Vom Seetang, Schwämmen,

Seegurken und Seeschildkröten

 

Eingefasst vom südchinesischen Meer, dem pazifischen Ozean, der Celebes- und Sulu-See bietet der philippinischen Inselarchipel einen oft verwirrenden Wechsel von Meer und Land. Groß ist die Vielfalt der in seinen Gewässern vorfindbaren Lebewesen, gewichtig die ökonomische Bedeutung des Fischfangs auf den Philippinen. Mehr als zwei Millionen Filipinos finden ihr (kärgliches) Einkommen im Fischereisektor. Über 30 kg Fisch werden pro Kopf der Bevölkerung durchschnittlich verzehrt. Dabei sind die Möglichkeiten der Hochseefischerei wegen Unterkapitalisierung bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Japanische Trawler nutzen hier in extensiver Weise ihre Möglichkeiten.

Doch nicht von Makrelen, Tintenfischen, Sardinen oder dem in großen Aquakulturen (z. B. in der Manila-Bay) gezüchteten Bangus- oder Milkfisch soll hier die Rede sein, auch nicht von den durch Überfischung, Wasserverschmutzung oder Gebrauch unerlaubter Fangmethoden (zu enge Netzmaschen, Dynamitfischerei) resultierenden Gefährdungen des Fangertrages. Aus dem weit gespannten und vielfältig differenzierten Bogen des evolutionären Entwicklungsprozesses wollen wir nur einige Erscheinungsformen herausgreifen, die - wie der Seetang, Schwamm und Seegurke - weniger bekannt sind.

 Seetangpflanzen

Seetangpflanzen als Makroalgen bauen sich in photosynthetischen Reaktionsprozessen unter der Einwirkung von Sonnenlicht aus anorganischen Verbindungen auf. Sie können dabei in tropischen Gebieten eine Länge von zwei Metern erreichen. Man trifft sie vorwiegend in der Riff- und Tiedenregionen an. Sie wurden aber auch schon in zweihundert Meter Tiefe gefunden. Je nach Farbdifferenzierung kann man grob vier Klassen unterscheiden: die meist mikroskopisch kleinen Blaualgen und die Grün-, Braun- und Rotalgen. Letztere finden sich insbesondere an tieferen Standorten.

Seetange sind unter ökologischen Aspekten (Aufbau umfassender Nahrungsketten / globale Sauerstoffproduktion) zwar nicht so bedeutsam wie das mikroskopisch kleine Phytoplankton. Wirtschaftlich genutzt wurde der Seetang jedoch schon frühzeitig. Zunächst gewann man aus ihm Soda und Jod, bis man billigere Bezugsquellen fand. Er eignet sich für die Düngung von ertragsschwachen Feldern und - wie der braune Sargassumtang - als tierisches Beifutter. In Brandungszonen vor Korallenriffen findet sich auf den Philippinen häufig der grüne Beerentang (seagrape). Er enthält Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate und Vitamine und wird beispielsweise als Salat (lato) verzehrt. Dies gilt auch für den Lentillifera-Tang, den man auf Mactan Island auf früheren Mangrovenflächen farmmäßig anbaut. Aquakulturen unterhalten auch die auf den Sulu Islands im Seegebiet von Sitangkai auf Pfahldörfern mitten im Meer lebenden Badjaos. Sie legen unter Wasser Felder von Agar-Agar-Seetang an und verkaufen diesen in getrockneter Form an die Großhändler der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Dort dient er u.a. zur Herstellung von Emulsionen und bakteriologischen Nährböden.

