- Sonne, Mond und Sterne -

Ein Ausflug in die fantastische Welt der philippinischen Mythologie

Zwischen uns und die Natur hat sich eine flimmerte Zivilisationswelt geschoben,  in deren  labyrinthische Gängen und Nischen wir unserer Arbeit nachgehen. Diese von der Natur weitgehend abgeschirmte Nischenexistenz verstellt uns jedoch häufig den Blick auf die Naturphänomene, zu deren erhabensten Sonne und Mond gehören. Bis in die jüngere Gegenwart hinein gehörten Sonne und Mond zu den bewusst und ständig wahrgenommenen Begleitern des Menschen. Sie teilten die Zeit, zeigten die großen kosmischen Dimensionen und Einbettungen auf und verlangten nach Deutungen.

Sonne und Mond waren in vielen (untergegangenen) Weltkulturen religiöse Kultobjekte. Erinnert sei hier nur an den Sonnenkult der Inkas, den ägyptischen  Sonnengott Re, den griechischen Sonnengott Helios oder die Mondgottheiten Isis oder Luna. Man unterstellte ihnen göttliche Macht, sah aber häufig ihre Handlungsantriebe und ihr Wirken – fernab von naturwissenschaftlichen Gesetzen - durchaus menschlich. Andere Interpretationsschemata boten sich ja auch kaum an. 

Auch die Philippinen kennen eine Vielzahl von kosmologischen Mythen und Sagen. Im Gegensatz zu den germanischen, nehmen Sonne und Mond in den philippinischen Mythen eine zentrale Stellung ein. Es gibt aber keine Belege dafür, dass sich auf den Philippinen historisch ein dem ägyptischen Sonnenkult vergleichbarer Kult ausgebildet hätte. Heutzutage sind die Mythen auf den Philippinen oft zu Märchen („fairy tales“) degradiert. Man darf jedoch annehmen, dass sie bei vorhandener animistischen Grundströmung immer noch starken Zuspruch finden. 

Bei den vorgestellten Mythen handelt es sich um kein geschlossenes System von Erzählungen, sondern um disparate von einzelnen Volksstämmen mehr oder weniger selbstständig entwickelte Erzählungen.  Deshalb werden auf bestimmte Grundfragen wie zum Beispiel der Frage „Wie sind Sonne und Mond entstanden?“ auch unterschiedliche Textvarianten angeboten.  Wir werden im nachfolgenden die Mythen etwas verkürzt und gestrafft wiedergeben. Weitergehend interessierte Leser seien auf die Original-Erzählungen verwiesen. Sie kennen weitaus mehr Dialogszenen und malerische Ausgestaltungen.

I. Der Urzustand 

Nicht wenigen Mythen liegt ein Dreischichten-Modell der Welt zugrunde. Es kennt  

(a)           eine Himmelswelt mit Göttern, denen manchmal auch einen obersten Gott wie der Weltschöpfergott Bathala, der Reproduktions-Gott Maknongan oder der Himmelsgott Captan vorsteht.

(b)            Es folgt eine See- oder Erdwelt und

(c)            - weniger häufig - eine Unterwelt mit bestimmten Repräsentanten.   

In manchen Erzählungen, sind die Menschen schon vorhanden, in anderen werden sie erst erschaffen. Wichtig ist, diese Welten sind auch räumlich eng aufeinander bezogen und stehen in ständiger Interaktion.    

II. Wie wurde die Welt erschaffen?  

Die wohl umfassendste Darstellung der Erschaffung der Welt bietet die Erzählung „ How the World Was Made(1), die sich offenbar keinem bestimmten Volksstamm zuordnen lässt. Es ist eine Generationengeschichte, in der sich Götterabkömmlinge wie auch Menschen sich gegen die obersten Götter erheben und an ihrer Macht teilhaben wollen. Die Umsturzversuche scheitern, haben aber die Geburt von Sonne, Mond, Sternen sowie Menschen als glückliche Begleitfolge. Hier die Kurzform der Erzählung, die anfänglich  nur eine zweischichtige Welt (Himmel und Wasser) kennt und am Schluss auch erklärt, warum es unterschiedliche Menschenrassen gibt. 

