Bildmontage: Rizal vor seinem Haupthaus

Rizal in der Verbannung

Gedicht: Mi retiro / Mein Zufluchtsort

 

Als Jose Rizals Mutter 1893 von den spanischen Behörden die Erlaubnis erhielt, ihren in der Verbannung lebenden Sohn zu besuchen, machte sie ihm den leisen Vorwurf, er vernachlässige seine Musen. Rizal schrieb daraufhin, 1895  das nachfolgende 24-strophige Gedicht "Mi retiro" (Mein Zufluchtsort), um seine Gefühls- und Stimmungslage zum Ausdruck zu bringen. Wir stellen zunächst das Gedicht in deutscher Übersetzung vor, treffen dazu einige Anmerkungen und beleuchten dann die soziale Situation, in der sich der Autor in den Jahren seiner Verbannung befand.

 

1. Das Gedicht "Mein Zufluchtsort"

 

Längs einem weiten Strand mit feinem, weichem Sand

am Fuße eines Berges mit grünem Mantel

habe ich meine Hütte gebaut in einem hübschen Hain.

Ich suchte den Frieden und die Gelassenheit des Waldes,

die Ruhe in meinem müden Kopf, das Schweigen meines Kummers.

 

Zerbrechliche Palmblätter als Dach und spröder Bambus als Boden,

Balken und Pfosten aus unbehauenem Holz;

Alles ohne größeren Wert in dieser einfachen Hütte.

 So schlummert meine Hütte am Saum des zeitlosen Berges,

Tag und Nacht im ruhigen Rauschen der anschlagenden Wellen.

 

Von den Lichtungen des Waldes zwischen rund geschliffenen Felsen

kommt der sprudelnde Bach herangerauscht und netzt mit seinem Dunst die Hütte.

Er spendet das Wasser, das durch Bambusrohre fließt;

Melodiös murmelt es in der stillen Nacht,

schenkt kristallenen Nektar in der Hitze des Tages.

 

Wenn der Himmel heiter ist, fließt das Wasser der Quelle sanft,

und spielt unaufhörlich auf einer unsichtbaren Zither;

aber kommt die Zeit des Regens, dann schießt ein wilder Sturzbach

brüllend durch die Felsschlünde, schäumt und wallt heiser auf,

um sich mit wahnsinnigem Tosen der See entgegen zu schleudern.

 

Das Bellen des Hundes, das Zwitschern der Vögel

und die heißeren Rufe des Hornvogels, das ist alles was ich höre;

kein eitler Mensch, kein ärgerlicher Nachbar,

der sich meinen Gedanken aufdrängt oder sie stört.

Nur die Wälder und die See sind mir nahe.

 

Die See, die See bedeutet mir alles! - ihre gewaltige Masse

bringt mir Myriaden Atome aus fernen Ländern;

ihr breites Lächeln belebt mich an klaren Morgenden;

und wenn am Ende des Tages mein Glauben vergebens war,

dann klingt der knarzende Ton ihres Sandes in meinem Herzen nach.

 

Nachts ist die See ein Mysterium! - In ihrem transparenten Schein

zeigt sich ein Teppich von Millionen aufsteigender Lichter;

kühl streichen die Brisen unter dem glänzenden Firmament.

 Mit Seufzern erzählen die Wellen dem milden Wind

Geschichten, die in der dunklen Nacht der Zeit verloren gingen.

 

Sie erzählen von der ersten Morgendämmerung auf Erden,

vom ersten Kuss, mit dem die Sonne ihr Herz entzündete

und aus dem Nichts Tausende von Wesen erwachten,

um die Tiefen und die steilen Gipfel zu besiedeln,

wo auch immer der lebensspendende Kuss empfangen wurde.

 

Aber wenn in der Nacht die wilden Winde erwachen

und die Wellen sich unter Schmerzen sich aufbäumen,

dann fahren Schreie durch die Lüfte, die das Gemüt erschrecken:

ein Chor betender Stimmen und Wehklagen von denen

die vor langer Zeit von der See in die Tiefe gezogen wurden.

 

Dann hallt ein Stöhnen in den Bergketten wieder,

ein Zittern ergreift die Bäume weit und breit;

den dunklen Tiefen des Waldes klagt das Vieh:

die Geister verkünden, dass sie auf dem Weg in die Ebene sind,

von den Toten gerufen zu einem Festschmaus.