Die Tawi-Tawi Inselgruppe - gleichfalls in der Sulu-See gelegen - gilt als die "Seetangschüssel der Welt". Hier wird der Eucheuma-Seetang (Lokalbezeichnung: "guso"/ "gula-man dagat") von mehr als 75.000 Seefarmern angebaut. Diese Seetangpflanze liefert nach einigen Verarbeitungs- schritten eine geleeartige Substanz - das Carageen -, das als Colloid außerordentlich gut Wasser bindet. Carageean wird aufgrund dieser Eigenschaften u.a. als Nahrungsmitteladditiv und -stabilisator eingesetzt. Die Verwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Es wird herangezogen zum Beispiel zur Härtung von Eiscremes und als emulsierendes Mittel bei der Herstellung von Kosmetika, Kokosnußbutter, Schokoladen, Milchprodukten, Sirupen und Gelatinen.

Ob diese Seetangproduktion einen Boom oder einen Niedergang auf den Philippinen erfahren wird, hängt wesentlich davon ab, ob sein Endprodukt weiterhin Zugang zu den amerikanischen Märkten erhält oder nicht. Zunächst mit einem achtjährigen Bann belegt, stufte die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) philippinisches Carageean 1990 als "safe and fit" für den menschlichen Verzehr ein. Diese Entscheidung wird von zwei amerikanischen Konzernen, die gleichfalls Carageean herstellen, unter massivem Druck auf die FDA angefochten. Man verlangt neue Testreihen. Die philippinischen Produzenten argumentieren, ihr hochmolukulares Carageean wäre für den menschlichen Konsum weitaus gesünder einzustufen als das amerikanische niedermolukulare Konkurrenzprodukt und sei zudem kostengünstiger. Es ginge den amerikanischen Konzernen nur darum, den amerikanischen Markt, dessen Potential auf 300 Millionen US $ eingeschätzt wird, mit ihren teureren Produkten zu monopolisieren. Ca. 100.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Carageean hat zudem einen hohen Exportwert. Die Herstellung ist arbeitsintensiv und braucht im Vergleich zur Textil- und Halbleiterindustrie kaum importierter Vorprodukte. 

Seeschwämme

Seeschwämme, in früheren Jahrhunderten lange den Pflanzen zugeordnet, gehören zu den primitiven mehrzelligen Tieren. Sie verfügen über keine Nervenzellen oder Sinnesorgane. Geißelzellen der inneren Körperschicht saugen über sehr feine Poren nährstoffhaltiges Wasser an, das dann über größere Öffnungen wieder ausgestoßen wird. Die Pumpleistung kann dabei beachtlich sein. Vom Larvenstadium abgesehen, bleiben Schwämme standortfest. Sie wachsen langsam - Lebensalter von bis zu 50 Jahren wurden schon festgestellt - und können in der tieferen See eine Höhe bis zu zehn Metern erreichen. Sie können sich kriechend flach entwickeln, ihre Gestalt kann aber auch kugel- , trichter-,  oder pilzförmig sein. Ihr reizvolles Farbspektrum schließt die Farben Schwarz, Braun, Weiß, Grün und Rot ein. Die etwa 5000 Arten lassen sich je nach Beschaffenheit ihres Skelettes in fünf Ordnungen einteilen.

Die wirtschaftliche Bedeutung ist eher gering. Nur wenige Hornschwammarten eignen sich für die Herstellung von Badeschwämmen. Den Philippinen kommt dabei auf dem Weltmarkt keine besondere Bedeutung zu. Schwämme finden sich jedoch recht zahlreich an den philippinischen Riffen. Bekannt sind die weißen Elefantenohren, hoch wachsende Korbschwämme wie der Venuskorb oder der Neptunsbecher. Als Fundorte werden neben dem bekannten Apo-Reef eine Vielzahl kleinerer Inseln genannt.