Einst existierten nur eine Himmels- und eine Wasserwelt – es gab weder Land, noch Sonne, Mond oder Sterne. Herrscher der Himmelswelt war der große Gott Captan, das Wasser das Königreich des Gottes Maguayan. Captan hatte einen Sohn mit Namen Lihangin („Wind“), Maguayan eine Tochter mit Namen Lidagat („See“). Die beiden Götter kamen überein, ihre Kinder zu verheiraten, so dass die See nun die Braut des Windes wurde. Dem Ehepaar wurden drei Söhne und eine Tochter geboren. Der erste Sohn Licalibutan hatte einen Körper wie ein Fels und galt als stark und mutig. Der zweite Sohn Liadlao war aus Gold geformt und immer glücklich, während der dritte Sohn Libulan nur einen Körper aus Kupfer hatte; er galt als eher schwach und scheu. Der Körper der schönen, sanften Tochter Lisuga bestand aus reinem Silber. Zunächst lebten alle in bester Harmonie. 

Da verstarb Lihangin („Wind“) und er überließ die Kontrolle der Winde seinem ältesten und kräftigsten Sohn Licalibutan. Kurze Zeit später verstarb auch Lidagat („See“), so dass die   Kinder waren nun elternlos geworden waren, nur die Großväter sorgten sich um ihr Wohlergehen. Stolz darauf, dass er nun die Winde beherrschte, strebte Licalibutan nach noch mehr Einfluss. Er fragte seine Brüder, ob sie bei einem Angriff auf den obersten Himmelsgott Captan mitmachen würden. Diese zögerten zunächst, schlossen sich aber später den Plänen des ältesten Bruders an.  

Sie stiegen zum Himmel hinauf, konnte aber das große stählerne Himmelstor nicht öffnen. Erst als Licalibutan die stärksten Winde rief, zerbrach das Himmelstor. Dort trafen sie einen zornigen Captan an. Als sie die Rückflucht antraten sandte Himmelsgott Captan ihnen drei Blitzschläge mit schrecklichen Folgen nach: Der kupferne Libulan schmolz zu einem Ball, der goldene Liadlao floss dahin und der Felskörper von Licalibutan zerbrach in viele Teile, die in die See fielen. Seine zerbrochenen Körperteile wurden Land. Die zurückgelassene Lisuga vermisste derweilen ihre Brüder und machte sich auf zum Himmel. Aber noch war der Zorn von Himmelsgott Captan noch nicht verraucht. Auch sie wurde von seinem Blitzschlag getroffen und ihr Silberkörper zerbrach  in Tausende von Stücken. 

Captan beschuldigte zunächst Maguayan, den Gott des Wassers, er hätte den Angriff angezettelt. Dieser verneint jedoch, er hätte zum Zeitpunkt des Angriffs tief in der See geschlafen. Es gelingt ihm Captan zu beruhigen. Beide bedauern schließlich den Tod ihrer Enkel. Es stand nicht in ihrer Macht, die Enkel wieder zum Leben zu erwecken. Einige konnten sie jedoch in wunderbare, immer scheinende Lichter wandeln. So wurde der goldene Liadlao zur Sonne, der kupferne Libulan zum Mond und die silbernen Stücke von Lisuga verwandelten sich in viele glänzende Sterne. 

Dem niederträchtigen Licalibutan wollten die beiden Götter jedoch kein Licht geben, er sollte zum Stammvater einer neuen Menschenrasse werden. Der Himmelsgott Captan gab dem Wassergott Maguayan ein Samenkorn des Bambusbaumes mit, das dieser in die Erde des neu entstandenen Landes (Licalibutan´s vormaliger Körper) pflanzte. Aus den Schösslingen des Bambusbaumes wurde ein Mann („Sicalac“) und eine Frau („Sicabay“) geboren. Sie bekamen Kinder. Der erste Sohn hieß Kibo, die nachfolgende Tochter Saman und das dritte Kind, ein Sohn, bekam den Namen Pandaguan. Pandaguan hat später einen Sohn mit Namen Arion.    

Pandaguan fängt eines Tages einen riesigen Hai. An Land gezogen, sieht er so groß und mächtig aus, dass er von Pandaguan für einen Gott gehalten wurde. Er fordert die Bevölkerung auf, dem Hai göttliche Ehren zu erweisen. Nun werden aber die Götter offenbar eifersüchtig und sehen ihren Monopolanspruch gefährdet. Sie entsteigen Himmel und See und fordern Pandaguan auf, den Hai in die See zurückzuwerfen und nur sie als göttliche Wesen zu verehren. Doch Pandaguan lässt sich nicht einschüchtern. Hatte er nicht einen gottgroßen Hai bezwungen? Wenn dem so war, dann könnte er auch aus einem Kampf mit den Göttern erfolgreich hervorgehen. Als der Himmelsgott Captan von diesen Absichten erfährt, schickt er Pandaguan als Abmahnung einen kleinen Blitz, der ihn jedoch nicht tötet. Weiter wird eine Kollektivstrafe beschlossen. Sie sieht die weltweite Zerstreuung der kleinen Menschengruppe vor.

