Sari-Sari Stores

 

Im Hinblick auf die merkantile Grundorientierung und Verkaufslust der Filipinos formulierte der Publizist Regalario einmal: „Gib einem Filipino tausend Pesos und er wird wahrscheinlich diese Summe als Startkapital für ein kleines Einzelhandelsgeschäft nutzen.“ Und ein Blick in eine typische Straße eines Barangays will ihm recht geben. Mit nur wenigen Unterbrechungen reiht sich ein Sari-Sari Store an den anderen. Man gewinnt den Eindruck, jedes Haus ist oder hat einen kleinen Straßenladen - die Philippinen als Ansammlung kleinster Mikro-Unternehmen.  Sari-Sari-Stores, die oft winzigen Nachbarschaftsläden,  gehören - wie der Jeepney, der Barong oder die Sampaguita-Girlanden - mit zum landestypischen Inventar. Sie verschaffen dem Filipino das kleine, oft bitterlich notwendige  Nebeneinkommen. 

 

Häufig handelt es sich um kleine hölzerne Buden mit überdimensionierten Reklameschildern und eng geschnittenem Verkaufsfenster, aus dem der Verkäufer späht. Blickt man durch das Verkaufsfenster nimmt man im Halbdunkel die oft säuberlich gestapelte Ware wahr. Verkauft werden Dinge des täglichen Bedarfs: Reis, Salz, Zucker, Konserven, kalorienreiche Süßigkeiten, Reinigungsmittel, Batterien, Shampoo oder Bohnerwachs. Softdrinks und sicherlich auch Bier und Gin gehören zu den Hauptumsatzträgern. Dass Kosmetika höhere Gewinne abwerfen und deshalb besonders exponiert werden, gehört mittlerweile zur Verkaufsstrategie auch der kleinsten Händler. Obst und Gemüse können hinzukommen, insbesondere wenn sich in der Nähe kein „Wet Market“ mit Frischprodukten  befindet.  Nicht wenige Kunden kaufen zur Verwunderung des westlichen Beobachters auch einzelne Zigaretten. Sandalen können als „Aktionsware“ im Sonderangebot sein. Manchmal ist auch das Warenangebot vordergründig ausgedünnt, um die Besteuerung durch offizielle und inoffizielle Autoritäten zu mindern. Insgesamt hat man jedoch – zumindest in den kleinen Dörfern – den Eindruck, dass die Diversifikation der Verkaufsprodukte sich bei weitgehend identischem Grundsortiment trotz starkem Konkurrenzdruck  in Grenzen hält.   

 

Sari-Sari Shops haben eine wichtige soziale Funktion im Alltagsleben. Man tauscht Neuigkeiten und Klatsch aus, kommt auf einen Schwatz. Am Vormittag vielleicht eher Frauen und Kinder, die am Rock der Mutter Hängen und um Süßigkeiten quengeln. Später die Schüler, die sich für ihr kleines Taschengeld eine Cola oder ein Comic kaufen. Abends die Männer, die sich auf Behelfsbänken rauchend ihren Frust mit Bier oder Ginebra herunterspülen oder eine Zerstreuung suchen. Bei Geschäftsschluss wird der Laden in der Regel gut abgesichert, denn man weiß ja nie   ......

 

Es handelt sich meistens um Familiengeschäfte, die bis spät in den Abend verkaufen. Eingekauft wird bei dem oft chinesischstämmigen „Whole-Saler“ (Großhändler) gegebenenfalls auch in den Supermärkten der Großstadt. Ein wichtiger Grundsatz beim Absatz ist: Aus groß mach klein – der Sack Zucker wird in viele, viele kleine Plastiktütchen aufgeteilt. Ein guter Teil der Tagesbeschäftigung des Verkäufers oder der Verkäuferin besteht deshalb im Umfüllen, Zählen und Wiegen der Ware. Diese Verkaufsstrategie  erhöht den Gewinn des Händlers und ist  - wunderbare Welt des Handels – kurzfristig für den Käufer billiger.  