 

Furchterregend und wirr wispert die Nacht,

während unter der See grüne und blauen Flammen huschen;

aber mit dem Morgenlicht stellt sich die Ruhe wieder ein

und unverzüglich beginnt ein kleiner, unerschrockner Fischkutter

erneut die müder werdenden Wellen zu durchfahren.

 

So streichen die Tage meines Lebens in meiner einsamen Zuflucht dahin;

vertrieben von der Welt, in der ich einst weilte: das ist mein seltsames Glück

und ich preise die Vorsehung, dass sie mir dieses Schicksal zugewiesen hat:

Ein vergessener Kieselstein, der das Moos sucht,

um all die Schätze zu verbergen, die ich in mir trage.

 

Ich erinnere mich an Freunde, die ich einst verließ.

Ihre Namen gehen mir oft nicht mehr aus dem Kopf

einige haben mich im Stich gelassen, andere sind schon tot - ,

aber was soll´s? Ich lebe in der Vergangenheit

und niemand kann mir die Vergangenheit nehmen.

 

Der Kieselstein ist mein treuer Freund, der sich nie gegen mich wendet,

der meinen Geist grüßt, wenn er ein einsames Wrack ist,

der in schlaflosen Nächten auf mich aufpasst

und mit mir betet, mit mir Exil und Hütte teilt

und wenn alles in Zweifel steht, mir Zuversicht einflösst.

 

Vertrauen habe ich und ich glaube, dass der Tag einst leuchten wird ,

an dem die Idee die brutale Gewalt besiegt hat;

und sich nach Raufereien und hinschleppenden Qualen eine Stimme sich erheben wird –,

gewandter und glücklicher als meine -,

um das triumphierende Lied vom Sieg des Rechts zu verkünden.

 

Ich sehe die Himmel leuchten, so strahlend und glänzend

wie in den Tagen, als ich mir meine ersten Illusionen machte.

Um meine herbstliche Stirn streicht die selbe Brise,

die einst meinen glühenden Enthusiasmus entzündete

und das Blut in meinem jugendlichen Herzen in Überschwang versetzte.

 

Über die Felder und Flüsse meines Heimatortes

ist vielleicht diese Brise gezogen, die ich jetzt atme;

vielleicht gibt sie mir das zurück, das ich ihr einst gab:

die Seufzer und Küsse einer angebeteten Person

und die süßen Geheimnisse einer jungfräulichen Romanze.

 

Wenn ich jetzt den Mond betrachte, der so silbern scheint wie einst,

dann fühle ich alte Melancholie wieder in mir aufsteigen

und tausend Erinnerungen an Liebe und Gelübde erwachen:

eine Veranda, eine Terrasse, eine grüne Laube, ein Strand,

stille Momente, Seufzer und Spuren des Entzückens.

 

Wie ein Schmetterling, der nach Strahlen und Farben durstet

und von weiteren Himmeln träumt,

verließ ich, fast noch Jugendlicher, mein Land und meine Lieben.

Ich wanderte wie ein Vagabund ohne Furcht und Schrecken,

verbrachte in fremden Ländern den April meines Lebens.

 

Und danach, als ich - wie eine müde Schwalbe –

mir wünschte, zum Heimatnest zurückzukehren,

da brüllte plötzlich ein heftiger, gewaltiger Hurrikan auf

und ich fand meine Flügel gebrochen, das Haus demoliert,

den Glauben an andere verkauft und Ruinen überall.

 

Ich wurde auf einen Knüppeldamm eines Landes geworfen, das ich verehre:

die Zukunft dunkel; kein Zuhause, nicht gesund.

Da kamt ihr erneut zu mir, ihr rosaroten Träume,

ihr einzigen Schätze meiner Existenz

und die Überzeugungen einer gesunden und ernsten Jugend.

 

Aber jetzt seid ihr nicht mehr wie einst voll von Feuer und Leben,

und bietet nicht mehr tausend Kronen zur Unsterblichkeit;

ich fand euch ernster; aber selbst wenn unser blasses Gesicht

jetzt nicht mehr so fröhlich und lebhaft ist,

so zeigt es doch die stolzen Zeichen der Treue.

 

Oh Träume, ihr bietet mir nun tröstende Pokale.

