Die brüchigen Treppen zum Himmel - 
Die Reisterrassen um Banaue

Die brüchigen Treppen zum Himmel - Die Reisterrassen um Banaue

Die sieben Weltwunder der klassischen Antike sind mit Ausnahme der Pyramiden in Ägypten im Laufe der Geschichte untergegangen. Um den Titel „Achtes Weltwunder“ konkurrieren gegenwärtig viele historische Monumente, so zum Beispiel die Chinesische Mauer, der Petersdom oder die Akropolis. 

Auch die Philippinen gehen davon aus, ein  „Achtes Weltwunder“ zu besitzen. Es handelt sich um die Reisterrassen in und um Banaue, einem kleinen Gebirgsort in den Zentral-Kordilleren im nördlichen Luzon. Poetisch werden sie auch „Stairways to the Sky“ (Treppen zum Himmel) genannt. Mit ihrem Bau wurde vor gut 2000 Jahren begonnen. Die Terrassen wurden nicht zum Schutz eines Herrschaftsgebietes oder zu Ehren irgendeines Herrschers von Sklaven gebaut, sondern stellen ein einzigartiges agrotechnisches Kulturbauwerk dar, das von bäuerlichen Dorf-Gemeinschaften in mühevoller Knochenarbeit mit primitivstem Gerät in Jahrtausenden erschaffen wurde. Die Reisterrassen sind die einzigen größeren Bauwerke auf den Philippinen, die noch aus der Zeit vor der spanischen Kolonisation resultieren. Insofern sind sie also ein sehr bedeutsames kulturhistorisches Monument. 

Reisterrassen kennt man in Asien auch andernorts. Aber sie sind längst nicht so kunstvoll angelegt und erreichen auch nicht die Größendimensionen wie die Terrassen um  Banaue. Die Terrassenfelder schmiegen sich formenreich und spektakulär kilometerweit an die streckenweise sehr steilen Bergflanken. Sie können vom Fuß der Berge bis zur Spitze reichen.  Würde man die Parzellen hintereinander reihen, ergäbe sich bei nur etwa 20.000 Hektar Gesamtfläche eine Strecke von etwa 25.000 km. Wir erinnern uns vielleicht – die Länge der chinesischen Mauer beträgt nur 6000 km.

Die Reisterrassen verfügen über ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Man nutzt  Bergquellen und leitet das Wasser der Bäche über Gräben, Rinnen und Bambusrohre  zunächst in die oberen Terrassenfelder. Dann wird es durch Öffnungen an die tiefer gestaffelten, oft nur wenige Meter breite Terrassen weitergeleitet. Die Zahl der Terrassen pro Berg liegt häufiger im zweistelligen Bereich. Sie haben mitunter nur eine Länge von zwei Metern. Die Stützmauern oder Wälle sind bis zu dreißig  Zentimeter dick, sind aus Lehm und/oder Steinen gefertigt und können eine Höhe von mehr als sieben Meter erreichen. Man kann sich vorstellen, dass es nicht ganz leicht war, bei Steinwällen (Terrassenfelder von Mayoyao) das Steinmaterial von den Flussbetten in den Tälern nach oben zu schaffen und die Gefällstrecken so zu gestalten, dass auch die tiefer gelegenen Felder noch hinreichend Wasser bekommen.     

Angebaut wird im Regelfall eine traditionelle einheimische Reissorte, die jedoch nur eine Jahresernte zulässt. Streckenweise ist man aber auch schon auf – angeblich weniger geschmackvolle – Hochertragssorten übergegangen. Der Termin der Feldarbeiten variiert etwas und ist von den Kältegraden des Winters abhängig. Der Einsatz von Wasserbüffeln oder größeren Maschinen ist im Rahmen der Feldarbeit auf den Flächen der Parzellen, nicht möglich. Normalerweise bessert man die pflegeintensiven Reispaddies im Dezember / Januar  aus, pflügt und wässert sie. Zu dieser Zeit  spiegelt sich die Bläue des Himmels oft sehr reizvoll auf der Oberfläche der Parzellen. Im Februar / März werden die Reisschösslinge gesetzt, später werden diese vereinzelt. Die jungen Reispflanzen zeigen insbesondere in den Monaten April / Mai ein zartes, samtiges Grün. Die eher  kärgliche Ernte erfolgt im Zeitraum Juni – August.  

