Von Hausaltären, Kruzifixen, Heiligenbildern und anderen Devotionalien  

Der Katholizismus prägt die Philippinen und ist in der Gesellschaft tief verankert. Das zeigt sich an der Vielzahl religiöser Gegenstände und Symbole, denen man - auch jenseits der Kirchenmauern – zum Beispiel in Gestalt von Kreuzen, Kruzifixen, Rosenkränzen, Heiligenporträts, Marienstatuen und Engelsbildern. „The catholic religious symbolism is everywhere". Man bezeichnet die oben angeführten Objekte auch als Devotionalien. Sie sollen der Einkehr und religiösen Andacht dienen. Der Devotionalienhandel blüht im Lande vor allem vor den Kirchentüren.

Devotionalien sind oft mit Bildhaftem eng verbunden. Stellen wir zunächst fest, dass Bilder in der katholischen Glaubensverkündigung einen hohen Stellenwert haben. Sie lassen sich – vielfach im Gegensatz zu Schriftdokumenten - in der Regel relativ schnell erfassen, erzählen Geschichten, sprechen Emotionen und Gefühle an. Bilder und sakrale Gegenstände gehören zum unverzichtbaren Glaubensinventar des Katholizismus. Von ihnen soll hier, möglichst „sine ira et studio“ (ohne Zorn und Eifer), die Rede sein.

Wir beziehen uns dabei nur auf religiöse Gegenstände im Haus und sie sollten sich auch im Haus des frommen Katholiken befinden. So fordert zum Beispiel eine katholische philippinische Internetseite: “Every Catholic home should be a microcosm of the Church” und führt weiter aus, dass nicht der Fernsehapparat, sondern ein zumindest einfach gestalteter Hausaltar im Mittelpunkt einer Wohnung zu stehen habe (1). Die Folge ist, dass Wohnräume auf den Philippinen – zwar nicht immer, aber doch relativ häufig – auch zur bebilderten und emsig behüteten Glaubensbühne werden, vor der der glaubensferne westliche Beobachter dann leicht irritiert steht.

Nachdem uns im Garten vielleicht schon eine hohe, schlanke Marienstatue aufgefallen ist, wollen wir ein prototypisches Haus betreten. Unser Blick im Wohnzimmer fällt zunächst auf einige typische „weltliche“ Dinge, die neben der grell strahlenden Neonröhre im Wohnzimmer häufig anzutreffen sind. Die Wände schmücken Bilder von Verwandten, Zeugnisdiplome, Tinikling-Dancers und auch größeres dekoratives Holzbesteck. Muschelgehänge sollen die Wohnung dekorativer gestalten und Konservendosen aus dem Ausland den sozialen Status heben. Coach, Sessel und Teppiche verstecken sich zunächst unter Betttüchern und Plastiküberzügen.

Aber spätestens dann fixiert sich der Blick auf ein oder mehrere größere Wandbilder. Dies kann das „Last Supper“ sein. Meist sind es farblich aufgefrischte Abwandlungen des Abendmahlbildes von da Vinci. Oder es findet sich an der Wand das Bild des „Sacred Heart of Jesus“ oder der „Immaculate Heart of Mary“. Beide können auch als „Twin Hearts“ zusammen auftreten.

 

Sprechen wir kurz vom oberen Bild. Jesus wie auch die „Blessed Virgin Mary“ (Maria)  erscheinen in güldenen Strahlenglanz. Dem sanft blickenden Jesus fällt das lockige,  braune Haar über die Schultern. Demonstrativ zeigen beide Figuren irreal wirkende rote Herzen, die die Niedlichkeit des Bildes etwas stören. Eine gewisse Zuckersüße kann man dem  Bild nicht absprechen. Kritische Beobachter könnten von einem religiösen Kitschbild sprechen.  

Oft lehnen sich diese Bilder wie auch die Heiligenbildchen an Bildmotive der Nazarener an. Die Nazarener, die dem Katholizismus nahestanden, pflegten zu Anfang des 19. Jahrhunderts einen romantisch-verklärenden Kunststil und fertigten auch religiöse Bilder an, die des Öfteren in der Nähe von flachem, gleichwohl „schönem“ Kitsch angesiedelt waren. 

