Die unsichere Zukunft der farbenprächtigen Riesenmuscheln

 

  Abb.: Tridacna gigas (True giant clam)

Sie stehen nicht mehr im Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit – die kurz vor der Ausrottung stehenden Riesenmuscheln mit ihren faszinierend schönen, meist grün-blau aus dem Riff leuchtenden apart gemusterten Mantel- oder Kragenlappen. 

Sieben Arten von Riesenmuscheln waren ursprünglich in den Riffregionen der philippinischen Gewässer reichlich vorhanden. Heute jedoch finden sich von den größeren Arten  – insbesondere der tridacnida gigas und deresa – nur noch vereinzelte natürliche Restbestände auf Palawan, East Samar oder der Island of Maricaban.  Die seit den  achtziger Jahren insbesondere von zwei Universitätsinstituten in die Wege geleitete Nachzucht und Rekultivierung erfolgt nur sporadisch und punktuell, ist auch von Rückschlägen begleitet und kann den Verlust durch illegales „Dredging“ und Ernten bislang kaum wettmachen.

Biologie

Was kennzeichnet generell Riesenmuscheln? Beginnen wir mit dem „Riesenhaften“ oder den Maximalgrößen. Die größte Art – die schon erwähnte Tridacna gigas (Giant Clam)  -  kann bis zu 140 cm lang und 400 kg schwer werden, während die Tridacna crocea (Boring Clam) mit maximal 23 Zentimeter nur etwas mehr als die dreifache Größe unserer wohlbekannten Miesmuschel erreicht. Die sesshaften Riesenmuscheln finden sich zumeist  mit nach oben geöffnetem Schalenspalt und ausgebreitetem Mantelkragen im sonnenbeschienenen klaren Flachwasser  der licht- durchfluteten Riffe bis zu einer Tiefe bis etwa zwanzig Metern. Es ist offensichtlich, dass die Riesenmuscheln in diesen geringen Tiefen bei auffälliger Färbung relativ leicht zu finden und zu ernten sind. Die dickwandigen, radial gerippten, manchmal auch geschuppten Schalengehäuse haben zumeist eine weiß-graue Färbung.

Zusammengehalten werden die oft schweren Schalen von kräftigen Schließmuskeln. Der Ausdruck „Mördermuschel“ bezieht sich auf die armstarke Schließmuskulatur insbesondere der Gigas-Art  und soll wohl Taucher vor plötzlichen, lebensbedrohlichen Attacken warnen. Diese Gefahr ist jedoch zu relativieren. Riesenmuscheln begegnet man in philippinischen Gewässern nur noch sehr selten. Zudem überwiegt die Ansicht, dass sich die Klappen der Muscheln bei Lichtveränderung nur langsam und nicht ruckartig schließen. Objekte, die in die unerbittlich geschlossenen Schalen geraten, können jedoch oft nur durch Zertrümmern der Schale wieder befreit werden.    

Während die meisten der weltweit 20.000 Arten von Muscheln ihre Nahrung durch Filtrierung des Wassers nach Nährstoffen gewinnen, dominiert bei den Riesenmuscheln  eine andere Art des Nahrungserwerbs. Zwar können auch sie durch den  Einströmsyphon und Kiemenblättern Plankton filtern. Primär ernähren sie sich jedoch als weitgehend autarke Wirtstiere von einer Art Abfallsymbiose mit Millionen von mikroskopisch kleinen einzelligen Algenpopulationen, die im farbigen Mantelgewebe eingebettet sind. Über den Prozess der Photosynthese liefern die Algen der Muschel Kohlenhydrate und Sauerstoff, während die Muschel den symbiotischen Algen ihre Stoffwechselprodukte  (u.a. Kohlendioxyd und Ammonium)  zur weiteren Verwertung abgibt.   

Riesenmuscheln sind hermaphrodit, verfügen also sowohl über männliche wie weibliche Keimdrüsen. Nachdem durch Botenstoffe „Muschelhochzeit“ angesagt wurde, werden bei den Gigas-Arten Hunderte von Millionen Spermien und Eizellen gleichzeitig abgesondert. Wegen der vielen Fressfeinde (Fische und Schnecken) entwickeln sich aus den unzähligen Larven nach Jahren jedoch nur wenige zentnerschwere, geschlechtsreife Tiere. Insbesondere aus der Aquarienhaltung wird berichtet, dass Riesenmuscheln bis zu zehn Jahre alt werden können.  