Es entstehen Rassen. Pandaguan liegt vom Blitz getroffen dreißig Tage am Boden – aber als er wieder aufsteht, ist sein Körper – wie auch die seiner Nachfahren – schwarz. Der erste Sohn Arion wurde in den Norden geschickt und blieb weiß. Libo und Saman wurden in südliche Regionen verwiesen – dort versengte die Sonne ihre Körper, so dass sie und ihre Nachfahren eine braune Hautfarbe aufwiesen. Ein Sohn von Saman und eine Tochter von Sicalac wurden nach Osten getrieben. Dort angekommen, verspürten sie mächtig Hunger. Sie fanden jedoch nur gelblichen Ton als Nahrung. Deshalb bekamen sie und ihre Kinder eine gelbliche Hautfarbe.  

Aus Bilaan (Mindanao) ist noch eine andere Schöpfungsgeschichte   mit dem Titel „The Story of Creation“ (2) überliefert, die die Erschaffung von Mond und Sonne zwar ausspart, die wir hier aber doch anfügen wollen, weil sie zum Teil makaber-komische Züge hat. Sie zeigt uns einen fürsorglichen Gott, für den Haut und Haare einige Bedeutung haben:

Zu Beginn der Zeiten lebte ein unvergleichlich großes Wesen mit Namen Melu auf den Wolken. Seine Zähne waren aus purem Gold. Vielleicht war er ein Zwangsneurotiker, denn in seinem Reinlichkeitsstreben rieb er sich kontinuierlich mit seinen Händen die Haut, so dass diese strahlend weiß wurde. Soweit so gut – aber schließlich sammelte sich mit der Zeit an seiner Seite ein ärgerlicher Haufen von abgeriebenen, toten Hautschuppen und -fetzen.  Er überlegte, was er damit machen könnte. 

Melu entschloss sich die Erde zu erschaffen. Er arbeitete hart, formte die Erde und danach zwei Gestalten, die ihm ähnlich, aber wesentlich kleiner waren. Schließlich war alles fertig, nur die Nasen fehlten den Gestalten noch. Da kam Tau Tana von der Unterwelt und wollte ihm helfen. Melu wollte seine Hilfestellung nicht akzeptieren. Aber Tau Tana gewann den Streit für sich, schuf aber den Gestalten Nasen, deren Ausgänge nach oben – Richtung Stirn - zeigten. Schließlich wurden den Gestalten durch Schläge ins Leben gerufen.  

Aber eines Tages setzte ein großer Regen ein und die Menschen wären durch den in die Nasenlöcher einlaufenden Regen fast ertrunken. Melu, der auf seinem Wolkenberg saß, sah Gefahr aufkommen. Er ging herunter zur Erde und drehte den Menschen die Nasen um. Die Menschen waren ihm daraufhin sehr dankbar. Bevor er wieder zum Himmel aufbrach, fragte er die Menschen nach weiteren Bekümmernissen. Sie sagten, sie wären so alleine. Melu sagte ihnen daraufhin, sie sollten alle ihre Haare und trockenen Hautreste sammeln. Bei seiner nächsten Rückkehr zur Erde würde er daraus weitere Menschengefährten machen. Und dies führte dazu, dass heute auf der Erde so viele Menschen leben. 

III. Mythen, die speziell auf die Erschaffung der Gestirne eingehen 

Es gibt Mythen, in denen die Geburt eines oder mehrer Gestirne ein eher interner, himmlischer Vorgang ist. Bei anderen Mythen wiederum ist die Geburt eines Himmelskörpers an das Tätigsein des Menschen gebunden. Beschäftigen wir uns zunächst mit himmelsinternen oder – etwas akademisch verbrämt – mit „endogen-himmlischen“ Erklärungen. Hier werden uns zumindest zwei Geschichten angeboten. 

1.    Himmelsinterne Erklärungen 

(a)  Die  Entstehung des Mondes 

Wir stützen uns auf die gekürzte Wiedergabe der Geschichte „Warum die Sonne heller scheint als der Mond“ (3)

Der Weltenschöpfer Bathala hatte einen Sohn namens Apolaki und eine Tochter mit Namen Mayari. Es waren die Augen dieser beiden Kinder, die die Welt ohne Unterlass und sehr zur Zufriedenheit der Menschen und Tiere erleuchteten und ihnen ein dauerndes Licht gaben.  