 Seegurken

Seegurken (Seewalzen/sea-cucumber) gehören wie die Seesterne oder der Seeigel zur Familie der Stachelhäuter. Aber weder ähneln sie diesen in ihrer äußeren Gestalt, noch verfügen sie über nennenswerte Stacheln. Sie haben allemal nur stumpfe weiche Auswüchse auf ihrer zumeist schwarzen oder braunen Außenhaut. Ihr zylindrischer Körper kann bis zu einem Meter lang werden. Längs von fünf Körperstreifen verlaufen Reihen schlauchartiger Füßchen. Die gehirnlosen Kiemenatmer suchen mit wurmartigen Bewegungen das seichte Küstengewässer nach Mikroorganismen ab. Vereinzelt sind sie auch in tieferem Gewässer anzutreffen. Seegurken haben kaum natürliche Feinde. Fühlen sie sich gestört, können sie Teile ihrer klebrigen Eingeweide ausstoßen, die sich nach zwei Monaten wieder regenerieren.

Schwarze Seegurken finden sich am besten repräsentiert auf den Philippinen. Doch Vorsicht ist beim Verzehr angeraten. Manche verfügen über giftige Körpersekrete, die nur durch spezielle Kochverfahren abgebaut werden können. Essbar ist jedoch die braune Thelenota Ananas (susuhan) oder die rote Halodeima edulis der Tiefsee. Die Chinesen schätzen sie als Delikatesse (trepang). Der Philippinen-Experte R. HANEWALD gibt folgende Zubereitungsempfehlung:

"Seegurke längs aufschneiden und Eingeweide entfernen ... 15 Minuten aufkochen, dann über Nacht in den Ufersand eingraben (löst die Außenhaut). Waschen und über schwach rauchendem Feuer 2 Tage räuchern. Anschließend in der Sonne trocknen. Zum Verzehr weich kochen und zusammen mit Gemüsegerichten servieren."

Wer mit Blick auf die Gültigkeitsdauer seines Visas die lange Zubereitungszeit scheut, kann Trepang auch auf exotischen Märkten kaufen. Es sind wiederum die Badjaos, die rund um ihre Pfahldörfer Seegurken systematisch hegen und wirtschaftlich verwerten.

 Seeschildkröten

Seeschildkröten waren einst auf den Philippinen zahlreich. Sie dienten als Nahrungsmittel und man gewann aus ihnen Öl. Ihre Zahl hat sich durch den Menschen drastisch reduziert. Größere Populationen gibt es nur noch auf den Turtle Islands in der Sulu-See und entlegenen Küstenstrichen im Norden und Osten der Insel Palawan. Auf Palay Island an der Nordspitze Palawans legen vom November bis Dezember noch größere Gruppen Seeschildkröten ihre Eier ab. Die Cuyo-Inseln in der nördlichen Sulu-See sollen zu einem Seeschildkrötenschutzgebiet erklärt werden. Welchen Feinden Eier und Jungschildkröten ausgesetzt sind und wie klein ihre Reproduktionschancen sind, ist mannigfach dargestellt worden.

Zwei Arten von Seeschildkröten finden sich vor allem auf den Philippinen: Die Karett-Schildkröte (hawsbill), deren starke Kiefern Schalentiere aufbrechen beziehungsweise Schwämme zerreißen können und die etwas größere und zahlreicher vorhandene grüne Schildkröte, deren Name sich von der grünen Farbe des Fleisches ableitet.  Die etwas rundlichere grüne Seeschildkröte zeigt auf ihrem Rückenschild keine Überlappung der Schuppen und weidet als Vegetarerin den Untergrund in Küstennähe ab. Sie kann bis zu 75 cm groß werden.

Die Mitnahme von Schildkrötpanzern, Korallen sowie bestimmter Muscheln durch Touristen ist im übrigen durch philippinische Ausfuhrschutzbestimmungen verboten.

Möglicherweise ist für den Besucher der Philippinen die Chance größer, in Behältern gefangenen Seeschildkröten zu begegnen als die Observation in freier Natur. Wir wollen hier nicht an den Verzehr bestimmter vierbeiniger Hausfreunde oder an cock-fighting erinnern, aber der Naturschutzgedanke bedarf auf den Philippinen einer noch stärkeren Propagierung. Mehr als erste Ansätze sind schon getan.

 © W. Bethge, 1999