Die vermarkteten Seepferdchen

Es sind schon eigenartige Fische, die Seepferdchen. Schnell stellen sich Assoziationen zu seiner Gestalt ein. Hat es nicht den Kopf eines Pferdes, die Schnauze eines Ameisenfressers? Und erinnern nicht die beweglichen Augen an Chamäleons, der Schwanz an bestimmte Halbaffen und der Beutel an Kängurus? Andere Merkwürdigkeiten treten hinzu. Kein Wunder, dass schon die alten Griechen von dem Fisch-Pferd Geschöpf fasziniert waren. Seepferdchen zogen als mythologische Figuren Poseidons Streitwagen und begleiteten Seenixen. Auch im philippinischen Märchen erscheinen sie - zunächst als echte hoch geschätzte Pferde des Meeresgottes Amanikables, die dieser dann nach einer Hatz mit Hunden in liebliche Seepferdchen verwandelt. Heute jedoch laufen die  zierlichen Geschöpfe Gefahr, zum Suppen- oder Tee-Extrakt zu verkommen und bei anhaltender Verfolgung im Fundus mythologischer Geschöpfe abgestellt zu werden. Doch davon später.

Zur Biologie der Seepferdchen

Seepferdchen sind in flachen, klaren Küstengewässern in Tiefen von einem bis fünfzehn Metern in den gemäßigten und tropischen Breiten anzutreffen. Die meisten Arten finden sich in den Seegras-, Mangroven- und Korallengebieten in indopazifischem Seegebieten. Auf den Philippinen werden Seepferdchen insbesondere in den Ufergewässern von Cebu, Palawan und Zambuanga gefunden. Als Herz der philippinischen Seepferdfischerei gilt jedoch der westliche der Hauptinsel Bohol gelegene, 900–Seelen-Ort Handumon. Wir kommen auf diesen Ort und seine Fischerei zurück. Gefährdet wird der Lebensraum der Seepferdchen durch die zunehmende Wasserverschmutzung, die Abholzung von Mangrovenwäldern, das Zerstören von Korallenriffen (z.B. durch das Dynamitfischen) sowie die Temperaturerwärmung. 

Die Artenbestimmung stößt wegen unterschiedlicher Bezeichnungen und dem Farb- und streckenweise Gestaltwandel der Tiere immer noch auf Schwierigkeiten – im allgemeinen geht man jedoch von etwa 35 Arten aus. Während die Pygmäen-Varianten „Hippocampus barganti“ bez. „Hippocampus minotaur“ kaum zwei Zentimeter groß werden, erreicht das „Hippocampus ingens“ ein Längenwachstum von bis zu dreißig Zentimetern.  

Der mit knöchernen Platten besetzte Körper erscheint seitlich stärker zusammengedrückt. Der pferdeähnliche, mit einem kleinen Krönchen besetzte Kopf ist deutlich vom Hals abgesetzt. Mit dem vorstülpbaren, röhrenförmigen, zahnlosen Maul saugt das Seepferdchen insbesondere Krebstierchen, Schwebegarnelen, Fisch- und Insektenlarven sowie Plankton ein. Die relativ großen Augen bewegen sich unabhängig voneinander. 

Seepferdchen sind schlechte Schwimmer, sie sind deshalb auch stark an ihren Standort gebunden. Meistens sieht man sie auf- und abschweben. Dieses Auf- und Abschweben aber auch die Körperstabilität wird primär durch die bis zu 70 mal in der Sekunde vibrierenden, ohrenähnlichen Brustflossen und die Veränderung des Gasvolumens im Körper bewirkt. Die Rückenflosse wird für propellerartige Vor- und Rückwärtsbewegungen eingesetzt. Die Schwimmbewegung ist jedoch recht langsam. Man hat festgestellt, dass ein Seepferdchen ca. fünf Minuten braucht, um eine Badewanne zu überqueren.  Der Schwanz ist nicht als Flosse, sondern als biegsamer Greif- oder Klammerschwanz ausgebildet, mit dem sich das Tier - meistens etwas versteckt - insbesondere an Wasserpflanzen und Algen festhält. Bei im Aquarium gehaltenen Tieren kann das Wickelobjekt auch kurzfristig der Finger des Aquarianers sein. Da der Griff des Tieres nicht allzu fest ist, können Seepferdchen bei Sturm zu Hunderten an den Strand gespült werden. 