Wir kommen zum Gebetsschrein, der eine einfache Gebetsecke aber auch ein Andachtsaltar „de luxe“ sein kann und sich in einem oder sogar in mehreren Zimmern des Hauses befindet. Strenge Formalisten achten übrigens darauf, dass sich der Ort der Einkehr und Besinnung an der Ostwand des Hauses befindet und dass er eine Sitz- oder Kniemöglichkeit zum Beten bietet. Grundstock ist häufig ein kleiner Tisch, ein Bücherregal oder speziell angefertigtes Mobiliar.  

Auf dem weißen Tischtuch können sich diverse Devotionalien befinden. Wir gehen im Nachfolgenden von einem reich ausgestalteten Schrein aus. In aller Regel findet sich in der Mitte des Andachtsplatzes eine Madonnenstatue aus geschnitztem Holz oder auch aus preiswertem Plastikmaterial. Angetroffen hat der Verfasser auch Plastikmadonnen, die nachts grünlich strahlten. Ob und inwieweit der Phosphorzusatz - den auch die Zeiger von Fliegeruhren und Wecker der Nachkriegszeit aufwiesen – gesundheitsschädlich ist, muss hier offenbleiben. 

Der erwachsene Christus geht im Marienkult, für den es nur wenige biblische Belegstellen gibt, fast unter oder tritt in den Hintergrund. Wenn Christus erscheint, dann vor allem als kindlicher Santo Nino. Die Figur des Christuskindes gibt es in Hunderten von Versionen. Es können schlichte Plastik- oder Stoffpüppchen sein. Höherpreisige Varianten haben vielleicht ein Gesicht aus poliertem Elfenbein oder Ebenholz und das Gewand ist vielleicht aus Damast und Samt gefertigt und mit Goldlitzen geschmückt. Santo Nino ist eine sanft lächelnde, puppengroße Figur mit leicht weiblichen Gesichtszügen. Über dem wallenden hellen Lockenhaar trägt der Nino in der Regel eine goldfarbene Krone. In der Lehre vermittelt er die kindlichen Tugenden der Demut, Aufrichtigkeit und des Vertrauens (2).  

Andere Figuren stehen eher am Rand. Das kann zum Beispiel Josef sein oder eine Statue des ersten philippinischen Nationalheiligen Lorenzo Luis, über den wenig bekannt ist. Er wurde um 1600 in Manila geboren und ist zunächst Schönschreibern bei den Dominikanern. Wegen krimineller Verdächtigungen, die sein Orden als nicht gerechtfertigt erachtet, muss er sich auf eine Missionarsexpedition nach Japan begeben. Dort wird er zu Tode gefoltert, weil er standhaft in seinem Glauben blieb. 1981 wurde er von Rom heiliggesprochen.  

Die Frage, welche Figur wo steht, ob zum Beispiel Maria rechts oder links von Christus steht, kann zu theologischen Disputen führen, zumeist geht es aber nur darum, welche Stellung die schönere ist.  

Weiterhin finden sich neben Blumen Kerzen auf dem Postament – oft eine große weiße Goddess-candle und viele kleinere, bunte Kerzen, gesegnete und ungesegnete Kerzen, solche mit Duft und solche im Votivglas. Ein Rosenkranz, dessen Perlen ja für eine bestimmte Abfolge von Gebeten stehen, darf nicht fehlen. Und ein Kruzifix mit dem Bild des Gekreuzigten kann gewiss auch nicht schaden. Engel als göttliche Boten möchte man auch nicht missen. 

