Der Sauersack

Der artenreiche Baum kennt viele Namen. Die lateinische Bezeichnung der Botaniker lautet Annona muricata. Auf den Philippinen läuft die Frucht meist unter der dem Spanischen entlehnten Bezeichnung Guayabano (englisch: sour sop). Im Deutschen spricht man von der Stachelannone oder dem Sauersack. Erstere Bezeichnung erleichtert zwar die biologische Zuordnung, ist aber leicht irreführend, da die ledrige Außenhaut der Frucht des Sauersacks zwar weichere Noppen, aber keine höckerigen Stacheln wie die Durian-Frucht aufweist. Der Name Sauersack im Hinblick auf die äußere Gestalt der Frucht wie auch ihren Geschmack zutreffender.  Der Sauersack ist im übrigen nicht mit der Durian-Frucht verwandt, Außenhaut aber auch Geschmack der beiden Früchte sind sehr unterschiedlich.

Die ursprüngliche Heimat des Baumes vermutet man im nördlichen Südamerika. Der schlanke, immergrüne Baum wird nur fünf bis zehn Meter hoch. Er ist tiefer verzweigt und weist einen glatten Stamm mit grau-brauner Rindenfärbung auf. Die dunkelgrün-glänzenden, ledrig wirkenden Blätter haben eine ovale Gestalt und erinnern an Lorbeerblätter. Zerdrückt man ein Blatt, nimmt man einen leicht scharfen Geruch wahr. Die kurzstieligen, länglichen, grün-gelben Blüten sind etwa 2-4 cm lang und locken mit ihrem – manche sagen -  „aasartigen" Geruch Insekten zur Bestäubung an.

Etwa ab dem dritten Jahr trägt der Sauersack nur 10–15 Früchte pro Jahr. Die vom Stamm und Ästen herabhängenden Früchte können im günstigsten Fall bis zu 40 cm lang, 15 cm breit und annähernd vier Kilogramm schwer werden. Mit diesen Größenmaßen macht sie fast schon Wassermelonen Konkurrenz, im Regelfall wird man jedoch eher kleineren Früchten auf den Philippinen begegnen. Ihre Gestalt kann rund, oval, herzförmig oder unregelmäßig, auch schräg geformt sein.  Reif erinnert die Frucht an einen ledrigen Sack.  Die unreifen Früchte sind dunkelgrün. Eine Gelblichfärbung der etwa 2 mm dicken, leicht reißenden Außenhaut signalisiert zunehmende Reife und größer werdende schwarze Flecken verweisen auf einsetzende Überreife, Verrottung und Fäulnis. Die weiche, nicht essbare Außenhaut hat – wie schon ausgeführt – eine Vielzahl von weichen, stummeligen Noppen. Sie haben keine Schutzfunktion gegenüber Fressfeinden, sondern sind die Überreste des weiblichen Geschlechtsapparates der Sauersackfrucht, die von den Botanikern zur Gattung der Beeren gezählt wird.   

Das cremefarbene Innere der Frucht, die zu 70 – 80 % verzehrbar ist, weist Segmente und ein Zentralmark aus. Es ist faserig und sehr saftig. Der Grundgeschmack der Frucht ist säuerlich, es gibt aber je nach Art unterschiedliche Säuregrade. Der Zuckergehalt schwankt zwischen 4–14 Prozent. Manche Esser erinnert der „einzigartige“ Geschmack auch an eine Mischung von Zitrone, Stachelbeeren und Ananas. Jedes befruchtete Segment enthält einen ovalen, glatten Kern, der etwa 1–2 cm lang ist. Die Anzahl der Kerne pro Frucht variiert stärker. Ihre Zahl schwankt zwischen mehreren Dutzend und bis zu 200 Kernen. Die harten schwarzen Kerne enthalten Alkaloide, sie sind giftig. „ Sie sind jedoch nicht tödlich. Der Kern geht glatt durch“, schreibt Hanewald (1).