Ansonsten haben sie auch wegen ihrer etwa 50 knöchernen Schutzplättchen relativ wenig Fressfeinde (Pinguine, Krabben). Und sind nicht eingebunden in die menschliche Nahrungskette.  Ihrem Schutz dient auch die artenspezifisch unterschiedliche Fähigkeit des Farbwandels. Häufig weisen Seepferdchen eine grüne, beige, hell- oder dunkelbraune Grundfärbung mit weißer Flecken oder Streifen auf. Es gibt jedoch einzelne Arten, die chamäleonartig in Anpassung an ihre Umwelt blitzschnell blaue, orangene oder purpurrote Färbungen annehmen können.  Eine australische Art hat sogar Hautflügel entwickelt, die der Vegetation ähneln und den Körper bedecken können.  Seepferdchen können – so Ergebnisse der Aquariumsforschung – zwischen einem und sechs Jahre alt werden. 

Seepferdchen sind in der Tierwelt insofern einzigartig, als sie in der Regel monogam leben und die Männchen die Brut austragen. Drei bis sieben Tage umwerben sich tanzend die Pärchen und umschlingen innig ihre Schwänze.  Nach dem grazilen Hochzeitstanz legt das Weibchen seine gereiften Eier in die känguruähnliche Brut- oder Bauchtasche des Männchens ab.  Es erfolgt die Befruchtung durch das Männchen und die Embryonen entwickeln sich in der wasserdicht abgeschlossenen Tasche. Je nach Art und Wassertemperatur dauert die Tragezeit zwischen zehn  und vierzig Tagen.  Während dieser Zeit besucht das Weibchen jeden Tag für etwa zehn Minuten das Männchen und die Paare finden sich in einem wiegenden und kreisenden Tanz, bei dem sie die Farbe wechseln. Bei Geburt stößt das Männchen unter wehenähnlichem Pressen bis zu 400  7- 11 Millimeter kleine Mini-Seepferdchen aus. Die ausgestoßenen Winzlinge bewegen sich zur Wasseroberfläche und füllen als erstes ihre Schwimmblase mit Luft. Sie sind nun selbstständig und kehren nicht in die Bruttasche zurück. Bei einer australischen Art konnte sieben Befruchtungen im Jahr nachgewiesen werden. 

Es wurde oben schon ausgeführt, dass Seepferdchen sich treu sind und in der Regel zeitlebens eine Einehe führen. Verstirbt ein Partner oder wird er gefangen, dann stellt der verbleibende Partner für längere Zeit die Fortpflanzung ein. Erst nach längerer Zeit erfolgt eine neue Partnersuche, wobei die relative Standortabhängigkeit die Partnersuche schwieriger gestaltet. Das sind Tatbestände, die die Reproduktion von Seepferdchen stärker eingrenzen. 

Die Vermarktung 

Eine vorsichtige Schätzung, die sich mehr auf offizielle Daten stützt und den illegalen Handel weitgehend ausklammert, geht davon aus, dass der Südostasien passierende Handel im Jahre 2000 circa 70 Tonnen getrocknete Seepferdchen umfasste. Dies entspricht grob gerechnet  einer Fangmenge von 24,5 Millionen Stück. Die sich daraus ergebende Bestandsgefährdung der Seepferdchen ist das Resultat eines gestiegenen Nachfragebedarfs  

(a) der traditionellen chinesischen Medizin,

(b) des Aquarienfischhandels und

(c) der kunstgewerblichen Schmuckhersteller. 