Ihr kamt, um jugendliche Heiterkeit wieder in mir zu wecken.

Ich danke dir, du Hurrikan, euch Winden des Himmels,

dass ihr in guten Stunden meine wilden Flüge stopptet,

um mich wieder auf heimatlichen Boden zu bringen.

 

Längs einem weiten Strand mit feinem, weichen Sand

am Fuße eines Berges mit grünem Mantel,

habe ich in meinem Land in einem hübschen Hain meine Zuflucht gefunden.

Die schattigen Wälder geben eine heitere Ruhe,

der müde Verstand lebt wieder auf und die Sorgen schweigen.

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Übersetzung: Wolfgang Bethge

Rot markiert sind Textstellen, die besonders aussagekräftig sind und auf die im weiteren Zusammenhang eingegangen wird

 

 

2. Anmerkungen zum Gedicht

Das vorgestellte autobiografische Gedicht ist im Hinblick auf seine Qualität unterschiedlich bewertet worden. Antonio Manuud hat es als "eines der schönsten Gedichte" von Rizal gewürdigt, andere - wie Nick Joaquin - haben es in seiner Verslänge als langweilig empfunden.

Es ist mehrfach aus dem Spanischen ins Englische übersetzt worden, wobei Interpretationsspielräume der Übersetzer deutlich werden. Es gibt eine englische Übersetzung von Alberto Florentino, die sich stärker an das spanische Original anlehnt, dafür aber im Versmaß stärker rumpelt, während die Übersetzung von  Charles Derbyshire  stärker abstrahiert, sich aber gefälliger liest.

 Eine vorhandene deutsche Übersetzung (1) ähnelt stark an der Übersetzung von Alberto Florentino, weist aber grobe Stilmängel auf. Sie kennt Orte,  ,,denen dieser beschleunigte Kuss betätigt wurde", "keine Gesundheit, die Beifall bringt" oder eine "Stunde verschoben durch unsicheren Flug". Kenner der Lebensbiografie von Rizal könnten sich auch an der Übersetzung von Zeile 5 der 19. Strophe stoßen. Sie lautet "... vergeudete ich in fremden Ländern den April meines Lebens". Das spanische Wort "gastar" kann man mit "vergeuden" übersetzen, wir entschieden uns aus Plausibilitätsgründen für "verbringen", weil der Monat April eher positiv besetzt ist und für Wachstum und Jugend steht. Es gibt kaum Belege für die These, dass Rizal seine frühen Studienreisen nach Europa und Amerika als vergeudete Zeit betrachtet hätte. Sie waren für ihn sicherlich eine starke Bereicherung.

Im Gedicht bezieht sich auf die Rizal auf die ihn umgebende Natur (Berge, Bach, Strand, See). Sie erscheint stark subjektiviert und steht in der besten Tradition der Naturromantik. Sie offenbart sich jedoch als zwiespältig. Einerseits ist sie idyllisch ("der kristallene Nektar des Quellwassers" oder die nächtliche See mit ihrem "Teppich aufsteigender Lichter"), andererseits ist sie fast dämonisch gezeichnet ("es fahren Schreie durch die Lüfte ... von denen, die von der See, in die Tiefe gezogen wurden" oder "das Stöhnen" in den Bergketten, von denen Geister herab fahren, um an einem "Totenschmaus" teilzunehmen. Rizal als Geisterbeschwörer? Wir können nicht ausschließen, dass sich auch bei Rizal Restspuren eines animistischen Geisterglaubens erhalten haben. Aber vielleicht fungieren die "Geister" auch nur als dramaturgische Helfer, um die emotionale Wirkung des Gedichts zu verstärken.