Arten

Bezüglich der einzelnen Arten von Riesenmuscheln und die manchmal etwas schwieriger zu bestimmenden Unterscheidungsmerkmale sei insbesondere auf die Informationsseiten von Elisabeth M. Lukan (1)  oder Buchveröffentlichungen von Daniel Knop verwiesen.  Hier nur einige Kurzausführungen: 

Tridacna gigas (True giant clam):  Größte Riesenmuschel mit einer Länge bis 140 cm / Schalendicke bis 10cm / Gewicht bis über 400 kg, Weichkörper bis 10 kg / 4 -5 zur Öffnung hin dreieckige Faltungen im Gehäuse / Mantelfärbungen meistens goldbraun, aber auch grün und gelb / in der freien Natur oft überwachsen mit Schwämmen, Korallen und Algen  

Tridacna derasa (Smooth giant clam) : erreicht eine Länge von bis zu 60 cm / ziemlich glatte Schale, zur Öffnung hin mit 6 -7 Faltungen versehen / Scharnier relativ breit /  Mantelfärbung auch hier meistens goldfarbig, es gibt aber auch Exemplare mit schwarzer, weißer, blauer /  Mantel weist oft  eine wellige hellgrüne oder hellblaue Bemusterung auf  

Tridacna squamosa (Fluted giant clam): bis 40 cm groß / dickwandiges Gehäuse / 4 – 12 gerundete, stark beschuppte Radialrippen / häufig gelb-brauner Mantel mit wellenförmiger gold-brauner Bemusterung  

Tridacna maxima (Elongated giant clam):  maximal 35 cm groß / kann kleinere Bewegungen durchführen / asymmetrische, länglich gestreckte Schalen /  reich bemusterter, häufig blauer  Mantel mit schwarzen Augenflecken am Mantelrand /  wird wegen ihrer Schönheit öfters in Aquarien gehalten  

Tridacna crocea (Boring clam): mit bis zu 23 cm Länge kleinste Riesenmuschel / kann sich tiefer in den Boden eingraben / relativ glatte, rundlich-symmetrische Schalen mit dicken Schuppen in der oberen Schalenhälfte / sehr farbenprächtiger Mantel  

Hippopus hippopus (Strawberry clam): bis 45 cm groß / dicke, schwere Schalen mit dreieckigen, pferdehufähnlichen Rippen am vorderen Gehäuserand / grünlich-brauner Mantel mit rötlichen Flecken, der nicht über den Schalenrand hinausreicht  

Hippopus porcellanus (China clam): fast ausgestorben / u.a. auf die Philippinen beschränktes Verbreitungsgebiet / weißliches, weniger geripptes Schalengehäuse  

Vermarktung

Riesenmuscheln wurden von der lokalen Bevölkerung in der Vergangenheit stets gerne geerntet. Insbesondere das (Schließmuskel-) Fleisch der kleineren, weniger zähen Muscheln galt gekocht, gebraten oder getrocknet als Delikatesse im Speiseplan. Beliebt waren insbesondere Muschelspieße. Die relativ dickwandigen Schalen wurden auf sehr verschiedene Weise genutzt, zum Beispiel als Suppenteller, Salatschüsseln, Aschenbecher, Schweinetröge, Kinderbadewannen, Touristenkitschartikel oder vereinzelt sogar als Taufbecken oder Weihwasserkessel. Trivialer war der Gebrauch der Muschelschalen als Baumaterial. Nicht genutztes Schalenmaterial findet sich noch heute vereinzelt auf Muschel-„Friedhöfen“.    

Der Riesenmuschelbestand hat sich jedoch im indopazifischen Raum durch übermäßige Verfolgung in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert. Ursächlich hierfür ist weniger der Aquarienhandel, sondern eine stark gestiegene Nachfrage nach Muschelfleisch durch die Gastronomie der  angrenzenden südostasiatischen Länder. Die Nachfrage wird durch das Gerücht beflügelt, wonach das Schließmuskelfleisch der Riesenmuschel – ähnlich wie der Verzehr von Seepferdchen (2) – potenzsteigernde Wirkungen hätte.  Fangschiffe mit spezieller „Dredging“-Technik  sowie Spezialmesser zum Entfernen der Schließmuskeln wurden entwickelt, um schnell viel Muschelausbeute zu machen. Dem Jagddruck zum Opfer fielen insbesondere die größeren, geschlechtsreifen Tiere, die für die Reproduktion der Art so wichtig sind.  