 

Nun gibt es unter den Käufern in der Regel auch immer arme Schlucker, die in Ermangelung von Geld um Anschreiben bitten. Ein schlafraubendes Kardinalproblem für den kleinen Sari-Sari Shop-Inhaber ist deshalb: Gewähre ich Kredit und wenn ja wem, wie viel in welcher Zeit? Zwar versuchen sich viele Inhaber vor dieser Frage zu schützen, indem sie „No Credit“– Hinweisschilder demonstrativ aufstellen. Gewähren sie jedoch keinen Kredit, wandern die Kunden ab - geben sie zu viel Kredit, sieht man vielleicht den Kunden nicht wieder. Allen Hinweisschildern zum Trotz fungieren Sari-Sari-Shops in vielen Barangays als  Kleinkreditgeber.

 

Die Nielsen-Company (1) schätzte die Zahl der Sari-Sari Stores im Jahre 2000 auf über 430.000. Sollte diese Zahl annähernd richtig sein, dann würde dies bedeuten, dass auf rund 26 Haushalte ein Sari-Sari-Store kommt. Selbst im Geschäfts– und Verwaltungsviertel von Makati wurden 1997  3500 Sari-Sari Stores gezählt. Skepsis gegenüber den ausgewiesenen Zahlen ist jedoch grundsätzlich angebracht. Zum Beispiel wies der NSO-Census (2) für 1975 rund 750.000 Sari-Sari Stores aus, die dann - aus welchen Gründen auch immer - 1996 auf 100.000 gefallen waren. Eine Ursache für diesen Zahlen-Wirrwarr kann sein, dass immer noch Teile des Sari-Sari Handels dem Schwarzmarkt oder der Untergrundwirtschaft zuzuordnen sind. So wurde 1996 geschätzt, dass das inoffizielle Bruttosozialprodukt rund 30 – 40 Prozent höher als das offizielle Bruttosozialprodukt liegt. Wer seinen Handel nicht angemeldet hat, bleibt wahrscheinlich trotz forciertem Anmeldedruck vom Fiskus verschont.   

 

1994 ging man davon aus, dass die Sari-Sari-Stores rund achtzig Prozent der Einzelhandelsgeschäfte darstellen, aber nur 12,4 % der Konsumausgaben vereinnahmen. Über die Hälfte der Konsumausgaben entfielen auf die Supermarkets.  

 

Die oben zitierten Nielsen-Daten unterstellen sogar, dass sich die Zahl der Sari-Sari Stores von 1997 auf 2000 um 88 % erhöht hat. Diese Zahlen stehen damit im Gegensatz zur Entwicklung in den meisten westlichen Ländern (starker Rückgang der Tante Emma-Läden), aber auch zu manchen Bekundungen auf den Philippinen und überraschen. Denn man könnte ja mit Fug und Recht annehmen, dass bei gestiegner Bevölkerungsmobilität und höheren Haushaltseinkommen die ungleich größeren und  attraktiveren Shopping-Malles (der Robinsons, Sys, Gokongas oder Ayalas), der Supermarkets und Department Stores in den Groß- und Mittelstädten ihre Preis- und Angebotsvorteile ausspielen und die Kunden von den Sari-Saris in beachtlichem Umfang abziehen. Warum dem nicht so ist, gehört für den Verfasser noch zu dem Hort der unerklärlicher Geheimnisse der Statistik.  

© Wolfgang Bethge, 2003

 

 (1) zitiert nach: Gladys de Veyra, AC Nielsen Philippines, The Philippine Retail Trade in the Midst of Global Changes, unter http:// www.ecrphils.com/2nd%20ECR%20Conference/DAY_1/Phil_Retail_Trade1.PDF 

(2) zitiert nach: The Economist Newspaper, 1996, Retailing in the Philippines,  http://huaren.org/diaspora/asia/philippines/doc/ 042298.html