Wie präsentiert sich Rizal hier im Gedicht? Er erscheint als trauriger Robinson, der in einer kärglichen Hütte lebt und zwischen den Polen einsamer resignativer Verzweiflung (ich, der "vergessene Kieselstein", ...  der nur noch in der Vergangenheit lebt") und Siegeszuversicht  ("Es wird einen hellen Tag des Sieges geben") pendelt. Die "Idee" wird siegen. Sie ist nicht näher erläutert, sie wird nur von der "rohen Gewalt" deutlich abgegrenzt. Manchem mag dieser Hinweis unpräzis sein. Man sollte jedoch bedenken, dass Gedichte in der Regel keine Parteiprogramme sind und dass zu der damaligen Zeit die spanische Obrigkeit eine scharfe Pressezensur praktizierte. Andererseits darf man wohl mit Fug und Recht annehmen, dass "die Idee" bei Rizal zumindest mit der Forderung nach mehr Freiheits-, Gleichheits- und Mitbeteiligungsrechten für die Filipinos eng verknüpft ist. Wir sprechen nicht von der politischen Unabhängigkeit der Philippinen, da Rizal zu Zeiten der von ihm mitbegründeten "Liga Filipina" nur die Integration der Philippinen mit Spanien und entsprechender Parlamentsvertretung im spanischen Parlament, der Cortez, befürwortete.  

3. Die Jahre der Verbannung

3.1. Der Anlass

Rizal hatte in seinen beiden - im Ausland erschienenen Romanen - "Noli mi tangere" (1887) und "El Filibusterismo" (1891) das Verhalten der spanischen Autoritäten und klerikalen Mönchsorden auf den Philippinen angegriffen and lächerlich gemacht, indem er deren Despotismus, Boshaftigkeit, Inkompetenz und Unmoral der weltlichen und geistlichen Machthaber an den Pranger stellt. Die beiden Bücher beinhalten brisanten politischen Sprengstoff und provozieren die spanischen Machthaber. Seine Bücher dürfen auf den Philippinen nicht vertrieben werden.  Dennoch zirkulieren sie Untergrund und Rizal wird auf den Philippinen schnell zu einer populären politische Leitfigur für die einen, zum Staatsfeind für die anderen.

1891 verkürzt Rizal seinen USA-Aufenthalt. Er hatte den Eindruck, dass in der philippinischen Kolonie gegen ihn intrigiert wird. Außerdem musste er erfahren, dass seine vordem vermögenden Eltern nach verlorenem Rechtsprozess um ihren Besitz in Calamba gebracht und auf die Insel Jolo deportiert worden waren (vgl. die Äußerung "kein Zuhause" im Gedicht). Es  gab also hinreichend Klärungs- und Regelungsbedarf. Auf dem Schiffsweg nach Manila macht er einen Zwischenaufenthalt in Hongkong. Hongkong war bekannt dafür, dass sich hier einige hundert Regimekritiker aufhalten. Rizal praktiziert kurzfristig als Augenarzt und hilft eher beiläufig einem Amateurschriftsteller bei der Testkorrektur eines Pamphlets gegen die spanischen Mönche.

Obwohl Freunde ihm von einer Rückkehr auf die Philippinen abraten, hält Rizal an seinen Reiseplänen fest.  Er informiert den spanischen Generalgouverneur über seine Rückkehr; vorsichtshalber verfasst er aber Abschiedsbriefe an seine Familie, weil er sich über sein weiteres Lebensschicksal  bei seiner Rückkehr unsicher ist. Am 26.Juni 1892 trifft er in Manila ein. Die beiden ersten Besuche beim Generalgouverneur Despujol verlaufen durchaus in freundlicher Atmosphäre. Rizal erreicht, dass sein Bruder und weitere Verwandte vom Gouverneur begnadigt werden.

Im Verlauf seines weiteren Aufenthalts in Manila trifft sich Rizal  mit Gesinnungsfreunden und wird Mitbegründer der Geheimgesellschaft "Liga Filipina". Die Liga setzt sich für den Zusammenschluss der Filipinos im Kampf um mehr politische Rechte ein.  Sie verzichtet auf politische oder militärische Gewalt. Alle Bewegungen Rizals werden von der spanischen Obrigkeit observiert. Schließlich findet man in einem der von Rizal aufgesuchten Häuser neben dem "El Filibusterisimo" auch anderes "aufführerisches"Material in einer Tasche, die man Rizal zuordnet. Dr. Rizal erkennt die Tasche der Schwester wieder, beharrt aber auf dem Standpunkt, weder er noch seine Schwester hätten das Material auf die Philippinen gebracht. Der Gouverneur bleibt von dieser Einrede jedoch unbeeindruckt. Rizal wird  - ohne weitere Anklage und Prozess - als Gefangener nach Fort Santiago gebracht, wo er eine recht freundliche Behandlung erfährt. Am 15. Juli 1892 verbringt das Kriegsschiff "Cebu" den prominenten Gefangenen nach Dapitan, einem kleinen Ort im dünn besiedelten Norden der Insel Mindanao. Rizal hatte man für die Reise eine Offizierskabine zur Verfügung gestellt, während andere  verurteilte spanische Militärangehörige in Ketten lagen.