Vereinzelt findet man auch Gemüsefelder auf den von der Sonne nicht so sehr verwöhnten Parzellen oder man hat das Fish-Farming entdeckt. Man züchtet unter anderem Tilapia, Karpfen und Krabben für den Verkauf.  

Wie kommt man zu den von Manila etwa 330 km nördlich entfernten Reisterrassen? Manche fliegen zunächst nach Baguio und fahren dann mit dem Bus oder Jeepney über gewundene Straßen mit vielen Haarnadelkurven 3-4 Stunden nach Banaue. Oder man fährt direkt von Manila mit dem Bus in etwa achtstündiger Fahrt nach Banaue. Zwar wird der Ort Banaue in der Tourismuswerbung als der zentrale Ort der Reisterrassen immer wieder herausgestellt, was nicht ganz stimmt, denn der Besuch des schönsten „Viewing Points“ liegt etwas außerhalb und oberhalb des Ortes Banaue.  Der Ort Banaue selbst gefällt nicht jedem. Die Straßen seien verschmutzt, die Wellblech-Häuser stillos, die Unterkünfte – mit Ausnahme des Banaue-Hotels – eher bescheiden, so hört man. Vor allem reiht sich hier Verkaufsstand an Verkaufstand, die den Touristen u.a. Decken, Tücher, Holzschnitzereien, Korbwaren und auch Orchideen aus den nahe liegenden Wäldern anbieten. Hier begegnet man  dem kommerzialisierten Folklore-Zirkus, zum Beispiel Betel kauende Greise im traditionellen Stammesschmuck  mit den bunten  Hühnerfedern am Hut oder Zigarren paffende ältere Frauen. Fotografieren ist in der Regel nur gegen Entrichtung eines Obolus gestattet. Deshalb empfehlen nicht wenige  Experten die Weiterfahrt nach Batad (12 km weiter), Bangaan, Mayoyad, Kiangan oder Hungduan (25 km von Banaue entfernt). Hier seien die Terrassen zum Teil schöner und besser erhalten  (zum Beispiel die an ein Amphitheater erinnernden Terrassen von Batad) und die Bevölkerung ursprünglicher.  

Ob man beim Wandern über die Terrassen die Hilfe eines Führers in Anspruch nehmen sollte, ist strittig. In einigen Reiseführern wird behauptet, man bräuchte keinen Führer, die Wege seien „clear“.  Andere wiederum verweisen auf ihre labyrinthische Anlage der Terrassen, die Höhe und Enge der manchmal schlüpfrigen Stützmauern, die zuweilen Balancierakte erfordern und plädieren deshalb für die Inanspruchnahme eines kundigen Führers.   

Aufgrund ihrer kulturhistorischen Bedeutung und Schönheit wurden die Reisterrassen 1985 von der UNO zum Weltkulturerbe erklärt. Zum Weltkulturerbe gehören nicht nur die Terrassen von Banaue, sondern auch die der Orte Batad, Bangaan, Mayoyad und Hapao und Kiangan.  Es wurden Kommissionen zu ihrem Schutz begründet und eine Briefmarkenserie aufgelegt. Doch schon sechzehn Jahre später – in 2001 – wurden die „Treppen zum Himmel“ von der UNESCO in die Rote Liste der gefährdeten Kulturstätten aufgenommen. Man hatte festgestellt, dass knapp dreißig Prozent  der Terrassen nicht mehr bewirtschaftet wurden und durch Rissbildung vom Verfall bedroht sind . Man verwies weiterhin auch auf die kommerzielle Verschandelung durch Hütten und Verkaufsstände auf einzelnen Terrassen. Die Verwendung von Beton im Rahmen von Ausbesserungsarbeiten wurde ebenfalls als stilistischer Fauxpas vermerkt. 