Aber der Weltenschöpfer Bathala wurde alt und starb. Kurz darauf stritten Sohn und Tochter darüber, wer wohl der bessere Alleinherrscher über die Welt sein könne. Apoldi verwies auf seine männlichen Stärken, Mayari pochte auf Gleichberechtigung. Das Gezänk nahm heftigere Formen an, die beiden begannen sich mit Holzstangen zu schlagen. Mayari erhielt einen Schlag in Gesicht und Augen und erblindete daraufhin.

Apolaki bedauerte seine Tat zutiefst und er bot ihr die weitere Freundschaft und eine wechselhafte Herrschaft über die Welt an. Mayari stimmte zu und ab dieser Zeit herrscht Apolaki mit seinen klaren Augen tagsüber als Sonne über die Welt und gibt ihr den warmen Schein. Nachts regiert Mayari als Mond über die Welt. Dann hat die Welt nur einen matten Glanz, weil ja Mayari auf einem Auge blind ist.   

Man beachte, dass in dieser Erzählung – wie auch durchgängig in den anderen  philippinischen Kosmologien – der Mond weiblichen und die Sonne männlichen Geschlechts ist. Eine vergleichbare Geschlechterzuordung kennt auch die spanische und französische Sprache (la luna//el sol --- la lune//le soleil).  

      (b) Die Entstehung der Sterne  

In der von Marble Cook Cole vorgelegten, aus Visaya stammenden Erzählung(4) „The Sun and the Moon“ sind Sonne und Mond miteinander verheiratet. Die Sonne ist – und das ist häufiger in den philippinischen Sagen – negativer charakterisiert. 

Die Sonne war jedoch – aus welchen Gründen auch immer - sehr hässlich und streitsüchtig.  Eines Tages war die Sonne sehr ärgerlich über den Mond und sie jagte hinter ihm her. Sie hatte ihn fast erreicht, doch dann verließen sie die Kräfte und sie fiel wieder hinter ihn zurück. Diese vergeblichen Jagden halten bis zum heutigen Tage an. Das erste Kind der beiden war ein großer männlicher Stern. Eines Tages wurde auch er Opfer des permanenten Ärgers der Sonne. Sie zerschnitt den Sternensohn in kleine Teile und verstreute die Teile wie Reis über den gesamten Himmel. Seitdem gibt es viele Sterne. 

Nehmen wir in diesem Zusammenhang noch beiläufig mit, dass ein anderes Kind  von Sonne und Mond in dieser Erzählung eine riesige Krabbe war. Sie liefert uns eine fantastische Erklärung für das Auftreten von Ebbe und Flut sowie der Mondfinsternis.

Die Krabbe ist so mächtig, dass jedes Mal wenn sie ein Auge öffnet oder schließt, es auf der Erde blitzt. Liegt sie in ihrem Loch tief in der See liegt, dann herrscht Flut. Verlässt sie ihr Loch, dann strömt wieder eine Unmenge Seewasser in das Loch und es herrscht auf Land Ebbe. - Sie ist so streitbar wie ihr Vater, die Sonne. Dann versucht sie oft ihre Mutter, den Mond, zu verschlucken und es kommt zu Mondfinsternis. Wenn dies die Menschen feststellen, versuchen sie durch lautes Rufen und Getöse die Krabbe zu verschrecken, um den geschätzten Mond zu retten.   

2. Exogene, vom Menschen mitbewirkte Erklärungsversuche  

Nachfolgend zwei Sagen, die aufzeigen wollen, dass es die Menschen waren, die durch ihr Hinzutun zur Schaffung von Gestirnen beitrugen. Hier erscheinen die Menschen in einer aktiveren Rolle.  

(a) „Wie die Sonne, der Mond und die Sterne entstanden“ 

Die Sage(5) gibt es in regional abgewandelten Versionen. Sie würdigt auf ihre Weise den Wert der menschlichen Arbeit. Mal ist es ein Ehepaar, dann wieder  eine alte Jungfer, die den Umbau des Kosmos bewirken.  