Auf den Philippinen gibt es insbesondere zwei Zuchtvarianten des Sauersacks beziehungsweise der Guayabano:

- die kleinere, schön geformte und im Schnitt etwa ein Kilogramm schwere, saftreiche und leicht säuerliche  Aguinaldo-Sorte, die von Januar bis April Früchte trägt  und

- und die etwas schwerere (~ 1,7 kg), herzförmigere und leicht süßere Davao-Sorte, die insbesondere in den Monaten August und September Früchte ausbildet.

Den Sauersack findet man auf denn Philippinen vorwiegend in Hinterhöfen und Gartenbereichen. Als Beiwuchs entzieht er sich weitgehend der amtlichen Agrarstatistik. Der farmmäßige Anbau hat aber in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Im Jahre 2003 ging man davon aus, dass auf etwas über 3000 Hektar Guayabano-Bäume gepflanzt wurden (2).

In der Exportstatistik taucht die Guayabano-Frucht nicht auf. Man findet die Frucht bei uns auch kaum im Handel. Dies findet eine relativ einfache Erklärung. Stachelannonen – um eine andere Bezeichnung zu verwenden – sind sehr druckempfindlich und wenig lagerfähig. Sie sollten wenige Tage nach dem Pflücken verzehrt werden. Die Frucht liefert aber eine hohe Ausbeute an Saft oder Püree und meistens lernen wir sie in den westlichen Ländern in dieser – industriell verarbeitete - Weise kennen. Der etwas säuerliche Guayabanosaft ist in der Getränke-, Eiscreme- und Konfitürenindustrie ein häufig hinzugefügter Grundstoff. - Auch in Deutschland kann man Guayabana-Saft zum Beispiel von der Firma Rubicon kaufen. Der Liter kostet circa drei Euro. Der Fruchtsaftgehalt beträgt aber nur 21 %. Dem Getränk sind neben viel Wasser, Vitamin C, Zucker und Stabilisatoren beigefügt (3).

Auf den Philippinen selbst werden die unreifen Früchte auch als Gemüse zubereitet. Man kann die vitaminreiche Frucht selbstverständlich auch roh genießen. Zumeist wird der Saft aber zusammen mit Milch, Zucker und Wasser zur Herstellung von Erfrischungsgetränken verwendet. Aus dem Püree lassen sich mit Zuckerbeifügung Puddingspeisen und Obsttörtchen herstellen. Mehr Verarbeitungsschritte erfordert die Herstellung von Guayabano-Chips. Schließlich kann man die Blätter auch fermentieren und daraus Tees zubereiten.

Breit ist das Einsatzgebiet in der Volksmedizin. Man könnte fast von einem Universalheilmittel sprechen. Ins Kopfkissen eingebrachte Blätter sollen für einen guten Schlaf sorgen, gleichzeitig aber auch Läuse und Bettwanzen fernhalten. Kopfläuse kann man vertreiben, indem man die Kerne pulverisiert, mit Öl versetzt und die Paste auf den Kopf aufträgt. Mit zerdrückten Blätter bekämpft man Ekzeme und Hautunreinheiten. Der Sud der Blätter und der Blüten soll antispasmatisch wirken und Katarrhe lindern. In Kompressen eingebracht hilft der Blättersud beim Abschwellen heißer Füsse und ist auch sonst gut bei der Bekämpfung von Entzündungen. Unreife Früchte werden bei Ruhrerkrankungen eingesetzt. Wickel mit dem Fruchtfleisch sind angeblich in der Lage, Sandflöhe herauszuziehen. Der Saft in größeren Mengen genossen wirkt abführend.