Schutzregelungen

Die starke Dezimierung der Riesenmuscheln führte in den achtziger Jahren zu rechtlichen Sanktionen. Das Washingtoner Artenschutzabkommen verbietet die Mitnahme und den Handel von Gehäusen der Familie Triddacnidae. Handelsverbote ergeben sich auch durch die Aufnahme der Riesenmuscheln in den Anhang I der CITES-Konvention. Schließlich gibt es noch spezielle  rechtliche Regelungen auf den Philippinen (FAO 158 und 168), die das Sammeln, den Besitz, Verkauf und Export von frei lebenden Riesenmuscheln verbieten und unter Geld- und Gefängnisstrafen stellen (3). Doch rechtliche Regelungen stehen zunächst einmal nur auf  dem Papier, ihre Durchführung erfordert einen höheren Kontrollaufwand. Das hohe Preisniveau für Muschelfleisch provoziert eine immer noch existierende „Riesenmuschel-Mafia“ (4)  zum illegalen Handel. Es finden sich im Internet auch Hinweise, wonach Restaurants auf den Philippinen immer noch Gerichte mit Riesenmuschelfleisch anbieten. Hier kann jedoch nicht geklärt werden, ob das Fleisch von Nachzuchtmuscheln  oder von der freien Natur entnommenen Tieren stammt.  

Aqua-Farming und Rekultivierung

Damit ist ein anderer Themenpunkt angesprochen. Um den Jagddruck auf die frei lebenden Populationen zu mindern, fordern Experten nachdrücklich dazu auf, verstärkt kommerzielle Muschelfarmen zu gründen. Die Nachzucht soll bei günstigem Habitat nicht allzu schwierig sein und gilt bei gegebenem Preisniveau als durchaus rentabel. So werden beispielsweise Riesenmuscheln für die Aquarienhaltung je nach Art und Größe zu  Stückpreisen zwischen 15 und 120 US$ gehandelt. Beim Aqua-Farming werden zunächst Larven in speziellen Behältern zu Jungmuscheln herangezüchtet. Diese werden dann in Käfige verbracht und reifen in 12–24 Monaten bei günstigen Aufwuchsbedingungen ohne zusätzliche Nahrstoffzufuhr zu „marktreifen“  Muscheln heran.  Solche kommerziellen Farmen gibt es mittlerweile auch auf den Philippinen, zum Beispiel in Ilijan in der Provinz Batangas.  

Bezogen kann die Brut unter anderem von dem Marine Science Institute der University of the Philippines in Diliman oder dem Marine Labaratory der Silliman University in Dumaguete City. Diese Institute – und hier ist insbesondere der Name von Dr. Edgardo Gomez zu nennen  -  haben sich auch um die Neuansiedlung von Riesenmuschelpopulationen in freier Natur  verdient gemacht. Mit Unterstützung von Nicht-Regierungs-Organisationen und  Gemeindebehörden wurden Riesenmuscheln wieder angesiedelt unter anderem in: 

Anda, Pangasinan / Masinioc, Zambales / Calape, Bohol / Camotes, Cebu / Ilocos Norte, Luzon /  Tawi-Tawi, Mindanao / Hundred Islands National Park 

Es gibt jedoch auch Rückschläge bei den Rekultivierungsbemühungen. So wurden Ende 2001 in einem Schutzgebiet bei San Pablo, Bauan, Batangas ein Dutzend Riesenmuscheln von Tauchern mit Messern getötet. Und das Philippine Marine Science Institute musste im Mai 2003 aus Bolinao, Pangasinan das illegale Abtöten von 27 ausgewachsenen Riesenmuscheln vermelden. Mitgenommen wurde nur das Schließmuskelfleisch, der restliche Muschelkörper blieb zurück.


      (1)   Elisabeth M. Lukan, in: http://www.petsforum.com/fishnchips/issueindex.html

(2)    siehe hierzu auch meinen Artikel: Die vermarkteten Seepferdchen

(3) Diese Regelungen gelten im übrigen auch für Korallenstöcke sowie Fenster-, Kreisel-, Kegel-, Turban- und Perlmuscheln ab bestimmten Größenordnungen  

(4)  Daniel Knop, Zwischen Mythos und Wissenschaft: Die Riesenmuscheln, in:

     www.knop.de/d/magazin/riesenmuscheln.htm


© Wolfgang Bethge, in 2004