Zu Beginn der Welt war alles ganz anders: Der gestirnlose Himmel war so niedrig, dass man ihn mit der Hand berühren konnte. Unter der Bläue des Himmels erstreckte sich viel Land, auf dem nur wenige Menschen und zahme Tiere wohnten. Das Licht auf der Erde war nur schwach. Zu den Einwohnern gehörte ein arbeitsames, dennoch glückliches Ehepaar, das den ganzen Tag der Feldarbeit nachging. Abends bereitete man für die hungrigen Mägen ein Essen zu. Der Mann zerstieß den Reis mit einem Stößel, die Frau kochte ihn dann mit verschiedenen Zutaten. So gingen die Tage dahin. 

Eines Tages war das Paar wieder bei der abendlichen Essenszubereitung. Im Topf auf dem aufgeheizten Herd kochte diesmal ein fettes Huhn. Die Frau hatte ihren Kamm und ihre lange Perlenkette am nahen Firmament aufgehängt. Der Mann war hungrig, er zerstieß deshalb mit viel Eifer den Reis. Als er mit seinem Stößel immer wieder ans Firmament stieß, überkam ihn der Ärger und er rief zum Himmel: “Warum bist du nur so niedrig? Wenn du dich weiten würdest, würdest du mich nicht bei der Arbeit stören.“  

Kaum hatte er dies gesagt, begann sich der Himmel zu weiten. Mit in den Himmel erhoben sich der brennende Ofen, der Kamm und die Perlenkette. Aus dem brennenden Ofen wurde die Sonne, der Kamm wurde zum strahlenden Mond und die Perlen der zerrissenen Halsketten fanden sich als am Firmament zerstreute funkelnde Sterne wieder.  

(b) „Wie es kam, dass der Mond am Himmel aufging“ 

Die nachfolgende Mär(6) ist anrührend-schön. An ihrem Anfang finden wir  eine einsame, traurige Sonne vor. Am Ende findet die Sonne durch menschliches Mitgefühl im Mond den ersehnten Partner. 

Es gab eine Zeit ohne Mond. Die Sonne lebte allein. Sie war traurig und spendete nur ein spärliches Licht, das die Ernten der Menschen kaum gedeihen ließ. Immer häufiger beschwerten sich deshalb einige Inselbauern bei ihrem Datu (Häuptling) über die schlechten Ernten. Er solle doch sehen, wie Abhilfe zu schaffen sei. Der Datu beriet sich mit seinen Räten. Schließlich wurde der „älteste und gelehrteste“ Weise zur Sonne geschickt, um zu ergründen, warum die ansonsten geschätzte Sonne nur ein so kümmerliches Licht liefere. Die Lösung war schnell gefunden –  „König Sonne“ sehnte sich nach einer Königin. Sie musste aber königlicher Abstammung sein und dies traf nur auf Tochter Sulaymin des Datu zu. 

Der Datu war entsetzt – seine einzige, gutherzige Tochter wollte er nicht der Sonne zur Frau geben. Er gab Order, den Wunsch der Sonne vor der Tochter zu verheimlichen und sie nicht aus dem Schlossgarten zu lassen. Im Gespräch mit einem Bettler erfährt aber Sulaymin vom Wunsch der Sonne. Sie war bereit, Gemahlin der Sonne zu werden. Aber der Vater sträubte sich weiterhin. Als Sulaymin eines Tages im Garten unter einem Baum mit ihren Freundinnen spielte, da geschah es. Plötzlich rankte sich eine Schlingpflanze um sie und sie wurde in den Himmel gehoben. Hinfort war Sulaymin nicht mehr gesehen. Aber die Sonne begann jetzt wärmer zu strahlen und nachts konnten die Leute den milden Schein des Mondes sehen. Sulaymin war Gattin des Königs Sonne geworden und strahlte nunmehr als Mond.  

III. Warum der Mond heller ist und braune Markierungen zeigt  

Die Frage, warum der Mond besondere Erscheinungsmerkmale hat, lässt sich schneller abhandeln. Ursächlich sind meistens Streitereien mit der Sonne. 

In der auf Visaya kursierenden Erzählung „The Sun and the Moon“(7) sind Sonne und Mond verheiratet. Sie hatten viele Sterne als Kinder. Die Sonne liebte ihre Kinder, aber jedes Mal, wenn sie versuchte ihre Kinder zu umarmen, wiesen diese Brandspuren auf. Das verdross den Mond. Er verbot der Sonne weitere Berührungen ihrer Kinder. Doch die Sonne hielt sich nicht an das Verbot. Es kam zum Streit. Der Mond schlug die Sonne mit einem Bananenbaum, während die Sonne Sand in das Gesicht des Mondes warf. Seitdem hat der Mond braune Markierungen.

