Die duftendenSampaguita-Blüten

 

Ländern werden oft Blumen als nationale kulturelle Symbole zugeordnet. Mit Österreich wird das Edelweiß assoziiert, die  Niederlande nehmen die Tulpe in Anspruch und Japan verweist auf die Chrysantheme. Die Philippinen kennen mehrere nationale Symbole, zum Beispiel das Carabao (Wasserbüffel), den Narra-Baum - und die Jasminart Sampaguita, von der hier die Rede sein soll.  

Unter rein botanischen Gesichtspunkten gibt die „jasminium sambac“ nicht viel her. Es handelt sich um eine strauchige Kletterpflanze, die bis zu 1,2 Meter hoch wachsen kann. An den Spitzen ihrer Äste trägt sie Einzelblüten oder Blütenbüschel. Die  ganzjährig blühende Sampaguita weist kleine, zierliche, sternförmige, samtartige Blüten auf, die sich nachts öffnen und relativ schnell innerhalb eines Tages verblühen. Einzigartig ist jedoch der süßliche – manche sagen „himmlische“, „ans Herz dringende“ – Duft der Blüten. Kultiviert und vermehrt wird die Sampaguita, da sie über keine Samen verfügt, über Stecklinge. Die Philippinen verfügen über verschiedene wild wachsende Jasminarten,  bei der Sampaguita handelt es sich um eine im 17. Jahrhundert aus den Himalaya-Gebiet importierte Pflanze.   

Die Sampaguita hat jedoch – lange vor ihrer offiziellen Proklamierung als ein nationales Symbol durch einen amerikanischen Generalgouverneur (1934) – ihre Wurzeln geschlagen in der philippinischen Folklore und den religiösen Riten. Sie wird in vielen Legenden, Geschichten und Liedern erwähnt und galt manchen vor der Unabhängigkeit als „a bud of hope in the national consciousness planted in the days of colonial imposition“. Sie symbolisiert eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften. Genannt werden insbesondere die Treue und Hingabe,  die Reinheit sowie Bescheidenheit und Stärke.  Zumindest in zwei Legenden spiegeln sich die durch die Blume verkörperten Tugenden wider:  

Legende A - Der vermisste Liebhaber  

Die junge Königstochter Lakambini muss überraschend nach dem Tod ihres weisen und erfolgreichen Vaters die Regentschaft über ein Königreich übernehmen. Sie ist aber unerfahren in der Führung von Regierungsgeschäften und das prosperierende Reich gerät in die Gefahr, von anderen benachbarten Herrschern okkupiert zu werden. Lediglich der junge Fürst Lakan Galing erklärt sich uneigennützig bereit, ihr Land gegen die Feinde zu verteidigen.  

Die junge Prinzessin verliebt sich in ihren Helfer. Auf einem das Meer überragenden Hügel umarmen sich die beiden und Lakambini verspricht ihm die Heirat:  „Sumpa kita“ – „ich verspreche Dir“ ... (die Heirat). Dem forsche Lakan Galing genügt es jedoch nicht, das Gebiet der Prinzessin vor Übergriffen  zu bewachen, er will die Feinden des Reiches in die Flucht schlagen: „If the enemy does not come, then we shall seek them“. Er setzt mit seinen Schiffen dem Feind nach. Zurück bleibt die von Sehnsucht und Liebe erfüllte Prinzessin. Jeden Tag begibt sie sich zum Hügel am Meer, um -  den weiteren Horizont nutzend -  nach ihrem Liebsten Ausschau zu halten. Sie wartet jedoch vergeblich – Lakan Galing kommt nicht mehr zurück.  

Kurze Zeit darauf stirbt Lakambini in Trauer und Verzweiflung. Sie findet ihre letzte Ruhe auf dem Hügel, auf dem sie immer Ausschau hielt und auf ihrem einsamen Grab wächst kurze Zeit danach eine Rebe mit kleinen weißen, duftenden Blüten. Die im Wind raschelnden Blätter wiederholen das „sumpa kita“ der Prinzessin. Die Blume – so das Märchen – wurde daraufhin „Sampaguita“ genannt.   

Legende B (1)  - Der untreue Liebhaber

Das Mädchen Anita – „ihre Schönheit glich der Schönheit des Morgens“ – und der Jüngling Ernesto wachsen gemeinsam in einem Dorf auf und verlieben sich ineinander. Wir geben dem Autor das Wort, weil es heutzutage nur noch wenig Literatenschmelz gibt: „ Die Schönheiten der Natur und die Düfte der Blumen hatten die Seelen der jungen Leute mit der Sehnsucht nach Liebe und Glück erfüllt .. Immer wieder schworen sie sich Treue bis in den Tod.“ Man ahnt, dass soviel Glück das wechselhafte Schicksal herausfordert.   