Die Ursachen sind vielfältig und zum Teil noch nicht voll abgeklärt. Sie sind sowohl natur- als auch ökonomisch bedingt.  

Tatsache ist, dass die Wasserzuflüsse zu den Terrassen schwächer geworden sind. In diesem Zusammenhang verweist man unter anderem darauf, dass ein Erdbeben im Jahre 1990 diverse Quellen verschüttet hätte und diese nun einen unterirdischen Verlauf nähmen. Man führt die Wasserknappheit aber auch auf Abholzungsmaßnahmen zurück und verweist in diesem Zusammenhang insbesondere auf die generelle Entwaldungstendenz (Umwandlung von Wald- in Agrarflächen), den wachsenden Holzverbrauch durch das Holzschnitzergewerbe und den erhöhten Wasserkonsum durch die steigende Zahl an Touristen. Eingehender untersucht sind diese vermuteten Tourismuseffekte offenbar jedoch nicht.  

Die Wasserknappheit hat in jüngster Vergangenheit bereits schon dazu geführt, dass sich Dorfgemeinschaften im sprichwörtlichen Sinne „das Wasser abgraben“. Es gab einen erbitterten Wasserkonflikt zwischen den denn Dörfern Fidelisan und Dalican einerseits, den Dörfern Butbut und Betwagan andererseits.  Im Verlaufe dieses „Wasserkrieges“ wurden auch gegenseitig Geiseln genommen. Die Situation hat sich jedoch mittlerweile nach neuer friedlicher Grenzfestlegung entspannt.

Neben Schnecken und Schad-Ratten ist auch ein anderer Übeltäter ausgemacht. Es handelt sich um den Riesen-Erdwurm („Olang“) aus der Gattung der Polypheretima elongata. Er wird nun in größerer Zahl im Erdbereich der Parzellen festgestellt wird. Der Erdwurm, der  ausschließlich in weiblicher Form auftreten soll, sich aber trotzdem fortpflanzt, wird bis zu 45 Zentimeter lang und erreicht Fingerdicke. Man nimmt an, dass ihn die Trockenheit der oberen Wälder zur Abwanderung in die Terrassengebiete veranlasste. Er frisst die Reiswurzeln an und dringt bei seiner Nahrungssuche in tiefere, feuchtere Erdschichten, wenn die oberen zu trocken sind. Er bohrt auch die Terrassenwände an. Es kommt zu Rissbildungen und Sickerungen. Die Terrassen trocknen noch stärker aus. Setzt nun zusätzlich ein starker Regen ein, kann eine ganze Umgrenzungsmauer kollabieren und mit Tonnengewicht auf  die nächsttiefere Terrassenebene rutschen (1).   

Nachdem sich klassische Pestizide aus Umweltgründen als weniger geeignet  erwiesen, versuchen die Ifugao-Bauern nunmehr dem Ernteausfall durch den Wurm „Olang“ mit anderen Maßnahmen zu begegnen. Man flutet zum einen nunmehr häufiger die Felder. Dadurch bewirkt man, dass der Wurm an die Erdoberfläche kommt und Opfer von Hühnern, Enten, Schweinen und Ameisen wird. Weiterhin hat man entdeckt, dass es in Gestalt der gestreiften Spitzmausratte (striped shrew rat) eine „freundliche“ Rattenart gibt, die nicht nur die Erdwürmer sondern auch „Goldene Apfel-Schlange“ frisst, den Reis aber unbeschadet lässt. Mittlerweile sind die Bauern in der Erkennung und Pflege dieser Ratte geschult worden. Zudem ist die Rattenart auch verstärkt im Gebiet angesiedelt worden. - Schließlich hat man die Bauern davon zu überzeugen versucht, dass man die ausgegrabenen Erdwürmer auch wirtschaftlich verwerten kann. In anderen Landesteilen werden die Riesen-Erdwürmer auch gegessen. Die Igoroten verabscheuen jedoch Würmer als Nahrungsmittel. Manche habe aber das in Vorschlag gebrachte Wurm-Farming aufgegriffen  und verkaufen nunmehr die Würmer als Futter an Bauern und Fischfarmer (2). Den schädlichen Ratten versucht man durch ein spezielles Fallen-System Einhalt zu gebieten. Mitunter werden sie auch verzehrt.   