Seine stärkste Verwendung findet das in der Sonne gebleichte Seepferdchen als „Heilmittel“. In der  traditionellen chinesischen Medizin (TCM) hat es bez. seine Indigridienzien den Rang eines Universalheilmittels. Es wird von chinesischen Ärzten und Apothekern unter anderem empfohlen bei: Impotenz, Magenbeschwerden, Atemwegserkrankungen, Arteriosklerose, Inkontinenz, Schilddrüsenerkrankungen, Hauterkrankungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Nieren- und Lebererkrankungen. Schon die immense Breite des angeblichen Wirkungsspektrum macht deutlich, dass hier auch Wunderglaube im Spiel sein muss. Die getrockneten Seepferdchen werden zusammen mit anderen Indigridienzien wie Kalk und Rinden als Tee verabreicht, zu industriell gefertigten Potenzsuppen verarbeitet (Kraftbrühen aus Fleisch und Seepferdchen) oder als Pillen dargeboten. Ein Döschen „Genital Strengthener“ kostet in Hongkong etwa $1.50. Der Apothekenhandel in Hong Kong schätzt insbesondere die größeren Sorten mit glätterem Körper. Übrigens wurden die Seepferdchen auch in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert hinein als Heilmittel verwandt.  

Wesentlich kleinere Anteile  - man spricht immerhin von Hunderttausenden von Tieren – entfallen auf den Aquarienhandel. Hauptimportländer sind die USA und europäische Staaten. Hobbyaquarianer schätzen insbesondere die kleineren, farbigeren Seepferdchen (z.B. das gelb-rötliche Hippocampus barbouri oder das orangenfarbige Hippocampus reidi) und zahlen für Zuchtexemplare 35 Dollar und mehr. Die Haltung von Seepferdchen ist kompliziert und wird nur sehr erfahrenen Aquarianern empfohlen. Wildfänge zeigen zu Beginn ihrer Aquarienhaltung starke Stresserscheinungen und sind insofern schwierig zu ernähren, als sie nach jeweils vier Stunden nach Lebendfutter (Shrimps, Zooplankton) verlangen, das nur schwierig und kostenaufwendig zu erhalten ist. Wird diesen Bedingungen nicht entsprochen, sterben viele nach ein paar Tagen ab. Die wenigen Überlebenden sind nur sehr eingeschränkt reproduktiv. In Aquarien gezogene Seepferdchen sind in Bezug auf den PH-Gehalt, Temperatur und Wasserverschmutzung toleranter. Sie verzehren auch tiefgekühltes Futter.  

Getrocknete Seepferdchen werden auch kunstgewerblich genutzt. Man verwendet sie als Amulette, Touristen-Souvenirs und ornamentalen  Schmuck u.a. für Bilderrahmen, Kerzen, Schlüsselanhänger und Briefbeschwerer. 

Das philippinische Angebot 

Die Philippinen gehören neben Indien, Vietnam, Thailand und Mexiko zu den Hauptexportländern.

Man nimmt an, dass rund ein Viertel der weltweiten Verkaufsmenge von den Philippinen stammt. Die Zahl der von den Philippinen exportierten Tiere dürfte weit über 5 Millionen liegen, ca. neunzig Prozent entfallen auf getrocknete Tiere.  Nach einer Schätzung der Expertin Vincent gingen Ende der neunziger Jahre ca. 1500 Fischer direkt der Seepferdchenjagd nach. Ungefähr 1700 Shrimp- und Garnelenfischer verkauften Seepferdchen als Beifang.   

Der Seepferdchenfang, der in der Regel in den Monaten Dezember bis Mai stattfindet, erfordert relativ wenig Investitionen: ein Boot, eine Gaslaterne, Tauchmaske und Schwimmflossen. Meistens wird in einer Tiefe von zwei bis vier Metern im Schein der Gaslaterne gesucht. Die Suche kann wegen der Tarnung der Seepferdchen zeitaufwendiger sein, insbesondere wenn der Bestand gemindert ist. Ist das Seepferdchen gefunden, wird es schnell von seiner Verankerung „gepflückt“, ins Boot geworfen und – sofern es sich nicht um spätere Aquarienfische handelt – später an der Sonne gebleicht.    

