F. Sionil José,    

Szenen aus  Manila,

 Bad Honnef, 1990

 

Der an philippinischer Literatur interessierte Leser darf sich freuen. Von F. S. José, einem auf den Philippinen sehr bekannten englischsprachigen Autor, liegt nun der Roman „Szenen aus Manila“ vor. Der Roman mit dem Originaltitel „Mass“ wurde von José 1976 während eines Studienaufenthaltes in Paris geschrieben und durfte wegen seiner politischen Brisanz längere Zeit auf den Philippinen nicht erscheinen. Er bildet den Abschluss der insgesamt fünf Rosales-Bücher, in denen der Autor in einer Art Familien-Saga den Zeitraum eines Jahrhunderts abgreift und in seinen Figuren lebendig werden lässt.

„Szenen aus Manila“ schildert in seiner Hauptfigur die Entwicklung eines jungen unehelich geborenen Filipinos, der in den siebziger Jahren in die Metropole Manila kommt, um dort an einer „billigen Examensmühle“ zu studieren. Nicht als verträumter Idealist – wie in vielen Entwicklungsromanen – zeigt sich zunächst die Hauptfigur, sondern als selbstbezogener Opportunist, der seine akademische Umwelt durch seinen realistischen Sarkasmus verblüfft und der auch des Geldes und der guten Mahlzeiten wegen kurzfristig mit Rauschgift handelt. Aufgrund seiner literarischen und organisatorischen Befähigungen avanciert er zum Studentenvertreter und wird später Mitglied einer sozial-revolutionären Brüderschaft, die sich mit Publikationen und Demonstrationen für die Rechte der Unterprivilegierten und Unterdrückten einsetzt. Der Tod eines Studienfreundes im Verlauf einer zusammengeschossenen Demonstration und die Festnahme und Folterung durch die Geheimpolizei der Marcos-Ära (Marcos Name wird in dem Roman jedoch nur am Rande erwähnt) führt ihn endgültig in Opposition zum bestehenden Regime und seiner Gesellschaftsordnung.

Der Roman ist reich an Nebenfiguren. Da sind nicht nur mehrere Freundinnen aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, die dem Roman seine sinnlich-erotischen Passagen geben. Da findet sich die Vaterfigur eines Paters Jesse, der idealistische Jugendfreund Toto, der frühere HUK-Führer und alt gewordene Greis Ka Lucio sowie der reiche Mäzen der Brüderschaft und „Maulwurf“ Puneta, den der Romanheld nach seinem Verrat erschießen wird. In diesen Figuren spiegeln sich die gesellschaftlichen Spannungsverhältnisse auf den Philippinen. Die Dialoge sind packend und die Lokalkolorits überzeugend.

Es bleibt zu hoffen, dass auch andere Romane und Veröffentlichungen von F. S. José deutsche Verleger finden. 

© W. Bethge, 1994