3.2. In Dapitan

Angekommen in Dapitan, steht Rizal vor der Alternative, Logis entweder bei der Ortsgeistlichen oder beim Ortskommandanten zu nehmen. Die geistliche Obrigkeit, die den Freimaurer für einen Häretiker hält,  macht ihm aber zu weitgehende Auflagen, nämlich:

(a) „dass er seine die Religion betreffende Irrtümer widerruft und sich klar pro-spanisch und gegen die Revolution äußert"

(b) "dass er die Kirchenriten akzeptiert und eine Beichte über sein vergangenes Leben ablegt" 

(c) "dass er sich ab hinfort in besonderer Weise als Spanier und Mann der Religion zeigt"

Rizal lehnt ab und zieht zum spanischen Kommandanten Carnicero, mit dem er in den Folgejahren ein recht gutes Einvernehmen hat und dessen Pferd er sogar reiten darf. Rizal fühlt sich wohl an seinem Verbannungsort. "Er fühlte sich wie im Urlaub" (2). Anfangs leidet er jedoch darunter, dass  weder Familienangehörige noch Freunde aus dem Ausland ihn besuchen dürfen. Schrittweise bessert sich aber die Situation. Er darf sich ein komfortableres Nippa-Haus (s. Bildmontage oben) bauen, das wohl etwas mehr als die einfache Nippa-Hütte im Gedicht ist. Weitere Nebenhütten für den Schulunterricht und die Haustiere kommen später hinzu. Die Briefzensur wird aufgehoben, sein Aktionsraum vergrößert sich, er darf mit dem Kanu benachbarte Orte aufsuchen. So erwirbt er zum Beispiel im benachbarten Talisay 16 Hektar Land. Rizal muss sich nur einmal in der Woche beim Kommandanten melden.

Sein Alltag verläuft relativ unspektakulär. Am Vormittag behandelt er - zum Teil kostenfrei - in der benachbarten Stadt Patienten mit Augenerkrankungen. Nachmittags gibt er Schulunterricht und am Abend widmet er sich der Korrespondenz und der wissenschaftlichen Literatur. Er schickt zum Beispiel biologische Präparate (Blumen, Insekten, Muscheln) an das Königliche zoologische und anthropologische Museum in Dresden und erhält dafür wissenschaftliche Literatur und Instrumente. Er schreibt Grammatiken und erweitert seine Sprachkenntnisse auf insgesamt 22 (!) Sprachen.

Auch im Lokalbereich macht er sich verdient. Er malt  für die Schwestern der Charity eine Marienkapelle und verschönert den städtischen Mittelpunkt; er installiert in den dunklen Straßen von Dapitan ein Beleuchtungssystem mit Öllampen, eignet sich Wasserwirtschaftskenntnisse an und verhilft so der Stadt zu fließend Wasser. Er importiert Landwirtschaftsgeräte aus den Staaten und konzipiert eine hölzerne Maschine, mit der man 6000 Ziegelsteine am Tag herstellen kann. Er unterstützt  die  Hanfbauern bei der Vermarktung ihrer Produkte. Schließlich beglückt das Multitalent seinen deutschen Freund Professor Blumentritt mit einem selbst erfundenen Feuerzeug.

Rizal raucht nicht und trinkt auch keinen hochprozentigen Alkohol. Aber er war - wie viele seiner Landsleute - passionierter Glücksspieler. So fügt es sich, dass er 1892 bei der staatlichen Lotterie zusammen mit zwei anderen Mitspielern den zweiten Hauptpreis im Gesamtwert von P 20.000 gewinnt. Sein Anteil beträgt P 6.200, davon gibt er seinem verarmten Vater etwa ein Drittel, den Rest investiert er in weiteren Landerwerb. Schon spotteten einige Spanier, dass er sich im Distrikt sein eigenes Königreich aufbaue. Es war bekannt, dass er in früheren Tagen, schon eine Kolonie in Borneo gründen wollte. Für diesen Plan erhielt er aber keine Zustimmung der spanischen Machthaber.

