Der Rahmapfel

 

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die hier vorgestellte Frucht im Garten des fränkischen Freiherrn und ehemaligem Doktor der Jurisprudenz wächst. Aber auch sie kommt auch mit vielen Namen einher.

Im Deutschen kennt man die Be- zeichnungen „Rahmapfel“, “Zimtapfel,“ „Zuckerapfel“ oder „Süßsack“. Das Englische geizt gleichfalls nicht mit Namen - „Sugar-apple“, „Sweetsop“, „Bulls Heart“ oder „Custard Apple“ lauten die Benennungen. In die Namensgalerie gehört noch die philippinische Bezeichnung „Atis“ beziehungsweise der lateinische Name „Annona recticulata“.

Dem sorten- und artenreichen Rahmapfel, der vermutlich im Laufe des 17. Jahrhunderts aus der Karibik auf die Philippinen gebracht wurde, begegnet man in Deutschland überraschenderweise eher selten. Manchmal wird die Frucht, die als Delikatesse gilt, in Asia-Gechäften angeboten.  Häufiger trifft man Fruchtauszüge in Früchtetees oder Aromaölen an.

Baum

Der Rahmapfelbaum ist mit 4–7 Metern Höhe ein eher kleiner Baum. Er weist eine glatte, silbrige Baumrinde auf. Die tiefgrünen, elliptischen Blätter des Baumes können über 15 cm lang werden. Aus den Blattachseln wachsen die weiß-gelben Blüten, aus denen sich dann die rundlichen Früchte entwickeln.

Früchte

Die dekorativen Früchte, die eigentlich Beeren sind, haben einen Durchmesser von 6–10 Zentimeter und wiegen zwischen 100–350 Gramm. Charakteristisch für die in der Regel grüne Fruchtschale sind die schuppenartigen, rundlichen Ausbuchtungen, die auf vorhandene Fruchtkammern hinweisen. Mit zunehmender Reife wird die Schale gelblich-braun.

Die Frucht lässt sich relativ leicht in zwei Hälften aufbrechen. Das etwas klebrige Fleisch der Fruchtkammern ist cremig-weiß, duftend und weniger saftig. Es ist angenehm süß und wird in der Regel ausgelöffelt. Man hat den Geschmack des nährstoff- und vitaminreichen Fleisches mit Vanillecreme plus einem Hauch von Zimt verglichen. Süßigkeit und Aroma können zwischen den einzelnen Sorten und Arten variieren.

Vorsicht ist jedoch vor den 20– 30 harten, schwarzen Kernen geboten. Sie sind etwa 1–2 cm lang und giftig. Man spukt sie aus oder separiert sie auf andere Weise.

Den Rahmapfelbaum kann man in allen Landesteilen antreffen. Er stellt keine besonderen Bodenansprüche und vermehrt sich schnell und oftmals ungeplant. Bis zu dreimal im Jahr trägt der Baum Früchte, die in reifem Zustand auch gerne von Vögeln und Fledermäusen verzehrt werden.

Eine Veröffentlichung der FAO aus dem Jahre 2000 gab die Landesernte mit 3,6 Millionen Tonnen an. Wahrscheinlich liegt die Produktionsmenge aber höher, da viele der in privatem Besitz stehenden Bäume statistisch vermutlich nicht erfasst werden.

Andere Verwendungen

Die Teile des Baums werden vielfach genutzt. Aus dem Holz kann man zum Beispiel Hacken fertigen oder man verwendet das Holz zum Bau von Hütten. Der Rinden- und Wurzelsud wird manchmal zur Haarpflege aber auch zum Vertreiben von Insekten verwandt.

Die frischen Blätter dienen als Viehfutter. Man kann auch ein einfaches Parfüm aus ihnen herstellen oder sie in getrocknetem Zustand als Matratzenmaterial verwenden. Sollte der Tabak ausgegangen sein, dann kann die Asche der Blätter angeblich auch als Schnupftabak genutzt werden.

Fast schon verwunderlich ist die Breite der Einsatzgebiete in der Volksmedizin. Kaut man die Rinde, lassen sich Zahnschmerzen und Magenschmerzen lindern. In höherer Konzentration taugt der Sud sowohl der Rinde als auch der Blätter als Brech- und Wurmmittel. Er kann auch entkrampfen. Eine aus geriebenen Kernen hergestellte Paste, die man möglichst nicht in die Nähe der Augen bringen sollte, kann Kopfläuse töten. In die Gebärmutter eingebrachte Paste kann auch einen Abort herbeiführen. Der Blättersud soll die Menstruation fördern und Erkältungen lindern. Rheumatische Beschwerden bekämpft man, indem man ins Badewasser Blattauszüge gibt. Der Saft der unreifen Früchte lindert den Schmerz von Insektenbissen.

Das fettarme Fruchtfleisch des Rahmapfels gilt nicht nur als kleine Köstlichkeit. Es ist auch gesundheitsförderlich, ist es doch reich an Vitaminen (A, B, C), Magnesium und Antioxydantien.

Märchen

Zuguterletzt sei noch erwähnt, dass es auch ein moderneres philippinisches Märchen von Rene O. Villanueva über den Zimtapfel gibt (1). Es hat allerdings zur Frucht selbst nur einen eher lockeren Bezug.

Es lebte einst die Königstochter Sita: Sie bekam viel, weil sie mit ihrer süßen Stimme viel versprach. Eines Tages gelingt es ihr, dem Vater ein paar Tage Regentschaft abzuschwatzen. Der gutgläubige König willigt ein. Doch kaum ist sie an der Macht, verbannt sie den protestierenden Vater in ein entlegenes, gut abgesichertes Spital.

Ihr weiteres Schicksal bestimmt nun ein Frosch, den sie zufällig mit einer goldenen Kugel spielen sieht. Sie bittet ihn um den Ball und verspricht ihm, dass sie nun jeden Tag seine  Spielgefährtin  sein wolle. Aber die junge Königin hält ihr Versprechen nicht. Vergeblich wartet der Frosch im Schloss auf sie. Eines Tages fängt die Königstochter den quengelnden Frosch und schleudert ihn gegen die Ofenwand. Vor seinem Tod verflucht der Frosch die Königstochter Sita wegen des nicht eingehaltenen Versprechens.

Später, als Sita allein ist, bemerkt sie, dass ihr Leib zu schrumpfen beginnt. Es war ihr, als ob Hunderte von Kernen in ihrem Leib herum springen würden.  Am nächsten Morgen vermisste man die Königin. Auf ihrem Ankleidetisch lag nur eine kleine, grüne Frucht. Sie war sehr süß, die Kerne musste man aber ausspucken. Die Frucht nannte man später „Atis“ – eine Umkehrung des Namens „Sita“.  Die Kerne – so das Märchen - sollen an die dunklen Stellen im Charakter der Königin erinnern.

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(1) Rene O. Villanueva, Alamat ng Atis – The Legend of Custard Apple , Quezon City, 2007