße sich küssende Liebespaare schnell zum Dorfgespräch werden. Bei geringerer Körperdistanz sind insbesondere westliche Besucher verstärkt angehalten, auf möglichen Schweißgeruch zu achten. Die Nasen der meisten Filipinos mögen zwar etwas kleiner sein, die Leistungsfähigkeit aber besonders ausgeprägt.  

Hände und Finger 

Auch hier gibt es einige „Do´s“ im Sinne von erwünschtem Verhalten und einige „Do nots“ also Formen von unerwünschtem Verhalten zu beachten. Sprechen wir zunächst von als höflich empfundenen Gesten.

Auch die Philippinen kennen das sanfte Schütteln der Hände als Willkommens- oder Verabschiedungsgruß. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass bei förmlicheren Begegnungen die Initiative zum Händeschütteln von der Frau kommen muss.  

Es gibt einige Passiersituationen, bei denen der „Gute Ton“ empfiehlt, den Kopf zu senken, die Hände zu falten und leicht vorzustrecken. Dies wird empfohlen, wenn man einen Raum durchquert, in dem sich Menschen unterhalten beziehungsweise wenn vor einem laufenden TV-Bildschirm oder zwischen zwei Gesprächspartnern passieren muss. Äußert man in diesem Fall zusätzlich noch ein „Excuse me“, dann erhält man zum Dank vielleicht noch ein freundliches „Never Mind“ oder „You are welcome“.   

In konservativ orientierte Familien erfahren ältere Familienmitglieder eine besondere Respektbezeugung. Das jüngere Familienmitglied ergreift die Hand des Älteren und führt diese an seine Stirn. Aarau / Jocces (2) geben indes zu bedenken, dass diese traditionelle Geste der Ehrbezeugung kaum noch zu beobachten sei.   

Man winkt ein Taxi oder eine Person mit ausgestreckter Hand, nach unten zeigender Handfläche und gebeugten und gestreckten Fingerbewegungen (Kratzbewegung) zu sich. Um die Aufmerksamkeit einer Person auf sich zu ziehen, kann dessen Ellbogen mit dem Finger kurz berührt werden. Auf Gegenstände zeigt man oft mit dem Ring- beziehungsweise kleinen Finger. Beim Zählen wird der Daumen oft nicht mitgerechnet. Will man im Restaurant bezahlen, zeichnet man oft mit der Hand ein symbolisches Rechteck oder man gibt einen Zischlaut von sich. Jens Peters (3) will jedoch festgestellt haben, dass Zischlaute immer weniger Zustimmung findet.  

Welche Arm- und Fingerbewegungen sind verpönt? Das Stemmen der Arme in die Hüfte, wird als arrogant empfunden beziehungsweise signalisiert dem Filipino, dass man sich ärgert. Es gilt als unhöflich – ja sogar beleidigend –, wenn man eine Person mit gestrecktem und gekrümmten Zeigefinger zu sich winkt. Der ausgestreckte Mittelfinger bei gekrümmten Ring- und Zeigefinger („Effenberg“-Finger) gilt – wie auch in vielen anderen Teilen der Welt – als obszöne Kriegserklärung.   

Körpersignale des Kopfes 

Das Hochziehen des Kopfes wird allgemein als „Ja“ interpretiert, das Senken des Kopfes bedeutet oft ein nicht offen gezeigtes „Nein“. Wird der Kopf  jäh zurückgeworfen und gleichzeitig der Blick fixiert, dann kann sich das „Ja“ zu der provokanten  Frage wandeln: Was willst du eigentlich von mir? Das Kratzen am Kopf verbirgt oft den Tatbestand des Nichtwissens. Wird der Kopf gesenkt und am Hinterkopf gekratzt, kommt dies einem Schuldeingeständnis gleich.  

Der „Eyebrow Flash“, das heißt das Hochziehen der Augenbrauen verbunden mit einem Blickkontakt und vielleicht einem Lächeln, signalisiert die freundliche Wahrnehmung und den stummen, schnellen Gruß. Diese Mimik steht auch für Zustimmung. Mit stumme Blicken kontrollieren die  Eltern in der Öffentlichkeit oft das Verhalten ihrer Kinder, laute Kontrollrufe werden möglichst vermieden. Es gilt als unhöflich („rude“), jemanden längere Zeit anzustarren. Unbekannte Ausländer können jedoch länger fixiert werden. Richtungen werden – zusammen mit gespitzten Mundbewegungen – häufig diskret mit entsprechenden Blickbewegungen angegeben. Hanewald (4) spricht „Kluck-Kluck-Kluck“- Bewegungen in der Backe an und deuten diese als Missbilligung von Vorgängen. Die Lippen des Mundes weisen oft Richtungen. Wird eine Frage nicht verstanden, dann öffnet sich häufig der Mund. Die Hanewalds reagierten auf geöffnete Münder oft mit der ironisch -lustigen Bemerkung: "Oy, hindi ako dentista! (Ich bin doch kein Zahnarzt)" und lösten mit dieser Äußerung den Ernst der Situation auf.  

Lauthalses offenes Lachen - insbesondere bei einem Missgeschick einer anderen Person - entspricht nicht dem Verhaltenskodex. Vornehmlich Frauen verstecken ihr überraschtes Lachen, indem sie ihren Mund mit der Hand abdecken. Dahingegen ist das Lächeln ist in Asien generell weit verbreitet. Für Aarau (5) sind die Filipinos jedoch „Meister des Lächelns“: „Sie lächeln, wenn sie loben, und sie lächeln, wenn sie kritisieren. Sie lächeln, wenn sie erregt sind oder ein kleines Ärgernis verursacht haben; sie lächeln, wenn sie um etwas bitten; sie lächeln, wenn sie glücklich sind.“  Das Lächeln ist also vieldeutig und jede Situation kennt ihr Lächeln. Oft hat es eine konfliktlösende, entspannende Funktion. 

Der Komiker könnte am Ende die Frage aufwerfen: Und wie verhält es sich mit dem Reiben der Nasen? Wir können ihn trösten. Das Berühren der Nasenspitzen gilt nur bei den Maoris als Begrüßungszeremoniell. 

© Wolfgang Bethge, 2003

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   (1)   zitiert nach:  www.Language Issues, Philippine Culture, Filipinos Values, Philippine Beliefs,  Filipino Tradition.htm

(2)   Aarau / Alfredo & Gace Roces, Reisegast auf den Philippinen, München, 1994, S. 18

(3)   Jens Peters, Philippinen Reise-Handbuch, Berlin, 2002, S. 96

(4)   F. und R. Hanewald, Tagalog für Globetrotter, 1983, S. 70

(5)   Aarau / Alfredo & Grace Rocces, a.a.O, S.19