Zwei Zwischenfälle fallen aus Rizals Alltagsleben etwas heraus. Zunächst besucht ihn 1893 ein Spion, der sich unter dem Namen "Pablo Mercado" als naher Verwandter ausgibt. Er will als vertraulicher Kurier für Rizal  Schriftstücke nach Manila zu den patriotischen Zirkeln leiten.  Rizal entlarvt ihn jedoch als Regierungsspion und verweist ihn des Hauses. - Der andere Zwischenfall bezieht sich auf Rizals Handel mit Holzstämmen. Ein Französischer Aufkäufer ist mit der gelieferten Qualität nicht einverstanden und kolportiert daraufhin die Nachricht, Rizal liefere keine guten Qualitäten. Als Rizal diese Nachricht hört, ist er aufgebracht und er fordert den Franzosen zum Duell heraus. Es ist schließlich der spanische Kommandant, der den Franzosen in seinem eigenen Interesse ersucht, sich bei Rizal zu entschuldigen. Der Kommandant weiß, dass Rizal ein guter Pistolenschütze und Degenfechter ist. Wenn er aber ein guter Degenfechter ist, dann dürfte er, nicht so  krank und ohne Gesundheit gewesen sein, wie es das Gedicht behauptet. Der Franzose entschuldigt sich.  

Ab August 1893 dürfen Familienmitglieder ihn besuchen. Mutter und Schwester Maria werden nun etwa einundeinhalb Jahre bei ihm wohnen.

3.2.1. Lebenspartnerin Josefina Bracken

Rizals Ruf als erfolgreich praktizierender Augenarzt hat sich bis nach Hongkong herumgesprochen. Der dort ansässige Engländer Mr. Taufer, der an grauem Star erkrankt ist und dem gänzliche Blindheit droht, entschließt sich 1895, Dr. Rizal zu einer augenärztlichen Konsultation in Dapitan aufzusuchen. Begleitperson ist seine Adoptivtochter Josephine Bracken (1876 - 1902). Josephine ist irischer Abstammung, schlank, blauäugig, braunhaarig und ist bei ihrer Ankunft in Dapitan gerade mal 19 Jahre alt. Rizal kann Mr. Taufer nicht helfen, er verliebt sich aber in Josephine. Es ist eine Liebe auf den ersten Blick.

Mr. Taufer kommen "die Seufzer und Küsse ... und die süßen Geheimnisse einer jungfräulichen Romanze" (s. Gedicht) sehr ungelegen. Er ist nach wegen seiner Blindheit nach dem Tode seiner Frau auf die Hilfestellungen von Josefina angewiesen und droht mit Selbstmord, sollte die lebensfreudige Josefina in Dapitan verbleiben. Josefina fährt deshalb mit ihrem Adoptivvater nach Manila zurück. Dort findet man aber zu einem Arrangement, dass es Josefina ermöglicht, wieder nach Dapitan zurückzukehren. Die beiden hätten gerne kirchlich geheiratet. Allein die Kirchenoberen, die in Rizal immer noch einen Häretiker sehen, verweigern ihre Zustimmung. So bleibt es bei einer kurzen Lebenspartnerschaft. Ein Kind der beiden lebt nur wenige Stunden. Josefina bleibt Rizal bis zu dessen Tode verbunden. Seite. Erst einige Stunden vor Rizals Exekution im Jahre 1896 gestattet man den beiden, eine kirchliche Heirat einzugehen. Ob Rizal quasi als Gegenleistung einige seiner früheren, als häretisch eingestuften Äußerungen widerrufen hat, ist strittig. Die katholische Kirche behauptet im Besitz eines Dokumentes mit seinem Widerruf zu sein.

3.2.2.  Vergebliche Kontaktbemühungen der  Katipunan

Rizal übt in Dapitan politische Abstinenz und ist von den politischen Vorgängen in Manila weitgehend abgeschirmt. In Manila hat sich mittlerweile unter der Führung von Bonifacio mit der Katipunan eine weitaus radikalere Organisation begründet. Sie befürwortet den bewaffneten Aufstand, um so das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Rizal gilt in der Katipunan - Geheimorganisation als Idol, sein Bild hängt in den Versammlungsräumen. Würde man ihn als Mitkämpfer gewinnen, so würde die geplante Aufstandsbewegung zweifelsohne an intellektuellem Format und Breitenwirkung gewinnen. Man schickt deshalb 1896 Dr. Valenzuela zu ihm und unterrichtet ihn über die Pläne der Katipunan.