Sand ist auch in einer weiteren Erzählung aus Tiniguian(8) im Spiel. Wiederum erscheint die Sonne als der eigentliche Übeltäter.  

Im Verlaufe eines Streits behauptete die Sonne: „Du bist ja nur der Mond. Wenn ich dir nicht Licht geben würde, wärst du zu nichts gut.“ Darauf entgegnete der Mond: “ Du bist ja nur eine heiße Sonne. Die Frauen lieben mich mehr - Wenn ich in der Nacht scheine, dann kommen sie aus dem Haus und spinnen Wolle.“ Diese Äußerung verärgerte die Sonne. Sie warf dem Mond Sand ins Gesicht, der seitdem dunkle Flecken hat.  

Nicht ganz so gut kommt der Mond in der Erzählung „Why the Moon lacks Brilliance“ (9) weg.   

Lange Zeit waren Sonne und Mond gute Freunde. Die Freundschaft litt indessen darunter, dass der Mond zur Prahlerei neigte. So sagte er der Sonne: „ Schau, wie schön ich bin! Die Leute bewundern mich immer. Aber wenn sie zu dir schauen, dann müssen sie blinzeln oder die Augen schließen. Sie können dein hässliches Gesicht einfach nicht ab. Wenn ich komme, dann wird getanzt. Wenn du scheinst, dann gehen die Leute unter die Bäume oder ins Haus, um sich vor dir zu verstecken.“ 

Die Sonne kündigte an, dass sie dem Prahler eine Lektion erteilen wolle. Sie verwandelte sich in einen Regenbogen, stieg hinab zur Erde und sammelte Muscheln, die sie zu Kalk zerstieß. Den Kalk tat sie in ihre Hüfttasche.

Eines Tages waren beide zu einem Fest in der Unterwelt eingeladen. Der Mond, der zur Trunksucht neigte, trank mächtig viel Reiswein und konnte von seiner Prahlerei nicht ablassen: „Schau, wie wichtig ich für die Leute bin“. Während der Mond später in tiefen Schlaf verfiel, machte sich die Sonne auf den Weg zurück. An einer Kreuzung, wo sich Himmels- und Unterwelt schnitten, befestigte sie an einem Baum ihre mit Kalk gefüllte Tasche. Am nächsten Morgen machte sich auch der Mond – eingedenk eines möglichen Streiches der Sonne - vorsichtig auf den Weg zurück. Da entdeckte er die Tasche am Baum. „Ha“, sagte er sich,“ warum sollte ich vor einer Tasche Angst haben?“ Als er die Tasche vom Baum lösen wollte, schlitzte er sie mit seinem Speer auf und der saure Kalk rieselte ihm ins Gesicht. Auch wenn ihm der Morgenstern bei der Reinigung des Gesichtes half, Restspuren des Kalks blieben im Gesicht zurück. So hat der Mond seine Brillanz verloren.

"Aufgeklärte" Erwachsene mögen all die vorgestellten Geschichten in den Bereich wunderlicher Schnurren verweisen und sie allemal als unterhaltsam erachten. Ganz anders Kleinkinder - für sie und ihre magische Sicht der Dinge und Personen - sind diese Geschichten eher selbstverständlich und plausibel.

© Wolfgang Bethge, 2005 


 

(1)           In “Creation Myths from the Philippines”, Editor: D.L. Ashliman, http://www.surlalunefairytales.com/books/philippines/cole/sunmoon.html

(2)          Siehe (1)

(3)       „Warum die Sonne aller scheint als der Mond“, in: Philippinische Märchen, Dausien-Verlag, 1978, S. 13 ff.

(4)          The Sun and the Moon, in : http://www.univie.ac.at/Voelkerkunde/apsis/aufi/folk/folk-m02.htm

(5)        „Warum die Sonne aller scheint als der Mond“, in: Philippinische Märchen, Dausien-Verlag, 1978, S. 7 ff. 

(6)         „Warum die Sonne aller scheint als der Mond“, in: Philippinische Märchen, Dausien-Verlag, 1978, S. 9 ff.

(7)         The Sun and the Moon, in: http://www.univie.ac.at/Voelkerkunde/apsis/aufi/folk/folk-v01.htm

(8)         Heidi Annie Heider, Philippine Folk Tales, The Sun and the Moon, in http://www.surlalunefairytales.com/books/philippines/cole/sunmoon.html

(9)         Terisita Velosa Pil, Philippine Folk Fiction and Tales, Quezon City, 1977, S. 43