Ein weiterer sehr triftiger Grund für die ausbleibende Restaurierung der Terrassen und Einstellung der Bearbeitung ist die mangelnde Konkurrenzfähigkeit des produzierten Reises im Hinblick auf Preis und Menge. Es wurde schon hervorgehoben, dass die Bestellung der Felder sehr arbeitsintensiv und mühsam ist und im Regelfall nur eine Reisernte pro Jahr zur Verfügung steht. Sebastian Berger zitiert in seinem Artikel einen Bauer wie folgt: 

„Eine neun Quadratmeter große Parzelle erbringt etwas über drei Kilogramm Reis pro Jahr. Der Verkaufspreis liegt bei knapp drei Euro. Die Reparatur einer Stützmauer kann neunzig Euro kosten, wenn die Steine von weit her geholt werden müssen und ein teurer Lastwagen hierzu benutzt wird. Das ist eine Investition, die sich vielleicht erst nach dreißig Jahren rechnet “ (3)  

Einstellung der Feldarbeit und Abwanderung ist die Folge. Die Gegend hatte schon immer stärkere Abwanderungen zu verzeichnen, da nur der älteste Sohn einen Erbanspruch auf die Reisfelder hat. Nun aber forciert der geringe Ertrag der Reisfelder die Abwanderung der jüngeren Generation. Man versucht in Manila eine günstigere Arbeit zu finden oder verdingt sich im Tourismusgewerbe als Servicekraft, Händler, Jeepneyfahrer oder Reiseführer. Und die Felder bleiben unbestellt. 

Die Not ist also groß und Problemlösungen, die insbesondere die Abwanderung bremsen, werden gesucht. Kommissionen und Task Forces wurden eingesetzt und abgelöst. Momentan hat wieder der Provinzgouverneur  die Generalzuständigkeit. Die UNO hat im Jahre 2002 75.000 $ für die Erhaltung der Reisterrassen zur Verfügung gestellt und von Regierungsseite kamen 50 Millionen Pesos für ein Rettungsprogramm. Ob diese Summen jedoch ausreichen, ist äußerst fraglich. Weitere Sponsorengelder sind gefragt. 

Ob eine stärkere Regulierung der Zahl der Besuchstouristen, wie sie manchmal gefordert wird, der richtige Weg ist, bleibt sehr fraglich – auch wenn man berücksichtigen muss, dass in den kleinen Ortschaften schnell eine kritische Obergrenze erreicht ist. Noch verzeichnen die Orte keine Besucherinvasion. Trotzdem ist ein sanfter Tourismus zu fordern und weiter auszubauen, um die nachwachsende Generation zumindest in Gebietsnähe zu halten. Man wird wohl auch bei allem Wirtschaftsliberalismus nicht umhin können, dem den Reisbauern in diesem Gebiet staatliche Anbausubventionen  zukommen zu lassen.  

Ansonsten überleben die Jahrtausende alten Reisterrassen um Banaue nicht mehr die nächsten Jahrzehnte. Ein für die Philippinen sehr bedeutsames Kulturerbe, auf das das Land stolz sein kann, wäre dann unwiederbringlich verloren. 

© Wolfgang Bethge, 2006  


(1) Carlos D. Marquez, Ridding Philippine Rice Terraces of Rats and Worms,16.10.2006,  www.scidev.net/Features/index.cfm?fuseaction=readFeatures&itemid=446&language=1

(2) Sebastien Berger, Giant worms destroying ancient rice terraces, 03.03.2006  www.telegraph.co.uk/.../news/2006/03/03/worm03.xml&sSheet=/portal/2006/03/03/ixportal.html  

(3) Sebastian Berger, siehe oben, Übersetzung und Umrechnung durch den Autor