Doch die Kontaktgespräche scheitern. Rizal warnt mit Blick auf die blutig verlaufene nationale Erhebung in Kuba vor einem zu frühen Beginn. Nach seinem Dafürhalten sind die Filipinos für eine nationale Revolution noch nicht reif genug, zudem mangele es an Finanzmitteln und militärischem Potenzial. Die Katipunan-Vertreter sind bitter enttäuscht über Rizals Entscheidung und Bonfacio bezeichnet den zaudernden Rizal als "Feigling". Jetzt hat sich Rizal neue Feinde geschaffen.

3.2.3. Wie könnte es weiter gehen? Wie ging es weiter?

Rizal ist tief verunsichert darüber, wie und wann sein rechtsfreier Zwangsaufenthalt endigen könnte. Er ersucht um ein offizielles Gerichtsverfahren, will seine Unschuld beweisen und kund tun, dass er ein "Spanier sei, der die Herrlichkeit und das Recht seiner Nation liebt (2)".  Rizal erhält auf sein Gesuch keine Antwort.

Angebotene Fluchtmöglichkeiten verwirft er. Man hatte Rizal zumindest zweimal Fluchtmöglichkeiten angeboten: Man wollte in Singapur einen Dampfer chartern und ihn dann in der Nähe von Dapitan an Bord nehmen. Ein anderer Dampfer, der nach Borneo ging, sollte ihn als Schiffbrüchigen aufnehmen. Rizal spielt nicht mit. Er ist  der Ansicht, eine Flucht käme einem Schuldgeständnis gleich.

Ein anderer Plan sah vor, ihn bei der anstehenden Cortez-Wahl ins spanische Parlament zu wählen, dann hätte er parlamentarische Immunität genossen. Für diesen Plan gab es jedoch zu wenige Unterstützer, denn mittlerweile gab es auch unter den Filipinos aufgrund der von ihm propagierten friedlichen Reformpolitik stärkere Vorbehalte gegen ihn. Seine Gegner hintertreiben auch eine vom spanischen Generalgouverneur Blanco ins Auge gefasste Verlegung nach Ilocos oder La Union. Wie heißt es im Gedicht: "Einige haben mich im Stich gelassen".

1884 unterrichtet Blumentritt Rizal darüber, dass in Kuba ein dringender humanitärer Bedarf nach Ärzten sowohl beim Militär als auch bei der Zivilbevölkerung besteht. Der Brief von Blumentritt macht einen starken Eindruck auf Rizal. Er bietet deshalb Generalgouverneur Blanco an, als Militärarzt nach Kuba zugehen, wenn ihm die persönliche Freiheit gewährt wird.

Rizal hat sein Kuba-Angebot fast schon vergessen, als er etliche Monate später vom spanischen Generalgouverneur Blanco einen positiven Bescheid erhält. Nun scheint sich alles zum Positiven zu wenden. Nach vierjährigem Aufenthalt verlässt er -  Dapitan und trifft am 6. August 1896 in Manila ein.

Am 3. September 1896 betritt Rizal das Schiff "Isla de Panay", das ihn auf seinem Weg nach Kuba zunächst nach Madrid bringen soll. Mittlerweile ist der Katipunan-Aufstand auf seinem Höhepunkt. Noch weiß Rizal nicht, dass er schon am 3. November als Gefangener nach Manila zurückkehren und am 30. Dezember - versehen mit den kirchlichen Sakramenten - im Kugelhagel eines Exekutionskommandos den Tod finden wird.

© Wolfgang Bethge, 2005


Allgemeine Themenliteratur:

Lineage, Life and Labours of Jose Rizal, Philippine Patriot, in: http://www.gutenberg.org/etext/6867

Rizals Exile in Dapitan 1892-1896, in http://dapitan.com/rizal%20sa%dapitan.html

 

Spezialverweise:

(1) vermutlich von Pablo Lazio, unter: http://www.knighstofrizal.de/deutsch.html

(2) Antonio M. Molina, The Philippines through the Centuries, Vol. II, S. 31

(3) Antonio M. Molina, The Philippines through the Centuies, Vol. II, S. 38