Recht preiswert sind die ausgelegten Heiligenbildchen. Da die katholische Kirche über 6000 Heilige und Selige zählt, bieten sich außerordentlich viele Motive an. Häufiger finden sich zum Beispiel Heiligenbilder mit 

- St. Isidore, dem Heiligen der Bauern und ländlichen Gemeinden

- St. Andrew, dem Heiligen der Fischer

- St. Nicholas, dem Wundertätigen

- St. Jude, dem Heiligen der Hoffnungslosen

- St. Martha und St. Barbara 

Im Regelfall sind die „Holy Cards“ künstlerisch einfach gestaltet. Sie verweisen auf eine heilere Welt und wollen Harmoniebedürfnisse und Gefühle ansprechen.

Weitere Requisiten können sein – ein Weihrauchfässchen, gesegnetes Salz und Weihwasser. Das Wasser kann von der benachbarten Kirche stammen, es kann aber auch von weit her – die Globalisierung macht es möglich - zum Beispiel dem See von Genezareth oder von Lourdes stammen. Manche Filipinas bringen etliche Deziliter gesegnetes Wasser aus Lourdes mit. 

Wichtig ist dann noch Gedrucktes zur Erbauung und Unterweisung. Hier kommen unter anderem in Betracht die Bibel, Katechismen, Messbücher, Gebetsbücher (Rosenkranzgebete) oder die „Novena to Our Mother of Perpetual Help“. Die nicht so zahlreichen „Schriftgelehrten“ unter den Gläubigen beeindrucken vielleicht mit der „Sumnma Theologica“ von Thomas von Aquin. 

Nun wären die Filipinos keine Filipinos, wenn sie nicht auch andere Dinge, die man gemeinhin mit Aberglaube assoziiert, in das Szenarium einbinden würden. Der Anting-Anting-Kult mit seinen Schutz- und Abwehramuletten geht ja schon auf die Zeiten vor der spanischen Kolonialisierung zurück. Überaschenderweise finden sich mitunter auch (Hexer-) Amulette und Tarotkarten auf dem Schrein.  – Manches kann auch an den Ahnenkult erinnern. So zeigt zum Beispiel die Altarabbildung einer nach Amerika ausgewanderten Filipina auch ein kleines Säckchen, in dem sich ein Teil der die Asche der verstorbenen Uroma befindet. „Besides, who doesn't want granma and great-granma with you always?” (3), lautet dann die etwas kecke Frage. 

Nun ist es aber mit dem einmaligen Aufbau eines Gebetsschreins nicht unbedingt getan. Der fromme, devotionalientreue Katholik richtet ihn auch nach dem Kirchenjahr aus. Das kann unter anderem bedeuten, dass man die Marienstatue am Karfreitag in schwarzen Samt hüllt und ihr zu Weihnachten einen weißen oder goldenen Umhang gibt.  Da gibt es dann viel zu werkeln und dies sollte dann nicht auf Kosten der stillen Andacht geschehen, so die Meinung von geistlichen Herren. 

Überhaupt – nicht alle Filipinos befürworten Gebets- oder Andachtsschreine. Sie sind vielleicht nur der Ansicht, je einfacher, desto besser. Es gibt auch auf den Philippinen durchaus Stimmen, die Gebetsecken im Haus ablehnen und argumentieren, dass man schließlich überall beten könne. Ein Altar könne manchmal nur von der Kontemplation ablenken. Man solle keine falschen Bilder verehren. 

Wir kommen zum etwas frivolen Schluss. Vorsicht ist geboten, wenn Sie einem Schrein begegnen, bei dem die Farbe Schwarz überwiegt und zum Beispiel Runenzeichen, Pentagramme, umgekehrte Kreuze, Dolche und Knochen oder gar ein Totenkopf ausliegen. Was ist geschehen? Sie haben sich verlaufen und sind bei einem Teufelsanbeter gelandet. Die Botschaft kann dann nur lauten: Lauf, lauf, du arme Christenseele .....      


(1) The Domestic Church: The Catholic Home, in:  http://www.fisheaters.com/domesticchurch.html

  (2) Vgl.: Wolfgang Bethge, Santo Nino – Figur der Volksfrömmigkeit, in:   http://bethge.freepage.de/nono.htm

  (3) Vgl.: http://www.stephaniesyjuco.com/antifactory/blog/2005_05_01_archive.html