Jüngling Ernesto muss den Ort verlassen und Anita argwöhnt, dass „seine Schönheit die Herzen der Mädchen wie ein Magnet anziehen könnte.“ Pathetisch versucht Ernesto ihre Bedenken zu zerstreuen: „ Eher könnte ich zu atmen verlernen, als dass ich unsere Schwüre vergessen könnte“ und er bietet er an, dass wenn er sie verraten sollte, sie ihn mit einem Dolch erstechen könne. Die beiden nehmen Abschied. Anita behält den Dolch. Etwas später muss Anita erfahren, dass Ernesto eine andere Frau geheiratet hat. „Ihre Kehle schnürte sich zu, das Herz wollte ihr brechen.“  Sie begibt sich unter den Baum, unter dem sie sich immer getroffen hatten und will eigentlich in die Baumrinde schneiden: „Sinisumpa kita“ ( = ich verfluche dich). Entkräftigt gelingt ihr jedoch nur die Kurzform „Sumpa kita“ ( = ich verspreche dir). Sie nimmt sich mit dem Dolch das Leben und wird unter dem Baum begraben. Auch in diesem Märchen wächst kurze Zeit später auf dem Grab eine Blume mit weißen, perlartigen Blüten. Sie verbreiten einen linden, „ans Herz dringenden“ Duft. Nach der eingeritzten Kurzform „Sumpa kita“ nennen die Leute später die Blume „sampaguita“.    

 

Es gibt verschiedene Situationen, bei denen man mit der Blume Sampaguita konfrontiert sein kann. Nehmen wir an, Sie haben die Absicht, ihrer Freundin die Aufwartung zu machen. Als Samaguita-Fan haben Sie  - einer alten Tradition folgend – Ihre weiße Wäsche mit Sampaguita gewaschen. Weil dies anstrengend war, säubern Sie sich anschließend mit einer hochwertigen Sampaguita- Seife, denn Sie schätzen den erfrischenden Duft  und wissen, dass sie die Poren öffnet und die Haut geschmeidig macht. Damit noch nicht genug. Um ihre Attraktion zu unterstreichen, verwenden Sie auch ein edles Parfüm, das auch Sampaguita-Essenz enthält.  

Als Geschenk bringen Sie ihrer Freundin das Nintendo-Rollenspiel „Sampaguita“ mit. Die 20 „bad endings“ löschen Sie jedoch zuvor. Sie denken – mit meinem Geschenk liege ich möglicherweise falsch. Als Zweitgeschenk kaufen Sie deshalb noch die Sonderauflage der Sampaguita Barbie-Puppe. Das weiße lange Kleid  - „decorated with sampa blooms in white silk, the handpainted green leaves and the ponytail adorned by sampa blooms” - werden ihre Freundin aus der Welt der Einwände in die der Verzückung bringen.  

Schließlich machen Sie sich auf den Weg. Sie nehmen einen Jeepney. Was baumelt im Rückspiegel Ihres Jeepneys? Richtig – unsere kleine, weiße, zarte Blume.  Straßenkinder klopfen immer wieder an die Fensterscheibe des Autos und bieten mit traurigem Blick für ein paar Pesos Sampaguita-Blumengirlanden an. Sie lassen jedoch den Blick schweifen und entdecken die großformatige Plakatwerbung für Kinofilme, deren Superstar um den Hals wohl was tragen? Sie schlagen die Zeitung auf und begegnen im Amtssiegel des philippinischen Senats der Blüte einer Sampaguita.  

Unterwegs  - insbesondere auf ländlicher Route - können Sie vielleicht im Rahmen von Flores de Mayo-Festveranstaltungen  oder Santacruzan-Prozessionen Kinder und Erwachsene mit Kopfkronen und Halsschmuck aus Sampaguita-Blumen sehen. Später wird Ihnen schlecht und Sie bekommen Kopfweh. Bei einem Grass-Doctor wird Zwischenstopp gemacht. Der Grass-Doctor – wohl vertraut mit der Volksmedizin – lässt sie einen heißen Sud aus Sampaguita-Blüten inhalieren oder verabreicht ihnen einen Sirup und stellt so ihr Wohlbefinden wieder her. Nebenher erwähnt er, dass die Blüte auch zu empfehlen ist als herzstärkendes Mittel und  Mittel zur Wund– und Schlangenbissbehandlung. Weiterhin helfe die Sampaguita auch bei Hautunreinheiten und Asthma. Schließlich  - nimmt unser Grass-Doctor Zukünftiges vorweg? - vermag sie bei Wöchnerinnen auch den Milchfluss zu stoppen.   

Sie nähern sich dem Zielort. Dort legt ihnen die Freundin - if you are still a loved one - als erstes einen Blütenkranz mit Sampaguita-Blüten um den Hals. Denn sie weiß,  „it´s a perfect offering to welcome and to honor friends and guests”. In früherer Zeit hatte diese Geste auch die Funktion des Ringtauschs bei der Eheschließung. Später bei Mondlicht entschließt sich ihre Freundin das romantische Setting noch zu steigern, indem sie  Sampaguita-Kerzen, die es in unterschiedlichen Größen gibt, anzündet   .......  

Sie können die Sampaguita nicht mehr sehen oder riechen ? Auch in diesem Falle kann ihnen nur die Sampaguita helfen. Begeben Sie sich mit einer Sampaguita-Handkette in die nächste Kirche. Übersehen Sie die mit Sampaguita geschmückten Heiligenstatuen und konzentrieren Sie sich ganz auf Ihren Wunsch „Nie wieder Sampaguita“. Sie müssen die kleinen Blüten nur behandeln wie „prayer beads (Gebetsperlen) to a litany of wishes and intentions“.  

© W. Bethge

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(1) zitiert nach: Josef Genzor, Philippinische Märchen, Hanau/Main, 1987 (vergriffen)