Gibt man die englische Bezeichnung „soursop“ in Suchmaschinen ein, so stellt man schnell fest, dass sich mit Sauersackextrakten auch spekulative Hoffnungen bei der Krebsbekämpfung verknüpfen. Schon seit 1976 werden die potenziell anti-karzinogenen Wirkungen von Sauersackextrakten untersucht. Ein amerikanisches pharmazeutisches Unternehmen analysierte jahrelang die Bestandteile der Frucht, musste aber feststellen, dass sich die vermuteten antikarzinogenen Wirkstoffe nicht synthetisieren ließen. Aber nur synthetisierte Wirkstoffe lassen sich – mit Aussicht auf hohe Gewinne - patentieren. Das Unternehmen stellte daraufhin weitere Forschungsaktivitäten ein (4). Neuerdings wird eine Untersuchung der Katholischen Universität in Südkorea häufiger zitiert. Sie kommt zu dem Befund, dass eine chemische Verbindung in der Frucht zehn Arten von Krebs 10 000 Mal stärker bekämpfen kann als das in der klassischen Chemotherapie eingesetzte Adriamycin und das ohne die Nebenwirkungen der klassischen chemischen Behandlung wie Haarausfall oder Übelkeit (5). Im Rahmen des Wirksamkeitsnachweises fordert man oft klinische Doppelblindtest-Untersuchungen. Solche Tests liegen aber anscheinend noch nicht vor (6). Da ein Präparat derzeit offenbar noch nicht vorliegt, begnügt man sich mit dem Hinweis, im Rahmen der Krebsvorsorge möglichst viel Guayabanosaft zu trinken (7).  

Der Sauersackbaum ist auf die Philippinen erst in den letzten Jahrhunderten eingeführt worden. Deshalb findet er sich auch nicht im Fundus alter philippinischer Märchen. Es gibt jedoch ein (Kinder-) Märchen aus neuerer Zeit, das von dem 2006 verstorbene philippinischen Schriftsteller Rene O. Villanueva stammt.  Wir empfehlen, das Büchlein mit dem Märchen all den Vertretern des weiblichen Geschlechts zu schenken, die dem Schönheits- und Kosmetikwahn allzu sehr verfallen sind.

Im Mittelpunkt des Märchens steht eine eitle Prinzessin Vanessa, die sich fast nur noch um ihr äußeren Erscheinungsbild kümmert. Tag für Tag eilt sie an einen kristallklaren Fluss, um sich in ihm zu spiegeln. Die Frage quält, sie ob sie die Schönste im Lande sei. Die Antwort des Flusses, das jede Frau auf ihre Weise schön sei, befriedigt sie nicht. Sie lässt sich sich von Schönheitschirurgen ihre Nase herrichten, das Fett absaugen und benutzt Unmengen an Cremes und Vitaminen zu sich, um die Haut glatter und straffer erscheinen zu lassen. Ewig jung will sie sein. Doch eines Tages - als sie sich wieder im Fluss betrachtet - muss sie gewahr werden, dass sich die Natur an ihr zu rächen beginnt. Ihr Gesicht beginnt zu rebellieren. Es wird unförmig und faltig. Als sie daraufhin Steine und Gesteinsbrocken in den Fluss wirft, zieht dieser sie mit in die Tiefe. Die Prinzessin wird fortan nicht mehr gesehen. Jahre danach trocknet der Fluss aus. Im ausgetrockneten Flussbett wächst jedoch ein Baum heran mit großen noppigen Früchten. Es war der erste Sauersack-Baum. (8). So bewahrheitet dich das lateinische Sprichwort: "Forma bonum fragile est " (Schönheit ist zerbrechlich)  im Falle der Prinzessin auf besonders drakonische Weise.

 ©  Wolfgang Bethge, 2010


(1) Roland, Hanewald, Essbare Früchte Asiens, Bielefeld, 2001, S.

(2)  Production Guide on Guayabano, http://www.bpi.gov.ph/Publications/productionguides/guayabano.htm

(3) Vgl.: http://www.feinkost.de-a1.de/de/rubicon_guanabana_fruchtsaftgetraenk_1000ml_tetrapack__78947.htm

(4) Vgl.:http://mediconews.com/2010/02/04/the-cancer-cure-with-soursop-fruit-soursop-kills-the-cance-cells-sour-sop-fruit-natural-treatmet-for-cancer/

(5)  Soursop fruit, Cancer killer http://hubpages.com/hub/Soursop-fruit-Cancer-killer

(6) http://greensanctuary56.blogspot.com/2008/09/health-benefits-of-graviola-soursop.html

(7) For Soursop to Treat Cancer, http://u-type.org/soursop-to-treat-cancer

(8) Rene O. Villanueva,  Alamat ng Guyabano – The Legend of Soursop,  San Francisco 2007