Fischer des Ortes Handumon berichten, dass sie um 1985 noch mindestens fünfzig Tiere pro Nacht sammeln konnten. Von 1985 – 1995 sei der Ertrag jedoch um 70 Prozent gefallen. Im Mai 1999 wurde der Pfennigbetrag von ca. sechs Pesos für ein getrocknetes Seepferdchen gezahlt.  300 bis 450 Seepferdchen ergeben ein Kilo, in Cebu lag der Kilopreis in diesem Zeitraum bei 2200 – 2800 Pesos, das entspricht etwa 55 -70 $ ( bei einem angenommenen Kurs von 40 Pesos pro Dollar). Vor fast zehn Jahren lag der Kilopreis für getrocknete Seepferdchen in Hong Kong zwischen 250 US $  (kleine, braune Sorten) und 850 US $ (große, helle Sorten). Lebende Seepferdchen wurden ab 1400 US $ / kg gehandelt.  

Das Projekt „Seahorse“ der Haribon Foundation 

Um den Seepferdchenbestand auf den Philippinen langfristig abzusichern wurde unter Leitung der bekannten kanadischen Seepferdchen-Expertin Dr. Amanda Vincent 1994 das integrierte Schutzprojekt „Seahorse“ in Handumon ins Leben gerufen. Es will den Bestand an Seepferdchen schützen, gleichzeitig der am Existenzminimum lebenden Dorfgemeinschaft wirtschaftlich tragfähige Alternativen anbieten. Man studiert vor Ort die Biologie von Wild- und Zuchttieren, analysiert die weltweiten Vetriebswege und Märkte und führt Umweltseminare durch.  

Im Zusammenwirken mit örtlichen Vertretern und der Mehrzahl der örtlichen Fischer ist ein 33 ha großes Schutzgebiet ausgewiesen worden, in dem der Fischfang generell untersagt ist. Zusätzlich wurden Mangrovenwälder neu angelegt. Trächtige Männchen werden nunmehr freigelassen oder in spezielle Netzbehälter bis zum Schlüpfen der Brut verbracht. Die jungen  Nachkommen können durch die Maschen der Käfige schlüpfen, während die Alttiere nach einer bestimmten Wachstumszeit zu einem höheren Preis vermarktet werden können. Mit dem höheren Preis wird auch ein kleineres Darlehen getilgt, das man für den gefangenen trächtigen Jungfisch erhielt.  

Zusätzlich hielt man nach weiteren Einkommensquellen für die Fischer Ausschau. Diese fand man im Anbau von Seetang, dem Betreiben von Fischfarmen, der Herstellung von Schnitz- und Flechtwaren (Handtaschen und Strandmatten)  und im Öko-Tourismus.  Die Initiativen haben zu einer Einkommenserhöhung der Fischer und einem erhöhten Bestand an Seepferdchen geführt. Drei weitere Dörfer haben mittlerweile das Handumon-Projekt aufgriffen und weiter entwickelt.  

Um den Druck von den Wildpopulationen zu nehmen, hat man mit unterschiedlichem Erfolg auch die Zucht in Tanks versucht, wenngleich auch die traditionelle chinesische Medizin eine Präferenz für Wildfänge hat. Die Nahrungsbeschaffung für die Seepferdchen ist hier das Hauptproblem. Man muss zunächst große Mengen bestimmte Algen  heranzüchten, auf denen sich dann das Zooplankton ansiedelt, von dem sich die räuberischen Seepferdchen wiederum ernähren. In Australien konnte man im Tank bis zu drei Generationen der Seepferd-Art „Hippocampus kuda“ heranzüchten.  Ein anderer Versuch auf Jolo im Jahre 1992 zeigte wegen Erkrankung der Tiere nur eine Überlebensquote von zwölf Prozent. Die Tankzüchtung wird auch  als zu teuer erachtet. Dr. Amanda Vincent plädiert deshalb für eingegrenzte Aufzuchten im natürlichen Habitat.   

Da die Bestände durch Überfischung weltweit stark zurückgegangen sind wurde auf Antrag der Vereinigten Staaten im November 2002 in Santiago, Chile, eine Konvention verabschiedet, die alle Arten von Seepferdchen in den Anhang II der „Convention on International Trade in Endangered Species“ aufnimmt. Die dadurch gegebene Meldepflicht für Importe ist sicherlich aber nur ein Anfangsschritt in Richtung auf einen stärkeren Schutz der Seepferdchenpopulationen.  

© Wolfgang Bethge, 2003